Braunschweiger Zeitung                                                               Samstag, 26.Januar 2002


Kräuterkuren und Medizin - eine Hassliebe


Zwiebelsud gegen Husten, Quarkwickel bei geschwollenen Mandeln und kalte Umschläge bei Fieber - wer kennt sie nicht, die Hausmittel, auf die schon die Oma schwor, um Zipperlein ohne chemische Keule zu bekämpfen? Stärkende Hühnersuppe und beruhigender Baldrian gehören in jede Hausapotheke. Und immer waren es Frauen, die das Wissen über Kräuterwirkungen von der Oma auf die Tochter auf die Enkelin weitergaben. Kein Wunder also, dass sich Kräuterwissen oft auf Frauenthemen bezieht: auf Geburt und Frauenheilkunde. Salbei wird schon im 18.Jahrhundert als Tipp zum Abstillen weitergegeben. Ob das Geheimrezept medizinischen Kriterien standhält oder nur “Weibergeschwätz” ist, erforscht zurzeit die Braunschweiger Professorin Dr. Bettina Wahrig. Die Wissenschaftlerin wälzt in der Abteilung für Geschichte der Naturwissenschaften an der Technischen Universität Kräuterbücher und Gerichtsakten. Sie forscht zur “Geschichte pflanzlicher Drogen in Gynäkologie und Geburtshilfe” und zum Ansehen von Frauen in der Medizin des 18. Jahrhunderts. Als Ärztinnen durften sie nicht tätig sein, und als Hebammen wurden sie streng kontrolliert. Dass manche Mediziner die Hebammen als “schwatzhafte Waschweiber” beschimpften, hinderte die Ärzte nicht daran, Kräutertinkturen abzuschreiben und auszuprobieren. Schelte der “Kräuterhexen” als Pfuscherinnen und Bewunderung für die Kolleginnen lagen dicht beieinander, denn das Ansehen der Hebammen bei den Gebärenden war groß, viele Kräutermischungen wirksam und beliebt.

 

 


Abergläubisch, unmoralisch und weiblich


Die Braunschweiger Professorin Bettina Wahrig erforscht das geheime medizinische Kräuterwissen der Frauen des 18.Jahrhunderts


Von Petra Sandhagen


Als “Kräuterhexen” und “schwatzhafte Waschweiber” waren heilende Frauen im 18. Jahrhundert verschrien. Abergläubisch, unmoralisch und weiblich lauteten die drei Gründe, warum Frauen in der Medizin nichts zu suchen hatten. Und doch, hat es immer Ärztinnen gegeben, die erfolgreich praktizierten, und studierte Doktores, die heimlich die Kräuterkuren der Hebammen notierten und nachahmten.


Eine, die auf den Spuren des geheimen Wissens der Frauen forscht, ist Dr. Bettina Wahrig. Die Professorin für Geschichte der Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Pharmaziegeschichte wälzt in der gleichnamigen Abteilung der Technischen Universität Braunschweig Kräuterbücher und Gerichtsakten.


Ihr Ziel: Die Geschichte pflanzlicher Drogen in Gynäkologie und Geburtshilfe und die Rolle der Hebammen und Ärztinnen dabei aufzudecken. Der Niedersächsische Forschungsverbund Frauen und Geschlechterforschung (NFFG) fördert das gleichnamige Projekt
Viele Ärzte, wenig Patienten


1750 und 1908 sind für Wahrig und ihre Mitarbeiterinnen die entscheidenden Daten. Sie kennzeichnen den Zeitraum, in dem Medizinerinnen verstecken mussten und von männlichen Kollegen hämisch beäugt wurden. Der Grund für den Sinneswandel war materiell: Es gab für die Ärzte zu wenig zahlende Patienten.


Um diesen Missstand zu beheben, praktizierten Ärzte in Feldern, die zuvor Frauensache waren: Gynäkologie und Geburtshilfe. Besitzende Frauen wählten bis dahin eine Hebamme im Ort. Diese hatte sich seit dem 14. Jahrhundert an die Hebammenordnung zu halten, die den Geburtshelferinnen die Nottaufe erlaubte und sie moralisch überwachte, erzählt Wahrig. In Pfarrhäusern gab es Kräutergärten nebst dem Wissen über die Anwendung und heilende Wirkung beispielsweise von Kamille und Salbei.

 


Die Überversorgung mit Ärzten, die immer forderndere Briefe an die Regierung richteten, führte dazu, dass Hebammen nur noch mit der Legimitation von Physikus arbeiten durften. Vor allem in Städten entstanden Entbindungsanstalten, in denen nur Ärzte praktizierten.


“Die medizinische Theorie änderte sich”, so Wahrig. Die Säftelehre, die seit Hippokrates die Medizin prägte, hatte ausgedient. Behandlungsmethoden wie das ”zur Aderlassen” zur Reinigung waren damit überholt. An ihre Stelle traten biologische und medizinische Experimente, und die waren Männern vorbehalten. Bader, Chirurgen und der Physikus waren anerkannte Heilende. Frauen lernten jedoch von ihren Vätern und Brüdern und waren gemeinsam mit ihnen tätig, so Wahrig.


Diese Teillegitimation über Verwandte fiel weg. “Die Kontrollen wurden immer stärker.” Wer erwischt wurde, erhielt eine Anklage wegen Pfuscherei, Während die männlichen Helfer versuchten zu studieren, war den Frauen der Weg zur Universität versperrt. Ihnen blieb nur die Illegalität. Frauen mischten in Hinterzimmern und Wohnstuben Kräuter zusammen, die die Apotheker vorne im Laden verkauften. “Frauen bleiben tätig, aber werden unsichtbar.”


Verdrängen ließen sich die Frauen jedoch nicht. Wahrig: “Es gab Ausnahmen, die sich nicht in die Illegalität drängen ließen, sondern kämpften.” Eine davon war Dorothea Erxleben. Sie erhielt ihre medizinische Ausbildung von ihrem Vater. Sie sollte wegen Pfuscherei belangt werden, drückte dann jedoch durch, das sie in Göttingen die erste Doktorandin der Medizin werden durfte.

 


Modekraut Kamille


Die Geburtshilfe blieb ein besonderer Bereich. Das Verhältnis zwischen Ärzten und Hebammen glich einer Hassliebe.
Beide Berufsgruppen beäugten die Arbeit des anderen genau, schauten ab, probierten heimlich aus, aber hielten Abstand. Ärzte hatten um 1800 Opium zu ihrer Modedroge erkoren. Chirurgen und Ärzte experimentierten mit Instrumenten zur Geburtshilfe, beispielsweise der Geburtszange. In der Hälfte des 18. Jahrhunderts wagten Mediziner Kaiserschnitte. “ Die Frauen sind aber in den meisten Fällen gestorben”, so Wahrig. Gleichzeitig zur experimentellen Medizin trug sich das Kräuterwissen von der Oma zur Tochter zur Enkelin weiter. Hebammen nutzten Kamille und andere Kräuter, um daraus ein heißes Kräuterbad zuzubereiten. Der Bottich mit dem Kräuterbad wurde unter den Geburtsstuhl geschoben. Die Dämpfe sollten die Geburtswege erweitern. Das Kräutergebräu war bei den Gebärenden sehr beliebt. Bei den Ärzten sorgte es allerdings für heftige Streitereien. Einige befürworteten hinter vorgehaltener Hand den dampfenden Sud, andere lehnten ihn strikt ab. Der Grund: Berichte von Neugeborenen, die bei der Geburt in das Kräuterbad gefallen seien und sich verbrüht hätten.


Ein weiteres Rezept der Hebammen waren beruhigende Kräutertees und Wein, der die Gebärenden stärken sollte. Doch auch diese Anwendungen riefen laut Wahrig den Protest der Mediziner hervor:” Die Ärzte haben dagegen polemisiert, da beides die Frauen erhitze.” Ein Braunschweiger Hebammenlehrer erlaubte den Hebammen laut Wahrig selbst in Notfällen nur den Einsatz von Kamillentee.

 


Wie Stark medizinisches Wissen regional gebunden war, zeigt sich an den Wochensuppen, die nach der Entbindung die Mütter kräftigen sollten und den Milchfluss förderten. Die Nürnberger Wochensuppe enthielt laut Wahrig Safran. Da Safran teuer war, galt die Wochensuppe als Statussymbol. Die Braunschweiger interessierten sich für Salbei, das im 18. Jahrhundert als Mittel zum Abstillen erwähnt wird. In diesem Projekt arbeiten Wahrig und ihre Doktorandin Iris Hübsch mit der Hebamme Christine Loytved zusammen. Eva Goclic forscht zur vermuteten schweißhemmenden Wirkung der Pflanze, die dann zu Menopausenbeschwerden genutzt werden könnte.

 


Tabuthema Abtreibung


Nur wenige Hinweise finden die Forscherinnen zu einem Tabuthema der Geburtshilfe: der Abtreibung.
Hebammen waren durch ihren Eid gebunden, keine Abtreibungen vorzunehmen. Dennoch gab es unter den Frauen ein allgemeines Wissen über Abtreibungskräuter, deren Anwendung oft tödlich endete.
Nieswurz und Sadebaum zählten dazu. Da die Gerüchte über die Wirksamkeit keine Angaben zur Dosierung und Verabreichungsform gaben, vergifteten sich viele Schwangere.
Ende des 19. Jahrhunderts war die Zeit des Versteckens vorbei. 1899 ließen die Universitäten Frauen im Studiengang Pharmazie zu. 1908 endet dann für Bettina Wahrig die interessanteste Zeit: Frauen erhalten in Preußen den offiziellen Zugang zum Medizinstudium. Der Wettstreit zwischen medizinischem und Kräuterwissen, zwischen schriftlichen Lehrbüchern und mündlichen Rezepten ist damit jedoch nicht beendet.

 


Bettina Wahrig: “Zurzeit sind Heilkräuter wieder populär”. Und das nicht nur in der Geburtshilfe. Salbei zum Beispiel - zum Abstillen und bei Erkältungen.

 


Bericht über : Professorin Dr. Bettina Wahrig
Autorin sowie Fotos und Repro: Petra Sandhagen
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Braunschweiger Zeitung
Übernommen von Elokin, Salzgitter d. 27.04.2002

© 2003 Hexen von Paranormal.de

Design by Trinitie