| Die
Osterinseln, Land der Langohren |
Die Osterinseln liegen mitten
im Südpazifik, rund 4350 Kilometer östlich von Tahiti, 4200 Kilometer
westlich von Valparaiso in Chile und 3200 Kilometer südwestlich der Galapagos-Inseln,
und ist somit die entlegenste bewohnte Region der Welt, wie Thor Heyerdahl
in Aku-Aku, dem Bericht seiner Expedition der Jahre 1955-1956, feststellte.
Zum ersten Mal hörte die westliche Welt von der Insel, als sie von dem
holländischen Seefahrer Admiral Jacob Roggeveen am 5. April 1722 entdeckt
wurde. Dieser Tag war ein Ostersonntag, daher erhielt die Insel ihren
Namen. Seit damals interessiert sich die Wissenschaft brennend für die
Osterinseln, auf der es rund tausend rätselhafte, riesige Statuen (Moai)
gibt. Wer hat sie gemacht und warum? Die Forscher sind heute
der Ansicht, daß die Osterinseln erstmals ca. 400 n.Chr. besiedelt wurde,
und die Inselbewohner mit großer Kunstfertigkeit nach der Sonne ausgerichtete
Terrassen und kleine Statuen anfertigten. Diese ähnelten verschiedenen
präkolumbianischen Modellen (d.h. aus der Zeit vor der Entdeckung der
Neuen Welt durch Kolumbus stammen) aus den Anden. Ungefähr um 1100 n.
Chr. machten sie die Terrassen zu Plattformen für zeremonielle Zwecke
(Ahu) und schufen die ersten steinernen Giganten, die sie direkt aus den
Kraterwänden des ruhenden Vulkans, Rano Raraku, herstellten.

| Die frühen
Statuen der Osterinseln sehen unterschiedlich aus, die späteren-wie
diese, in der Nähe des Kraters Rano Raraku-zeigen alle dasselbe,
unbekannte Modell. |
Die Statuen wurden stehend den Abhang
hinuntergelassen, wo sie fertiggestellt und poliert wurden. Danach brachte
man sie zu den Ahu und stellte sie auf den Terrassen auf, so daß sie ins
Landesinnere blickten. Die heutigen Inselbewohner meinen, sie hätten Denkmäler
der toten Herrscher dargestellt, und man hätte ihnen übernatürliche Kräfte
(Mana) eingeflößt. Interessanterweise stellte man auf der Osterinsel eine
Vielzahl an geomagnetischen Abweichungen fest. Könnte es sein, daß diese
Monolithen das Zentrum heilender Erdenergie waren, wie man annimmt?
Die ersten Statuen waren in Form und Größe unterschiedlich, die späteren
zeigten jedoch alle dasselbe Modell (dessen Identität nicht bekannt ist).
Der Stein wurde nur bis zum Beginn der Beine bearbeitet, und die Figur
hat eine breite Stirn, hohe Wangen, ein vorspringendes Kinn, eine Adlernase,
sehr lange Ohrläppchen und am Kopf einen roten Haarknoten (Pukao). Die
Haarknoten stammen von einem Vulkankegel namens Puna Pau. Die meisten
Statuen wogen 25-40 Tonnen und waren 3,50-7,50 Meter groß, doch im Laufe
der Jahre wurden immer größere angefertigt: Eine nicht fertiggestellte
Figur liegt noch im Krater des Rano Raraku. Sie wiegt rund 270 Tonnen
und ist ca. 21 Meter lang.

| Holztafeln
und eine vergessene Sprache: Ließe sich mit ihrer Hilfe das Geheimnis
dieser Zivilisation lüften, die an einem der entlegensten Punkte
der Erde entstand? |
Das ist eine von rund 400 unvollständigen
Statuen, die man im Krater gefunden hat. Der Grund, warum sie nicht fertiggestellt
wurden, ist der Bürgerkrieg zwischen den Herrschern Hanau Eepe oder Langohren
und den Hanau Momoko oder Kurzohren, ihren Untertanen. Im
Jahre 1680 wurde eine entscheidende Schlacht auf der Halbinsel Poike geschlagen.
die Kurzohren gingen als Sieger daraus hervor und töteten
alle Langohren bis auf eine Ausnahme. 42 Jahre später wurde
die lange Isolation der Insel durch Roggeveen beendet. Im Jahre 1774 kam
Kapitän Cook, der feststellen musste, daß die Statuen von den Plattformen
gestoßen worden waren und nun verstreut am Boden lagen. 1862
entführte ein peruanisches Sklavenschiff den Großteil der männlichen Inselbewohner
und brachte sie nach Peru, wo sie in Minen arbeiten sollten. Die meisten
kamen ums Leben und die Überlebenden waren alle Pocken infiziert worden.
1877 lebten nur noch 111 Menschen auf der Insel. Eine der schrecklichen
Folgen davon war, daß es keinen Inselbewohner mehr gab, der die einzigartige
Bilderschrift (die Rongo-rongo genannt und in Holztafeln geritzt wird)
lesen konnte. Auch heute noch kann sie von niemandem entziffert werden.
Im Jahre 1888 machte Chile seinen Anspruch auf die Osterinseln geltend.
Heute leben über 2000 Menschen auf der Insel. Auch wurden rund 30 der
Riesenstatuen von ausländischen Wissenschaftlerteams wieder aufgerichtet.
Woher
kamen aber die alterersten Bewohner der Osterinseln? Die traditionelle
Theorie besagt, daß sie ausschließlich von den westlich gelegenen polynesischen
Inseln stammen, deren Bewohner wiederum aus Asien kamen. Thor Heyerdahl
stieß Mitte der 50er Jahre auf faszinierende Hinweise, die seine Vermutung
bestärkten, daß auch Menschen aus dem Osten, aus dem Peru der Zeit vor
der Inkas, bis zu diesem Punkt gekommen sein können. Heyerdahl führt folgende
Hinweise zur Bestätigung seiner Theorie an: Eine hier vorkommende Süßwasserpflanze,
genannt Totora-Gras, ist im Titicaca-See in den Anden ebenso heimisch
wie die Süßkartoffel: frühe Zeichnungen von Schilfbooten und Statuen erinnern
an diejenigen, die in der antiken Stadt Tiahuanco nahe der bolivianisch-peruanischen
Grenze gefunden wurden; der frühe Sonnenkult ist sowohl auf der Osterinsel
als auch in den alten peruanischen Kulturen zu finden, rothaarige, hellhäutige
Menschen leben sowohl hier als auch in den Anden; die langen Ohrläppchen
der steinernen Statuen sind auch charakteristisch für die in Legenden
aus den Anden vorkommende Gottheit Con-Tici Viracocha aus Tiahuanaco.
Heyerdahl wollte zeigen, daß diese Migration schon damals möglich war.
Er konstruierte ein Floß aus leichten Balsaholz (genannt Kon-Tiki), wie
es damals von den Peruanern verwendet wurde, und führte damit im Jahre
1947 seine berühmte Reise über den Pazifik, von Peru bis zum Tuamoto-Archipel,
durch. Der Geograph Robert Langdon schloss sich dieser Theorie
an. 1988 berichtete er, schon 1770 hätte eine von Kapitän Felipe Gonzalez
angeführte Expedition festgestellt, daß Tapioca, das vom südamerikanischen
Maniostrauch gewonnen wird, den Menschen auf der Osterinsel als Nahrungsmittel
dient. Lieder übersetzte der Geschichtswissenschaftler Bolton Corney 1908
das Wort falsch, das in der Sprache der Osterinsel für Maniok steht, wodurch
diese Tatsache verfälscht wurde. Der Fehler blieb 80 Jahre lang unentdeckt,
bis Langdon ihn schließlich korrigierte. Trotz alldem wird die Vorstellung
einer alten südamerikanischen Niederlassung auf der Osterinsel von den
meisten Wissenschaftlern nicht akzeptiert. Aus diesem Grund bleibt das
Rätsel, das die Entstehung der Kultur auf der Osterinsel umgibt, ungelöst.
Und doch könnte es bereits eine Antwort auf diese Frage geben, und zwar
in den verschiedenen Schriftstücken, die in Rongo-rongo, der geheimnisvollen
Sprache der Osterinsel, erhalten sind. Doch solange wir den Schlüssel
nicht finden, um das Geheimnis der Sprache zu lüften, werden wir keine
Gewissheit erlangen.

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