1988 - Ramstein - Flugzeugzusammenstoß

Fataler Kunstflug

    Wer hoch hinaus will, fällt tief - die Binsenwahrheit erweist sich immer wieder als zutreffender denn alle Theorie. Die flugtechnischen Künste von Millitärpiloten wollte man mit einer internationalen ambitionierten Flugschau unter Beweis stellen. Die Düsenjetpiloten aus Italien, den USA und Deutschland hatten alles im Griff. Bis ein winziger Fehler ein beinahe unbeschreibliches Desaster auslöste.

    Das Inferno beginnt exakt um 16 Uhr. Gerade eben hat sich die Kunstflugstaffel "Frecce Tricolori" über dem pfälzischen US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in die Lüfte erhoben. Die drei Militärdüsenjets führen raffinierte Flugfiguren vor. Fast 350 000 Menschen sind der Einladung der amerikanischen Streitkräfte gefolgt. Sie wollen an diesem Tag der offenen Tür, dem 28.August 1988, eine internationale Flugschau der Spitzenklasse sehen. Gebannt verfolgen die Schaulustigen die riskanten Manöver hochtrainierter Flugkünstler. Die Katastrophe kommt ganz plötzlich. Zwei Düsenjets berühren sich nur ganz kurz. Im Bruchteil einer Sekunde stürzt eine der beiden zweisitzigen Jet-Trainer vom Typ Aermacchi MB.339 in die Zuschauermenge und geht sofort in Flammen auf. Ein riesiger Feuerball, schaurig-schön anzusehen, erscheint am Himmel. Brennende Trümmer fliegen in weitem Bogen durch die Luft. Kerosin ist ausgelaufen und heizt die Brände weiter an. Die Panik, die in der riesigen Menge sofort ausbricht, ist unbeschreiblich. Menschen im Umkreis von mehreren hundert Meter um die Unglückstelle brennen Lichterloh. Manchmal ist nicht einmal mehr zu erkennen, welcher Hautfarbe die Todgeweihten sind! Es riecht nach verbranntem, verkohlten Fleisch. In der Luft liegt ein Schreien, Stöhnen und Wimmern, das der Angst der Verletzten wie der Unversehrten entspringt. Überall liegen sterbende und Verletzte Menschen mit erschreckenden Brandwunden, entstellten Gesichtern. Manchmal lassen die Flammen nur amorphe, nicht mehr als menschlich zu identifizierende Fleischklumpen zurück. Die Älteren Augenzeugen fühlen sich an eine schlimme Vergangenheit erinnert: "Es war wie nach einem Bombenabwurf", beschreibt ein Kriegsveteran die gespenstische Szenerie.

Der brennende Militärjet kurz vor dem Absturz. Gleich wird er in die Menschenmenge fallen und eine unbeschreibliche Panik auslösen.

Wo bleiben die Rettungsmannschaften? Die Hauptzufahrt zur Unglücksstelle ist mit parkenden Autos verstopft. Kritische Medien berichten später, die ersten Rettungstrupps seien erst nach etwa 40 Minuten zum Einsatzpunkt gelangt, weil sie auf Umwegen über den riesigen Flugplatz gelotst werden mußten. Weiter wird moniert, die vier amerikanischen Erste-Hilfe-Stationen seien so primitiv ausgestattet gewesen, daß man hier höchstens einen Kreislaufkollaps hätte behandeln können. Gerade bei Brandverletzungen aber zählt bekanntlich jede Minute. Bekommen die Verletzten nämlich nicht umgehend genug Flüssigkeit, um die Verluste durch die Brandverletzungen wenigstens annähernd auszugleichen, versagen innerhalb kurzer Zeit alle Organe.

    Eine Erstversorgung der Brandopfer sei aber nicht möglich gewesen. Verletzte habe man auf umgedrehten Brauereibänken transportieren müssen, so die Medien. Kaum zu glauben: In Bussen und auf Lastwagen soll man die Opfer weggekarrt haben - die dann teilweise mehrere Stunden mit ihrer menschlichen Fracht auf der Suche nach Kliniken umhergeirrt seien. Nach offiziellen Verlautbarungen allerdings waren nach weniger als zwei Stunden alle Verletzten erstversorgt und fast alle in eine Klinik gebracht worden.

    Einer der wenigen Notärzte, die vor Ort gelangten, erhebt später in einem Interview schwere Vorwürfe gegen die amerikanischen Rettungsmannschaften. Mit Bestürzung habe er mit ansehen müssen, daß man geradezu nach einer "Vietnam-Strategie" vorgegangen sei nach dem Motto "Alles ein laden und sofort weg." Dazu habe man wahllos alles benutzt, was flog oder fuhr. Auch aus den Kliniken, denen die schwerverletzten Patienten zugewiesen werden, kommt harte Kritik. In Interviews beklagen Ärzte, man habe Patienten ohne Koordination völlig planlos abgeladen. Auch Hilfsangebote vieler deutscher Spezialkliniken seien nicht ausreichend berücksichtigt worden, obwohl die angemessene Behandlung von Brandverletzungen eigentlich den dafür ausgebildeten Fachärzten vorbehalten bleiben sollte. Bei der zentralen Leitstelle für Brandopfer in Hamburg sei erst am nächsten Tag, dem Montag nach dem Unglück, ein Hilferuf eingegangen. Eine erste Bilanz des Schreckens ergibt, daß es 70 Todesfälle und 345 zum Teil Schwerstverletzte zu beklagen gibt. Am 29. August gibt Bundesverteidigungsminister Rupert Scholz bekannt, daß alle Kunstflugvorführungen der Bundeswehr bis auf weiteres gestrichen werden.

Politikum Flugschau

    Die Katastrophe von Ramstein kam unerwartet. Und doch hat sich schon Wochen vor dem tödlichen Spektakel eine breite Front der Kritik an dieser Art von Veranstaltung formiert. Nicht zu Unrecht, wie das Desaster im nachhinein bewies. So hatten sich die Grünen sowohl im Stadtrat von Kaiserslautern wie auch im Kreistag - Ramstein liegt im Kreis Kaiserslautern - gegen die geplante Flugschau ausgesprochen. Auch die evangelische Kirche der Pfalz sowie zahlreiche Bürger-initiativen hatten Bedenken geäußert. Diese Kritik bezog sich vor allem auf den militärischen Charakter der Schau. Nach dem Desaster dann wurde klar, daß die sicherheitstechnischen Einwände noch weit höher zu bewerten waren. Was vielen Schaulustigen nicht bekannt war: Kunstflugpiloten verunglücken häufig. Etliche sterben schon beim Training. Die Zahl der dramatischen Unglücksfälle durch Flugzeugabstürze liegt erschreckend hoch. So kam es allein in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1982 und 1988 zu sechs schweren Dramen bei den riskanten Flugdemonstrationen; 62 Menschen starben dabei insgesamt.

 

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