1996 - Long Island - TWA Absturz

Ein Flugzeugunglück, die Fakten und die Spekulationen

    Eine Katastrophe kommt nie allein. So mögen zumindest die Angehörigen der Opfer empfunden haben, die beim Absturz des TWA - Jumbos am 17. Juli 1996 ihre Nächsten verloren. Auf den Schock, auf das Unfaßbare folgte endloses Wartenmüssen, folgte Hilflosigkeit. Wer war an Bord der Unglücksmaschine? Gab es Überlebende? Wen trifft die Schuld am Tod so vieler Menschen? Mit ihren Fragen wurden die Angehörigen allein gelassen.

    "Ich habe verstanden" sagt die junge Französin mit dem Kind, die am Pariser Flughafen Charles de Gaulle auf die Ankunft des TWA-Fluges 800 wartet. Sie hat Tränen in den Augen. Ohne ein weiteres Wort verläßt sie die Empfangshalle. Ein Kriesenstab empfängt die Angehörigen der Flugpassagiere, konfrontiert sie mit der Schreckensbotschaft vom Absturz des Jumbos. Erschütternde Szenen spielen sich ab, Verzweiflung, Trauer und Wut bewegen die Menschen. Und immer wieder mischt sich ein Funke Hoffnung in die widerstreitenden Gefühle. Was genau passiert ist, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Fest steht lediglich, daß die 25 Jahre alte Boeing 747-100 elf Minuten nach ihrem Start vom Flughafen New York um 20:17 Uhr Ortszeit in einer Höhe von 4000 Metern explodierte und ins Meer stürzte. Die Maschine war erst drei Stunden zuvor aus Athen gekommen, dessen Flughafen von den US-Behörden als sicherheitsgefährdent eingestuft wird. Nach Angaben der amerikanischen Fluggesellschaft TWA gibt die Besatzung vor dem Absturz keinen Alarm. Ob der Notruf "Mayday, Mayday", den die Küstenwache genau in diesem Moment empfängt, von dem TWA-Jet stammt, bleibt ungeklärt. An Bord der Maschine befinden sich 228 Menschen, darunter 18 Besatzungsmitglieder. Eine Passagierliste liegt nicht vor; viele Reisende haben kurzfristig auf den TWA-Flug umgebucht, weil zuvor zwei andere Maschinen ausgefallen waren.

Erst nach Tagen und durch aufopferungsvollen Einsatz gelingt es den Rettungsmannschaften, einzelne Teile der über dem Atlantik abgestürzten TWA-Maschine zu bergen. Ursache des Unglücks wird trotzdem nie zweifelsfrei geklärt.

    Es ist ein heller Sommerabend auf Long Island. Tausende erleben die Explosion mit. ,,Die Maschine flog tief über Wasseroberfläche. Dann brach sie in zwei Teile und stützte brennend ins Meer", berichtet eine Augenzeugin. Viele Menschen sehen einen riesigen orangefarbenen Feuerball, der sich dreht und schließlich ins Meer stürzt. Wegen des ausgelaufenen Kerosins brennt es noch drei Sunden lang an der Unglücksstelle. Die lodernden Flammen erhellen die Nacht, die sich über das Meer gesenkt hat. Auf die Rettungsmannschaften warten eine gefährliche Aufgabe und grauenhafte Szenen. Die Leichen der Opfer sind durch Verbrennungen verstümmelt und vom Meerwasser aufgedunsen.Überlebende gibt es nicht. Innerhalb von zwei Tagen birgt die US-Küstenwache über 100 Tote aus dem Meer etwa 20 Kilometer vor der Küste von Long Island. Der Chef der Rettungsmannschaften teilt mit, daß man ein Gebiet von 620 Quadratkilometern durchkämmen mußte. Dutzende von Tauchern und zahlreiche Boote sind im Einsatz. Erst nach einer Woche findet man den Flugschreiber sowie den sogenannten Voicerecorder, der die Stimmen der Piloten aufzeichnet. Zwischen dem Ende der Aufzeichnung des Flugschreibers und der Explosion liegt eine Zeitspanne von 24 Sekunden, wie sich nach Aussage der amerikanischen Verkehrssicherheitsbehörde NTSB herausstellt. Das FBI schickt Terrorismus-Experten an die Absturzstelle. Schon kurz nach dem Unglück waren bei amerikanischen Fernsehsendern angeblich Bekenneranrufe militanter Muslime eingegangen. In einer Erklärung warnt der US-Präsident Bill Clinton davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. "Laßt uns warten, bis wir Beweise sehen", fordert er seine Landsleute nachdrücklich auf. Vor allem drei mögliche Unglücksursachen werden vom FBI untersucht. Einmal wäre es denkbar, daß eine Explosion durch eine an Bord versteckte Bombe ausgelöst wurde. Möglich ist auch ein technischer Fehler, etwa eine defekte Benzinleitung. Auch eine Boden-Luft-Rakete hätte den Jumbo zum Absturz bringen können. Obwohl man umgerechnet 36 Millionen DM aufwendet, wird die Unglücksursache nie ermittelt. Sachverständige ,vermuten, daß ein mechanischer Defekt das Unglück ausgelöst hat. Allerdings Stimmt eine Vielzahl von Details mit dem Bombenanschlag auf eine Boeing 747 der PanAm über der schottischen Ortschaft Lockerbie im Dezember 1988 überein. Die Presse lanciert Spekulationen, der TWA-Jet sei versehentlich abgeschossen worden - von einer Rakete der US-Marine.

Abstutzursache: Unbekannt

    Schon mehrere Stunden nach dem dramatischen Absturz des TWA-Jets vor Long Island meldeten amerikanische Medien, es gebe Hinweise auf Sabotage. Der Fernsehsender CNN meldete zum Beispiel, das Cockpit und die Kabine der Ersten Klasse der verunglückten Maschine seien durch eine Bombenexplosion vom Rumpf der Boeing 747 abgerissen worden. Der Sender berief sich auf nicht näher genannte Ermittler. Weiter berichtete CNN, die Experten gingen davon aus, daß das Flugzeug einige Sekunden lang ohne Frontteil geflogen sei. Die Washington Post meldete, hohe Sicherheitsbeamte in Washington seien fast sicher, daß der Absturz der Jumbomaschine durch eine Bombe oder eine andere Form von Sabotage verursacht worden sei. Auch die New York Times berief sich auf Regierungsbeamte in Washington, als sie berichtete, daß die Regierung binnen weniger Tage gezwungen sein werde, Sabotage als Absturzursache zu benennen. Offizielle Bestätigungen solcher Vermutungen hat es bis heute nicht gegeben. Viele Vermutungen also, viele plausible Erklärungsversuche, aber keine Beweise. Die Furcht, die Olympischen Spiele von Atlanta könnten in ihrem Ablauf gestört werden, mag bei der zögerlichen lnformationspolitik eine Rolle gespielt haben. Möglich ist aber auch, daß die eigentliche Ursache des Unglücks tatsächlich im Dunkeln geblieben ist.

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