| Nun, die besten Zeitpunkte für außerkörperliche Erlebnisse
scheinen der mittlere bis späte Nachmittag (je nach Jahreszeit) und
der Morgen kurz vor dem endgültigen Aufwachen - wenn man sich im Halbdämmerschlaf
befindet - zu sein. Zumindest nach meinen eigenen Erfahrungen. Ich bin
mir einigermaßen sicher, daß die meisten meiner "Traum"-Erlebnisse
auf die eine oder andere Art und Weise OBEs sind, auch wenn sie in den
häufigsten Fällen auf einer von mir kreierten und sich nicht
in der "realen" physischen Umgebung befindenden Ebene stattfinden. An einige
dieser Ereignisse erinnere ich mich gesondert, da sie von geradezu unglaublicher
Intensität waren.
Die Qualitäten dieser Erlebnisse sind je nach Tageszeit unterschiedlich.
Während die Träume kurz vor dem Aufwachen zumeist "prophetischen"
Charakter besitzen, mir also ein (mitunter kurz) bevorstehendes Ereignis
mit zum Teil frappierenden Einzelheiten aufzeigen, sind die reinen OBEs
zumeist bei mir nur am Nachmittag möglich.
Ein Besuch
An den genauen Zeitpunkt dieser Begebenheit kann ich mich nicht mehr
erinnern; es muß vor etwa sieben oder acht Jahren gewesen sein, der
Jahreszeit entsinne ich mich auch nicht mehr. Eine unglaubliche Müdigkeit
zwang mich dazu, mich am mittleren Nachmittag ins Bett schlafen zu legen.
Ich muß schon geraume Zeit schlafend verbracht haben, als ich plötzlich
irgendwie munter wurde. Es war ein eigenartiges Gefühl des Erwachens,
auch als ich mich aufrichtete, fühlte ich mich irgendwie leicht und
nicht so schlaftrunken wie sonst. Als ich schließlich an mir hinunter
blickte, bemerkte ich, daß ich in meiner nicht-physischen Gestalt
(sie war erstaunlich verdichtet, aber doch etwas durchsichtiger) im Schneidersitz
- also mit untergeschlagenen Beinen - im Bauchbereich meines physischen
Körpers saß. Es war aber, wie ich mich vergewisserte, mein reales
Zimmer. Vielleicht wäre meine verdichtete Gestalt sogar sichtbar gewesen.
Auf einmal spürte ich, daß sich noch jemand im Raum befand.
Ich sah mich um und bemerkte ein kleine Gestalt etwas geduckt bei einem
Regal stehen. Ich erkannte die Person. Es war die Exfrau eines Bekannten,
die ich jedoch zuvor nur einmal ganz kurz gesehen hatte. Noch bevor ich
sie in richtiger Gestalt - wenn auch klein - sehen konnte, verspürte
ich nur ihre prinzipielle Anwesenheit und die Gestalt war eher ein winziger
grauer Haufen. Nun, wie soll man diese Perspektive am besten beschreiben,
man stelle es sich so vor, als würde man aus den Augenwinkeln seiner
Psyche heraus etwas beobachten. Die Gestalt - kaum sechzig Zentimeter groß,
wenn auch schon als menschlich erkennbar, wirkte doch noch immer seltsam
fern - obwohl sie sich keine zwei Meter von mir entfernt befand. Sie fing
an, mir von ihren Problemen zu erzählen und ich hörte ihr aufmerksam
zu. Warum sie ausgerechnet zu mir kam weiß ich bis heute nicht. Aber
mit jedem Satz, den sie mehr erzählte, schien sie erleichterter und
ihre Gestalt wuchs allmählich, nahm an Größe, Dichte, Plastizität
und Leuchtkraft zu. Zu voller Gestalt verdichtet und merklich erleichtert
darüber, einen Zuhörer gefunden zu haben, verließ sie mich
so schnell wie sie gekommen war. Ich kann mich nicht erinnern, während
ihres Erzählens viel geredet oder kommentiert zu haben. Jedenfalls
sank ich danach in meinen Körper zurück und schlief weiter.
Warum war die Gestalt erst unscheinbar, wirkte plan und weit entfernt
und verdichtete sich erst nach und nach? Eine Erklärung wäre,
sie könnte nicht von Anfang an in ihrer Gesamtheit anwesend gewesen
sein sondern erst nach und nach Teile ihres Bewußtseins hergezogen
haben bis sie vollständig an diesem Punkt zugegen war (und somit vollständig
verdichtet wirkte). Mir jedoch erschien es damals eher so zu sein, als
würden sie die Lasten ihrer Sorgen so zusammendrücken, daß
sie klein und grau erschien. Erst als sie eine Last nach der anderen losließ,
konnte sie sich zu voller Größe und Intensität aufrichten. |