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Kreuz Jesu
Thomas schrieb am 27. April 2002 um 1:10 Uhr (420x gelesen):

Auch nur abgeschrieben


Die Kreuzigung Jesu – Legende oder Wirklichkeit

oder Starb Jesus wirklich am Kreuz von Golgatha?

Verfasser: Legatus


1. Warum wurde Jesus gekreuzigt?


Zu Zeiten der Römer herrschte in Israel keine wilde Barbarei. Vielmehr gab es römisches Recht und Gesetz und auch schon das, was wir heute öffentliche Ordnung nennen. Normalerweise wurde kein Mensch willkürlich gekreuzigt. Wenn nun Jesus gleichwohl sogar unter Einschaltung des römischen Prokurators Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, muß ihm ein handfestes Verbrechen zur Last gelegt worden sein. Welches Verbrechens hatte Jesus sich schuldig gemacht? Den biblischen Evangelien zufolge legte man ihm keinen Verstoß gegen römisches Recht zur Last. Pilatus fand keinerlei Schuld an ihm (Joh. 18,38 und 19,4). Doch die Juden entgegneten Pilatus: ”Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben, weil er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat” (Joh. 19,7).

Schon früher hatten die Juden Jesus nach dem Leben getrachtet:

”Darum nun suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat aufhob, sondern auch Gott seinen eigenen Vater nannte und sich so selbst Gott gleich machte” (Joh. 5,18).

Die Juden warfen Jesus also Gotteslästerung vor (vgl. Matth. 26,62-68). Ihr Gesetz dazu lautete:

”Und wer den Namen des Herrn lästert, muß getötet werden, die ganze Gemeinde muß ihn steinigen; wie der Fremde, so der Einheimische: wenn er den Namen lästert, soll er getötet werden” (3. Mos. 24,16).

Da steht es also ganz eindeutig: Nach dem mosaischen Gesetz hätte Jesus wegen seiner angeblichen Gotteslästerung gesteinigt werden müssen. Insofern entspricht die Kreuzigung nicht einmal dem Gesetz, auf das die Juden sich zur Verurteilung Jesu den Römern gegenüber beriefen. Ein weiterer Aspekt wird meist völlig übersehen: Eine Gotteslästerung und die Strafe dafür, also die Steinigung, wäre überhaupt kein Grund gewesen, den römischen Statthalter einzuschalten. Den Juden war unter der römischen Besatzungsmacht nämlich keineswegs verboten, gegen die eigenen Volksgenossen nach jüdischem Recht die Todesstrafe zu verhängen! Die Bibel berichtet folgerichtig, daß die Juden wiederholt wie selbstverständlich versuchten, Menschen zu steinigen, z.B. Jesus selbst oder die Ehebrecherin, die er in letzter Minute vor einer Steinigung bewahren konnte. Das hätten sie doch nie in aller Öffentlichkeit gewagt, wenn sie damit römisches Recht verletzt hätten.

Wir können also davon ausgehen, daß Gotteslästerung nicht der wirkliche Grund für die Verurteilung Jesu zum Kreuzestod gewesen sein kann. Es ist unvorstellbar, daß die Juden Jesus freiwillig der römischen Gerichtsbarkeit überantworteten. Denn sie waren stets darauf bedacht, möglichst viel Macht und Kompetenzen zu behalten, besonders wenn es um religiöse Vergehen ging. Was also könnte der wahre Grund für die Verurteilung sein? Inzwischen haben sich sogar schon jüdische Autoren dazu ihre Gedanken gemacht. Denn aus dem Wortlaut der Bibel ergibt sich nichts, was nach damaligem Recht tatsächlich Anlaß für die Verhängung der Todesstrafe gewesen sein könnte. Eine Gotteslästerung war nämlich erst dann strafwürdig, wenn dabei der geheime Name Gottes genannt wurde. Darauf hat schon Gottfried Klein, ein jüdischer Rabbiner, 1910 in seiner Schrift ”Ist Jesus eine historische Persönlichkeit?” hingewiesen. Paul Schwarzenau hat diesen Gedanken in seinem Buch ”Das Kreuz - die Geheimlehre Jesu” wieder aufgegriffen und auf die Satzung in der Mischnah Sanhedrin VII, 5 hingewiesen, die wie folgt lautet:

”Der Gotteslästerer wird nur dann schuldig, wenn er den verborgenen Gottesnamen ausspricht ... Wird das Urteil gefällt ... erheben sich die Richter und zerreißen ihre Kleider und nähen die Risse nicht mehr zu ...”

Es geht also nur um den geheimen, mystischen und unaussprechlichen Namen Gottes. Das Delikt, das man Jesus zur Last legt, könnte also ein sog. Mysterienverrat gewesen sein. Dafür scheint zu sprechen, daß der Hohepriester bei der Verurteilung Jesu tatsächlich seine Kleider zerriß (Mark. 14,62-63), eine Handlung, die, soweit uns heute bekannt ist, nur in Zusammenhang mit diesem religiösen Delikt vorgeschrieben war. Jesus könnte den geheimen Gottesnamen genannt haben, als der Hohepriester ihn fragte, ob er der Christus und Sohn des Hochgelobten sei. Jesus antwortete darauf: ”Ich bin es.” Im griechischen Urtext steht aber nur: ”Ego eimi”, d.h. ich bin. Hebräisch hieße das ani hu. Dem entspricht der Gottesname, der Moses genannt wurde: ”Ich bin, der ich bin” (2. Mos. 3,13-14).

Diesen interessanten Aspekt will ich an dieser Stelle aber nicht vertiefen, zumal in dem erwähnten Buch von Paul Schwarzenau schon das Wesentliche gesagt ist. Hinzu kommt, daß dieses Delikt des Mysterienverrates keineswegs zu erklären vermag, wieso Jesus den Römern zur Aburteilung übergeben wurde, obwohl die Juden auch selbst das Recht hatten, die Todesstrafe zu verhängen. Nach jüdischem Recht hätte Jesus aber gesteinigt werden müssen. Es ist undenkbar, daß die sonst auf jeden Buchstaben des Gesetzes pochenden Pharisäer diese Gesetzesvorschrift vorsätzlich mißachtet haben sollten.

Ein Hintergrund für die Kreuzigung könnten Jesu Verbindungen zu den Essenern bzw. Zum Qumran-Kloster gewesen sein oder sogar Verbindungen zu den militanten Zeloten, einer antirömischen nationalistischen Gruppe radikaler und fanatisch gesetzestreuen Juden. Allzu auffällig ist nämlich, daß die Bibel diese damals bedeutsamen religiösen und politischen Bewegungen mit keinem Wort erwähnt. Ferner befremdet, wie die Sadduzäer im NT geschont werden. Es findet sich kaum Nachteiliges über sie, obwohl sie wegen ihrer Kooperation mit den verhaßten Römern allgemein sehr unbeliebt im Volke waren. Statt dessen werden ausgerechnet die frommen, gesetzestreuen Pharisäer, die allgemein nicht mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten, in erkennbar überzogener Weise fast als die schlimmsten Menschen auf Erden dargestellt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund. Sämtliche Evangelien entstanden erst nach dem endgültigen Sieg der Römer im jüdischen Krieg. Es hätte der Verbreitung der Evangelien nur im Weg gestanden, wenn darin wirklich objektiv über Jesus und die Bewegung der Essener und Zeloten berichtet worden wäre. So beschreibt ja auch das NT die Römer durchweg als gute Menschen. Selbst der korrupte und grausame Statthalter Pontius Pilatus erscheint auf einmal als edel und gut. Er muß von den Juden sogar zur Kreuzigung Jesu gedrängt werden und so gegen seine eigene Überzeugung handeln. Demnach hätte die starke römische Besatzungsmacht ihr Handeln und ihre Gerichtsbarkeit von den Einwohnern des besetzten Landes, von den Juden, bestimmen lassen! Das aber ist so unwahrscheinlich und dick aufgetragen, daß es niemals stimmen kann.

Die Bibel erwähnt auch nicht, daß im Hohen Rat, der die Verurteilung Jesu zum Kreuzestod betrieben haben soll, nicht etwa die Pharisäer die Mehrheit stellten, sondern die romfreundlichen Sadduzäer! Dieser Aspekt wird oft übergangen, obwohl Sadduzäer und Pharisäer in vieler Hinsicht Gegensätze wie Feuer und Wasser waren. Die Pharisäer fanden die Zusammenarbeit der Sadduzäer mit der römischen Besatzungsmacht unerträglich, während die Sadduzäer die Pharisäer bezichtigten, Aufruhr im Staate anzuzetteln. Wie wir noch sehen werden, ist der Kreuzestod Jesu -wenn überhaupt-, nur plausibel, wenn damit ein Verbrechen gegen den römischen Staat geahndet werden sollte, gegen Jesus also exakt der Vorwurf erhoben worden wäre, der auch den Pharisäern von den Sadduzäern gemacht wurde: den Staat zersetzen zu wollen und Aufruhr zu schüren. Das spricht immerhin dafür, daß Jesus den Pharisäern ungeachtet aller Kritik, die er so oft an ihnen übte, geistig jedenfalls näher stand als den Sadduzäern!

Ein weitere Unmöglichkeit der biblischen Geschichte liegt darin, daß der Hohe Rat nach den Berichten der drei Synoptiker Jesus in der Nacht zum Passah verhaften ließ und zum Tode verurteilte. nach jüdischem Gesetz war es dem Hohen Rat nämlich eindeutig verboten, während des Passahfestes zusammenzutreten! Auch außerhalb des Tempels, z.B. in Privathäusern oder nachts, durfte er sich an Passah niemals versammeln. Die Verurteilung Jesu geschah nach der biblischen Überlieferung ja auch nicht etwa bei einer ”Geheimsitzung”, sondern Jesus ist angeblich anschließend öffentlich dem römischen Prokurator Pontius Pilatus vorgeführt worden. Von diesem forderten dann die Tempelpriester ebenso wie das versammelte Volk lautstark die Verurteilung Jesu zum Tod am Kreuz. Man kann nach heutiger Erkenntnis so gut wie sicher ausschließen, daß sich das alles tatsächlich ausgerechnet zur Zeit des hochheiligen Passah so ereignet haben könnte, wie wir es in der Bibel lesen.

Formell wird Jesus daher als Staatsverbrecher abgeurteilt worden sein, weil er mit der römischen Staatsmacht aneinandergeraten war! Auch die Geschichte, er sei anstelle von Barabbas, dessen Freilassung das jüdische Volk gefordert haben soll, gekreuzigt worden, ist erweislich falsch. Denn es gab nie ein Gewohnheitsrecht der Juden, zum Passahfest von der Besatzungsmacht die Freilassung eines Gefangenen verlangen zu können, wie Joh. 18,38-40 glauben machen will. Zudem ist zweifelhaft, wer Barabbas wirklich war. War er nur ein gewöhnlicher Räuber, also ein gemeiner Verbrecher, wäre unerklärlich, weshalb die Juden ihn unbedingt in Freiheit sehen wollten. War er jedoch, wie es bei Luk. 23,10 heißt, ein Mörder und Aufrührer, also ein politischer Verbrecher, müßte Pilatus schon ein arger Einfaltspinsel gewesen sein, hätte er einen solchen Mann freigelassen!

Indirekt bestätigt die Geschichte von Barabbas allerdings, daß Staatsverbrechen, wie Aufruhr etc., von der römischen Gerichtsbarkeit und nicht von den Juden geahndet wurden. Es ist einfach unvorstellbar, daß Pilatus den jüdischen Staatsverbrecher Barabbas freigelassen haben soll, um dafür den angeblich keines Vergehens gegen römisches Recht schuldigen, harmlosen Jesus kreuzigen zu lassen. Logischer wäre es da allenfalls, einen minder schweren Staatsverbrecher im Wege der Begnadigung gegen einen Schwerst-Staatsverbrecher auszutauschen, sozusagen als Bedingung für die Ergreifung und Überstellung. Doch ein Gewohnheitsrecht der Juden, von den Römern zu Passah die Begnadigung eines Staatsverbrechers zu verlangen, ist außerhalb der Bibel nirgends historisch belegt.

Eine andere Erklärung für das gegen Jesus verhängte Todesurteil: Die Juden bezichtigten Jesus bei Pilatus einer Majestätsbeleidigung gegen den Kaiser, weil er sich als Sohn Gottes und vielleicht sogar als König der Juden bezeichnete. Diesen Eindruck erweckt jedenfalls Joh. 19,12-15. Doch Jesus hatte Pilatus gegenüber betont, sein Reich sei nicht von dieser Welt (vgl. Joh. 18,36). Damit war klar, daß das Reich, als dessen König Jesus sich sah, kein irdisches sein konnte. Also läge selbst bei dieser Betrachtungsweise nicht der geringste formelle Verstoß gegen römisches Recht vor. Im übrigen ist auch diese Geschichte in sich nicht schlüssig. Denn es heißt, Pilatus habe Jesus den Juden ausgeliefert, und diese sollen ihn weggeführt haben (Vers 18). Warum aber hätte Pilatus den Juden einen Volksgenossen ausliefern sollen, der als Staatsverbrecher wegen Aufruhrs gegen die Römer und womöglich noch wegen Majestätsbeleidigung gekreuzigt werden sollte?

Wiederum erscheinen die Römer nur als Erfüllungsgehilfen und willige Vollstrecker im Auftrag der bösen Juden! Tatsächlich jedoch wurde Jesus von römischen Soldaten gekreuzigt (Joh. 19,23) und nicht etwa von den Juden. Wenn Pilatus den Juden gegenüber nun wirklich so willfährig war, wie es die Bibel darstellt, bleibt unklar, wieso die Juden nicht darauf bestanden, Jesus nach ihrem jüdischen Gesetz zu steinigen, sondern ihn zunächst wegen des angeblichen Verstoßes gegen jüdisches Recht vor Pilatus, den Hüter des römischen Rechts, anklagten (vgl. Joh. 19,7).

Als Tatsache können wir nur festhalten, daß die Kreuzigung eine spezielle Hinrichtungsart für die Staatsfeinde Roms war. Dies läßt das Bild des stets sanftmütigen, religiösen Utopien zugeneigten Jesus wanken und das folgende Zitat in einem etwas anderen Licht erscheinen:

”Meint nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert” (Matth. 10,34).

Und immerhin sagte derselbe Jesus, die angeblich die bedingungslose Feindesliebe gebot:

”Aber jetzt: Wer eine Börse hat, der nehme sie und ebenso eine Tasche, und wer nicht hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert; denn ich sage euch, daß noch dieses, was geschrieben steht, an mir erfüllt werden muß: ‘Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden’, denn auch das, was mich betrifft, hat eine Vollendung. Sie aber sprachen: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug” (Luk. 22,36-38).

Das bisher Gesagte betraf vor allem logische und juristische Überlegungen, was der wirkliche Anlaß für die Verurteilung Jesu gewesen sein könnte. Doch wie verhält es sich mit der theologischen Seite? Geht man ausschließlich von den neutestamentlichen Texten aus, so war Jesus eine Gotteslästerung überhaupt nicht nachzuweisen. Der Disput wird bereits bei Joh. 10,31-42 geschildert:

”...Die Juden antworteten ihm: Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen Lästerung, und weil du, der du ein Mensch bist, dich selbst zu Gott machst. Jesus antwortete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: ‘Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?’ Wenn er jene Götter nannte, an die das Wort Gottes erging ..., sagt ihr von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn?”

Zum einen bestätigt dieser Text, daß in jedem Falle die Steinigung und nicht etwa die Kreuzigung die ”richtige” Strafe gewesen wäre. Zum anderen bewies Jesus den Juden, daß schon im AT Menschen als Götter bezeichnet werden, es also legitim sei, wen ein Mensch sich als Sohn Gottes fühle. Denn der vollständige Text des von Jesus zitierten Bibelwortes lautet: ”Ich sagte zwar, Ihr seid Götter, Söhne des Höchsten seid ihr alle ...” (Ps. 82,6).

Wenn nun erwiesen ist, daß Jesus sich sogar auf die Bibel berufen konnte, als er vom Menschensohn oder Sohn Gottes sprach, fällt der Vorwurf der Gotteslästerung in sich zusammen. Anders könnte es nur sein, wenn die schon erwähnte These zuträfe, daß sich Jesus zusätzlich des sog Mysterienverrats schuldig machte. Vielleicht hatten Teile der Priesterschaft aber auch noch ganz andere Gründe für eine Anklage. Immerhin hatte Jesus sich oft über die mosaischen Gebote hinweggesetzt. Möglicherweise sahen die Priester Jahwes ihre Macht und ihren Einfluß in Gefahr und wollten Jesus deshalb um jeden Preis beseitigen. Auch in späteren Jahrhunderten trachteten die Anhänger eines zornigen Gottes unzähligen sog. Ketzern nach dem Leben. Diese Mörder im Namen Gottes waren allerdings keine Juden, sondern Christen. Dennoch, das alles kann nicht schlüssig erklären, weshalb Jesus nicht von den Juden gesteinigt, sondern von den Römern gekreuzigt wurde.

Doch wir waren bei der theologischen Seite der Medaille. Macht die Kreuzigung aus theologischen Gründen Sinn? War sie gar heilsnotwendig für alle Christen, um sie durch den Kreuzestod Jesu von allen Sünden zu erlösen? Diese Fragen sollen nun geklärt werden. 2. Das Blut Jesu und die Erbsünde

Am Kreuz von Golgatha ist nach christlicher Lehre das Unfaßliche geschehen: Indem Jesus sich als Sohn Gottes wie ein Lamm abschlachten ließ, erlöste er alle Menschen christlichen Glaubens von ihren Sünden und befreite sie von deren Folgen. Diese Erlösung betraf nicht nur die zu Lebzeiten Jesu bereits verstorbenen Menschen und die damals Lebenden, sondern soll bis in alle Zukunft fortwirken, also alle Menschen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfassen. Dafür gab er sein Blut hin und opferte sich selbst. Wem aber opferte er sein Blut? Wer erhob Anspruch darauf? Seit eigener Vater im Himmel? Hat je einen liebenden Vater nach dem Blute seines eigenen Kindes gedürstet? Solch ein Vater müßte doch wohl eher ein fürchterliches Ungeheuer sein! Und doch gab es einmal einen so blutrünstigen Gott: den Jahwe des AT, der immer wieder das Blut von Mensch und Tier forderte. War dieser schreckliche Jahwe etwa doch der Vater Jesu? Die meisten christlichen Theologen meinen in der Tat heute noch, der Gott, den Jesus mit ”Vater” anredete, sei kein anderer als der Gott Jahwe des alten Bundes gewesen.

Nun, wenn diese These stimmte, müßte Jesus ja am Kreuz das Böse in der Welt vernichtet und zugleich alle Schuld und Sünde von den Menschen genommen haben. Was also hat das Blut Jesu konkret bewirkt? Ist die Welt heute etwa besser als vor zweitausend Jahren? Sind die Menschen heute etwa weniger böse als damals? Oder darf man heute etwa sündigen, ohne Schuld auf sich zu laden? War es wirklich die Hauptaufgabe Jesu, sein Blut für die Menschen zu vergießen oder gibt es noch eine andere Aufgabe, die Jesus zu erfüllen hatte und die bislang vielleicht verborgen blieb?

Das Christentum zählt zu den Erlösungsreligionen. Man kann sie grob in zwei Gruppen einteilen. Die einen, deren Hauptrepräsentant das traditionelle Christentum ist, lehren eine Erlösung von der Sünde und vom Bösen. Sie setzen dabei voraus, der Mensch sei von Natur aus böse und mit der sog. Erbsünde belastet. Die anderen, z.B. der Buddhismus und das gnostische Christentum, lehren Erlösung durch Erkenntnis, die auch Erleuchtung genannt wird. Das Böse liegt nach dieser Anschauung nicht in der Sünde selbst, sondern in der Unkenntnis und geistigen Blindheit der Menschen. Ja, die Sünde kann sogar nützlich sein, wenn der Mensch darin nicht verharrt, sondern durch sie lernt, sich selbst zu erkennen. Denn die Sünde ist ein Spiegel der Innenwelt des Menschen. Und längst nicht jeder Sünder ist ein von Grund auf böser Mensch! Die zweite Gruppe der Erlösungsreligionen muß also keinen bösen Menschentyp voraussetzen, weil die Erlösung für sie in der Beseitigung der Unkenntnis liegt. Solange der Mensch aber in Unkenntnis bleibt, kann er nicht böse sein. Das wirklich Böse liegt im vorsätzlichen Handeln wider besseres Wissen. Böse ist, wenn der Freie sich der Sklaverei unterwirft. Oder wenn der Erleuchtete wieder in Unkenntnis abgleitet. Jesus sagte, solche Menschen seien wie Hunde, die zu ihrem Auswurf zurückkehren.

Wer alle Menschen als böse und verdorben ansieht, braucht den Typ des guten und persönlichen Erlösers. Denn die Sünder sind des Todes schuldig. Daher muß der Erlöser selbst den Tod erleiden, um die Menschen mit ihrem zornigen Gott zu versöhnen. Ein solcher Erlöser muß selbst natürlich völlig sündenfrei sein und darf kaum noch etwas Menschliches an sich haben. Die anderen, die den Menschen in Unwissen und Erkenntnislosigkeit gefangen sehen, benötigen keinen persönlichen Erlöser, sondern für sie kann ein Erlöser eigentlich immer nur Vermittler himmlischer Weisheit und Erkenntnis sein. Es liegt dann am einzelnen Menschen, ob er den Weg der Erleuchtung und Erkenntnis geht, der ihm von dem Erlöser und Künder himmlischer Weisheit gezeigt wurde. Der Erlöser gibt dann nur den Anstoß, alles andere muß ein jeder selbst tun. Uns interessiert hier aber vorrangig die kirchenchristliche, auf dem Dogma der Erbsünde basierende Erlösungslehre, weil darin ja das Geheimnis des Kreuzes von Golgatha liegen soll. Ein Schuldbewußtsein gab es schon im AT: ”Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen” (Ps. 51,7).

Einige Exegeten sehen darin die Grundlage für das spätere Dogma der Erbsünde. Dabei ist eine solche Auslegung nicht haltbar. Denn der Text nimmt erkennbar Bezug auf zuvor geschilderte persönliche Vergehen des Psalmisten (Ps. 51,1-6). Wenn der Psalmist schreibt, er sei in Schuld geboren, so kann sich das nur auf die angebliche Schuld seiner Mutter beziehen, die ihn ja auch ”in Sünde” empfangen hatte, was auch immer das heißen mag. Die christliche Erbsünde geht aber nicht etwa auf irgendwelche Verfehlungen der eigenen Eltern zurück, sondern auf den ersten angeblichen Sündenfall im Paradies. Dort soll eine unerbittliche Kettenreaktion in Gang gesetzt worden sein, die uns Menschen bis auf den heutigen Tag mit der Schuld von Adam und Eva belastet.

Selbst der sonst so zornige Gott Jahwe kannte noch keine Erbsünde, behielt sich aber vor, die Schuld der Väter noch an Kindern, Enkeln und Urenkeln heimzusuchen, bis in die dritte oder vierte Generation (2. Mos. 20,5). Im AT gibt es die Erbsünde also noch gar nicht! Sie ist vielmehr eine der zweifelhaften theologischen Erfindungen des selbsternannten Apostels Paulus, wenn man der sog. Mehrheitsmeinung der christlichen Theologen folgt, die das Dogma der Erbsünde aus folgendem Text ableiten: ”Denn wir durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben - denn bis zum Gesetz war Sünde in der Welt; Sünde aber wird nicht zugerechnet, wenn kein Gesetz ist. Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Mose selbst über die, welche nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams, der ein Bild des Zukünftigen ist ... Wie es nun durch eine Übertretung für alle Menschen zur Verdammnis kam, so auch durch eine Gerechtigkeit für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens. Denn wir durch des einen Menschen Ungehorsam die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden” (Röm. 5,12-19).

Im Grunde läßt sich aber nicht einmal mit dieser Bibelstelle die Lehre von der Erbsünde schlüssig begründen. Paulus sagt doch, daß der Tod auch über die Menschen herrschte, die überhaupt nicht gesündigt hatten, - auch über die Schuldlosen. So leitete denn auch der griechische Zweig der jungen Kirche (unter Johannes Chrysostomos) daraus keine Erbsünde ab, während die westliche Kirche, besonders seit Augustinus, den Text als Beleg für die Existenz der Erbsünde ansah. Auf welch schwankendem Boden sich Paulus mit seiner Argumentation bewegte, mag das folgende Zitat verdeutlichen: ”Das Gesetz aber kam daneben hinzu, damit die Übertretung überströmend werde. Wo aber die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwenglicher geworden, damit, wie die Sünde geherrscht hat im Tod, so auch die Gnade herrscht durch Gerechtigkeit und ewigem Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn” (Röm. 5,20-21),

Die erste Sünde war also die von Adam und Eva. Diese hatten aber noch kein Gesetz, denn das Gesetz, das Paulus meint, kam erst mit Moses nach Israel. Weil sie noch kein Gesetz hatten, konnte Adam und Eva die Sünde doch eigentlich gar nicht zugerechnet werden (Röm. 5,12-13), dennoch starben sie (Vers 14). Später wurde das mosaische Gesetz hinzugefügt, damit die Menschen wenigstens so sündigten, daß sie Schuld auf sich luden. Und nachdem die Übertretungen zwangsläufig überströmend geworden waren, weil kein Mensch in der Lage war, alle diese Gesetze zu halten, strömte die Gnade der Erlösung um so reicher. Ob Gott also erst die Menschen in Schuld und Verderben stürzte, um sie anschließend davon wieder gnädig zu erlösen? Hier begegnet uns wohl eine überaus merkwürdige und z.T. schon fast pervers anmutende Vorstellung von Gott!

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß ausgerechnet die Verfechter der Erbsünde zugleich strenge Anhänger der Prädestination (Vorherbestimung) waren, so z.B. Augustinus. Auch bei Paulus finden wir viele Hinweise, daß der Mensch ausschließlich durch die Gnade Gottes gerecht werde. Ob ein Mensch zum Heil gelangt, ist nach dieser Lehre von Gott vorherbestimmt. Insbesondere vermag der Mensch nicht im Geringsten durch eigene Leistungen zum Heil beizutragen; er kann sich das Heil nicht verdienen, weil er es Gott ohnehin nie recht machen kann. Folgte man dem, so müßte man die ganze Heilsgeschichte als absurdes und makaberes Welttheater ansehen. Denn Gott selbst hätte dann die ersten Menschen zur Sünde geschaffen und damit auch die Voraussetzung für ihren tiefen Fall in die Materie. So hätte er also selbst den Tod in die Welt gebracht. Gott hätte die harten Gesetze des Alten Bundes eingesetzt in dem Wissen, daß die Menschen gar nicht in der Lage sein würden, diese Gesetze einzuhalten. Er hätte also den Menschen von Anfang an zum Verderben bestimmt. Und von diesem verordneten Verderben hätte Gott die Menschen alsdann wieder errettet, indem er seinen Sohn Jesus Christus ebenfalls ins Verderben schickte. Doch ist das Blut des Sohnes nicht auch das des Vaters? Man muß sich angesichts dessen fragen: Wer rettet sich hier wohl vor wem? Müßte der Mensch nicht vor allen anderen Dingen erst einmal von solch einem Gott erlöst werden?

Auf diesem sumpfigen Boden wuchsen die christliche Erlösungslehre und das Dogma der Erbsünde. Das blutige Schlacht-Selbstopfer Jesu scheint den Vertretern dieser Lehre unentbehrlich. Man hat immer wieder versucht, das Blut Jesu mit dem Passahfest der Juden in Zusammenhang zu bringen, weil Jesus wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde. Dieser Vergleich hinkt allerdings ziemlich. Denn zunächst entsprang das Passahfest heidnischem (kanaanitischem) Brauch und wurde von den Israeliten lediglich übernommen und mit dem Auszug aus Ägypten verbunden. Mit dem Blut des Passahlammes wurden auch keine Sünden getilgt, sondern Jahwe bewahrte die Erstgeburt der Israeliten vor dem Tode, wenn Türpfosten und Oberschwelle ihrer Häuser mit dem Blut des Lammes gestrichen waren (2. Mos. 12,1-28).

Viel treffender wäre ein Vergleich der Erlösungstat Jesu mit dem Symbol des Sündenbocks, das beim Versöhnungsfest der Juden eine Rolle spielt (vgl. 3. Mos. 16,1-22). Das Wesen namens Asasel, das hier erwähnt wird, ist wohl ein Wüstendämon oder gar der Teufel höchstselbst gewesen. Jedenfalls wurde dem Bock die Sündenschuld des ganzen Volkes aufgeladen, damit er die Schuld auf sich nehme und in ödes Wüstenland trage. Hier haben wir es mit einer echten Entsündigung zu tun. Allerdings war das kein Opfer, sondern eine magische Handlung, die man in ähnlicher Art zur Beseitigung von ansteckenden Krankheiten kannte (3. Mos. 14,1-8). Natürlich eigneten sich auch Schlachtopfer zur Besänftigung der Gottheit.


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