Der Schmiedgeselle

 

Tochter der Sachmet

 Teil 3

 

 

 

Alfred Ballabene

 

alfred.ballabene@gmx.at

gaurisyogaschule@gmx.de

 

Tochter der Sachmet, Teil 1:

Atnife, die Tochter der Sachmet durchwandert mit dem Krieger Atmedef die Unterwelt wie sie uns in der Mythologie der alten Ägypter dargestellt wird. Hierbei muss sie durch die Welt von Apophis wandern, einer altägyptischen Entsprechung des Teufels. Beinahe wäre sie ihm unterlegen, doch Atmedef gelingt es Atnife zu retten.

 

Tochter der Sachmet, Teil 2:

Atmedef findet sich hier in einer neuen Inkarnation als Zuse. Atnife gelingt es Atmedef/Zuse wieder zu finden. Die neue Begegnung der beiden findet gerade in einer Umbruchszeit statt. Atnife gelingt es die Führung über einen kleinen Teil des alten Imperiums zu erlangen. Mit diesen Resten des alten Imperiums baut sie ein neues Reich auf.

 

Tochter der Sachmet, Teil 3:

Dies ist der vorliegende Band. Seit der letzten Begegnung zwischen Atnife, der Tochter der Sachmet, und Atmedef/Zuse sind 1000 Jahre vergangen. In der Zwischenzeit hat Atnife das solare Imperium aufgebaut und herrscht über dieses als Großregentin. In diesem Teil der Serie gelingt es Atnife neuerlich Atmedef zu finden, der sich als Schmiedgeselle Holger inkarniert hatte. Apophis gelingt es einen Teil des Reiches zu übernehmen. Ihn geht es jedoch nicht um die Macht, sondern um die Vernichtung von Atnife. Eine Existenz zweier getrennter Reichshälften ist dadurch nicht möglich und ein Entscheidungskampf ist deshalb unausweichlich.

 

 

 

Die alte Figur, welche eine Vision auslöste

 

Inhaltsverzeichnis

 

1                   Die Zunft der Schmiede

2                   Der Schmiedgeselle

3                   Ruinen im Wald

4                   Der Astronaut

5                   Ein kleiner Ausflug

6                   Über das solare Imperium

7                   Die Kolonien

8                   Die Höhle von Sokar

9                   Besuch beim Schmied

10                 Fahrt auf dem Nil

11                 Reise und Ankunft bei den Libellenschiffen

12                 Schatten aus der Vergangenheit

13                 Das Ende vom solaren Großreich

14                 Lagebesprechung

15                 Auszug der Siedler aus dem Asteroidengürtel

                    16                 Eine unerwartete Entdeckung

17                 Atnife und ihre drei außerirdischen Kinder

18                 Rundreise durch das Reich

19                 Epsilon Eridani

20                 Der Untergang von Apophis

21                 Eine neue Zivilisation

22                 Die vier Schmiede

 

 

Die Zunft der Schmiede

 

 

Die Schmiede gehörten einer Berufsgruppe an, die in ihrem Ansehen über alle anderen Berufe stand, über jene der Schreiber, der Wagner, Müller oder was es sonst alles geben mochte. Die Meister dieser Zunft wurden als Kleinadelige betrachtet und durften als solche ein Schwert tragen. Die Schmiedegesellen, die natürlich tiefer als die Meister standen, durften im Vergleich zu den Gesellen anderer Berufsgruppen als einzige von allen einen Dolch im Gürtel tragen. Meist waren diese Dolche Kunstwerke mit besonders schön geschnitzten Griffen, in welche oft Edelsteine, Beinarbeiten oder Gold und Silber eingearbeitet waren. Die Gürtel selbst waren ebenfalls Kunstwerke, breite Lederriemen, verziert mit Ornamenten aus den verschiedensten Metallen, wobei sich oft gelbe, rote und weiße Metalle umschlangen, um sich dann in Blumen oder mythologischen Figuren aufzulösen.

 

 

 

Die Schmiede arbeiteten am Rand des Dorfes und wurden mit Scheu betrachtet. Sie beherrschten das Feuer wie sonst keiner und konnten selbst das Eisen formen, was außer ihnen niemand vermochte. Zudem verfügten sie über fast übermenschliche Kraft und waren stärker als die Kräftigsten unter den Dorfburschen. Niemand wagte es deshalb einen kräftigen Schmied herauszufordern. Zudem verfügten die Schmiede über so manche Magie, die sie geheim hielten. Obwohl das jeder wusste, wurde es von den Priestern dennoch geflissentlich übersehen, denn auch sie fanden es besser sich mit ihnen freundlich zu stellen. Abgesehen davon, dass die meisten Schmiede wohlhabend waren und man deshalb, wenn man bei ihnen willkommen war, bei geselligem Gespräch so manches Glas Wein zu trinken vermochte.

 

In der Nacht, so wusste man, huschten rot glühende Schatten durch die Schmiedewerkstätten. Überhaupt wimmelte es dort von Geistern, guten und bösen. Auch waren Schmiede weit gereiste Leute, die ferne Länder gesehen hatten. Mancher von ihnen mag mit den Schürfern in die von Geistern heimgesuchten Städte der Sagen umwogenen Metallwesen vorgedrungen sein. Das waren Orte, die niemand heil verließ, der nicht der Magie kundig war. Die Schürfer, so sagte man, waren Ausgestoßene, die sich weigerten dem König Kriegsdienst zu leisten, Mörder, die dem Henker entflohen waren. Dort in den von Geistern heimgesuchten Orten fühlten sie sich sicher, weil niemand von den ehrlichen Menschen es wagte auch nur in die Nähe dieser Örtlichkeiten zu kommen. Die meisten dieser alten Städte waren schon völlig eingeebnet. Auf manchen der Flächen wurde sogar Getreide angebaut. Aber niemand wollte Brot aus diesem Getreide essen, weshalb es von Händlern im nächsten Land verkauft wurde, dort wo man die Herkunft des Getreides nicht mehr überprüfen konnte.

 

Die Schmiede gaben sich mit einer weiteren unheimlichen Klasse von Menschen ab, mit den Köhlern, jenen vom Russ geschwärzten Menschen, die in den tiefen Wäldern lebten und dort mit Geistern statt mit Menschen befreundet waren. Die Schmiede nahmen ihnen die Holzkohle ab. Oft wagten es die Schmiedgesellen selbst mit Eseln in den Wald zu gehen, um Holzkohle zu holen.

Furchtlos nahmen die Schmiede den Köhlern die Holzkohle ab und feilschten mit ihnen, wenn es sein musste. Wenn die Köhler dann am Abend mit einem Teil des Geldes sich beim Wirt Wein kommen ließen, so saßen sie allein an einem Tisch und wenn so mancher nicht zahlen wollte, verzichtete der Wirt auf das Geld, wenn ihn der Köhler mit dunklen Augen anstarrte.

 

Aus einem Lied der Schmiede:

 

Funken gleich Sterne

sprühen bei jedem Schlag.

Schmiegsam geworden

durch Feuer und Blasbalg,

fügt sich das Eisen dem Schmied.

Nur er kann es formen,

verleiht Gestalt dem Eisen,

das hart und starr

sonst allem widersteht.

 

 

Der Schmiedgeselle

 

 

 

Holger

 

Die Geschichte hier handelt von einem Schmiedgesellen namens Holger. Dieser hatte bei einem Land-Schmied gelernt und vor Kurzem seine Gesellenprüfung abgelegt. Da es gerade Herbst war, als er seine Gesellenprüfung abgelegt hatte, war er noch über Winter bei seinem Schmied geblieben, um erst im Frühjahr auf Wanderschaft zu gehen. Das Frühjahr schien nicht mehr lange auf sich warten zu lassen, denn die Sonne hatte schon Kraft gewonnen und erste Blumen wagten es ihre bunten Köpfe aus der Erde hervor zu stecken. Wanderschaften der Gesellen  waren bei Schmieden wie auch in anderen Berufsgruppen üblich und führten dazu, dass so manches Wissen die Grenzen des Landes überschritten hatte, und dass nicht zuletzt Kunst und Wissen der Stände ein hohes Niveau erreicht hatten.

 

Holger hatte bei seinem Schmied die verschiedensten Metalle zu bearbeiten gelernt. Da waren die Weichmetalle mit einem gut handhabbaren Schmelzpunkt. Dann gab es Hartmetalle wie Eisen, die nur in speziellen Öfen zum Schmelzen gebracht werden konnten, mit Hilfe großer Blasbälge und spezieller Windlöcher. Die Eisenöfen verbrauchten Unmengen an Holzkohle und das Schmelzprodukt am Boden des Ofens war dennoch nur von mangelhafter Qualität, meist nur ein Schwamm, der erst durch den Schmied die Qualität von Eisen erhielt. Gelegentlich wurden auch Metalle gefunden, die sich überhaupt nicht schmelzen ließen. Nicht alle von ihnen waren schwer. Darunter war ein Metall, das wie Aluminium aussah und auch leicht war und sich dennoch nicht schmelzen ließ. Die nicht schmelzenden Metalle waren allerdings sehr selten und wurden als Kuriositäten aufbewahrt.

 

Praktisch alle Metalle, die verarbeitet wurden, stammten nicht aus Erzlagern, denn diese gab es kaum mehr, sondern sie stammten aus den alten Städten. Eisen fand sich zum Beispiel in von Stein umgebenen Stangen, die so wie sie waren, gleich weiter bearbeitet werden konnten und sehr begehrt waren, sofern sie nicht schon komplett oder zum Großteil zu Rost zerfallen waren. Die alten Städte waren ursprünglich weit ausgedehnte Ruinenstätten, doch im Laufe der Jahrhunderte wurden sie total ausgeplündert und durch die Grab- und Schürfarbeiten im Zuge der Metallsuche eingeebnet worden. Es gab nur noch vereinzelt Mauerwerk, welches auf eine alte Stadt hinwies. Alles was von den alten Städten geblieben war, waren steinige Äcker und Wälder. Es wurden an ihren Orten kaum mehr Metalle gefunden und es erforderte Glück und Intuition für einen Schürfer, das eine oder andere Metallstück an einer verborgenen Stelle zu finden. Entsprechend hoch war auch der Preis, den ein solcher Schürfer für sein Metall bekam. Für manche seltene Metalle wie Gold war der Preis besonders hoch. Andere Metalle wie Platin, Chrom oder Titan, die nicht geschmolzen werden konnten und oft nur aus kleinen Stücken bestanden, waren praktisch wertlos.

 

Was die Metalle anbelangt so waren es drei Berufsgruppen, die sich damit befassten: die Schmiede und die Schürfer, welch letztere schon erwähnt wurden und die Schmelzer. In den verschiedenen Öfen der Schmelzer versuchte man aus den vielen kleinen und verkrusteten Stücken wieder größere Metallstücke durch eine Schmelze zu erlangen. Die oberste Aufsicht über die Schmelzer, welche zum Großteil aus ungelernten Arbeitern bestanden, erfolgte durch Schmiede. Deshalb gehörte es zu einer fundierten Ausbildung, dass ein Schmiedgeselle auf seinen Wanderungen die eine oder andere Schmelzstätte aufsuchte, um dort zu lernen. Auch Holger hatte als erstes Ziel seiner Wanderung eine Schmelzstätte vorgesehen und sein Lehrherr empfahl ihm eine gute Adresse und gab ihm ein Schreiben an den obersten Schmied der Schmelzstätte mit. Schmiede als Vertreter der höchsten Kunst aller Handwerke konnten Lesen und Schreiben. Niemand konnte Geselle werden, ohne diese Fähigkeiten.

 

An einem sonnigen Morgen verabschiedete sich Holger von seinem Lehrherrn, der ihn umarmte, väterlich auf die Schulter klopfte und für seine guten Dienste lobte. Er schenkte Holger auch einen warmen, wetterfesten Umhang und gab ihm einen Sack mit einem Riemen zum Umhängen, der mit Brot und geselchtem Fleisch derart gefüllt war, dass selbst Holger als kräftiger Schmiedgeselle schwer zu tragen hatte.

 

 

Holger

 

 

Es dauerte ein volles Jahr bis Holger zu der großen, von seinem Lehrherrn empfohlenen Anlage mit den Schmelzöfen gelangt war. Zwischenzeitlich hatte er an verschiedensten Arbeitsplätzen gearbeitet und dabei gelernt und sich Geld für seine weitere Reise dazu verdient. Er war bei Waffenschmieden, Feinschmieden und Kunstschmieden, hatte aber auch da und dort zugegriffen, wenn es eine gut bezahlte Arbeit gab.

 

In der Anlage für Schmelzöfen gab es mindestens zwanzig verschiedene Öfen. Jedes Metall hatte seinen eigenen Ofen, um Vermischungen zu verhindern und es  möglichst rein zu halten.

 

Holger machte zunächst eine Runde durch die Anlagen und sah sich alles in Ruhe an. Dann wurde er beim obersten Schmied, dem Verwalter der Anlagen vorstellig. Der residierte in einem eigenen Haus mit einer Reihe von Angestellten, die mit Schreibtätigkeiten befasst waren.

 

Holger klopfte an die Türe und trat ein. Er grüßte und fügte die Grüße seines Lehrherrn bei, wobei er dem Schmied das Schreiben seines Lehrherrn zureichte. Der oberste Schmied bekam glänzende Augen, als er den Namen von Holgers Lehrherrn hörte.

"Mit ihm war ich zwei Jahre auf Wanderschaft", rief er aus, "welch Freude einmal von ihm zu hören".

Holger erzählte mit welcher Hochschätzung sein Lehrherr über ihn den obersten Schmied über die Schmelzanlagen erzählt hatte und fügte gleich eine Geschichte an, die sein Lehrherr gerne über ihn erzählt hatte.

Der Schmied packte Holger am Oberarm und schob ihn zu einem Tisch, setzte sich zu ihm und rief nach einem Krug Wein. Dann begann das große Erzählen. Holger musste die eine und andere Geschichte über seinen Lehrherrn preis bieten und beide lachten und freuten sich. Nur eine Stelle des Gespräches war es, wo der Schmied ernst wurde. Es war als Holger den obersten Schmied ob seines gehobenen Amtes loben wollte.

"Ach Holger", sagte der Schmied, "wie oft habe ich mir gewünscht eine Schmiede wie die deines Lehrherrn zu haben, eine echte Schmiede, wo man zuschlagen kann und die rotgoldenen Funken sprühen. Hier aber sitze ich, schätze die Ladungen Holzkohle ab, stelle Zahlscheine aus, bezahle die Schürfer, verkaufe Metalle, gebe den Arbeitern ihr Geld. Es ist ein Feilschen durch den ganzen Tag, immer nur Geld und Verwaltung. Metall kann ich nur von weitem sehen, geschweige denn es bearbeiten."

Es bedurfte eines halben Glases Wein, bis sich die Stimmung des obersten Schmiedes wieder gehoben hatte und durch Geschichten erneut wieder Stimmung aufkam.

 

Holger hatte das Herz des obersten Schmiedes gewonnen, denn er gab ihm einen Assistenzposten beim Sortierer. Dieser war ein Schmied mit höchsten Metallkenntnissen und seine Tätigkeit war die interessanteste Tätigkeit, die Holger im Schmiedwesen je kennen gelernt hatte. Oft bestanden die Fundstücke aus verschiedenen Metallen. Sofern es möglich war, versuchte man diese voneinander zu trennen. Oft war dies jedoch nicht möglich. Dann wurden diese den Schmelzöfen des Metalls mit dem niedersten Schmelzpunkt zugeteilt und zwar einem Ofen, der nur zum untersten Limit des Schmelzpunktes angeheizt wurde, so dass die Metalle mit höherem Schmelzpunkt als Schlacke anfielen.

 

Der Sortierer übernahm auch die Ware von den Schürfern und bestimmte deren Wert. Er kannte viele der Schürfer, denn er hatte mit etlichen eine merkwürdige Absprache. Er zahlte ihnen auch für Objekte, die nichts mit Metallen zu tun hatten. Es waren eigenartige Fundstücke darunter. Wie sich heraus stellte bestand zwischen ihm und dem obersten Schmied ein gemeinsames Interesse an solchen Fundstücken. Genauer wurde Holger darüber informiert, als ihn der oberste Schmied eines Tages zur Seite holte und zusammen mit ihm und dem Sortierer ein kleines Haus aufsuchte.

 

Der oberste Schmied und der Sortierer betraten das kleine Haus wie ein Heiligtum. Sie dämpften sogar ihre Stimme, als sie miteinander sprachen. Zunächst betraten sie einen Vorraum, der nichts Auffälliges aufwies. Dann gelangten sie in einen großen Raum mit einem zentralen sehr langen Tisch und Stellagen an den Wänden. Holger staunte über die große Zahl an Artefakten aus der Zeit der alten Städte, die es hier zu sehen gab. Da war ein Stück Stein und daneben auch ein Metallstück mit Schriftzügen darauf. Holger wies erstaunt darauf hin, dass die Buchstaben jenen der heutigen Schrift glichen.

Der Sortierer erklärte darauf Holger: "die Metallwesen schienen bereits über die Anfänge einer Zivilisation zu verfügen. Es ist erstaunlich, dass sie schon die Schrift kannten. Wahrscheinlicher jedoch waren es nicht die Metallwesen, sondern die ersten Menschen, die in jener Zeit auftauchten, welche die Schrift erfunden hatten. Vermutlich hatte sich aus dieser primitiven Zivilisation dann unsere Hochkultur entwickelt."

Holger ging die Tische weiter ab. Da lagen einige Objekte, die sehr kompliziert gebaut waren und die so fein strukturiert waren, dass kein Schmied der Gegenwart sie nachbauen hätte können.

"Wie haben die das nur fertig gebracht?" staunte Holger.

"Das sind Produkte der Erde, die noch vor der Zeit der Metallwesen an die Oberfläche gekommen waren. Es sind sozusagen Urelemente. Aus solchen Urelementen mochte sich dann eines Tages das erste Metallwesen gebildet haben", erklärte der oberste Schmied dem staunenden Holger.

"Hier sind ja Menschen abgebildet", rief Holger voller Erstaunen.

 

 

"Es ist überhaupt nicht verrostet", Holger beugte sich interessiert vor. "Darf ich es einmal heben?" fragte er.

"Sicherlich", meinte der oberste Schmied.

"Blei", stellte Holger fest. "Dennoch wundert es mich, denn auch Blei sollte nach so langer Zeit schon korrodiert sein."

"Stimmt", meinte der Sortierer. "Anscheinend war das ein sehr günstiger Fundort."

Sie gingen den Tisch entlang weiter.

Bei einem weiteren menschlichen Abbild meinte der Sortierer: "Es finden sich immer wieder Abbildungen von Menschen in den alten Städten. Die meisten dieser Abbilder sind aus Stein und zu groß und schwer, als dass sie die Schürfer her gebracht hätten. Aber sie haben davon erzählt. Gegen Ende der Zeit der Metallwesen schien es schon viele Menschen gegeben zu haben. Die Menschen als die intelligenteren Wesen haben dann wahrscheinlich die Metallwesen verdrängt und ausgerottet. Wenn man an das Richterwesen mit ihren Verurteilungen und an die Kriege denkt, so dürfte ja in den Menschen nach wie vor ein böser Charakterzug sein."

Sie kamen an einen Tisch, da lag ein filigranes Kunstwerk von größter Schönheit.

 

 

"Das dürfte das Kunstwerk eines begnadeten Künstlers gewesen sein, eines jener ersten Menschen, die in jener Zeit schon gelebt hatten," erklärte der oberste Schmied mit glänzenden Augen. "Was gäbe ich, wenn ich nur für einige Augenblicke in jene alte Zeit eintauchen könnte, um jene Städte, Metallwesen und Menschen sehen zu können. Das ist mein größter Traum, den ich schon seit Jahren in mir trage", sagte er zu Holger und sein Gesicht verklärte sich.

"Wenn ich mir manche Fundstücke ansehe", meinte Holger, "So gewinne ich den Eindruck als wäre jene Zivilisation in manchem schon weiter gewesen als die jetzige Hochkultur der Menschen."

"Könnte man glauben", meinte der oberste Schmied. "Es gibt aber ein Naturgesetz, demgemäß sich die menschliche Zivilisation immer weiter entwickelt, da die Menschen dazu lernen und eine Rückentwicklung nicht möglich ist."

"Könnten vielleicht Kriege die Menschen in ihrer Kultur zurückwerfen?" fragte Holger.

"Auch nicht möglich", meinte der oberste Schmied. "Kriege sind immer lokal und können bestenfalls einige Länder erfassen. Es bleiben somit immer noch genug Länder über, in denen sich das Wissen erhalten kann."

Holger schwieg, denn das, was der Schmied sagte, war logisch.

Am Tischende dann lag ein schwarzes, glänzendes Objekt. "Ist das ein Glas oder ein Metall?" fragte Holger.

"Ein Glas scheint es nicht zu sein, denn es splittert nicht wie Glas. Es ist ein hoch interessantes Material von enorme Festigkeit und Härte", meinte der oberste Schmied. "Metall ist es aber auch keines, auch kein hochschmelzendes."

"Ihr habt demnach versucht es zu schmelzen?" fragte Holger.

"Ja", sagte der Schmied. "Als wir das Feuer mit einem Blasbalg anheizten, wurde es ohne rot glühend zu werden immer kleiner und war letztlich ganz verschwunden. Nichts war mehr über, nicht einmal Asche."

 

Die drei hatten sich danach noch in den Hof gesetzt, etwas getrunken und diskutiert. Holger war über die Fundstücke tief beeindruckt und so wie der oberste Schmied wünschte auch er sich wenigstens für ein paar Augenblicke eine solche alte Zivilisation sehen zu dürfen, mit ihren Metallwesen und Menschen. "Und wenn es nur einige Augenblicke wären, ich gäbe mein Leben dafür", seufzte Holger tief in sich hinein.

 

Die Besichtigung der privaten Sammlung war einer der Höhepunkte Holgers. Er blieb über das gesamte restliche Jahr und auch noch über den Winter bei den Schmelzöfen.

 

Als das Frühjahr herangekommen war, schloss sich Holger einer Gruppe von Schürfern an, um die Reste einer alten Stadt sehen zu können und aus der Tätigkeit der Schürfer zu lernen.

Sie reisten weit und außer einiger weniger Steinblöcke war von Ruinen nichts zu sehen. Die Arbeit bestand aus Graben, Schaufeln und wieder Graben, Tag ein und Tag aus. Oft waren es lebensgefährliche Gruben mit rutschenden Wänden. Es war eine schwere Tätigkeit und selten gab es einen Metallfund. Holger schloss sich einer anderen Gruppe von Schürfern an und es brachte nichts Neues. Wiederum graben, schürfen, suchen und meist nichts finden. Zuletzt gesellte er sich einem Einzelgänger an, der eine besondere Lagerstätte wusste. Er kannte einen unterirdischen Teil einer Altstadt, der noch erhalten war. Gelegentlich krochen sie durch alte Tunnels, immer gewärtig, dass die Tunnelwände einstürzen könnten oder sie nach einigen Verzweigungen den Weg nicht mehr zurück finden würden. Meist kam es jedoch nicht so weit, denn es gingen oft schon zuvor die Fackeln aus und in der Finsternis konnten sie nichts mehr finden und beide konnten froh sein, wenn es ihnen gelang den Weg zurück zu tasten. Holgers Aufgabe war es einen vollen Sack mit Fackeln in den Kriechgängen nachzuziehen. Gelegentlich fanden sie ein Metall aus dem Stein ragen und es konnte nicht heraus geschlagen werden, ohne dass sie beide das Risiko auf sich genommen hätten verschüttet zu werden. Das waren dann sehr enttäuschende Augenblicke.

 

Holger war klar, dass mancher von der Schürfergilde nicht alt werden würde. Dass jemand reich geworden wäre, darüber hörte er nicht einmal ein Gerücht. Handwerklich hatte Holger bei den Schürfern nicht viel gelernt, jedoch Schicksale kennen gelernt und das Wissen wie schwer es war Metalle zu finden. Nach dieser lehrreichen Zeit hatte er eine noch größere Wertschätzung für die Metalle als zuvor, obwohl sie schon die Zeit davor sehr hoch war.

 

Holger verließ wieder die Gilde der Schürfer und machte sich erneut auf den Weg, eine gute Schmiede suchend, um seine Fertigkeiten zu vervollkommnen.

Wieder war Holger unterwegs, wanderte auf staubigen Straßen, pflückte Beeren und Obst, das er auf dem Weg vorfand und verdiente sich zwischendurch auch etwas Geld. Gelegentlich nahm er auch bei einem Schmied Arbeit an und genauso wie die Schmiede ihn prüften, prüfte auch er die Schmiede. Bislang jedoch hatte Holger keinen Schmied gefunden, der ihm im Wesen, in seiner beruflichen Spezialisierung und seiner Werkstätte  entsprochen hätte.

 

 

Holger hatte auf einem Getreideacker übernachtet, wo die geschnittenen Ähren gebündelt und mit den Ähren nach oben aufgestellt waren, um eventuelles Regenwasser außen abfließen zu lassen, so dass man keinen Schimmel fürchten musste. Das war ein guter Windschutz und schützte zugleich vor der feuchten Morgenluft. Eine Herberge hätte sich Holger nicht leisten können. Außer zwei Hand voll Körnern, die er von den Ähren abgerebelt hatte, hatte er nichts im Magen und war nach einem halben Tag Marsch entsprechend hungrig. Gegen Mittag holte ihn ein Bauer mit seinem Pferdewagen ein. Der Bauer blickte ihn aufmerksam an, fuhr einige Schritte weiter und blieb dann stehen.

"Willst aufsteigen?" fragte er.

"Gern, seid bedankt!" und schon saß Holger neben dem Bauern. Er stellte sich als Wanderbursche vor, aber das konnte der Bauer ohnedies schon an der Kleidung feststellen.

 

Der Bauer musterte ihn und erblickte mit Verwunderung den prachtvollen Gürtel und den Dolch darin. Gesellen trugen Stöcke. Einen Gesellen, der eine Waffe trug, hatte der Bauer noch nie gesehen. Deshalb stellte sich Holger als Schmiedgeselle vor. Dass schaffte ihm beim Bauern sofort Respekt, denn Schmiede waren eine besondere Zunft. Schmiede fanden sich nicht in kleinen Dörfern, sondern praktisch nur in Kleinstädten und Städten. Umso mehr wurden deshalb in den Dörfern die Gerüchte um die Schmiede aufgebauscht. Von all dem entsprang das Meiste eher der Fantasie als der Realität. All das schaffte am Land den Schmieden und auch diesem Wandergesellen Respekt.

 

Der Bauer war auf dem Rückweg von der Stadt, wo er Körbe und Feldfrüchte verkauft hatte. Um den Erlös hatte er sich zwei Fässer und etwas Stoff besorgt. Er kam nur selten in die Stadt, vielleicht zweimal im Jahr.

 

Die Fahrt war lang und auf den holprigen Wegen ermüdend. Hin und wieder konnte es schon vorkommen, dass der Wagen stecken blieb oder sich sonst Unerwünschtes ereignete. Allein war man dann leicht in einer verzweifelten Situation. Deshalb war es ein willkommenes Geschenk einen kräftigen Wanderburschen neben sich sitzen zu haben. So hatten beide etwas davon.

 

Bei einem schattigen Baum machte der Kutscher Halt, ließ die Pferde grasen und packte das Essen aus, Speck, Brot und Wasser, das er mit dem Schmiedgesellen teilte.

Dann ging die Fahrt weiter. Die zwei auf der Kutscherbank unterhielten sich freimütig über dieses und jenes. Der Schmiedgeselle schien wirklich schon weit gereist zu sein und gab jedenfalls so manche spannende Angelegenheit zum Besten. Solche Gespräche waren für beide Seiten wichtig. Der Bauer hörte etwas über die Welt jenseits seines Dorfes und Holger, der Schmiedgeselle, konnte sich über die örtlichen Gegebenheiten erkundigen und vor allem, ob er im Dorf eine Gelegenheitsarbeit finden konnte, um wieder kräftig zu essen und etwas Geld für die nächsten Tage zu verdienen.

 

"Hoo", rief der Bauer und hielt den Wagen an. Ein mit hohem Gras halb zugewachsener Karrenweg zweigte von der Straße ab. "Wenn du weiter willst, musst du absteigen! Ich zweige in mein Dorf ab. Wenn du dir etwas Geld verdienen willst, kannst aber auch mit mir fahren und auf zwei Tage bei mir Holz hacken."

"Das Angebot nehme ich freudig an", rief Holger. "Außerdem muss ich ja nicht auf der Straße hier weiter wandern, sondern kann die nächste nehmen, die von deinem Dorf weiter führt."

"Führt keine Straße weiter", antwortete der Bauer kurz gebunden.

"Nun ja, irgend ein Weg wird doch zum nächsten Dorf weiter führen", meinte Holger.

"Es gibt keinen nächsten Weg und kein nächstes Dorf". Der Tonfall des Bauern hatte sich merkwürdig verändert. Es schien als ob ihm das Gespräch nicht gefallen würde.

Holger als Wandergeselle kannte die verschiedensten Situationen und scheute vor keinem Gespräch zurück.

"Ach so, du meinst ein Fluss ohne Brücke oder dergleichen würde dein Dorf abschneiden."

"Nein, der Wald", war eine schon mürrische Antwort.

Holger wechselte das Thema, denn er wollte die gute Stimmung nicht verderben und sie sprachen über anderes weiter.

 

Sie kamen am sehr späten Abend an und bekamen von der Bäuerin ein kräftiges Essen. Die Kinder schliefen schon.

Zeitig am Morgen wurde aufgestanden. Holger bekam eine Hacke und das Holz zugewiesen und machte sich an die Arbeit. Die Hacke selbst war überdimensioniert, damit sie mehr Gewicht habe und aus Holz. Ihre Kante war mit Eisen beschlagen. Eisen war nämlich zu teuer, um das gesamte Werkzeug daraus zu gießen. Das Holzhacken war durch ein solch unhandliches Gerät eine schwere Arbeit, aber Holger liebte diese Tätigkeit.

Zur Hälfte des Vormittags kam eines der Kinder, ein etwa achtjähriges Mädchen und brachte Holger einige Brote, ein Stück Speck dazu und einen Krug Wasser.

Holger nahm dankend das Essen in Empfang und setzte sich auf den Hackstock.

Das Mädchen blieb stehen und schaute ihn neugierig an. Offenbar kamen selten Fremde in das Dorf. "Bist ein Wanderbursche?"

"Ja, bin ich."

"Kommst du von weit her?"

"Ja, von weit her, von Elmsland."

"Das muss weit sein, ich habe das noch nie gehört."

"Es ist auch weit. Es ist im Süden. Dort ist es sehr trocken und dort gibt es nicht so schöne Wälder wie bei euch."

"Der Wald ist nicht schön, der ist unheimlich", flüsterte auf einmal das Mädchen, "in ihm wohnen die Geister der verwunschenen Stadt." Und schon lief das Mädchen weg.

 

Für Holger war das eine aufregende Nachricht. Es schienen hier die Ruinen einer alten Stadt in der Nähe zu sein, aus jener Zeit, von der man sich Wunder erzählte. Es waren jene Stätten, wo bisweilen seltene und hoch begehrte Metalle gefunden wurden, etwa das leichte und weiche Metall, das Aluminium genannt wird. Nachdem die Stadt als unheimlich und verwunschen galt, war sie vielleicht noch nicht so sehr ausgeplündert. Vielleicht war sie gar von den Schürfern gemieden und verschont geblieben.

Holger steigerte sich in Wunschbilder und Fantasien und konnte seine Aufregung kaum bändigen. Er hackte kräftiger und schneller, um seine Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Natürlich ließ er sich beim Mittagessen nichts anmerken und erzählte statt dessen einige lustige Begebenheiten aus seiner Wanderung, was für Fröhlichkeit sorgte und gut ankam.

 

Der Bauer war mit der Arbeit zufrieden und nach zwei Tagen zahlte er Holger den Lohn aus und gab ihm zudem noch einen Leib Brot und ein großes Stück Speck. Holger bedankte sich herzlich und schlug den Weg ein, den sie mit dem Fuhrwerk hergefahren waren. Außer Sichtweite machte er jedoch einen Bogen und eilte auf den Wald zu. Er konnte es nicht erwarten die Ruinenstadt zu sehen. Er dachte an den obersten Schmied der Schmelzöfen, der einmal sagte: "Könnte ich nur für einige Augenblicke eine solche alte Stadt sehen, ich würde mein Leben dafür geben!"

 

Auch nur Ruinen einer alten Stadt zu sehen war weit und breit nicht möglich. Alle alten Städte waren bereits ebenes Land, mit Wildwuchs überwuchert und niemand ohne lokale Kenntnisse hätte sie überhaupt gefunden, selbst dann nicht, wenn er quer über eine solche Stadt gewandert wäre. Woher hätte er auch erkennen sollen, dass hier einmal eine Stadt war? Mauerreste gab es zwar gelegentlich, aber auch diese waren sehr selten. Man konnte sich kaum vorstellen, dass in den von Sträuchern überwuchertem, meist unfruchtbarem Gelände einst Dämonen mit ihren metallenen Körpern gehaust hatten. Jene Zeit der Städte musste schon sehr lange her sein, denn von ihren eisernen Körpern war nicht mehr als etwas rote Erde über geblieben. "Erde mit dem Blut der Eisenwesen" nannten die Schürfer jene Stellen mit der roten Erde. In den ersten Jahrhunderten nach dem Untergang der Dämonenwelt gab es noch viele Ruinen, sogar ganze Städte aus Ruinen, wie man aus uralten mündlichen Überlieferungen entnehmen konnte, die erst Jahrhunderte später in Schrift festgehalten wurden. Aus Angst, dass aus diesen Ruinen die Metallwesen wieder auferstehen könnten, ließen die Könige diese Städte von Sklaven einebnen, nachdem zuvor alles Metall gesammelt wurde. Umso wunderbarer war diese zufällige Entdeckung, falls die Gerüchte des Dorfes stimmten. Nicht einmal von Schürfern hatte er je einen Bericht gehört, dass es eine verwunschene Stadt gäbe.

 

Holger eilte auf den Wald zu und in seiner Fantasie sah er merkwürdige Steinbauten, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden nie von eines Menschen Fuß betreten. Tempel sah er in seiner Fantasie, auf deren Altären metallene Abbilder seltsamer Wesen standen, umgeben von Ziergitter aus Kupfer, Messing, Gold…. Holger unterbrach gewaltsam seine Fantasien, denn beinahe hatte er schon zu laufen begonnen. Er musste jedoch Ruhe bewahren, denn wer weiß, welches Abenteuer da auf ihn warten konnte. Gefährliche Schutzanlagen mit Gruben und Pfeilen, welche Unbefugte vor dem Betreten abhalten sollten. Gefahren mochte es hier viele geben, sicherlich, denn sonst würden die Dorfbewohner vor dieser Stadt nicht dermaßen Angst haben. Dass es unter den Schürfern keine Erzählungen über diese Stadt gab, war merkwürdig. Die Schürfer hatten Landkarten, auf welchen die alten Städte eingezeichnet waren, zumindest jene, die man noch ausmachen konnte. Von dieser Stadt jedoch hatte er noch nie etwas gehört oder auf einer Karte gesehen. Man hatte sie wahrscheinlich gemieden und dann vergessen.

 

 

Holger sah in seiner Fantasie Tempel mit metallenen Figuren seltsamer Wesen auf den Altären.

 

 

In den Ruinen der Altstadt

 

 

Holger näherte sich rasch dem Wald. In der Nähe des Waldrandes sah er noch Stümpfe gefällter Bäume, aber schon hundert Meter weiter schien der Wald völlig unberührt zu sein. Uralte Bäume standen hier und überall dort, wo einer der Riesen umgefallen war, hatte sich eine Lichtung gebildet mit Jungholz und Waldblumen und emsigem Insektenleben. Holger hatte das Empfinden einen Wald am Ende der Welt zu betreten, etwa so wie Wälder in Märchen beschrieben werden, weit jenseits der Menschen, bevölkert von unheimlichen Wesen.

 

Holger war ungefähr eine Stunde im abgedunkelten Licht des hohen Blätterdaches gewandert, als er an eine Lichtung kam. Es war eine Sumpfwiese. Nicht weit von ihrem Rand stand auf einem großen Felsblock eine  steinerne Figur. Es war die Darstellung eines Mannes, der abwehrend die Hände hob und anscheinend vor einem Weitergehen warnte. Ein Totenschädel unterstrich noch die Gefahr, die bei Übertreten der Grenze zu drohen schien.

 

 

Die Wächterfigur

 

Holger blieb stehen und setzte sich gut getarnt von einem mit Brombeerranken umwucherten Strauch in das Moos, das sich um das Wurzelwerk eines dicken Baumes gebildet hatte, an den er sich bequem anlehnte. Er holte aus seinem Ranzen das Brot und den Speck. Es war sein Mittagessen, ein köstliches sogar. Das Wasser fehlte leider.

Während er es sich schmecken ließ, wollte er gleichzeitig beobachten, ob hinter dem Wächter Bewegung zu sehen wäre. Doch alles blieb ruhig. Was sich regte waren Vögel und Schmetterlinge. Vogelgesang war zu hören und vermittelte ein Gefühl des Friedens und einer ungestörten Umgebung.

 

Holger hatte durch einige Zeit in das Gebiet hinter der Steinfigur und seitlich von dieser gespäht, aufmerksam nach ungewohnten Geräuschen gelauscht, doch nichts Außergewöhnliches war festzustellen. Mehr und mehr wendete er daher seine Aufmerksamkeit dem Speck zu, schnitt ihn mit seinem Dolch in kleine Streifen und aß mit Genuss, zunehmend die Aufmerksamkeit von außen seinen Gedanken zuwendend. Er begann all sein Wissen über die alten Städte hervor zu holen, um etwaige Situationen und Gefahren abschätzen zu können.

Die Beschreibungen der Gefahren, welche man einer alten Stadt beimaß, waren von der Religion geprägt. Es gab nur eine einzige Religion, die Staatsreligion, mit dem Himmelherrscher als zentrale Figur. Der Himmelherrscher regierte mittels seiner Engelscharen über alle Welten, auch über die irdische Welt. Der König war sein irdischer Vertreter. Wer dem König als dem Stellvertreter des Himmelherrschers nicht gehorchte, verstieß somit auch gegen die Ordnung des Himmelherrschers. Er hatte dann nicht nur den Kerker zu befürchten, sondern auch die Hölle. Natürlich gab es immer schon Quergeister, ob unter den Menschen oder den Engelscharen. Ob so oder so, keiner von ihnen entkam letztlich der Strafe. Gemäß der Staatsreligion verloren die rebellischen Engel ihr lichtvolles schönes Aussehen und wurden zu dunklen metallenen Dämonen und in die unterirdische Welt der Hölle gestürzt. Da sie aber sehr erfinderisch waren, gelang es ihnen eines Tages der Hölle zu entfliehen. Sie erreichten einen Ort mit Wäldern und Wiesen, unsere irdische Welt. Hier bauten sie Städte von schrecklichem Aussehen. Von diesen Bastionen aus fielen sie über die Menschen her, die auf redliche Art als Bauern ihr Brot verdienten. Der Himmelherrscher hatte jedoch Erbarmen mit den Menschen und stellte ihnen Könige an die Spitze, um mit Hilfe der Könige und der himmlischen Heerscharen gegen die dämonischen Metallwesen zu kämpfen. In einer gewaltigen Schlacht wurden die Metallwesen vom Himmelherrscher und den ihm treu zur Seite stehenden Königen besiegt und ausgelöscht. Alle Städte, in denen sie gehaust hatten wurden dem Erdboden gleich gemacht. Man ließ Gras und Bäume darauf wachsen, auf dass man an keiner einzigen Stelle mehr zu erkennen vermochte, dass hier einmal eine von dämonischen Metallwesen beherrschte Stadt war. Kein Stein blieb mehr von ihnen über und man wusste über sie nur aus Sagen.

Um so mehr war Holger überrascht, dass die Ruinen einer solchen Stadt noch immer existieren könnten. Die Wächterfigur war der Beweis hierfür. Holger grübelte darüber nach: "Als zerstörte Stadt musste sie übersehen worden sein. Die Wächterfigur hätte man beim Schleifen der Ruinen auf jeden Fall zertrümmert. Würde sie jedoch noch bewohnt sein, so widersprach ihre Existenz der vorherrschenden Religion, der gemäß alle Städte von den Engelscharen und Heeren zerstört wurden. Oder es war dem Himmelsherrscher und seinen Heeren nicht gelungen die Stadt zu zerstören. In diesem Fall hatte man dieses Missgeschick verschwiegen, um dem Ruf des Himmelherrschers nicht zu schaden."

 

Die Schmiede vertraten zwar die Staatsreligion, aber bezüglich der Metallwesen hatten sie ihre eigene Überlieferung. Diese Abweichungen von der Staatsreligion waren so gering, dass man sie tolerierte. Es betraf ja nicht das Prinzip, nämlich die Herrschaft des Himmelherrschers und des Königs, sondern nur die Metallwesen, die natürlich für die Schmiede von besonderem Interesse sein mussten. Die Schmiede pflegten dieses besondere religiöse Wissen wie eine geheime Religion, die an niemanden außerhalb der Zunft weiter erzählt werden durfte, nicht einmal an Ehefrauen und auch nicht an Kinder. Erst im dritten Jahr der Lehrzeit, nach vielen Prüfungen der Treue und Verlässlichkeit wurden Schmiedlehrlinge in der Religion instruiert. Bei der Prüfung zum Gehilfen hatte das Wissen um diese speziellen Aspekte der Religion eine große Bedeutung.

Natürlich war das eher Tradition, welche die Zunft der Schmiede zusammen schweißte, de facto jedoch kannten die Priester und Herrschenden die religiösen Abweichungen der Schmiede sehr wohl.

 

So wie von der Staatsreligion vorgeschrieben glaubten die Schmiede an einen Himmelherrscher. Sie glaubten jedoch nicht an eine ewige Hölle oder ewigen Himmel, sondern an ein zyklisches Geschehen, wie es die Tageszeiten und die Jahreszeiten vorgaben. So vertraten sie einen Glauben, in welchem die Menschen nach ihrem Tod einige Zeit zwar in eine jenseitige Welt kamen, diese jedoch wieder verließen, um erneut als Mensch wiedergeboren zu werden. Das waren allerdings einige erhebliche Abweichungen von den üblichen heiligen Schriften, jedoch mit etwas Unwillen von den Priestern toleriert, weil es in der Vergangenheit auch Könige gegeben hatte, welche diese Ansichten vertreten hatten.

 

Des weiteren waren für die Schmiede die Metallwesen keine Dämonen. Nach ihrer religiösen Interpretation entstand alles Leben aus der Erde. Das erste Leben, das aus Gestein und Erz entstanden war, waren die Metallwesen. Sie waren kalt und hatten noch kein Herz. Aus ihnen entstand eines Tages durch einen Blitz, der in solch ein Metallwesen fuhr, der Mensch. Der Blitz hatte in das Metallwesen Wärme gebracht und es geschmeidig und biegsam gemacht. So wie der erste Mensch entstanden auch die Tiere. Die Metallwesen waren somit gemäß der Religion der Schmiede Urwesen und keineswegs gefallene Engel. Sie waren aber auch nicht gut, weil sie noch kein Herz hatten. Es waren die Menschen, welche die Metallwesen verfolgt hatten und das nicht aus Notwehr, sondern weil sie die Länder der Metallwesen für sich beanspruchen wollten. Und weil die Menschen die Metallwesen bestohlen hatten, hatten sie deren Rache gefürchtet und die Metallwesen überall ausgerottet, wo sie ihrer nur habhaft werden konnten.

Was die Gegenwart oder die vergangenen Jahrhunderte oder Jahrtausende betraf, so gab es auch nach der Religion der Schmiede keine Metallwesen mehr und genauso wenig auch Reste ihrer Städte. Ob Metallwesen oder ihre Städte, alles was auf sie hingedeutet hatte war ausgelöscht worden für immer und ewig. Umso erstaunter war deshalb Holger über die Gerüchte und Reaktionen der Dorfbewohner gewesen. Es war eine heiße Fährte, auf die er hingewiesen wurde. Wenn man es genau nimmt, saß er nun vor etwas, das es nach gegenwärtigem Wissen nicht mehr geben konnte.

 

Als Holger gegessen hatte erhob er sich und schritt 50 Meter seitlich des Wächters auf die Grenze zu. Kaum hatte er sie erreicht, als ein schrilles Pfeifen ertönte und eine Stimme in einer unverständlichen Sprache sprach. Dem Tonfall nach war es anscheinend eine Warnung vor dem Betreten des Geländes.

Das war unvermutet. Es war ein Lebenszeichen wie es nicht einmal eine ungeplünderte Ruinenstadt haben konnte. Wieso solches überhaupt möglich war, darüber nachzudenken war keine Zeit. Der Schreck allein war es, der vorherrschte, geprägt von einem kurzen Gedanke aus seiner vorherigen Grübelei, nämlich dass die Stadt vielleicht zu wehrhaft war und deshalb nicht vom Himmelsherrscher besiegt werden konnte. Das Einzige, was Holger in seinem Schreck einfiel war laufen und sich verstecken.

So schnell als er konnte lief Holger so an die zwanzig Meter weiter und warf sich dann in eine dichte Gebüschgruppe. Sie war vor Brombeeren umrankt, doch all die Dornen spürte er nicht, wichtig war ihm nur die Deckung. Sein Versteck schien gut zu sein und so blieb er darin flach auf dem Boden liegen. Durch zirka eine halbe Stunde rührte er sich mit keinem Finger und wartete, ob metallene Wächter auftauchen würden. Wächter, die mit Schwertern jeden Eindringling verjagen oder töten würden.

 

Holger blieb verborgen, doch nichts geschah. Alles blieb ruhig und in den Ästen hörte man die Vögel zwitschern. Auch die Steinfigur gab kein weiteres Signal. Die Zeit schlich dahin und dehnte sich in die Länge. Langsam wagte er sich wieder hervor und schritt vorsichtig tiefer in das verbotene Gebiet hinein. Jetzt war es klar, weshalb es diese Stadt noch gab. Niemand hatte es gewagt die Grenze zu überschreiten. Deshalb wurde die Stadt gemieden, gefürchtet und höchst wahrscheinlich auch nicht geschliffen.

 

Nachdem Holger zirka zwei Stunden langsam und vorsichtig weiter gewandert war, sah er das erste verfallene Mauerwerk. Holger war erleichtert. Es war keine intakte Altstadt, sondern nur ein Ruinenfeld. Mag sein, dass es noch Metallwesen hier gab, die ihr Gebiet schützen wollten, aber es konnten nur wenige sein und sie konnten somit nicht alles kontrollieren.

 

Holger ging weiter und achtete darauf auf keinen Ast zu treten oder sonst Lärm zu machen. Sollten noch einige Metallwesen als Bewohner verblieben sein, könnte er sich an ihnen vorbei schleichen und versuchen von diesen einzigartigen Ruinen so viel wie möglich zu sehen. Dann würde er den obersten Schmied der Schmelzöfen aufsuchen und ihm all das Wunderbare erzählen, das er in dieser unbekannten Altstadt gesehen hatte.

 

Während er sich Schritt für Schritt voran tastete, verschrie ihn ein Eichelhäher. Widerlicherweise verblieb er nicht in seinem Revier, sondern folgte Holger nach und machte ein höllisches Geschrei. Das war ärgerlich. Alles Schleichen half nichts, wenn ihn dieser Vogel dermaßen verschrie.

 

 

Aus den üppigen Kräutern sah ein Mauerwerk hervor

 

Soeben hatte Holger einen Mauerteil mit einer gut erhaltenen menschlichen Figur entdeckt. Ein Kunstwerk! Während er noch bewundernd davor stehen blieb, kam der

Eichelhäher angeflogen und setzte sich auf die soeben entdeckte Steinfigur, die aus dem Springkraut hervor schaute. Dieser widerliche Vogel, der ihn permanent verpfiff. Sonst waren Eichelhäher eher scheue Vögel. Aber vielleicht hatte der Vogel in dieser verlassenen Wildnis noch nie einen Menschen gesehen? Holger nahm einen Stein und schoss hin. Der Vogel blieb sitzen und ließ den Stein nur eine Handbreit von seinem Kopf vorbei fliegen. Holger warf erneut einen Stein und zielte genauer. Der Vogel hüpfte eine Handbreit zur Seite und ließ den Stein vorbeifliegen, der ihn nun getroffen hätte.

Nun war es Holger klar, dass er keinen Vogel vor sich hatte, sondern einen Geist oder was immer es sein mochte.

"Glaubst wohl, dass ich dich für einen Vogel halte oder mich vor dir fürchte", rief er dem Vogel zu.

Der Vogel flog näher zu Holger und setzte sich einige wenige Schritte vor ihm auf einen Ast. Während Holger noch unschlüssig war, wie er nun reagieren solle, begann ihn der Vogel anzusprechen: "Du hast recht, ich bin kein Vogel. Das ist eine Geisterstadt und wenige nur haben sie wieder verlassen. Wer sie wieder verlassen konnte, hat über ihre Schrecken erzählt und wer tot in ihr zurück blieb, hatte durch sein Ausbleiben die furchterregenden Legenden bestätigt. Was willst Du, das Grauen, das über die Stadt erzählt wird, bestätigen oder ihren Ruf durch deinen Tod beglaubigen?"

"Ich lasse mich durch dich nicht einschüchtern und werde nicht umkehren. Ich will die Stadt sehen", gab Holger zur Antwort.

"Das war eine schlechte Entscheidung", gab der Vogel zur Antwort. "Folge mir. Ich führe dich zu einem Entscheidungsträger, den wir Wächter nennen. Er wird bestimmen was mit dir geschehen wird."

"Und wenn ich mich weigere dir zu folgen?"

"Dann wird ein gefährliches Wesen kommen, dich töten und deine Reste dem Wächter zu Füßen legen. Folge mir!"

"Ja, ich werde dir folgen und es ist nicht nötig, dass du das Monster rufst", sagte Holger knapp und folgte dem Vogel, der ihm von Ast zu Ast voraus flog.

 

Sie gingen durch einen urwüchsigen Wald, vorbei an Ruinen und Schuttbergen. Sie kamen an eine Lichtung und an ihrem Rand, im Schatten der Bäume sah Holger ein seltsames Zelt, das von innen her zu leuchten schien.

 

 

Sie kamen zu einem seltsamen Zelt, das von innen her zu leuchten schien

 

Der Vogel führte Holger zum Zelt und befahl ihm einzutreten. Holger trat ein. Es war ein kuppelförmiger Raum, der hell erleuchtet war, ohne dass Fackeln oder Feuer sichtbar war. Die Wände selbst schienen Licht zu strahlen. Seitlich des Raumes war ein runder Tisch, an dem zwei Menschen mit goldener Hautfarbe saßen und in ihrer Mitte ein Mann, der sich von den üblichen Menschen nur in seiner seltsamen Kleidung unterschied. Da der Vogel von nur einem Wächter gesprochen hatte, musste dieser Mann der Wächter sein.

 

Als Holger eingetreten war und vor dem Wächter stand, sprach ihn einer der Menschen mit goldener Gesichtsfarbe an: "Du hast trotz der Warnung die Grenze überschritten und bist in die Stadt eingedrungen. Hierdurch hast du zu viel gesehen, Metalle und sonstige Schätze, welche Menschen in ihrer Gier anlocken könnten. Deshalb gestatten wir dir nicht mehr die Stadt zu verlassen und Deine Informationen unter die Menschen zu tragen. Du hast deine Freiheit verwirkt. Nie wieder wirst du dein Land und die dir vertrauten Menschen sehen. Du wirst auf eine Insel gebracht werden, auf der du als Bauer oder Fischer dein Leben weiter führen kannst. Ich bin ein Metallwesen, so wie ihr uns benennt und ich werde dich jetzt zu einem Gerät führen, dass dich zu der Insel bringen wird."

"Es tut mir leid, dass meine Zukunft so schnell zu Ende ist", gab Holger zur Antwort. "Dennoch war es mein größter Wunsch, eine alte Stadt und die Metallwesen zu sehen. Ich hätte nie gedacht, dass sich dieser Wunsch je erfüllen sollte, denn nach üblicher Auffassung gibt es keine alten Städte mehr. Was soll ich den Rest meines Lebens monoton mit Arbeit, Frau und Kinder verbringen bis mich das Alter beugt. Diese wenigen Augenblicke hier sind es mir Wert mein Leben zu verschenken."

"Wie kann man hierfür nur sein Leben verschenken wollen", meinte das Metallwesen verständnislos.

Damit erhoben sich beide goldgesichtigen Metallwesen und geleiteten Holger aus dem Zelt hinaus. Sie gingen mit ihm einen schmalen Weg, der sich durch die von Bäumen und Gras überwachsenen Ruinen schlängelte.

An einer günstigen Stelle versuchte Holger davon zu laufen, doch er hatte noch nicht den ersten Schritt getan, als ihn ein Metallwesen bereits am Kragen hatte und ihn mit spielender Leichtigkeit in die Luft hob. Es konnte dies mit einem Arm und benötigte keine weitere Unterstützung. Diese Wesen mussten über enorme Kraft und große Schnelligkeit verfügen, wurde sich Holger mit Schreck gewahr.

"Versuche dies kein zweites Mal", warnte ihn das Metallwesen.

Holger ergab sich seinem Schicksal und ließ sich von den zwei Metallwesen weiter führen. Dennoch, er wollte seine Zeit nutzen und so viel wie möglich von der alten Stadt sehen. So senkte er nicht ergeben seinen Kopf, sondern sah sich aufmerksam um. Es war nicht viel, was er sehen konnte. Es waren nur einige Mauerreste mit seltsamen Ornamenten und Figuren, die er jedoch aufmerksam betrachtete. Als sie an einer Steinfigur vorbei kamen, die eine liebliche Frau mit einem seltsamen, unbekannten Tier zeigte, durchfuhr es Holger wie ein Blitz. Wie erstarrt blieb er stehen. Ein Bild aus einer uralten Vergangenheit tauchte in ihm auf. Die Liebe zu einer Frau, die er damals in jenen uralten Zeiten sehr geliebt haben musste. Es war genau diese Figur, die einst eine Schlüsselrolle gespielt hatte. Er stand genau vor dieser Figur, so wie jetzt. Nur hatte er damals ein Tigerkind in seinen Armen. Hinter der Figur war eine große Ameise aus Metall. Fast so groß wie ein kleines Haus war sie. In dieser Ameise wohnte eine Frau, die nunmehr aus ihrem Metallhaus hervor kam und ihn liebevoll ansah. Es war eine Liebe, die Ewigkeiten zu überbrücken schien, eine Liebe, wie sie Holger in seinem Leben nie an Intensität erlebt hatte. Es war eine Liebe, die alle Zeiten zu überdauern schien und auch jetzt erfüllte sie ihn, machte seine Brust erglühen und trieb ihm Tränen in die Augen.

 

 

Aus einer Hecke von Hartriegel ragte die Figur einer Frau mit einem Löwen  hervor

 

Lange schien es Holger blieb er in jener Erinnerung versunken, dann kam er langsam wieder in die Gegenwart zurück. Die zwei Metallwesen waren stehen geblieben und hatten ihn nicht gestört.

Er kehrte wie aus weiter Ferne wieder in die Gegenwart zurück. Als er sich seiner Umgebung und Situation wieder gewahr war, sprach ihn eines der Metallwesen an: "Was ist los mit dir? Bist du krank?"

"Ich weiß nicht", antwortete Holger. "Ich habe etwas gesehen", und Tränen rannten ihm die Wangen hinunter.

"Was hast du gesehen?", fragte das Metallwesen weiter.

"Vor langer Zeit war eine Frau, die ich anscheinend sehr geliebt hatte." Erst jetzt merkte Holger, dass ihm Tränen herab geflossen waren und er wischte sie ab.

"Diese Information ist für uns nichtssagend. Erzähle Details", befahl das Metallwesen.

"Eigentlich gab es da keine Handlung", entgegnete Holger. "Ich sah nur eine Frau, die ich sehr geliebt hatte und im Hintergrund eine riesige Ameise aus Metall."

"Kannst du dich an Namen erinnern?"

Jetzt erst fiel Holger auf, dass er damit verbunden auch Namen in Erinnerung hatte und er sagte dem Metallwesen frei heraus: "Die Frau hieß Atnife, die Ameise Sleipnir und ich hieß Zuse."

"Wir kehren wieder um", sagte das Metallwesen ohne weitere Erklärung und sie gingen wieder den Weg zurück zu dem leuchtenden Zelt. Dort führten sie Holger vor den Mann, und sprachen zu diesem in einer unbekannten Sprache, wobei Holger die Worte Atnife, Zuse und Sleipnir heraus hörte, ebenfalls in der seltsamen Wortmelodie, die er in der Vision hatte, jedoch danach sprachlich nicht exakt wiederzugeben vermocht hatte.

Der Mann wechselte mit den Metallwesen einige Worte. Dann sagte er zu Holger: "Deine Verurteilung hat sich voraussichtlich um eine Stunde verschoben. Du besitzt Informationen, die ein Eingeborener nicht haben dürfte. Der Vorfall muss untersucht werden. Ich verfüge nicht über die Möglichkeiten verborgene Details aus deiner Erinnerung abzurufen. Deine Verurteilung wird somit nicht mehr durch mich, sondern durch eine kompetentere und höhere Instanz entschieden. Bis dahin wirst du in einem Raum eingesperrt. Allerdings hatten wir noch nie eine solche oder ähnliche Situation wie diese, so dass wir über kein Gefängnis verfügen. Deshalb wird dein Aufenthalt in nicht angepasster Weise relativ luxuriös sein."

 

Holger war mit dem Aufschub seiner Verurteilung zufrieden und er sah sich auf dem Weg zu seiner angeblich luxuriösen Gefängniszelle aufmerksam die Umgebung an. Diesmal gingen sie an etlichen Ruinen vorbei, welche noch immer eine einstige Größe und Schönheit der Stadt erahnen ließen. Immer wieder blieb Holger vor Steinornamenten oder Steinfiguren stehen, die auf Grund ihres härteren Materials die Zeit besser überstanden hatten als die Ziegelmauern. Die Androiden sahen sich immer wieder genötigt Holger anzustupsen und zum Gehen aufzufordern.

Nach einiger Zeit kamen sie zu einer Ruine mit einem intakten und von reichlichen Steinornamenten umgebenen Torbogen, in dem sich eine Türe befand. Eines der zwei goldgesichtiges Metallwesen öffnete die Türe und vor ihnen zeigte sich ein hell erleuchteter Raum mit einer aus der Sicht Holgers königlichen Einrichtung aus gepolsterten Stühlen, einem schön verzierten Tisch und anderen Objekten, worunter etliche waren, deren Sinn Holger nicht erfassen konnte.

 

"Du wirst hier für kurze Weile verbleiben bis weitere Entscheidungen gefallen sind. Halte Deine Neugierde in Grenzen und mache nichts kaputt. Zur Sicherheit lassen wir einen Roboter hier bei dir im Raum. Er wird dich bewachen." Damit drehten sie sich um und verließen den Raum.

 

"Roboter" war ein unbekannter Begriff, den Holger erstmals gehört hatte, aber offensichtlich war dies der Name des seltsamen  Metall-Wesen, das ihn bewachen sollte.

 

Eine Stunde verging und nichts geschah. Die Zeit wurde länger.

"Ich muss Wasser lassen", sprach Holger das Metall-Wesen an. "Wie soll ich das, wenn ich nicht hinaus darf?"

"Folge mir", sprach das seltsame Wesen und führte Holger zu einem kleinen Nebenraum. "In diese Schale kannst du dich entleeren und wenn du auf diesen Knopf drückst, wird der Inhalt durch Wasser weggespült. Hier hast du auch Papier, falls du solches benötigst."

 

Holger staunte. In solchem Luxus mussten Könige leben. Bislang konnte er sich solchen Reichtum nicht vorstellen. Er kam seinem Geschäft nach und spülte noch einige Male Wasser nach, weil der Vorgang so seltsam und interessant war. Danach ging er wieder in den Raum zurück, blieb in der Mitte stehen und sah sich um. Dann sprach er das Metallwesen Roboter an: "Ich habe Durst, kann ich etwas zum Trinken haben und etwas zum Essen?"

"Ja", sagte das Wesen namens Roboter. "Es wird sofort gebracht werden."

 

Eine kurze Zeit später öffnete sich die Türe und zwei Wesen, die gleich jenem namens Roboter aussahen, brachten Wasser und kleine Brote.

 

Nach dem Essen wurde Holger müde und er machte es sich in einem größeren gepolsterten Stuhl gemütlich, der ohne an einem Tisch zu sein im Raum stand und bald war er eingeschlafen.

 

Holger erwachte am späten Morgen. Als er die Augen aufgeschlagen hatte, dachte er noch immer zu träumen. Er lag in einem gepolsterten Gestell, das bequemer als das beste Bett war, mit einer Rückenlehne, die nur leicht angehoben war. Er lag seitlich und als er die Augen geöffnet hatte, sah er neben sich ein seltsames Metallwesen stehen. Es war das Wesen namens Roboter, dämmerte es Holger auf. Schnell erinnerte er sich dann an die letzten Ereignisse. Aber auch diese waren so seltsam, dass es vielleicht doch ein Traum sein konnte. Deshalb schloss er wieder die Augen, um den Traum ausklingen zu lassen. Als er abermals die Augen öffnete fand er alles unverändert wie kurz zuvor. Es musste somit alles echt sein und kein Traum.

Das Wesen namens Roboter reichte Holger Wasser und wiederum einige kleine Brote und Holger ließ es sich schmecken, denn die Brote waren vorzüglich.

 

Holger war gerade mit dem Frühstück fertig, als sich die Türe öffnete und eines der goldgesichtigen Wesen den Raum betrat. "Unsere vorgesetzte Instanz hat entschieden, dass du zu einem genaueren Verhör zu Spezialisten auf den Mond gebracht wirst. Voraussichtlich wird es höchstens eine oder zwei Stunden dauern bis ein Astronaut eintreffen wird, um dich zum Mond zu bringen."

Der Goldgesichtige drehte sich um und verließ den Raum, ohne auf eine Antwort zu warten.

Holger dachte nach, ob der Goldgesichtige mit seiner absurden Aussage etwa geisteskrank wäre und da er dies nicht klären konnte, ließ er es dabei bewenden und beschloss statt dessen den Raum genauer zu untersuchen, zumindest soweit es sein Aufpasser zuließ.

 

Holger wartete. Zwei Sunden waren vergangen und noch etliche mehr. Schließlich wurde es Abend, Holger bekam wieder Wasser und Brot und hinzu zwei Äpfel. Holger war sehr zufrieden über die großzügige Gefängnisnahrung und nachdem nichts Weiteres geschah, legte er sich wieder schlafen.

Es kam der Morgen und Holger bekam wiederum ein Frühstück. Auch diesmal war eine Frucht dabei, wenngleich er eine solche Frucht noch nie gesehen hatte. Da Holger annahm, dass man ihn nicht vergiften wolle, aß er die Frucht und sie schmeckte köstlich.

 

Kaum war er mit dem Frühstück fertig, als das Roboterwesen den Wächter ankündigte. Das war eine schlechte Nachricht. Der Wächter war der Vorgesetzte von den zwei Goldgesichtigen. Wenn er kam, so war anscheinend eine endgültige Entscheidung getroffen worden. Sein Frühstück war somit zu einer Art Henkersmahlzeit geworden. In diesem Fall hätten sie ihm bessere Speisen anbieten können, fand er.

 

Bald darauf öffnete sich die Türe und der oberste Wächter trat zusammen mit den zwei goldgesichtigen Menschen oder Metallwesen ein.

Holger stand auf. Die drei gingen zum Tisch und fragten, ob sie sich setzen dürften. Sprachlos starrte sie Holger an. Diese Höflichkeitsgeste hatte er von einem Henker nicht erwartet. Aber hier schien ja manches unerklärlich bis verrückt zu sein.

Die drei setzten sich und baten Holger ebenfalls am Tisch Platz zu nehmen.

Der oberste Wächter begann das Gespräch: "Du hast von einer Vision berichtet und hierbei den Namen Atnife erwähnt. Bitte erzähle uns deine Visoin noch einmal mit allen Details, welche Dir einfallen. Du darfst kein Detail auslassen!"

Holger erzählte seine Vision noch einmal, diesmal detaillierter als damals , als ihn die zwei Goldgesichtigen um den Bericht gebeten hatten.

 

Der Wächter wendete sich wieder an Holger: "Atnife, ist der Name unserer Großregentin, welche über das gesamte Imperium herrscht und sehr weit von hier in den Libellenschiffen residiert."

Holger starrte den Wächter nur an und verstand kein Wort. Dann dachte er: "Das war wohl ein Glück, dass ich einen ähnlichen Namen wie den der Herrscherin genannt hatte. Zumindest zwei schöne Tage hat es mir verschafft, mit einem Gang durch eine noch nicht eingeebnete Altstadt mit unglaublich interessanten Eindrücken. Der oberste Schmied der Schmelzöfen hätte gesagt: "Es war die Erfüllung meines Lebenswunsches und die Folgen wert."

Der Wächter merkte, dass Holger etliches unverständlich war und ergänzte: "Die Libellenschiffe sind eine Gruppe künstlicher Welten, welche sich im Kuiper Gürtel, einer Umgebung auf der Himmelskuppel befinden", fügte er erklärend hinzu.

 

Holger schien nun die Aussage zu verstehen. Die Sterne waren nach Aussage der Standardreligion Löcher in der Himmelskuppel, welche sich über der Erdscheibe befindet. Die Himmelskuppel wurde als großer Ozean verstanden, der sich über die Erde wölbt, womit erklärt wurde, weshalb der Himmel blau ist. Daraus folgernd war der Begriff "Schiffe" für Holger nachvollziehbar und logisch.

 

Holger erwiderte: "Ehre sei der Großregentin aus dem Nahkreis des Himmelherrschers". Es war eine nichtssagende Antwort, die als Höflichkeitsfloskel nur gut sein konnte, dachte er.

 

Zu seiner Überraschung starrte ihn der oberste Wächter perplex an. "Für mich gibt es keinen Himmelsherrscher. Die Großregentin gehört somit nicht zu seinem Nahkreis. Es gibt ausschließlich eine Himmelsherrscherin und das ist die Großregentin Atnife und neben ihr gibt es niemanden, der ihr ebenbürtig wäre."

 

"Entschuldigung", murmelte Holger, vermutend, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Aber was soll es, Fehler hin oder her, es spielte jetzt ohnedies keine Rolle mehr, dachte Holger. Und er grübelte weiter: In der sozialen Ordnung dieser seltsamen Wesen waren offenbar Frauen höher gestellt als Männer. In manchem schien diese Himmelswelt eine Spiegelwelt zur Erde zu sein mit umgekehrten oder unverständlichen Werten.

 

Holger wurde durch die Stimme des obersten Wächters wieder ins Hier und Jetzt geholt: "Die Meldung des Vorfalls wurde für uns unerwartet an die Regierung der Großregentin weiter geleitet. Für uns unvorstellbarer Weise blieb es nicht dabei, sondern wurde Deine Vision in der Folge direkt der Großregentin übermittelt.

Die Großregentin hat beschlossen sich selbst ein Urteil zu machen und veranlasst, dass du zu ihr gebracht wirst. Es überschreitet mein Vorstellungsvermögen, dass ein Eindringling in unser Gebiet eine solche Bedeutung haben könnte, dass er quer durch das Reich zur Herrscherin gebracht wird."

 

Für Holger war das Ganze zwar unverständlich, offenbar genauso unverständlich wie dem Wächter, aber eines ging hieraus klar hervor: Es war vorgesehen, dass er zur Himmelsregentin gebracht werde. Reisen sind im Allgemeinen eine langwierige Angelegenheit und das bedeutete, dass bis zur Aufdeckung des Irrtums seine Lebenszeit erheblich verlängert wurde. Dank dieser glücklichen Umstände war das Frühstück somit nicht sein Henkersmahl.

 

"Bis zum Eintreffen eines Astronauten oder anderer Anweisungen bist du unser Gast und es wird dir jeder Wunsch erfüllt, außer jener die Räumlichkeit zu verlassen. Bitte dich bezüglich deiner Wünsche an den Roboter zu wenden." Der Wächter verneigte sich leicht und ebenfalls die zwei Metallwesen und dann verließen sie den Raum.

Die Verneigung seiner bisherigen Richter oder Henker machte Holger derart fassungslos, dass er vergessen hatte den Gruß zu erwidern. Es waren jedoch in der Zwischenzeit bereits so viele Absurditäten vorgefallen, dass Holger ohne viel darüber zu grübeln, die Situation weg steckte. Diese Metallwesen hatten, wie sich offenbar zeigte, zwar eine entwickelte Zivilisation, aber sie waren in ihrem Wesen verrückt oder hatten zumindest noch nicht die Fähigkeit des logischen Denkens wie die Menschen seiner gegenwärtigen Zeit. Dieser Mangel an logischer Denkfähigkeit war sicherlich auch die Ursache hierfür, dass diese alte Zivilisation sonst überall, bis auf diesen Rest hier, von den nachfolgenden Menschen ausgerottet werden konnte.

 

Dann wandte sich Holger wieder mehr dem Praktischen zu. "Möge sich der Astronaut oder wie er heißt, Zeit lassen und lange nicht kommen, dachte er noch bevor er rief: "Roboter, was ist ein Astronaut?"

"Jemand, der ein Schiff steuert", war die Antwort an Holger.

"Es stimmte also", dachte Holger, "er würde reisen, bis zur Himmelskuppel und dort durch ihre Löcher hinaus weiter auf dem Himmelsozean. Welch ein Abenteuer, kein Mensch war je so weit gereist. Wie würde der oberste Schmied der Schmelzöfen oder sein Lehrherr staunen, wenn sie von ihm hören könnten, dass er auf einem Schiff den Himmelsozean durchqueren würde."

 

Dann unterbrach er seine Gedankengänge und beschloss alle seine Möglichkeiten bis zur Grenze auszutesten, um so viel wie möglich über diese seltsame Zivilisation zu erfahren.

"Roboter", sprach Holger abermals und. "Bringe mir bitte eine Auswahl von Speisen und Getränken."

Holger war sich zu unsicher, ob er Hasenbraten oder Wein anfordern konnte. Wer weiß, ob diese seltsamen oder verrückten Wesen überhaupt wüssten wie gut ein Hasenbraten schmeckt. Deshalb die Anordnung "Auswahl", da konnte sicherlich nichts schief laufen.

Bald darauf wurden zu seiner Überraschung von zwei weiteren Metallwesen, die wie Roboter aussahen aber deren Namen er nicht wusste, fünf verschiedene Speisen und mehrere unterschiedliche Getränke gebracht. Bevor er noch essen konnte fragte ihn Roboter: "Wünscht du Musik?"

"Ja", sagte Holger in Erwartung, dass Roboter nun ein Instrument spielen und vielleicht sogar ein Lied dazu singen würde.

Statt dessen fragte Roboter: "Welche Musik?"

Mit dieser Frage war Holger überfordert. Er kannte nur die Lieder einfacher Musikanten, wie sie auf der Straße oder in Lokalen aufgespielt wurden. Deshalb sagte er: "Ich möchte einige Musikproben hören".

Holger erwartete, dass nun einige dieser seltsamen Roboterwesen den Raum betreten würden, um ihm aufzuspielen. Zur Überraschung jedoch ertönte im Raum eine liebliche Musik, wobei man wohl hören konnte, an welcher Stelle des Raumes die jeweiligen Musiker spielen mochten, aber man sah sie nicht. Nach dem ersten Erstaunen sah er sich einige Male um, um vielleicht doch die Musikanten zu sehen. In dieser wundersamen Umgebung konnten die Musikanten ja vielleicht auch kleine Vögel sein, gleich jenem am Anfang des seltsamen Abenteuers, als er die Stadt betreten hatte. Doch er sah nichts. Holger beschloss das Rätsel später zu lösen und blieb bei der ersten Musikprobe, die ihm gefiel und ließ weiter spielen, während er sich dem Essen widmete, das, obwohl es kein Hasenbraten war, köstlich schmeckte.

 

Sobald sich Holger satt gegessen hatte, wollte er die Gelegenheit nutzen sich von dem dienstbeflissenen Metallwesen Roboter alles an offenen Fragen erklären zu lassen.

"Metallwesen Roboter", begann Holger seine Frage, "berichte mir etwas über die Handelsschiffe namens Libellen und über ihre Eignerin."

"Großregentin", besserte Roboter aus. "Es steht mir nicht zu, Informationen außerhalb deines körperlichen Wohlbefindens zu geben."

"Dann erkläre mir was eine Großregentin ist, damit ich bei weiteren Gesprächen keinen Höflichkeitsfehler begehe."

"Auch das ist außerhalb meines Kompetenzbereiches."

 

Unzufrieden über diese Antworten widmete sich Holger wieder der Musik.

Die Zeit verging und es kam das Mittagessen. Es war gut. Dann folgte ein nichtssagendes Gespräche mit Roboter, der zu keiner tiefgreifenden Erklärung bereit war zu was immer er befragt wurde. Auf eine Frage jedoch bekam er eine Antwort und diese überraschte ihn. Er hatte so beiläufig, ohne konkreten Hinweis zu erwarten gefragt, wie das Wetter morgen sein würde.

"Morgen wird die Sonne scheinen" gab Roboter zur Antwort. "Erst gegen Abend werden Wolken aufziehen und in der kommenden Nacht wird es dann regnen."

Holger staunte. Woher wusste das Metallwesen das alles so genau. Ob diese Wesen unvorstellbare magischen Kräfte besitzen würden?

Wie auch immer es sein mochte, Holger hatte keine Lust zu grübeln, denn eine wohltuende Müdigkeit machte sich bemerkbar und forderte ein Verdauungsschläfchen ein.

 

 

Der Astronaut

 

 

Nach einer Stunde war das Verdauungsschläfchen von Holger zu Ende. Schließlich hatte er die ganze Nacht geschlafen und das derart angenehm und tief wie schon lange nicht. Wie immer, er war jetzt prächtig erholt.

Er öffnete die Augen und sah das Metallwesen Roboter an seiner Seite stehen. Schon sprach ihn das Metallwesen Roboter an: "Ein Bote ist eingetroffen und bereit dich zur Großregentin zu bringen. Darf ich ihn rufen?"

"Ja", sagte Holger, doch das Metallwesen Roboter zeigte keine Anstalten der Bitte nachzukommen, sondern blieb einfach stehen, als hätte Holger nichts gesagt. Er schien die Antwort überhört zu haben. Deshalb wiederholte Holger: "Bitte rufe den Boten oder soll ich zu ihm hingehen?"

"Der Bote kommt bereits", war die unerwartete Antwort. "Er wird gleich an der Türe sein", und schon öffnete sich die Türe und ein junger Mann kam herein.

Als Holger den Boten sah, war er erleichtert. Endlich ein Mensch und sogar einer in seinem Alter. Mit dem müsse es leichter sein sich zu verständigen. Und schon wurde er freudestrahlend von dem jungen Mann angesprochen: "Grüße dich! Ich war schon furchtbar neugierig dich zu sehen. Wir zwei werden sehr weit reisen. Bislang hatte ich es nur vom Mars bis zum Mond geschafft und dann beim Mond war ich dann die ganze Zeit mit langweiligen Nahtransporten beschäftigt. Es war zum Ausflippen. Ich kann dir nicht sagen wie froh ich bin, dass du und damit der mit dir verbundene Auftrag aus dem Nichts aufgetaucht ist. Ich wollte immer schon weit reisen, aber leider sind solche Entfernungen nur den wenigsten gegönnt. Ich hatte schon befürchtet Jahrzehnte auf solch ein Abenteuer warten zu müssen und in Nahtransporten abzustumpfen."

"Wieso Abenteuer?" erkundigte sich Holger.

"Nun ja, man weiß ja nie ob man das Ziel erreicht und ob man nicht irgendwo dort draußen hängen bleibt und zur Mumie wird."

"Was ist eine Mumie?"

"Das ist ein Toter, dessen Körper so langsam vertrocknet."

"Das klingt ja nicht verlockend!"

"Verlass dich darauf, ich bin gut", erwiderte freudestrahlend der junge Mann. "Meine Freunde nennen mich Echinus", stellte er sich gleich vor, "Echinus heißt in einer Altsprache Igel. Die Freunde nannten mich deshalb so, weil ich immer mit unrasierten Bartstoppeln herum laufe."

"Ich heiße Holger und bin immer rasiert, weil mir noch keine Bartstoppel wachsen." Beide lachten.

"Darf ich mich an den Tisch setzen", fragte Echinus und schon saß er dort, ohne eine Antwort abzuwarten.

Holger stand von seinem Stuhl auf und setzte sich ebenfalls an den Tisch.

"Weißt", sagte Echinus, "unsere Reise wird Monate oder vielleicht ein Jahr oder länger dauern. Hängt davon ab, je nachdem wie gut mir die Route gelingt. Während der ganzen Zeit sind wir auf engem Raum zu zweit und wir müssen uns dann gut verstehen, um das durchzuhalten. Allerdings müssen wir nicht gleich abreisen. Ich habe beliebig Zeit dich zu instruieren, so dass du nicht durch Überforderung ein Risiko für die Reise darstellst. Es wäre nichts schlechter als wenn du mir während der Reise durchdrehen würdest. Dann wären wir aufgeschmissen. Deshalb müssen wir zunächst alles besprechen und ich werde dir ein wenig über die Route erzählen und die Orte, die wir anfliegen. Bist du einverstanden?"

"Ja, gerne", erwiderte Holger. "Je länger die Vorbereitung dauert, desto lieber ist es mir. Schließlich werde ich ja zu Richtern gebracht, die über mich ein Urteil fällen, weil ich unerlaubt die alte Stadt betreten habe."

Echinus starrte Holger einige Sekunden verständnislos an. Dann sagte er: "Ob du die alte Stadt betreten hast oder nicht ist denen schnupp egal. Die wissen wahrscheinlich gar nicht dass es diese Stadt überhaupt gibt."

Nun starrte Holger sein Gegenüber verständnislos an. "Warum werde ich dann überhaupt dort hin gebracht?"

"Das ist mir ein Rätsel", gab Echinus freimütig zur Antwort. "Um es genau zu sagen, ich bin total verwirrt. Exakt gesagt, ich bin darüber verwirrt, dass wir im Auftrag der Großregentin fliegen sollen. Die Großregentin kennt ein jedes Kind. Sogar ihren Namen Atnife. Es gibt unzählige Legenden und Wundergeschichten, die sich um sie ranken. Die Kinder lieben es, alle diese fantastischen Märchen über Atnife zu hören. Allerdings, sobald die meisten erwachsen werden und logisch zu denken beginnen, erkennt ein jeder, dass all das nicht möglich ist und es eine solche Großregentin gar nicht gibt. Man hat sie einfach erfunden, um dem Reich einen Mittelpunkt und Zusammenhalt zu geben. Wahrscheinlich gibt es einen Großcomputer, der sich als Großregentin ausgibt, um unter ihrem Namen das Reich zentral zu steuern."

"Wieso meinst du kann es die Großregentin gar nicht geben", fragte Holger nun ebenfalls etwas verwirrt.

Echinus ereiferte sich: "Die Großregentin oder Atnife, wie sie in all den Märchen heißt, soll seit Anbeginn an das Großreich regieren. Du brauchst jedoch nicht glauben, wenn man sich an die Legenden hält, dass sie nun schon eine uralte Frau wäre, die durch allerlei Kunstgriffe und lebenserhaltenden Maschinen gerade noch am Leben erhalten wird. Nein, sie ist eine strahlend schöne Frau und ewig jung. Und nach manchen Legenden ist sie nicht nur tausend Jahre alt, sondern viele tausende Jahre. Es gibt sogar Legenden, nach denen sie die Tochter einer löwenköpfigen Frau sei und ihr Vater die Sonne. Da wird es bereits mehr als absurd. Kein logisch denkender Mensch kann an solche Märchen glauben. Aber dass man sie erfunden hat, um durch ein derartiges politisches Konstrukt das Großreich zusammen zu halten, das glauben die meisten. Die Androiden glauben das übrigens auch, würden das aber nie zugeben, weil sie dadurch gegen eine Order ihrer Vorgesetzten verstoßen würden.

Also gut, eine solche Großregentin wie sie uns überliefert wird, kann es gar nicht geben. Umso mehr bin ich überrascht, dass sie einen Auftrag gegeben hätte."

Dann beugte sich Echinus zu Holger vor und sagte leise: "Weißt, was ich glaube. Ich vermute, dass die Angst haben, dass es auf der Erde hier verborgene Widerstandsnester von Kriegsmaschinen geben könne, mit Spionen und dergleichen und dass solche Kenntnisse, wie du sie geäußert hast, nur von daher stammen können. Sie werden also durch Medikamente, Gehirn-Scan und anderem mehr alle Informationen aus dir heraus holen wollen. Dafür benötigen sie Spezialisten, die sie auf dem Mond nicht haben."

"Das ist nicht sehr beruhigend, was du mir da anvertraust", äußerte sich Holger.

 

Echinus tat es im selben Augenblick schon leid, dass er dies Holger gesagt hatte. "Meine Vermutung muss ja nicht stimmen, vergiss es und widmen wir uns lieber naheliegenden Dingen. Nun ja, um wieder zum alten Thema zu kommen. Es gibt eine Menge für dich zum Lernen. Was ich bezüglich der Reise erwähnt habe, wird nicht reichen. Damit du dich besser zurecht findest muss ich dir auch noch eine Grundlage über die Wichtigsten Gegebenheiten unserer Zivilisation beibringen."

"Dann fangen wir mal gleich an", meinte Holger.

"Wird nicht leicht sein", bemerkte Echinus. "Du wirst mich nicht in allem verstehen und ich dich auch nicht, denn unser jeweiliges Weltbild ist sehr unterschiedlich. Ich muss zuvor selbst eine Menge dazu lernen. Ich kenne ja dein Weltbild nicht und du meines natürlich auch nicht. Aber dazu reden wir ja miteinander, damit wir auf eine Linie kommen. Aber wie du siehst, habe ich deine Sprache schon erlernt."

"Was die Reiseroute anbelangt, glaube ich mich bereits gut auszukennen", gab Holger zur Antwort. "Ich habe immer schon gerne die heiligen Schriften studiert und was da über Himmel und die Erde steht."

"Nun ja", gab Echinus lakonisch zur Antwort. "Der Mars steht für uns in einer guten Position, weshalb wir ihn als erstes ansteuern werden. Er steht mit der Erde verglichen zur Sonne im rechten Winkel und wir werden ihn tangential ansteuern."

Tangential verstand Holger nicht, wohl aber Mars. Burschikos sagte er deshalb zu Echinus, mit dem er sich bereits gut zu verstehen schien: "Ah ja, Mars kenne ich, das ist das Loch im Himmelsgewölbe, durch welches das rötliche Licht kommt!"

Echinus starrte ihn an: "Nun, ja? Ja, genau durch dieses Loch fliegen wir dann raus. Zuvor bleiben wir ein wenig dort und schauen uns dort alles an. So ein wenig Tourismus ist uns erlaubt, das macht das Reisen schön und spannend. Danach steuern wir die Gurke im Asteroidengürtel an."

"Welche Gurke an welchem Gürtel?" Holger wusste nicht, ob das nun ein Scherz war und er lachen sollte.

"Wir Astronauten haben unsere eigene Sprache. Sie ist etwas leger, aber gemütlicher. Die Androiden, das sind die mit dem goldenen Gesicht, nennen die Gurke wahrscheinlich so ähnlich wie XYGM35E2  oder dergleichen in einer unverständlichen Buchstaben-Zahlen Kombination, die sich kein Mensch merken kann. Also Gurke nennen wir ein spezielles Raumschiff, weil es so phantasielos wie eine Gurke aussieht. Und der Asteroidengürtel ist ein Steinhaufen, der da draußen herumschwebt."

"Aha", sagte Holger, "Du meinst außerhalb vom Mars Loch schweben Steine herum?"

Echinus starrte wiederum Holger kurz an, doch dann rief er fröhlich: "Genau, richtig erfasst." Dann sprach er weiter:

"Nach dem Mars gibt es keine Zwischenstation bis zu den Libellen hin. Das Einzige, das es gibt ist endlose Leere und Algen zum Essen."

Holger verstand nur teilweise. Den Begriff "Libellen" verstand er schon. Damit waren die Libellenschiffe gemeint, die Schiffspaläste der Himmelskönigin. Doch halt, die sollten doch auf der Himmelskuppel schwimmen! Deshalb fragte Holger nach: "Ich dachte die Libellenschiffe hätten ihre Segel auf dem Himmelsgewölbe gesetzt. Ich war schon sehr verwundert, dass wir durch das Loch Mars hinaus fliegen sollten. Segeln die Schiffe auf der Außenseite des Himmelsgewölbes?" Dann seine Frage selbst erklärend, lachte Holger: "Ach ja, ist ja klar, dass sie auf der Außenseite des Himmelsgewölbes segeln müssen, sonst würden sie ja auf die Erde herunter fallen."

Echinus lachte mit. Die Atmosphäre war entspannend.

Unbeirrt setzte Echinus das Gespräch fort: "Der Kuipergürtel hat enorme Ausdehnungen." Echinus beugte sich vor und sprach fast flüsternd: "Weißt, sich durch den Kuipergürtel durchzufinden und dort ein Ziel anzupeilen ist eine heikle Angelegenheit, das schaffen nicht alle. Es gibt noch weitere Strecken, etwa weiter draußen ist die Oortsche Wolke. Auch dort gibt es Werften und Schiffe. Doch angeblich residiert die Großregentin im Kuipergürtel, weil der zentraler ist und weil dort viele Schiffe und Schiffswerften sind. Meistens bilden sie kleinere oder größere Schwärme. Doch obwohl es so viele Großschiffe sind, merkt man dort kaum etwas davon, denn der Kuipergürtel ist immens weit ausgedehnt."

Echinus setzte das Gespräch fort und Holger merkte zu seinem Missfallen, dass Echinus alles nur aus seinem persönlichem Blickwinkel sah:

"Ich habe mir schon Gedanken gemacht, ob die Mission so unwichtig ist, dass man keinen verdienten Astronauten riskieren will und statt dessen einen jungen Astronauten zu verschleißen bereit ist. Könnte so sein, denn an einen Auftrag der Großregentin glaube ich nicht."

 

Holger dachte nach. Sehr rosig sah demnach seine Zukunft nicht aus, aber er hatte es ja auch nicht anders erwartet. Jedenfalls war jeder Tag ein Gewinn. Nicht dass er einen Tag länger lebte, sondern all das viele Neue, das er erfahren durfte war es, das einen jeden Tag zum Gewinn machte.

Echinus musste ihm in manchem ähnlich sein, denn auch ihm war das Abenteuer und Neues zu sehen wichtiger als sein Leben. In einem hatte er sicher recht: Für einen Verurteilten über den man noch etwas Klarheit zu bekommen hoffte, war es klar, dass man nicht den besten Astronauten riskiert, sondern einen, dessen Verlust man verschmerzen könne. Echinus musste demnach ein Abenteurer sein, denn anders war es nicht zu erklären, dass er, der gerade festgestellt hatte, dass sie kaum eine Chance hatten zu überleben, mit derartiger Begeisterung die Reise annahm.

 

"Weißt", setzte Echinus das Gespräch nachdenklich fort, "wir werden so etwa ein Jahr lang zusammen reisen, wir zwei alleine. Würden wir ein größeres Schiff nehmen für mehrere Personen, so wäre das für mich mühevoller und wir könnten bei weitem nicht so große Strecken springen wie ich es vorhabe. Es ist nicht nur wichtig, dass wir uns menschlich verstehen, sondern du musst auch wissen wohin wir reisen, wie wir reisen und wie es dort aussehen wird, dort wohin wir kommen werden."

Holger fand das Argument sehr vernünftig und stimmte zu.

 

"Ich habe folgende Planung für die nächsten Tage", setzte Echinus das Gespräch fort. "Wir fliegen einmal über die Wolken hinaus und du schaust sie dir von oben an. Dann fliegen wir etwas weiter und du kannst dir die Schale um die Erde ansehen. Wenn deine Nerven stark genug sind, fliegen wir zum Mond, ein Katzensprung von wenigen Minuten. Da fliegen wir ein wenig die Oberfläche entlang und kehren wieder zurück."

"Die erlauben mir nicht den Raum hier zu verlassen", meinte Holger bedauernd.

Echinus: "Sie behaupten ja, dass ich dich im Auftrag der Großregentin fliegen soll und wenn sie an die Existenz einer Großregentin glauben, dann werden sie uns alle Privilegien geben, die wir wünschen. Allerdings werden sie dich wie einen Gefangenen bei jeder Reise zum Raumschiff eskortieren und uns keinen Spaziergang ohne Bewachung gönnen. Aber wir können nicht immer in diesem Raum hier sitzen. Ich will Abwechslung und du wahrscheinlich auch? Bist du mit dem Flug einverstanden?"

"Natürlich bin ich einverstanden. Ich finde einen Flug hoch spannend, ich fiebere danach", begeisterte sich Holger.

 

Echinus freute sich und grinste bis zu beiden Ohren: "Nach dem Mondausflug kehren wir wieder hierher zurück und lassen uns mit Leckerbissen verwöhnen. Sollte man die kleinsten Schwierigkeiten machen, weil wir diesen Raum verlassen wollen, werde ich betonen, dass ich dich für die Reise vorbereiten muss, was ja stimmt."

Er machte eine kurze Pause und setzte dann seine Erklärungen fort: "Ansonsten habe ich vor, dich noch durch einige Wochen im Wissen auszubilden. Ich bin auf dem Mars aufgewachsen und habe in Kuppeln und Höhlen gelebt. Ich habe mir sehnlich gewünscht einmal im Leben die Erde zu sehen, Bäume und Blumen und all die Tiere, die hier im Wald sind. Es war der größte Wunsch meines Lebens. Deshalb wäre ich dir dankbar, wenn wir unsere Lernzeit hier verbringen könnten, ohne dass ich fürchten muss, dass du mir davon rennst, weil du Angst davor hast, dass wir bei der Reise als Mumien enden. Versprichst du mir das?"

Holger versprach Echinus keine Fluchtversuche zu unternehmen.

Echinus schien darüber sehr glücklich zu sein, denn er strahlte über das ganze Gesicht und bedankte sich herzlich. "Weißt, ich bin darüber sehr glücklich, denn es heißt, dass wir hier in dieser wundervollen Umgebung etliche Wochen verbringen können. Denn hier ist es weit schöner als in den Mondhöhlen, wo wir sonst die Vorbereitungen treffen müssten, weil es dort für dich nicht möglich ist fortzulaufen."

 

Holger schien Echinus zunehmend besser zu verstehen. Es war ja nicht leicht für Echinus mit all den Problemen fertig zu werden. Für Holger waren die Ansichten von Echinus das Leben zu genießen, und es sich in der Ruinenstadt gut gehen zu lassen, sehr attraktiv. Natürlich gab es noch viele offene Fragen, aber wie es schien war hierfür genügend Zeit gegeben. Was für den Augenblick wichtig war, war dass ihm keine Gefahr drohte und er zusammen mit Echinus, um in dessen Worten zu sprechen, richtig auf den Tisch hauen konnte und den höchsten Luxus auskosten konnte. Welch seltsame Wendungen das Schicksal doch zu nehmen imstande war. Er stellte sich vor, wie er mit anderen Schmiedgesellen bei vollem Suppentopf in der Wohnküche sitzen würde und dann, bei einigen Gläsern Wein unter dem Versprechen es niemandem weiter zu erzählen, seine Abenteuer schildern würde. Sie würden seine Erzählungen als köstliche Aufschneidereien empfinden und seine Fantasie loben. Alles würden sie ihm eher glauben, Geschichten von Drachen und Zauberern, ja selbst dass er im Himmel war und am großen Tisch zusammen mit den anderen an den Festmahlen des Himmelherrschers Teil genommen hätte. All das wäre für sie glaubhafter gewesen, als das, was er in Wirklichkeit erlebt hatte.

 

 

Ein kleiner Ausflug

 

Echinus streckte gemütlich Beine und Arme aus: "Nun, dann gehen wir es an und machen wir mit meinem Frosch einen kleinen Ausflug!"

Holger sah ihn fragend an.

"Frosch, so nenne ich unser Raumschiff. Es hat die Form eines Frosches. Es ist sogar grün und ein ganz tolles Schiff. Die haben mir das Beste gegeben, was aufzutreiben war. Ich glaube deinetwegen, weil du mit der Großregentin zu tun hast, wie sie glauben. Wenn die nur den Namen der Großregentin hören, werfen sie sich vor Ehrfurcht auf den Boden. Egal, ob sie an die Existenz einer Großregentin glauben oder nicht, unter diesem Namen findet sich die allerhöchste Autorität im Großreich. Die zentrale Macht über tausende und tausende kleiner Miniwelten. Jede dieser Miniwelten ist so groß wie ein Königreich, wie du es kennst. In den größeren der Miniwelten finden sich Wiesen, Wälder und sogar Meere. Du kannst dir nicht vorstellen wie groß das Reich ist!"

"Ich bin gerne zu einem Ausflug bereit. Ist dein Frosch weit weg", fragte Holger.

"Nein, der steht keine fünfzig Meter vom Eingang entfernt. Gehen wir hin. Ich liebe dieses Fahrzeug."

 

Sie wurden von niemandem aufgehalten und auch nicht von Aufpassern eskortiert. Nach einer kurzen Strecke fand sich auf einer Lichtung tatsächlich so etwas wie ein grüner Laubfrosch, allerdings so groß wie ein kleines Haus.

"Lass uns einsteigen", rief Echinus seinem Raumschiff zu.

Da kam aus dem Bauch vom Frosch eine Leiter hervor, auf die Echinus sofort zuging. Holger folgte ihm neugierig.

Sie kletterten die Leiter hoch und kamen in einen Raum, ähnlich einem Zimmer. Die Wände strahlten Licht, es gab zwei bequeme Stühle vor einem runden Tisch und des weiteren zwei Stühle mit hoher Lehne, sehr bequem gepolstert, gleich neben einer Wandseite und seltsamerweise zur Wand hingerichtet.

"Da drinnen werden wir einige Zeit verbringen müssen. Schau, hier an der Wand sind zwei Klappbetten. Und dann gibt es eine Menge Luxus. Nicht nur Musik, wie du sie schon kennst, sondern auch bewegte Bilder, die man sieht, wenn man einen Helm aufsetzt. Das zeige ich dir später einmal. Momentan wäre das zu viel. Wenn ich dir die Erde und den Mond zeige, wirst du ohnedies genug zu verkraften haben. Komm, wir setzen uns in die Stühle mit der hohen Lehne."

"Schleuse schließen", rief Echinus.

Man hörte einige Geräusche und dann eine Stimme "Schleuse geschlossen".

"Bildschirm an und Bereitschaft", befahl Echinus als nächstes.

Vor dem erstaunten Holger wurde die Wand durchsichtig und er sah vor sich den Wald.

"Nun, wie gefällt dir das?" fragte Echinus stolz.

"Faszinierend, ich erlebe ein Wunder nach dem anderen", war Holgers Antwort.

"Pass auf, jetzt schweben wir mittels Antischwerkraft hoch."

Tatsächlich schienen sie hoch zu schweben, obwohl Holger keine Bewegung verspürte. Es war ihm als wäre er ein Vogel. Bald sah er die Bäume von oben und sie wurden immer kleiner. Bald waren sie so hoch oben, dass er den Waldrand und in einiger Entfernung sogar das Dorf sehen konnte, wo er Holz gehackt hatte und von wo aus er in den Wald der Ruinenstadt gegangen war.

"Können wir etwas näher an das Dorf fliegen?", fragte Holger.

"Ja, können wir, weil wir für die unsichtbar sind. Ansonsten ist es nicht erlaubt die Leute zu erschrecken."

Sie flogen knapp über das Dorf und Holger staunte und freute sich immens. Wenn der Bauer nur wüsste wie er, Holger, von oben auf sein Haus hinab sah. Überhaupt, wenn er ihnen über diese Wunder erzählen würde, die er in dieser kurzen Zeit erlebt hatte, keiner würde es fassen können. Am wenigsten die Priester, lachte Holger in sich hinein.

"Jetzt fliegen wir zu den Wolken hinauf", erklärte Echinus selbstsicher.

Schon kamen sie den Wolken näher und bald waren sie in dichtem Nebel.

"Siehst, die Wolken bestehen aus Nebel, sicher hast du Ähnliches schon erlebt, etwa auf einer Bergspitze, wo eine Wolke auf dich zukam und du dann im Nebel gestanden bist."

"Schau, jetzt sind wir über den Wolken. Ist das nicht ein schöner Anblick, dieses Meer weiß leuchtender Hügel und Täler."

Holger gab keine Antwort; er war ganz vertieft in diesen wunderbaren Anblick.

Sie flogen höher. Der Blick wurde immer weiter. Doch seltsam, die Erde schien keine Scheibe zu sein, sondern war gekrümmt.

Holger sah Echinus fragend an. "Die Priester haben immer erzählt, dass die Erde eine Scheibe sei, sie sieht jedoch wie gekrümmt aus, wie ein Hügel."

"Sie ist wie eine große Kugel", erklärte Echinus.

"Eine Halbkugel sicherlich mit der Unterwelt auf der Unterseite?" fragte Holger.

"Ich erkläre dir alles bei Gelegenheit ganz genau, aber jetzt nicht, jetzt wollen wir einfach nur schauen und beobachten." Echinus sagte das ganz bestimmt.

Bald lag die ganze Erde unter ihnen, von einer Art Dunsthülle umgeben.

"Diese durchsichtige Hülle um die Erde ist die Kuppel, von der du gesprochen hast", erklärte Echinus. "Willst du noch den Mond sehen oder ist dir das bisherige schon genug?" fragte er weiter.

Holger hatte sich schon damit abgefunden, dass alles was die Priester überliefert hatten falsch war. Er befand sich in keinem inneren Zwiespalt mehr, hatte sich an die Situation angepasst und war lernbegierig. "Ja, steuere den Mond an, den möchte ich auch noch sehen".

"Großartig", sagte Echinus. "Das gefällt mir, du bist ein Draufgänger! Jetzt kannst mich für eine Weile nicht ansprechen, ich muss mich konzentrieren, denn zum Mond werden wir nicht fliegen, sondern springen."

Holger fühlte sich kurz benommen und im nächsten Augenblick sahen sie eine seltsame steinige Landschaft vor sich.

"Das ist der Mond", sagte Echinus. "Ein wenig werden wir über seine Oberfläche fliegen und dann kehren wir zurück. Schau dir alles genau an. Ich betrachte das als unseren ersten Testflug. Wenn der gut überstanden ist, werden wir ordentlich feiern sobald wir wieder unten im Wald sind. Einverstanden?"

"Einverstanden", stimmte Holger zu.

Sie flogen noch eine Weile über eine fantastische Landschaft von Ebenen, die am Rand in steile Gebirge übergingen. Merkwürdig schienen Holger die scharf gestochenen Schatten.

 

Nachdem sie einige Zeit über die bizarre Landschaft geflogen waren, kam wieder eine kurze Benommenheit und sie standen erneut auf der Waldlichtung, von der aus sie gestartet waren.

"Hat es dir gefallen?" fragte Echinus.

"Fantastisch war es!" Holger war begeistert. Wenngleich alles völlig anders war als die heiligen Schriften behaupteten, es war herrlich schön, was er gesehen hatte.

 

"Jetzt feiern und essen wir, bis wir platzen", war die erfreute Zustimmung von Echinus. "Das müssen wir nützen, denn während all der Zeit unserer Reise haben wir nichts anderes als einen widerlichen Brei. Du kannst dir keine Speise vorstellen, die derart abstoßend, geschmacklos und eintönig wäre. Viele Astronauten haben hiervon einen psychischen Schaden davon getragen und schwanken deshalb zwischen Extremen: Die Reisezeit ist Fastenzeit, die Erholungszeit nach der Reise besteht aus Essorgien, in welchen man all die Wunschbilder auslebt, die sich während der Reise aufgestaut haben."

Schon war auf ein Winken das Maschinenwesen Roboter zur Stelle und Echinus sprach es an: "bitte um einen zusätzlichen großen Tisch zum Abstellen von Speisen".

Der Roboter bejahte: "Der Tisch wird gebracht."

"Zähle mir bitte die verfügbaren Speisen auf."

Das Maschinenwesen Roboter rasselte eine Summe von für Holger unverständlichen Speisenamen herunter und Echinus sagte jedes Mal hierzu ja oder nein. Holger dachte: "Ein Glück dass diese Maschinenwesen scheinbar keine Gefühle haben. Wäre dieses Maschinenwesen Roboter ein Mensch, würde er jetzt sicherlich verzweifeln."

Ein großer Nebentisch wurde herein gebracht und bald darauf bog sich dieser vor Köstlichkeiten. Der Kommentar von Echinus zum Roboter: "Die Getränke wurden vergessen, bitte diese an einem eigenen Tisch zu servieren. Noch etwas!" Das Gesicht von Echinus hellte sich auf: "Ich möchte zu jeder Speise ein Namensschild und zwar in den Buchstaben des Volkes von Holger geschrieben."

Roboter nahm dies mit "Ja" zur Kenntnis.

"Das war eine Sicherheitsmaßnahme", wandte sich Echinus wieder an Holger. "Sollten wir überzogen haben, kann ich immer noch darauf hinweisen, dass ich dir Sprachunterricht gebe, denn letztlich musst du auch unter anderem unsere Sprache erlernen, denn außerhalb dieser Forschungsstation kennt niemand Deine Geburtsprache und du müsstest dich wie ein Stummer mit den Händen verständigen."

Holger war erstaunt. "Du sprichst ja auch meine Sprache und der Wächter und die Goldgesichtigen auch, wenngleich in seltsamen Tonfall."

"Ich habe eigens für dich Deine Sprache in einem Schnellverfahren erlernt. Ich bin an der Maschine gehangen bis mir fast der Schädel geplatzt ist."

"Oh, da hast du aber schnell gelernt und dabei sprichst du alles fließend und ausgezeichnet. In diesem Schnellverfahren würde ich auch gerne deine Sprache erlernen."

Echinus wurde ernst. "Natürlich kannst du das und deshalb werden die uns mitunter den Trick mit dem Lernen und den Sprachtafeln nicht abnehmen. Nun ja, wenden wir uns aktuelleren Dingen zu." Das Gesicht von Echinus leuchtete wieder auf: "Ein guter Ratschlag von jemandem mit Erfahrung: Nimm dir zunächst von allem nur einen kleinen Bissen.  Dann erst, wenn du alles durchgekostet hast, triff die Entscheidung was du zuerst essen willst. Bedenke, dass am Anfang, solange man noch hungrig ist, eine jede Speise am besten schmeckt."

Die Türe öffnete sich. Ein weiterer, jedoch kleinerer Tisch wurde abgestellt. Bald darauf wurde eine Serie von Getränken gebracht. Wie bei den Speisen mussten die zwei Roboter mehrmals gehen.

 

Echinus und Holger hatten gerade die ersten Bissen durchgekostet, als der Roboter meldete: "Der Wächter und die zwei Androiden sind auf dem Weg hierher und bitten eintreten zu dürfen."

"Oh je", wisperte Holger zu Echinus. "Ich glaube, wir haben überzogen und die Küchenroboter haben uns verpetzt."

"Ich fürchte auch", gab Echinus kleinlaut zu.

 

Die Türe öffnete sich und der Wächter mit den zwei Androiden trat ein. Alle drei verneigten sich.

Holger staunte über dieses besonders höfliche Verhalten und sah zu Echinus hinüber. Auch der staunte. Holger dachte an seine erste Begegnung mit dem Wächter zurück: Damals, saß dieser wie ein Richter an einem Tisch und tat ihn wie einen Wilden ab.

 

Ohne Begrüßung und scheinbar aufgeregt kam der Wächter gleich zur Sache: "Ein Spezialschiff mit einem galaktischen Transmitter wird gleich landen. Ich bitte euch im Raum zu bleiben, bis ihr zur Großregentin gerufen werdet."

Er verneigte sich und ebenfalls die zwei Androiden und schon waren sie wieder weg.

 

Echinus starrte Holger an. Dann rief er aus: "Das überschreitet mein Vorstellungsvermögen, das ist doch nicht möglich!"

Es dauerte nur wenige Minuten, da sprach der Roboter: "Die Großregentin ist auf dem Weg hierher."

Echinus fiel der Mund herunter und starrte zur Türe. Gerade in diesem Augenblick öffnete sich diese und eine junge Frau mit hellbrauner Hautfarbe und schwarzen Haaren kam herein. Sie trug weder Krone noch Halskette noch Ringe, wie es Holger von einer Herrscherin erwartet hätte. Auch hatte sie nur ein einfaches Leinenkleid mit goldener Borte am Halsabschnitt und an den kurzen Ärmeln. Auffallend war ein breiter goldener Gürtel mit großen verzierten Elementen.

 

Sie trat einige Schritte vor und sah zu Holger: "Du bist der Schmiedgeselle Holger!" sprach sie.

Holger tat es Echinus gleich und verneigte sich tief. Er wollte unter keinen Umständen provokativ gegen die Anstandsregeln verstoßen. Dann richtete er sich wieder auf und sah in das Gesicht der Großregentin. Etwas sehr lange und beinahe hätte er vergessen, dass er etwas gefragt wurde. Schnell holte er das Versäumnis nach: "Ja, ich bin der Schmiedgeselle Holger."

Die Großregentin gab keine Antwort, sondern sah ihn durchdringend an. Ihr Gesicht war wie in Trance und es schien als würden ihre Gedanken in weite Ferne schweben. Dann hellte sich ihr Gesicht zu einem fröhlichen Lächeln auf: "Ich sehe, ich störe euch gerade beim Frühstück", meinte sie und wies auf die zwei Tische, die sich vor Speisen und Getränken bogen. Holger fiel auf, dass ihn die Großregentin in einer unbekannten Sprache angesprochen hatte und er dennoch alles verstanden hatte. Er hatte die Worte selbst nicht verstanden, wusste aber ganz genau, was sie gemeint hatte.

"Wir haben schon gefrühstückt" bemerkte Holger, in seiner eigenen Sprache.

Doch die Großregentin schien ihn auf die selbe Art zu verstehen. "Ach so", meinte sie, "dann seid ihr offenbar beim Mittagessen."

"Haben wir auch schon gehabt, das ist unsere Jause", gab Holger zur Antwort und blickte zu Echinus, der sich am liebsten verkrochen hätte.

 

 

Atnife

 

Die Großregentin lachte lauthals heraus. Sie war immens vergnügt und strahlte über das ganze Gesicht. "Und du bist der Astronaut", sprach sie zu Echinus und wandte sich zu ihm.

Der brachte nur ein knappes "Ja" heraus.

Dann sah sie wieder zu Holger: "Du hast festgestellt, dass ich keinen Schmuck trage, dagegen einen breiten, auffälligen Gürtel aus Gold. Nun, das ist kein Goldschmuck. Dieser Gürtel ist mein Gefängnis. Es ist ein kleiner Lynx-Generator, wie wir diese Geräte jetzt nennen und verhilft mir dazu einen menschlichen Körper zu bilden. Du hast in deiner Vision eine große metallene Ameise gesehen. Das war damals die einzige Möglichkeit mich hier auf dem irdischen Plan zu manifestieren. Dank diesem kleinen Gerät jetzt habe ich nicht mehr den Körper eines metallenen Tieres, sondern den eines Menschen von dem Aussehen, wie ich es gerne in meiner jenseitigen Heimatwelt habe."

Es waren Gedanken, die Holger empfing. Echinus jedoch hatte den Eindruck, dass die Großregentin Holger schweigend ansah. Dass beide sich gerade austauschten, hätte er nie vermutet.

 

Die Großregentin Atnife richtete sich an Echinus: "Ihr peilt als erstes den Mars an, habe ich mir sagen lassen. Ich hätte gerne, dass die Reise ab Mars in einem größeren Schiff fortgesetzt wird, in Begleitung einer kleinen Eskorte", sagte sie zu Echinus gewand.

Echinus zerbrach förmlich als er das hörte. Eine Welt schien für ihn zusammen zu stürzen.

Die Großregentin als gute Telepathin schien das sofort mitzubekommen, denn sie fügte sofort hinzu: "Natürlich bist du als begabter Astronaut der Kapitän und oberste Steuermann. Du kannst nach wie vor entscheiden welche Flugroute ihr nehmt, wann und wo ihr Pause einlegt und wie lange ihr dort bleibt."

Echinus war erleichtert und verwirrt gleichzeitig. Er wusste nicht, ob das ironisch oder ernst gemeint war. Holger sprang für ihn ein und bedankte sich herzlich.

Wieder schenkte die Großregentin Holger ein herzliches Lächeln. Dann wies sie zu den zwei Tischen: "Ich werde ein eigenes Versorgungsschiff mit den besten Köchen der Eskorte beifügen."

Wieder etwas ernster wandte sie sich an Holger: "Ich werde einen Androiden als deinen Lehrer berufen."

"Ich hätte gerne Echinus als meinen obersten Lehrer", bat Holger.

"Selbstverständlich", gab die Großregentin zur Antwort. Sie wandte sich wieder Echinus zu: "Als obersten Astronauten steht es dir auch zu Exkursionen mit Besichtigungen zu machen."

Echinus war erfreut. Gerade wollte er sich bedanken, als das Gesicht der Großregentin wieder erstarrte und sie ihn durchdringend ansah. Dann kam sie wieder in die Gegenwart zurück und lachte fröhlich lauthals heraus: "Wie schön, zwei alte Freunde haben sich getroffen! Da sind wir ja wieder alle beisammen. Kommt her und lasst euch umarmen!"

Zaghaft gingen beide zur Großregentin vor. Diese umarmte Holger und er sah, dass sie weinte. "Deine Vision hat einen kleinen Spalt der Erinnerung geöffnet", sprach sie. "Ansonsten jedoch bin ich dir noch völlig fremd. Du kannst noch nicht empfinden, was ich empfinde. Aber Deine Seele wird erwachen und mit ihr die Erinnerungen. Ich werde mich darum kümmern."

 

Dann verabschiedete sie sich von Echinus, umarmte auch ihn, drehte sich um und verließ den Raum.

Als die zwei wieder allein waren, schwiegen sie noch eine lange Weile, jeder seinen eigenen Gedanken nach hängend.

 

 

Geschichtsunterricht für Holger

 

 

Nach dem Besuch von Atnife war Holger der erste, der die anfängliche Stille unterbrach. Es war eine leichte Ungeduld in seinen Worten, als er Echinus fragte: "Wieso fliegen wir nicht gleich mit einem Transmitter zur Großregentin, nach dem selben Transportsystem, das sie verwendet?"

"Ich habe noch nie von diesem Transportsystem gehört", meinte Echinus.

"Jetzt bin ich perplex", meinte Holger. "Eigentlich sollte ich mir das Wundern schon abgewöhnt haben. Stimmt, ich habe schon eine Menge verkraften gelernt, aber jetzt bin ich dennoch wieder perplex.  Sie hat doch mit uns gesprochen und hat uns umarmt und ich sage Dir, ich habe eine herzliche Ausstrahlung gespürt. So etwas empfinde ich sehr gut. Ich habe früher schon auf die Ausstrahlung geachtet, weil ich daran erkennen konnte, ob ein Mensch lügt. Bei den Maschinenwesen Roboter habe ich zum Beispiel nie eine Ausstrahlung gespürt – nun, es sind ja auch Metallwesen."

"Und bei den Androiden?"

"Da habe ich eigentlich nie aufgepasst, weil ich immer abgelenkt war. Die sind ja auch immer aufgetaucht, wenn etwas Wichtiges in der Luft lag…. Hast mir das mit der Großregentin nicht beantwortet! Ich sage Dir, die hat eine enorme Ausstrahlung, umwerfend stark. Und sie hat einen magischen Blick. Den könnte ein Maschinenwesen nie haben und ein Android glaube ich auch nicht." Dann nach einer Pause fügte er noch hinzu: "Bei einem Menschen allerdings habe ich auch noch nie eine derart mächtige Ausstrahlung festgestellt."

Echinus hielt mit dem Kauen inne. "Ich muss das alles erst verkraften und die Legenden durch meinen Kopf gehen lassen. Demnach ist sie kein Mensch aus Fleisch und Blut und das ist vielleicht der Grund, weshalb sie in Sekunden das ganze System durchqueren kann. Wenn das so ist, dann ist sie überhaupt die einzige, die ein solch weit verstreutes und riesiges System zusammen halten kann. Die großen Entfernungen machen einen Kontakt und eine Kommunikation mit den lokalen Intelligenzen oder Regenten unter üblichen Bedingungen fast unmöglich. Hast ja schon gehört wie lange wir brauchen werden, bis wir zu den Libellenschiffen kommen. Was glaubst Du? Kein politisches System würde das aushalten. Ein jedes politisch-soziale System und sei es noch so solid, wäre schon in viele Kleinreiche zerfallen. Und das würde wieder Uneinigkeit und Krieg bedeuten. Nachdem es sie wirklich gibt, ist die Großregentin die einzige, die alles zusammen halten kann und den Frieden garantiert."

Nach kurzem Nachdenken sagte Echinus: "Ich bin mit der Situation um die Großregentin und was wir für sie bedeuten leicht überfordert. Ich schlage vor, dass wir dieses Thema einstweilen beiseite legen und uns anderem widmen. Ich erkläre dir das solare System, also einiges über Erde, Mond Sonne und was es sonst hierbei gibt."

Echinus rief dem Roboter zu: "Ein holographisches Gerät mit Speicher für das solare System und für Geschichte."

"Wird gebracht", sagte Roboter ohne sich wie üblich vom Platz zu rühren. Holger war mittlerweile mit diesem Verhalten schon vertraut und war nicht überrascht, als sich die Türe öffnete und ein Roboter mit einem relativ kleinen Gerät herein kam.

"Dort hinstellen und einschalten", befahl Echinus.

Der Roboter stellte das Gerät an den angewiesenen Ort. Von einem Einschalten bemerkte Holger nichts. Anscheinend hatte der Roboter den Befehl überhört. Vielleicht deshalb, weil Echinus das Wort "Bitte" vergessen hatte, das er üblicherweise jedem Befehl an die Roboter zufügte.

Echinus wandte sich an Holger: "Bitte erkläre mir kurz und in groben Umrissen Deine religiös geprägten Vorstellungen von Erde und der Sphäre außerhalb der Erde. Deine Vorstellungen sind mir ziemlich fremd."

Holger kam dem in kurzen Worten nach. Bei der Wiedergabe der Lehre der heiligen Schriften kamen ihm diese mehr und mehr absurd vor.

 

Als Holger mit den Erklärungen fertig war, sagte Echinus: "Das ist ein anthropozentrisches Weltbild. Bei einem solchen Weltbild sieht sich der Mensch im Mittelpunkt des Universums. Er glaubt sogar, dass Gott wie ein Mensch aussieht und wie ein Mensch fühlt und denkt. Ich würde dir empfehlen ein solches Weltbild zu vergessen. So wichtig sind die Menschen nun wohl auch nicht. Es gibt in dieser Galaxis, was eine Galaxis ist werde ich dir noch erklären, selbst im Nahbereich des solaren Systems, auch das erkläre ich dir noch, etliche Systeme mit Lebewesen."

 

"Nun ja, fangen wir mit einem Überblick an", setzte Echinus fort. "Zunächst erkläre ich dir das solare System. Nach dieser Auffassung ist nicht die Erde im Mittelpunkt, sondern die Sonne. Die Sonne ist eine riesige glühende Kugel, viele tausend Mal größer als die Erde. Die Sterne sind übrigens auch solche Sonnen."

 

Beide sprachen längere Zeit darüber und sogar der Mond wurde gründlich durch besprochen. Danach machte sich das viele Essen bemerkbar und beide hatten das Bedürfnis sich auszuruhen. Ein zweiter bequemer Stuhl wurde herein gebracht, das Essen abserviert und eine sanfte Musik begann im Raum zu erklingen. Bald waren beide eingeschlafen.

 

Holger war ausgeruht, Echinus dagegen schlief noch weiter. Nach einiger Zeit wurde es Holger langweilig. Endlich wachte auch Echinus auf.

Hoffnungsvoll wendete sich Holger an Echinus: "Willst du mir bitte weiter über das solare System erzählen?"

Echinus war zwar munter aber hatte eher vor weiter zu schlafen. Deshalb hatte er vor die Aufgabe an das holographische Gerät weiter zu geben.

Zu Holger sprach er: "Es hat keinen Sinn auf weitere Details einzugehen, ohne die Geschichte des solaren Reiches zu kennen." Dann sprach er in den Raum: "Holographisches Gerät: eine kurze Zusammenfassung über das solare Reich mit Bildern und gesprochenen Erklärungen in der Eingeborenensprache des Gastes Holger. Bei Fragen auf diese einzugehen und wunschgemäß zu erklären. Bitte nicht in trockenen Fakten, sondern wie im Kinderunterricht zu sprechen."

Das Wort "Kinderunterricht" fand Holger empörend. Doch schon war der letzte Satz von Echinus "es gibt keine Tabus" in ein schläfriges Hauchen abgeebbt und wurde mit einem Schnarchton beendet. Holger konnte seiner Empörung nicht nachhängen, denn schon wurde seine Aufmerksamkeit von einem Bild gefesselt, das mitten im Raum entstand. Eine angenehme Stimme begann in dem Dialekt Holgers eine Erzählung über die Entwicklung der Menschheit, über die großen Kriege und dem darauf folgenden Friedensreich des "Großen Beschützers".

 

 

Die Höhle von Sokar

 

 

Holger hatte viel über die Entwicklung der Menschheit und auch Biografisches über die Großregentin gehört. Etliches schien ihm, obwohl er es scheinbar zum ersten Mal hörte, auf seltsame Weise vertraut. Sobald der Projektor abgeschaltet war, saß Holger noch lange still. Mit den Erzählungen über Atnife war auch manche Erinnerung wieder in sein Bewusstsein gekommen. Gelegentlich rannte eine Träne seine Wange hinab und ein süßes, warmes Gefühl breitete sich in seinem Brustraum aus. Es war eine Liebe, die er nicht genau zuordnen konnte. Einerseits war ihm die Großregentin durch ihren Besuch als Person bekannt, jedoch waren nunmehr neue Empfindungen hinzu gekommen, Empfindungen der Liebe.

 

Echinus wachte auf und streckte sich. "Herrlich, so gut habe ich schon lange nicht geschlafen! Wie wäre es mit einem neuerlichen Ausflug?", rief er Holger aufmunternd zu.

"Abgelehnt", erwiderte Holger. "Ich möchte jetzt an das Sprachlerngerät angeschlossen werden, von dem du erzählt hast."

"Ist gut", meinte Echinus. "Einmal musst du ja unsere Sprache erlernen, das ist unvermeidbar", und rief zum Roboter: "Roboter: ein Sprachlerngerät!"

Roboter: "Ja, wird gebracht."

Das Gerät kam. Holger legte sich in den gepolsterten Stuhl und ließ sich den mit dem Hauptgerät verbundenen Helm aufsetzen. Daraufhin war es ihm als würde er in Schlaf versinken und im Traum hörte er tausende Worte, so schnell, dass er ihnen nicht folgen konnte.

Echinus blieb zur Kontrolle im Raum. Immer wieder stand er auf und beobachtete den Gesichtsausdruck von Holger, um festzustellen, dass alles ordnungsgemäß verlief.

Nach Stunden schaltete das Gerät endlich ab. Erste Testgespräche zeigten, dass Holger den Wortschatz der intersolaren Sprache gut beherrschte.

 

"Ausgezeichnet", rief Holger zum Abschluss. "Das ist blendend verlaufen. Du beherrscht die Sprache. Machen wir jetzt einen Ausflug?"

"Dazu bin ich schon zu müde, ich möchte mich jetzt ausruhen", war die enttäuschende Antwort von Holger. Damit stand Holger auf, klappte sein Bett aus der Wand und legte sich hin.

"Nicht so schnell", Echinus war ganz und gar nicht damit einverstanden, dass sich Holger nun schlafen legen würde. "Du erzählst mir noch kurz was du gelernt hast".

"Ist gut", gab Holger gutmütig und doch etwas unwillig zur Antwort. "Ich habe mir die Geschichte der Menschheit und im Speziellem noch jene von der Großregentin Atnife und Zuse erzählen lassen. Der Bericht stammte direkt von der Großregentin. Demnach begegneten Zuse und die Großregentin einander als Atmedef und als Atnife erstmals im Sonnenschiff. Atnife war damals eine Gepardengöttin und die Tochter der Sachmet."

"In welchem Sonnenschiff?"

"Nun, in dem vom Re-Atum."

"Wer ist Re-Atum?"

"Der Sonnengott, die Sonne!"

"Verstehe ich nicht, die Sonne ist doch ein Himmelskörper!"

"Mit der Sonnenbarke segelten sie zur Grenze vom Duat."

"Was ist eine Barke, eine Sonnenbarke?

Holger: "Barke ist ein Ruderboot."

"Wo rudern die?"

Keine Antwort.

"Was ist das Duat? Das habe ich noch nie gehört!"

"Duat ist die Unterwelt!"

"Aber es gibt ja keine Unterwelt!"

"Zu zweit wanderten die Großregentin als Gepardengöttin und der spätere Zuse als Atmedef durch das Duat, durch die fruchtbare Welt von Wernes, entlang der Gewässer von Osiris."

"Ich versteh das nicht", rief Echinus etwas genervt, "wo ist Wernes und die Gewässer von Osiris?"

"Osiris ist der Gemahl von Isis", gab Holger schon fast einschlafend zur Antwort. "In der Höhle von Sokar stand sein Sarkophag, der war besonders beeindruckend. Zuvor aber mussten sie noch durch die Wüste Rostau."

"Moment", rief wiederum Echinus. Er war zunehmend lautstärker geworden, um Holger am Einschlafen zu hindern. "Wo ist Sokar? Was ist ein Sarkophag? An welcher Stelle der Erde ist die Wüste Rostau?"

Doch Holger hörte ihn nicht mehr, er war bereits eingeschlafen.

Echinus unternahm noch einige Versuche, von Holger Erklärungen zu bekommen, mit immer lauterer Stimme, doch vergeblich. Letztlich rief er: "Projektor, erkläre mir alles über das mit Re-so-und-so und dieser Duat-Sache."

Während Echinus die für ihn verwirrende Erklärungen über Atnife und einem Atmedef, welcher der spätere Zuse und jetzige Holger sein sollte, hörte, schlief Holger friedlich weiter.

Die Antworten, welche Echinus vom Projektor erhielt, verwirrten ihn mehr und mehr. Bald wusste er nicht mehr, was nun wahr war und was nicht. Es war ihm letztlich unmöglich sich vorzustellen wie ein Wesen aus einer erfundenen Mythologie das Sternenreich regieren konnte.

Das Gespräch von Echinus mit dem Projektor war etwa folgendermaßen verlaufen, um ein Beispiel zu geben:

"Was ist eine Barke?"

Projektor: "Ein großes Ruderboot."

"Wo wird die Barke herumgerudert?"

Projektor: "Auf dem Himmelsozean".

"Wo ist der Himmelsozean? Geographische Breiten- und Längengrade angeben!"

Projektor: "Der Himmelsozean ist das Himmelsgewölbe im Glauben der Altägypter. Es gibt hierzu keine Breiten- und Längengrade".

"Und wo rudern die hin?"

Projektor: "Zum Horizont."

Echinus: "Zu welchem Horizont? Wo soll bei einer planetaren Kugel der Horizont sein?"

Projektor: "Der Horizont ist am Rand der Erdscheibe."

"Was tun die beim Horizont?"

Projektor: "Sie fahren durch das erste Tor der Unterwelt".

"Wo ist die Unterwelt?"

Projektor: "unterhalb der Erdscheibe."

"Es gibt aber keine Erdscheibe", tadelte Echinus den Projektor, als wäre dieser schwer von Begriff.

Projektor: "Für die jetzige Zivilisation ist die Erde keine Scheibe. Für die alten Ägypter war sie es schon."

"Die war immer schon eine Kugel und nie eine Scheibe", tadelte Echinus das Gerät als wäre dieses ein Mensch.

Da der Projektor eine intelligente Software hatte und in seiner Kommunikation auf persönliche Fragen und Bedürfnisse seines Gegenübers eingehen konnte, waren solche Reaktionen durchaus gängig. Bereits in den ersten Jahren des Computerzeitalters hatten die Menschen zum Computer geschrien und geschimpft, wenn ein Programm nicht in ihrem Sinne gearbeitet hatte. Bei solch intelligenten Geräten wie dem Projektor waren solche unlogischen Verhaltensweisen noch viel ausgeprägter.

Und tadelnd sprach Echinus zum Gerät weiter: "Ich will vernünftige Darstellungen, die auf dem heutigen Wissensstand aufbauen und keine Steinzeitmärchen. Es muss doch eine realen Basis dahinter geben, sonst wäre die Großregentin Atnife nicht existent. Sicherlich behauptet Atnife eine Göttin zu sein. Das haben alle Herrscher der Altzeit von sich behauptet. Sich als Gott oder Göttin zu bezeichnen ist also eine traditionelle Gepflogenheit von Herrschern oder Herrscherinnen. Bei einem so großen Reich, wie es Atnife verwaltet, ist das schon wieder verständlich. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass es überhaupt Götter gibt. Es gibt meterlange Listen von Götternamen und dennoch hat niemand noch eine einzige Gottheit gesehen. Also verschone mich bitte mit einem Re-Atum und all den andern und sprich in einer verständlichen, gegenwärtigen Sprache. Ich bin für dich ein anderer Gesprächspartner als Holger."

 

Holger wachte auf. Offenbar als Reaktion weil sein Name genannt wurde.

"Also sage mir irgend etwas Handfestes von all dem Käse", sprach Echinus weiterhin tadelnd zum Projektor.

Projektor: "Die Wüste von Rostau ist ein Plateau in Unterägypten. Unterhalb des Plateaus von Rostau ist die Höhle von Sokar."

Holger war jetzt hellwach und hörte aufmerksam zu.

"Und was ist ein Sarkophag?"

Projektor: "Ein steinerner Sarg".

"Gab es solche Särge?"

Projektor: "Ja, es gab solche Särge."

Echinus atmete auf und seine Stimme hatte wieder einen normalen Tonfall. "Endlich wird es konkreter und hört diese Spinnerei auf."

"Wieso war der Sarg so beeindruckend?"

Projektor: "Durch die Magie, die mit ihm verwoben ist".

"Es gibt aber keine Magie!"

Projektor: "Für uns nicht, für die Altägypter aber schon. Ich beurteile nicht, sondern gebe nur das an Wissen weiter, das man mir vermittelt hat."

Sein logisches Zentrum ermöglichte dem Projektor solche Feststellungen. Für Echinus war das jedoch keineswegs etwas, was er hören wollte und ihn zufrieden stellte.

"Das ist zum Durchdrehen", murmelte Echinus verärgert in sich hinein. Dann bemerkte er, dass Holger munter war und ihn aufmerksam ansah. "Entschuldige", sagte er deshalb zu Holger, "ich habe dich anscheinend aufgeweckt. War nicht meine Absicht, aber das Gerät hat mich etwas genervt."

"Ist schon in Ordnung. Ich bin ausgeschlafen und möchte zum Plateau von Rostau", forderte Holger bestimmt und unbeirrbar.

Echinus hatte nur halb mitbekommen was Holger wollte und hatte deshalb nichts dagegen. Von dem Gespräch mit dem Projektor noch immer mürrisch sagte er "Ja, in Ordnung".

Holger wendete sich an den Projektor: "Ist die Größe der Höhle von Sokar bekannt?"

Projektor: "Die Höhle wurde genau vermessen."

"Kann man die Höhle betreten?"

Projektor: "Ein kleines Raumschiff könnte in die Höhle hinein projizieren."

"Ist das mit dem Raumschiff Frosch möglich?"

"Nein, dazu wäre ein Kleinstraumschiff der Type Ei-27XA13 geeignet."

Holger wendete sich an das Maschinenwesen Roboter: "Gibt es Raumschiffe dieser Type in der Nähe?"

Roboter: "Ja, solche Raumschiffe gibt es zahlreich auf dem Mond. Sie sind dort für den unterirdischen Verkehr, zum Springen von einer Höhle zur anderen gedacht."

Holger zu Echinus: "Kannst du solch ein Mini-Schiff fliegen?"

"Natürlich", meinte Echinus empört.

"Dann fliege mich in die Höhle von Sokar hinein", forderte Holger energisch.

"Man kann nicht so einfach in eine alte Höhle fliegen", war die Antwort von Echinus.

Holger: "Und wieso nicht?"

Echinus: "Aus zwei Gründen: sie kann schlecht angepeilt werden ohne Hilfsstrukturen und zudem man weiß nicht, ob eine plötzliche Landung mit eventuellen Druckwellen die Höhle teilweise oder ganz zum Einsturz bringen könnte."

"Dann kontaktiere die entsprechenden Experten. Du bist ja der Meinung, dass sie für dich alles machen werden, weil du im Auftrag der Großregentin handelst!" Holger war auf einmal ungemein energisch wie ihn Echinus nicht kannte.

Echinus protestierte: "Diese Höhle ist der Großregentin wichtig, habe ich der Geschichte entnommen. Somit geschieht da nichts ohne ihr Einverständnis. Zudem bin ich für Deine Sicherheit verantwortlich und ich werde dich in keine Einsturz gefährdete Höhle bringen."

Holger: "Die Höhle hat sicher von außen einen Zugang."

Er wendete sich an den Roboter: "Ich bitte um Informationen ob die Höhle von Sokar einen Zugang hat und um genaue Ortsangaben. Bei positivem Ergebnis bitte ich den Wächter die Höhle von Sokar betreten zu dürfen."

Roboter: "Die Bitte wurde weiter geleitet."

Holger wartete einige Zeit und aß inzwischen etwas Kuchen.

Es vergingen Stunden. Letztlich wurde Holger die Zeit zu lang. Etwas ungeduldig durch das Warten sprach er zu Echinus, der es sich gemütlich gemacht hat. "Wieso macht es dir nichts aus so lange warten zu müssen?"

"Das ist ganz einfach", gab Echinus zufrieden als Antwort. "Mir ist das überaus recht, wenn die Anfrage detailliert überdacht wird und endlos lange dauert. Mir ist die ganze Aktion nicht recht. Ich sage dir noch einmal, ohne Einverständnis der Großregentin rühre ich da keinen Finger."

Unzufrieden wendete sich Holger an den Roboter: "Bitte meine Anfrage bezüglich der Höhle von Sokar an die Großregentin weiter zu leiten."

Echinus: "Damit bin ich sehr zufrieden. Ich sage dir jedoch gleich, das wird endlos lange dauern, bis da eine Antwort kommt. Du kannst dich also ohne weiteres in der Zwischenzeit mit anderen Dingen beschäftigen. Rechne mit Wochen bis eine Antwort kommt!"

Holger nahm die Feststellung von Echinus resignierend zur Kenntnis und bat diesen ihn weiter über die verschiedenen Dinge seiner Zivilisation zu unterrichten.

Unverhofft meldete sich auf einmal Roboter: "Nachricht ist eingelangt."

"Und?" fragten beide den Roboter gleichzeitig.

Roboter: "Echinus wird verboten ein Kleinraumschiff in die Höhle von Sokar zu fliegen!"

Echinus lachte und freute sich.

 

Die Freude von Echinus währte zwei Tage. Dann am Vormittag des dritten Tages gab der Roboter eine neue Meldung durch: "Die Großregentin wird in Kürze eintreffen."

Echinus starrte den Roboter entgeistert an.

 

Es dauerte nicht lange und die Türe wurde geöffnet. Die Großregentin trat ohne Begleitung ein. "Darf ich mich zu euch setzen?"

"Es ist uns eine Ehre", Echinus sprang von Lehnsessel auf.

Die Großregentin Atnife lächelte.

"Roboter, noch einen zusätzlichen Stuhl", rief Echinus, "und ein Tisch mit Blumen", fügte Holger noch schnell hinzu.

"Danke", sagte die Großregentin und es schien, als ob sie sich sehr freuen würde.

Echinus hatte den Lehnstuhl herbeigezogen, weil er den angeforderten Stuhl nicht erwarten wollte und setzte sich an den Tisch, an welchem schon Atnife und Holger Platz genommen hatten.

Atnife: "Eure Anfrage hat wieder einmal Spannung in mein Leben gebracht. Ich wusste bislang nicht, dass es eine Höhle von Sokar auf der irdischen Ebene geben würde. Die Meldung darüber war für mich faszinierend und aufwühlend. Ihr ahnt ja nicht wie viele bedeutsame Geschehnisse der Vergangenheit mit dieser Höhle in Verbindung stehen. So stand etwa auch Apophis, der Holger und mich vernichten wollte und der Herrscher der Hölle ist, ebenfalls mit dieser Höhle von Sokar in Verbindung. Sie hatte ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist. Durch die Kraft dieser Höhle sind erleuchtete Wesen aber auch Teufel entstanden.

Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich sofort alles über die Höhle von Sokar ermitteln habe lassen. Ich habe sie mir inzwischen sogar angesehen. Ihr seid ja große Entdecker. Wer von euch beiden hat denn danach angefragt und die alt verschollenen Berichte ans Tageslicht gebracht?"

"Ich war das", vermeldete Echinus sofort nicht ohne Stolz jedoch mit gespielter Bescheidenheit.

"Großartig dieser Forscherdrang", meinte Atnife, ohne zu wissen in welcher Miss-Stimmung die Entdeckung zustande kam. Und sie sprach weiter: "In der Zwischenzeit habe ich angeordnet etliche herab gefallene Steine zu entfernen, welche die Akustik stören könnten. Des weiteren habe ich die Halle bis ins kleinste Detail vermessen lassen, damit sie nachgebaut werden kann. Allerdings bezweifle ich, dass das Duplikat funktionieren wird, denn es kommt nicht nur auf die Struktur der Ausmaße an, sondern auch auf die verschiedenen Gesteinseinschlüsse und Gesteinsarten der Höhlenwände. Alles das ist für die Reflexion der Schallwellen entscheidend. Ich habe die Akustik durchgetestet und sie ist nach wie vor zufriedenstellend gegeben."

 

Atnife wendete sich an Echinus: "Echinus, ich würde mit Holger gerne einige persönliche Erinnerungen austauschen, ich hoffe du hast Verständnis dafür, wenn wir ein wenig allein sein wollen."

"Selbstverständlich", erbot sich Echinus augenblicklich und stand von seinem Stuhl auf, um den Raum zu verlassen.

"Bleib nur", hielt ihn Atnife zurück. "Wir haben schönes Wetter und ich möchte mich mit Holger gerne ins Freie setzen. Roboter, bitte lasse zu der Statue mit dem Löwen einen Tisch und zwei Stühle bringen. Und ein Getränk für Holger."

"Und eine Vase mit Blumen, wenn möglich Rosen für die Großregentin", fügte Holger eilig hinzu.

 

Atnife erhob sich und mit ihr Holger und sie bat den Roboter ihr den Weg zu der Statue mit der Frau und dem Löwen zu zeigen. Dann verließen sie den Raum.

 

Bei der Statue angekommen setzten sich beide an den Tisch.

Als sie unter sich waren, sprach Holger Atnife mit dem ihm alt vertrauten Namen an. Für ihn war "Atnife" ein geliebter Kosename und der Name einer göttlichen Abstammung. Bei offiziellen Nennungen hingegen verwendete er den Begriff "Großregentin", sich auf die Weise anpassend in der Art wie Atnife von den anderen angesprochen und verstanden wurde.

 

Atnife bat Holger ihr zu erzählen an welche früheren Ereignisse er sich zu erinnern vermeine. Holger beschrieb seine Eindrücke und Atnife gab ihm hierzu Erklärungen, so, dass die diversen Bruchstücke aus Holgers Erinnerung einen Zusammenhang bekamen.

Es dauerte eine geraume Weile bis sie mit der Aufarbeitung von Holgers Erinnerungen fertig waren.

"Das war jetzt eine kleine Vorbereitung für die Höhle von Sokar. Es sollte verhindern, dass du durch die aufbrechenden Erinnerungen dort nicht überfordert wirst, wenn wir das Ritual durchführen", schloss Atnife das Gespräch ab.

 

"Was wird in dieser Höhle von Sokar geschehen?" erkundigte sich Holger.

Atnife erklärte ihm: "Du legst dich dort in den Sarkophag. Dieser ist genau an einer Stelle aufgestellt, an der die Tonwellen von meinem Ritualgesang alle zu diesem Punkt zurück laufen. Sie laufen jedoch nicht auf direktem Weg zurück. Zuvor werfen sie sich an den Wänden und bilden Oberwellen und andersartige Schwingungen und diese erst werden zu diesem Fokus zurück geworfen. Ein Körper, der in dem Sarkophag liegt kommt dadurch in Schwingungen und nimmt einen anderen energetischen Zustand ein. Diesen veränderten Zustand kann man nützen, indem man den Grundzustand eines dort liegenden Wesens verändert. Dieses Prinzip wirkt in erster Linie auf astraler Ebene. Dass es auch auf physischer Ebene wirkt, habe ich einmal gelernt. Es macht die Sache jedoch nicht einfacher, sondern eher komplizierter. Nur wenige aus dem Vertrautenkreis von Sachmet wurden in dieses Geheimnis eingeweiht. Ich bin eine von diesen Geheimnisträgerinnen."

 

Als die Gespräche gegen Abend ausgeklungen waren kehrten Atnife und Holger wieder zum Aufenthaltszimmer und zu Echinus zurück und vertrieben sich die Zeit mit weniger Geheimnis verwobenen Gesprächen und warteten solcherart die Überprüfung der Höhle von Sokar ab.

 

Endlich meldete der Roboter, dass alle Vorbereitungen in der Höhle von Sokar abgeschlossen seien.

"Schön", erhob sich Atnifes Stimme, "Wollen wir dieses Abenteuer auf uns nehmen und uns in das Risiko stürzen. Es ist schon Jahrtausende her als ich das letzte Mal den magischen Gesang intoniert habe, aber das schreckliche Schicksal von Apophis, der es mittels einer nicht eingewiesenen Hilfe versucht und sich hierdurch in den Abgrund gestürzt hatte, wird uns nicht ereilen."

 

Die Großregentin Atnife und Holger erhoben sich, verabschiedeten sich von Echinus und verließen den Raum.

Kaum waren sie aus dem Raum, da rief Echinus zum Projektor: "Alles über die Höhle von Sokar und den Duat, bis ins kleinste Detail! - Sofort", ergänzte er noch unnötiger Weise, obwohl ihm im Prinzip klar war, dass er die Elektronik eines Gerätes nicht zur Eile ermahnen konnte.

 

Holger und Atnife gingen zur Lichtung, wo Atnifes Raumschiff mit dem speziellen Transmitter stand. Es war relativ groß und drinnen wimmelte es von Besatzungsmitgliedern. Sie flogen zu dem Land am Nil, dem früheren Unterägypten und landeten in Gizeh. Atnife und Holger bestiegen ein Kleinstraumschiff und Atnife steuerte es in eine kleine Höhle, die der Höhle von Sokar vorgelagert war. Direkt in der Höhle konnte nicht gelandet werden, weil dies die Akustik gestört hätte.

 

Sie folgten sie einem Gang mit geheimnisvollen Steinfiguren an den Wänden. Alles atmete eine uralte Zeit, die alles Vorstellbare überschritt. Dann gelangten sie in die Höhle von Sokar. Dort bat Atnife Holger sich in den steinernen Sarkophag zu legen. Da Holger die Legenden um Osiris in seiner jetzigen Geburt sehr fern waren, hatte er keine Bedenken wie damals, als er die Höhle von Sokar im Duat aufgesucht hatte. Er legte sich in den Sarkophag. Atnife bat ihn die Arme schräg nach hinten über den Kopf zu halten, so dass sie beide Hände fassen konnte. Dann begann sie einen seltsamen Gesang.

 

Holgers Körper wurde von feinsten Vibrationen durchflutet und sein Bewusstsein weitete sich. Das Bewusstsein von Atnife begann sich ihm zu nähern, ohne dass er sein eigenes Bewusstsein verlor. Dann war er vieles gleichzeitig – Holger, Atnife, Atmedef und Zuse. Er war ein ewiges Wesen, das die Zeiten spielerisch durchwanderte. Er war wie ein Diamant, in sich geschlossen und dennoch leuchtet eine jede Facette in anderer Farbe.

 

Am Ende des Rituals, noch immer in leichter Trance, ließ sich Holger von Atnife zum Raumschiff und dann zurück in sein Zimmer begleiten.

Als sie den Raum betraten merkte Echinus den veränderten Gesichtsausdruck von beiden, wagte aber kein Wort zu sprechen. Sie schienen beide in Verbindung miteinander zu stehen, doch konnte er dies nicht verifizieren. Auf jeden Fall war das Verhalten von Holger der Großregentin Atnife gegenüber völlig gelöst und vertraut.

 

Holger, vor kurzem noch ein junger Schmiedgeselle, hatte nunmehr ein geöffnetes drittes Auge, überblickte Jahrtausende und hatte die Weisheit einer uralten Seele. Zugleich aber hatte er seine jugendlichen Wesenszüge, Humor und Draufgängertum.

 

 

Besuch beim Schmied

 

 

Es waren inzwischen einige Tage vergangen. Die Großregentin Atnife hatte die terrestrische Forschungsstation in der Ruinenstadt verlassen und sich auf eine Besuchstour zum Mond begeben. Der Mond besaß keine menschliche Kolonie jedoch ausgedehnte militärische Anlagen, Flotten von Raumschiffen und Kampfrobotern. Der Mond war der Wächter für das Großreich und sollte es auch bleiben.

Holger und Echinus blieben zu Hause und waren mit Lernen beschäftigt. Der Nachholbedarf von Holger war riesig und ließ sich auch mittels elektronischer Hilfen nicht so schnell bewältigen.

 

Atnife wiederum besuchte nach dem Mond den Mars. Dort gab es eine ansehnliche Kolonie mit menschlicher Bevölkerung. Dann folgte der Asteroidengürtel wo sich Atnife einige Werften ansah. Der Asteroidengürtel war das wichtigste Bergbaugebiet des solaren Großreiches.

 

Während die äußeren Monde eine Oberfläche aus Methaneis und Wassereis hatten, bestanden die schwebenden Kleinkörper des Asteroidengürtels vornehmlich aus Gestein und Metallen. Flüchtige Stoffe waren im Laufe der Zeit durch den Sonnenwind fortgetragen worden.

Rohstofftransporter in der Form von Quallen, umklammerten mit ihren Tentakeln kleine Asteroiden und brachten sie zu den Schmelzöfen der Werften.

 

 

Großschiff aus Modulen im biomimetischen Design von Kieselalgen

 

Großschiffe wurden aus Modulen zusammen gesetzt. Mit einigen zusätzlichen Elementen ließen sich daraus die verschiedensten Varianten bilden. Durch eine Vorliebe von Atnife entstand eine technische Zivilisation, welche biometrische Formen bevorzugte.

 

 

Die Module in der biomimetischen Form von Kieselalgen wurden zur Gestalt einer Libelle ergänzt

 

Es waren zirka zwei Wochen vergangen, als sich eines Morgens Atnife bei Holger und Echinus anmelden ließ und ins Zimmer kam. Die beiden waren gerade beim Frühstück. Atnife bat ihretwegen nicht zu unterbrechen, aß selber aber nichts.

"Bei meinem letzten Besuch habe ich so richtig Sehnsucht bekommen wieder einmal die Erde und die Natur zu erleben. Auf eine kurze Zeit möchte ich meine Regierungsarbeit etwas reduzieren und mit euch durch die Länder der irdischen Welt  reisen. Die künstlichen Welten mit ihren Pflanzen und Tieren aus allen Lebensregionen der Welt sind sicherlich schön, so wie eben alles schön ist, was mit Leben zu tun hat. Dennoch, es fehlt diesen künstlichen Welten die Weite der Landschaft und der blaue Himmel und die Wolken darüber. Ich muss wieder einmal in dieses irdische Leben eintauchen können. Wollt ihr mich begleiten?"

Holger lachte: "Welche Frage!"

Echinus beeilte sich hinzuzufügen: "Das wäre der größte Wunsch meines Lebens!"

"Ich freue mich euch beide als Begleiter zu haben. Genau gesagt, ohne euch würde ich gar nicht durch die irdischen Länder reisen", stimmte Atnife zu und ergänzte mit scheinbar ernstem Gesicht: "aber ich habe noch niemanden, der mein Fahrzeug lenkt".

"Das ist doch nicht möglich", ereiferte sich Echinus. "Da müssten Millionen sein, die mit Begeisterung diesen Job übernehmen würden. Also für mich wäre es das höchste Glück!"

"Das ist lieb von dir Echinus, aber ich weiß nicht, ob du Lenken und Steuern kannst."

"Ich kann alle Schiffe steuern, bis zu einem Großschiff hin."

Atnife: "Es ist aber kein Schiff, sondern ein Pferdewagen."

Echinus blieb sein Frühstücksbissen beinahe im Hals stecken. "Für die Großregentin lerne ich auch das noch", erklärte er, jetzt wieder selbstsicher.

Alle lachten.

Zu Holger gewandt sprach Atnife weiter: "Das war gar nicht so leicht durchzusetzen. Den großen Beschützer, wie es ihn früher gegeben hat, gibt es nicht mehr", sprach sie. "Allerdings gibt es nach wie vor ein koordinierendes Kontrollsystem, wenngleich nicht zentral gesteuert. Dieses Kontrollsystem heißt "der Verwalter". Es wollte mir keine biologischen Pferde erlauben, sondern bestand darauf mir Kampfroboter in Gestalt von Pferden zuzuweisen. Zu meiner Sicherheit. Zum Glück können diese künstlichen Pferde scheinbar Gras fressen und es scheinbar verdaut wieder ausscheiden. Wir werden also von den Leuten nicht als Exoten angegafft werden."

"Ich dachte immer", ereiferte sich Echinus, "dass du die oberste Befehlsinstanz bist und dir gegenüber der Verwalter nichts zu reden hat."

"Das stimmt", erwiderte Atnife, "aber es gibt einen Sicherheitsmechanismus. In allen Belangen, die meine Sicherheit betreffen, hat der Verwalter das letzte Wort und nicht ich. Das ist die einzige Ausnahme im System.

Gleich hierzu: der Verwalter bestand zusätzlich auf einer Eskorte von vier Kampfandroiden auf vier Kampfrobotern in Gestalt von Pferden. Und außerdem will mir der Verwalter ein ganzes Geschwader von Kriegsdrohnen mitgeben, getarnt als ein Schwarm von Staren und darüber zwei kreisende künstliche Adler, welche von oben die gesamte Gegend überwachen."

"Oh je", meinte Holger. "Sicher gibt es eine Situation wo das alles in einem Gemetzel mündet."

"Glaube ich nicht", lachte Atnife. "Ein Dutzend Telepathen wird die Gehirne aggressiv denkender Leute manipulieren und sie auf andere Gedanken bringen oder ihre Erinnerung auslöschen, sollte sich etwas unvermutet entwickeln."

"Jetzt ist die Welt für mich wieder in Ordnung", mischte sich Echinus ironisch ins Gespräch. "Und oben, unsichtbar am Himmel sind etliche Geschwader von Kriegschiffen, welche über den ganzen Kontinent herfallen, wenn sich jemand hinter dem Ohr kratzt und das als Bedrohung deiner Person angesehen wird."

Heiter ergänzte Atnife. "Siehst Du, mit mir verglichen bist du ein freier Mensch. Kannst tun und lassen was du willst. Mich aber lässt man nicht ohne einen Schwarm von Bewachern herum laufen.

Nun zur Sache: Es ist alles für die Reise vorbereitet. Die Androiden wurden als Menschen verkleidet, die Kampfpferde in der Zwischenzeit gebaut, und die Drohnen waren schon vorhanden und wurden aus Beständen, die zur Überwachung der Erde gedacht waren, abgezogen. Zwei Wohnwägen und allerlei Tand wurden von verkleideten Androiden auf einem Markt gekauft und adaptiert."

 

"Also seid ihr bereit, wenn ja dann kann es los gehen", rief Atnife fröhlich.

 

Echinus merkte, dass die Frage in erster Linie an ihn gerichtet war. Überhaupt fiel ihm auf, dass Atnife und Holger wenig miteinander sprachen. Es gab zwischen ihnen auch keine Gesten der Zuneigung wie Halten der Hände, Umarmung und dergleichen. Im ersten Augenblick machte es auf Echinus den Eindruck als ob die beiden aneinander vorbei leben würden. Da er jedoch wie alle Astronauten auch ein Telepath war, versuchte er hinzulauschen. Natürlich konnte er nicht ihre Gedanken ablauschen, dagegen hatten sich beide geschützt. Aber er merkte dass beide ununterbrochen innerlich verbunden waren. Ein wenig bekam er von dem Liebesstrom mit, der zwischen beiden floss, aber nicht viel – bis auf einmal: Atnife hatte bemerkt dass sich Echinus über beider Beziehung Klarheit verschaffen wollte. Da merkte er wie sie lächelte und plötzlich erfasste ihn ein derart mächtiger Strom der Liebe, dass sein gesamter Brustkorb erglühte. Die Intensität dieses Gefühles war ungeahnt stark. Nie hatte Echinus je in seinem Leben dergleichen erlebt. Er hätte es sich auch nie vorstellen können, dass es ein solches Liebeserglühen geben könne. Ab diesem Augenblick verstand Echinus, was sich zwischen Atnife und Holger abspielte. Irdische Grenzen waren überschritten. Er verstand auch folgendes: Holger konnte sich nicht durch einen natürlichen Lernprozess dermaßen geändert haben und es fiel ihm hierzu die Höhle von Sokar ein.

 

Nach seinen Gedanken über Atnife und Holger wendete Echinus seine Aufmerksamkeit wieder nach außen.

 

"Wo fangen wir an?" fragte Atnife Holger. Echinus wusste, dass Atnife nur seinetwegen die Frage stellte. Sie wusste was Holger wollte und Holger wusste auch alles über Atnife und was diese wollte. Holger machte im Einklang mit Atnife das Spiel mit.

"Am liebsten bei meinem Schmied, bei dem ich in die Lehre gegangen bin", gab Holger freudig zur Antwort.

"Aber schön schweigen bitte und nicht aufplustern", mahnte Atnife.

Holger: "Wie könnte ich bei einer so strengen Aufpasserin?"

 

Alle waren in bester Stimmung und freuten sich auf das Kommende. Für Echinus und Atnife war diese mittelalterliche Welt, in der Holger gelebt hatte, auf jeden Fall eine sehr fremdartige und abenteuerliche Welt.

 

Mitten auf einer Landstraße, von niemand gesehen, wurde die Truppe abgesetzt. Zwei Wohnwagen mit Plane und Gespann und zusätzlicher Eskorte. Vom Mars waren eine mit Pferden gut vertraute Frau und ein Mann hergebracht worden, welche die Funktion der Kutscher für die zwei Wägen übernahmen.

"Wozu braucht man bei als Pferden getarnten Kampfmaschinen Kutscher, die mit biologischen Pferden vertraut sind?" fragte Echinus erstaunt.

"Damit die Handhabung der Pferde ganz natürlich wirkt", erklärte Atnife sachlich. "Ich habe mir sagen lassen, dass alle diese Pferde-Kampfroboter einer eigenen Schulung unterzogen wurden, um das Verhalten biologischer Pferde zu erlernen und zu imitieren."

 

Dann ging es los. Atnife, Holger und Echinus saßen bei der Kutscherin, beziehungsweise auf der zweiten leicht erhöhten Bank dahinter.

 

Es herrschte Sonnenschein, die Vögel zwitscherten. Es war eine herrliche Fahrt. Atnife genoss die veränderte Umwelt. Nichts von Technik weit und breit. Es war beinahe so wie damals im alten Ägypten. Alles gefiel ihr. Etwa wie der Wagen holperte. Das war kein hochtechnisches Gleiten, nein, man war mit dem Weg verbunden, kommunizierte gleichsam mit dem Weg und jede Unebenheit und jeder Stein gab sich zu verstehen. Fahren war zugleich ein Informationsaustausch mit der Straße.

 

Etwa in der Mitte des Nachmittags gelangten sie ins Dorf und hielten am gegenüberliegenden Dorfrand bei der Schmiede an. Der Schmied, ehemaliger Lehrherr von Holger, kam heraus in der Erwartung Kunden vor sich zu haben. Es schienen schwer noble Kunden zu sein, weil es zwei kunstvoll verzierte und reich geschmückte Wagen elegantester Bauart waren. Die Räder der Fahrzeuge hatten einen Eisenbeschlag und nicht einen Hartholzring wie üblich. Höchstens Könige könnten sich solch einen Luxus leisten. Aber anscheinend verwendeten selbst Könige Eisen lieber für wichtigere Belange. Denn der Schmied kannte keinen Bericht, wo dergleichen erwähnt worden wäre und was den Gebrauch von Eisen anbelangt, war er ansonsten bestens informiert. Zur Überraschung des Schmiedes ruhte das Fahrgestell nicht fest auf der Achse auf, sondern auf metallenen Spangen, die über jedem Rad zu sehen waren. Noch nie hatte der Schmied dergleichen gesehen. Alleine die Metallspangen mussten ein Vermögen wert sein. Der unglaubliche Luxus der Wägen wurde noch durch eine Eskorte unterstrichen, die ebenfalls sehr nobel wirkte. Das Zaumzeug deren schwarzer Pferde, die nicht die geringste Müdigkeit zeigten, war aus schwarzem Leder mit silbernen Metall-Verzierungen. Es war eine herrliche Kunstschmiedearbeit. Es war das Pferdezaumzeug eines Königs, aber nicht das Zaumzeug von Pferden einer Eskorte.

Dann musterte der Schmied die Reiter selbst. Alle vier hatten beidseitig ein Schwert. Auch das war unglaublich – mit beiden Armen ein Schwert zu führen war eine unglaubliche Akrobatik.

Da hörte er eine ihm bekannte Stimme: "Hallo Lehrherr, dein ehemaliger Geselle besucht dich!"

Der Schmied war fassungslos und traute weder Augen noch Ohren. Dann rief er: "Nicht zu fassen, diese noble Gesellschaft hat dich Lumpen mitgenommen?"

"Genau", rief Holger, "komm her und schau mal in den Wagen rein, das ist für dich!"

Holger schlug die rückwärtige Plane des ersten Wagens zur Seite und dem Schmied kamen beinahe die Augen heraus. Da war Kupfer, Weichsilber (Aluminium), Blei, Silber. Der Schmied vergaß die Welt und seine Gäste. Er wühlte in den seltenen und kostbaren Metallen herum, hob sie hoch, schätzte ihr Gewicht ab. Er fand sogar einige Metalle, die er gar nicht kannte. Als er ein Stück prüfen wollte, klebte es an einem Stück Eisen fest, so stark, wie es bei weitem keiner von den sehr seltenen Magneten vermochte, die er so ein, zweimal in seinem Leben gesehen hatte.

Es dauerte eine geraume Weile, bis der Schmied wieder ansprechbar war. "Wo hast du denn das her?" rief er erstaunt aus.

"Frag nicht, das sind reiche Leute. Ich hoffe, das ist dir eine gute Jause wert!"

"Klar, kommt rein, HILDE!" rief er. Dann zu seinen Gästen gewendet: "Ich muss zuerst die Metalle abladen, das sind Schätze, die lasse ich nicht so einfach auf der Straße stehen."

Der Schmied rief Lehrling und Gesellen herbei und begann den Wagen abzuladen. Aus der Sichtweise der Zivilisation von Atnife waren es nur ein paar dürftige Stücke, aber aus der Warte des Schmiedes war es ein unfassbarer, königlicher Schatz.

Nach dem Abladen kam der Schmied in die Stube herein, wo bereits Atnife, Holger, Echinus und die zwei Kutscher saßen.

"Wo sind die vier Berittenen, alle können rein und sollen so reichlich essen wie noch nie im Leben!" rief der Schmied und wollte schon wieder hinaus, um die vier Reiter herein zu holen.

Holger rief ihm schnell zu: "Halt, die bleiben draußen!"

Der Schmied sah Holger erstaunt an.

Holger winkte ihn herbei: "Komm her!" Und dann flüsterte er für die Anwesenden noch immer gut verständlich: "Die vier sind Eskorte und die würden sich auch nie von ihrem Wachdienst abhalten lassen."

"Von wem sind sie die Eskorte?" fragte der Schmied.

"Von der Dame hier", flüsterte ihm Holger zu.

"Wer ist die Dame, welchen Stand hat sie?" wollte der Schmied sogleich wissen.

"Ich weiß es nicht", meinte Holger. "Sie spricht nicht unsere Sprache und ich hab es nicht herausfinden können. Ihre Wache schweigt als wären sie aus Stein. Aber der junge Mann da ist ein Prinz."

Die Rechnung ging auf. Der Schmied hatte ein neues Ziel seiner Neugierde.

Der blickte sofort zu Echinus und verneigte sich leicht. Die Neugierde hatte ihn erfasst und er vergaß Dame und Eskorte. Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu Holger. "Wie bist du an den ran gekommen?"

"Einer der zwei Wagen hatte einen Deichselbruch und ich habe ihnen geholfen den Wagen zusammen zu flicken." Indem er den Schmied mit dem Ellbogen anstieß sprach er weiter. "Die Eskorte hatte die zwei Bruchstücke mit Lederriemen wieder aneinander gebunden. 'Das wird nie halten', habe ich zu ihnen gesagt.

'Die Deichsel dient nicht zum Ziehen des Wagens, sondern zum Lenken und wird deshalb nicht so sehr beansprucht', sagte einer von ihnen.

Die haben von nichts eine Ahnung, dachte ich mir, und ich konterte: 'Bei diesen steinigen Straßen hier mit den Schlaglöchern, schlägt es die Deichsel hin und her. Die wird sehr wohl beansprucht!'"

'Und was würdest du vorschlagen?' fragte der weiter.

'Wozu habt ihr Schwerter', habe ich ihm zugerufen. 'Fällt einen passenden Baum und schnitzt genau so ein Stück zurecht!' Du wirst es nicht fassen", erzählte Holger dem Schmied weiter, "der nahm sein Schwert und mit einem einzigen Schlag war der Baum gefällt. Ich war sprachlos. Ein weiterer Schwertschlag und der Stamm hatte die richtige Länge. Damit kam er her.

'Eine Weide' rief ich, 'wie kann man nur eine Weide verwenden? Dort, seht die Esche, diese nehmt, das ist richtiges Holz.' Ich muss gestehen, ich habe es ihm einfach nicht gegönnt so ein leichtes Spiel mit der Deichsel zu haben. Ohne mit einer Wimper zu zucken ging der zur Esche und du glaubst es nicht, mit einem Schlag war der armdicke Baum gefällt", ergänzte Holger. "In wenigen Augenblicken war eine Deichsel zurecht geschnitzt."

"Ich habe mir beide Wagen angesehen", meinte der Schmied, "und da war keine improvisierte Deichsel dabei."

"Stimmt", sagte Holger, "sie haben in der nächsten Stadt eine neue Deichsel gekauft. Sie haben dem Wagner Geld zugesteckt und der hat sie von einem frisch gebauten Wagen heraus genommen und sie ihnen gegeben."

"Sind die so reich?" fragte der Schmied.

"Über solche Dinge spricht man nicht", maßregelte Holger seinen ehemaligen Lehrherrn, der darüber lachte.

 

Atnife hatte, die Gedanken von Holger wahrnehmend, staunend zugehört. Anfangs noch besorgt, lächelte sie dann und erinnerte sich an die überzogenen Erzählungen von Atmedef während ihrer Wanderung durch den Duat. Es war Atmedef, der da neben ihr saß, so wie er immer war.

Der Schmied war von der Erzählung so aufgeregt, dass er einen roten Kopf bekam, denn schließlich war das ja nicht eine bloße Erzählung, sondern die damit involvierten Leute saßen ja vor ihm und waren seine Gäste. An der Tatsache, dass er bereits dabei war sich ein zweites Glas Wein einzuschenken, konnte man erkennen wie sehr ihn die Erzählung packte.

 

"Und ihr seid jetzt unterwegs zu seinem Königshof?" wollte der Schmied wissen.

"Ach, das ist eine schreckliche Geschichte", Holger machte ein trauriges Gesicht. "Du siehst an seinem Aussehen und erkennst an seinem Akzent, dass er nicht von hier stammt. Er kommt aus einem fernen Land im Osten. Unvorstellbar welche Reichtümer es dort gibt. Tische und Betten in seinem Zimmer waren aus mit Juwelen besetztem Gold, die Türen mit geschnitzten Beinarbeiten verziert. Ich wage es nicht zu sagen, aber verglichen mit solch einem königlichen Hof dort, sind die hiesigen Könige wilde Barbaren."

Der Schmied blickte ehrfurchtsvoll zu Echinus und als dieser seine Gesicht ihm zuwendete, neigte der Schmied ehrfurchtsvoll sein Haupt.

"Und dann eines Tages", setzte Holger die Erzählung fort, "kam ein benachbarter König, der sich mit weiteren drei Königen verbündet hatte. Sie fürchteten alle diesen mächtigen König, den Vater des Erstgeborenen hier, aber als Meute von vier Königreichen, hatten sie sich anzugreifen getraut. Bei Sturm und Gewitter kamen sie durch das Unwetter getarnt mit ihren Heeren eilig herbei geritten. Die Berittenen hatten ihre Pferde gejagt, und weit hinten einen Tag später kam das Fußvolk. Doch der unerwartete Einfall hatte Erfolg. Sie metzelten alles nieder, wessen sie habhaft werden konnten. Der Prinz jedoch konnte über einen Geheimgang fliehen. Die feigen Sieger ließen im ganzen Land nach ihn forschen und in allen angrenzenden Ländern ebenfalls. Überall wurden Häscher als Bauern und Handwerker verkleidet ausgeschickt, um ihn zu finden. Deshalb ist er so weit bis hierher in dieses für ihn entlegene Land geflohen!"

"Ja, aber wenn er mir die wertvollen Metalle schenkt, wird er nichts mehr zum Leben haben", meinte der Schmied mitleidig.

"Ich nehme an, er wird noch jede Menge Gold haben."

Fassungslos blickte der Schmied Holger an.

 

Die Frau vom Schmied brachte den Braten herein.

"Stelle ihn vor dem Prinzen hin", wies sie der Schmied an und zeigte auf Echinus. "Der soll das erste Stück haben!"

Der Braten wurde vor Echinus abgestellt und der Schmied reichte ihm ein Messer.

Echinus versuchte in ungeübter Art ein Stück abzusäbeln und tat sich schwer. Dann holte er sein eigenes Messer hervor und schnitt sich ein Stück, nun wesentlich leichter ab. Sein Messer war ein mit Diamanten verstärktes Karbonmesser. Echinus hatte sich hierbei nichts weiter gedacht, doch der Schmied beugte sich quer über den ganzen Tisch und starrte zum Messer.

"Eine kohlschwarze Klinge", staunte er. "Welches Metall ist denn das? Darf ich mal sehen?"

Echinus merkte, dass er einen Fehler gemacht hatte und antwortete nicht. Statt dessen überreichte er dem Schmied das Messer. Der prüfte die Schärfe und schon hatte er einen Schnitt im Daumen. "Unfassbar", sagte er, "so etwas habe ich noch nie gesehen!"

Statt einer Antwort streckte Echinus seine Hand hin und forderte solcherart das Messer wieder zurück.

Der Schmied, als er sah, dass aus Echinus nichts heraus zu holen war, blickte zu Holger.

"Das ist ein mir unbekanntes Material. Ich habe einige Stücke bei den Schmelzöfen gesehen. Der Sortierer sagte mir, dass es sich nicht schmelzen ließe ", meinte Holger.

"Weißt du wo der Prinz es her hat?" fragte der Schmied.

"Keine Ahnung", gab sich Holger ratlos.

Als nächstes wandte sich der Schmied an Atnife: "Greift zu", rief ihr der Schmied zu. "Lasst es euch schmecken Hochwohlgeboren". Als Atnife keine Anstalten machte, schnitt er ihr ein großes Stück Fleisch ab, legte es auf den Teller und schob es ihr zu. "Hier ist Weißbrot". Mit diesen Worten schob er ihr einen Korb mit Weißbrotschnitten zu.

Atnife nickte ihm lächelnd zu, zeigte jedoch keine Anstalten zu essen.

Der Schmied war erstaunt. "Das ist gutes Fleisch, weich und saftig!"

Holger sprang schnell ein, um die Situation zu retten: "Essen ist für sie ein heiliger Vorgang. Jeden Bissen opfert sie zuerst dem Himmelskaiser und dann erst isst sie ihn. Es ist ein Ritual, das sie allein in ihrem Wagen durchführt."

"Ah", sagte der Schmied, "nun ja, in gewisser Weise ist für mich Essen auch ein heiliger Akt, aber in Gesellschaft schmeckt es mir besser."

Die Türe ging auf und der Gehilfe und der Lehrling kamen herein. "Nehmt euch Holzteller und schneidet euch ein Stück Fleisch ab" und drohend fügte er hinzu, "seid dabei nicht unverschämt und lasst den Gästen noch was über und dann ab mit euch, ich will euch heute nicht mehr sehen.

Holger neigte sich zum Schmied: "Lass sie noch einen Krug Wein mitnehmen!"

Den Schmied zuckte zusammen. So etwas hätte sich Holger als Geselle nie leisten können, Wein war nur dem Schmied vorbehalten, ihm ganz allein. Aber in dieser edlen Gesellschaft war auch Holger aufgewertet, er war für den Schmied schon fast so etwas wie ein Minister. "Ihr könnt euch hier aus dem Fass einen Krug Wein abfüllen." Betont fügte er noch hinzu: "ausnahmsweise!"

Der Schmied sah zum Lehrling, der gerade vom Braten zwei Stück abgeschnitten hatte. "Soll das eine Portion sein?" rief er entrüstet.

"Ich habe mich so beeilt Meister, dass ich nicht mehr bemessen konnte!"

"Gesindel", rief der Schmied scheinbar entrüstet. "Verschwindet und für heute ist Feiertag". Die Gesichter der Zwei strahlten vor Freude auf.

 

Die kommenden Tage begleiteten Atnife und Echinus Holger beim Besuch verschiedener Bekannter. Atnife war daran interessiert die Lebensumstände und die Kultur der Menschen kennen zu lernen. Zwischendurch gab es Reitausflüge.

 

Es war Zeit für die Abreise und Holger gab dies dem Schmied beim Frühstück bekannt. Dieser bat Holger mit ihm auf ein vier Augen Gespräch hinaus zu gehen.

 

"Holger", begann der Schmied, "Du warst einer meiner besten Lehrlinge, die ich je hatte, intelligent und wendig. Du hast meine volle Aufmerksamkeit gefunden und ich kenne dich in und auswendig. Glaub mir, ich habe dich die letzten Tage beobachtet. du bist ein anderer Mensch. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, aber du hast eine geradezu aristokratische Würde, scheinst über tiefes Wissen und Weisheit zu verfügen, auch wenn Du darüber hinwegtäuschen wolltest. Ich kenne dich zu gut als dass du was vor mir verbergen könntest. Ich habe auch über Deine Erzählungen nachgedacht. Du bist ein großartiger Geschichten Erzähler. Der größte Teil von dem, was du erzählt hast war geflunkert. Was sage ich da mit 'der größte Teil'! Alles war pur erfunden. Am Anfang bin ich auf Deine Erzählungen voll herein gefallen. Das kostbare Zaumzeug der Eskorte schien es ja zu bestätigen. Ich habe dann nachgedacht und mir ist vieles aufgefallen. Ich habe noch nie eine Eskorte oder Soldaten gesehen mit einem metallenen Schwert. Ein metallenes Schwert ist zu kostbar und nur Könige besitzen ein solches. Soldaten, selbst Generäle tragen ein Hartholzschwert mit metallenen Schneidkanten. Dann merkte ich, dass die Eskorte zu der Dame gehört. Aufmerksam geworden hatte ich deinen Prinzen beobachtet. Jetzt fiel es mir auf. Da war nichts von dem stolzen aufrechten Gang eines Prinzen. Im Gegensatz zu dir, der du dich wie ein Prinz verhältst. Die Frau, über die du nie ein Wort gesagt hast war der Mittelpunkt und ich sah, dass alle aufmerksam auf sie achteten und selbst einen kleinsten Augenbefehl befolgen würden. Sie haben sich bemüht es nicht erkennen zu lassen, aber ich sah es an ihrem Blick. Von wegen, dass du nicht weißt wer diese Frau ist! Ihr kennt euch so gut, dass ihr nicht einmal Worte wechseln müsst. Wie ein gut eingespieltes Team habt ihr euch ergänzt."

Holger schwieg und peilte Atnife telepathisch an. Er erklärte ihr die Situation und sie war damit einverstanden, dass der Schmied die Wahrheit erfahren dürfe. Aber er ganz allein. Er möge mit zwei Pferden mitkommen. Unterwegs kannst du ihm vieles erklären, wenngleich nicht alles. Als Abschiedsgeschenk könne er sich dann den verbleibenden Wagen nehmen und damit nach Hause zurück kehren. Einen Wagen würden sie von vornherein zurück lassen. Holger freute sich, dass ihm Atnife dies zugestanden hatte.

Der Schmied wartete geduldig, bis Holger seine vermeintliche Nachdenkpause beendet hatte und war begierig zu hören, was dieser ihm mitteilen wollte.

"Gut", sagte Holger. "Ich werde dir alles erzählen was es zu sagen gibt. Aber nicht hier. Wenn du es wissen willst, musst du ein Stück mit uns fahren und unterwegs erzähle ich es dir. Nimm dir zwei Pferde mit, damit du dann mit dem Wagen zurück fahren kannst. Wir werden die weitere Strecke reiten. Einen der zwei Wagen werden wir von vornherein bei Dir zurück lassen. Diesen und den anderen Wagen bekommst Du als Geschenk!"

Dem Schmied verschlug es die Rede und es blieb ihm geradezu die Luft weg. Das man solch unschätzbare Werte einfach verschenken konnte, war ihm unfassbar. Aber, er korrigierte sich in Gedanken, alles um Holger war ihm unverständlich. Da war nichts mehr, was ein normal denkender Mensch auch nur zum Teil verstehen würde können.

Da der Schmied Holger nur fassungslos anstarrte, versuchte Holger die Situation zu retten indem er wieder das Wort ergriff. "Also, wenn Du haben willst, dass ich Dir einiges erkläre, dann begleitest Du uns mit zwei Pferden, welche Du am Halfter hinten am Wagen anhängst."

"Ja, ja, Mach ich", stotterte der Schmied allmählich aus seiner Fassungslosigkeit erwachend. Dann schien er mit einem Schlag wieder der Alte zu sein und er rief lauthals über den Hof seinen Gehilfen und Lehrling herbei und befahl ihnen zwei Zugpferde herbeizuführen und mit einem langen Halfter rückwärts am Abreise bereiten Wagen anzuhängen.

Zum Erstaunen des Schmieds standen die zwei Zugpferde des zweiten Wagens, die nun keinen Wagen mehr ziehen mussten, ohne Kopfzeug und Halfterschnur im Hof und als der verbliebene Reisewagen abfuhr, folgen die Pferde frei laufend der Gesellschaft.

 

Als sie unterwegs waren, plauderte Holger noch ein wenig mit dem Schmied, der sich mit ihm auf die rückwärtige Bank gesetzt hatte, während vorne Atnife mit der Kutscherin saß. Echinus saß mit dem zweiten Kutscher im Wageninneren. Endlich, sie waren schon weit außerhalb des Dorfes, kam Holger zur Sache.

 

"Also Schmied", begann Holger. "Von dem, was die heiligen Bücher erzählen ist das meiste falsch. Wenn du die Geschichte hören willst, dann schlägst du in meine Hand ein und versprichst mir, dass du niemandem ein Sterbenswörtchen über unser Gespräch sagst. Du hältst alles geheim, was sicher auch zu Deinem Wohle ist. Denn alles andere wäre eine von der Obrigkeit geahndete Ketzerei. Also, Du hast nie gehört, was ich Dir jetzt sage und hältst nach außen nach wie vor an den Märchen der heiligen Schriften fest. Versprochen?"

Der Schmied schlug in die Hand von Holger ein: "Versprochen".

"Gut", freute sich Holger. "Unterbrich mich nicht und hör dir alles an. Fragen kannst du nachher stellen.

Es gab sehr wohl eine Epoche der Metallwesen, wenngleich die Metallwesen nicht so primitiv waren, wie sie in den heiligen Schriften erklärt werden. Die Metallwesen von menschlichem Aussehen sind Könner und überragen an Wissen und Schnelligkeit jeden Menschen."

"Woher weißt du das?" unterbrach der Schmied. Er konnte sich nicht beherrschen.

"Schweig und höre mich weiter an", ermahnte ihn Holger. "Die Eskorte hier und die Pferde, das sind alles Metallwesen. Die Pferde können zum Beispiel sprechen und sind hoch intelligent."

"Das glaube ich nicht", rief der Schmied.

Holger rief eines der frei laufenden Pferde herbei und sprach es in einer dem Schmied unbekannten Sprache an. Das Pferd antwortete in der gleichen Sprache. Holger sprach noch ein paar Worte und sang ein Lied, das sie alle gerne in alten Tagen in der Schmiede gesungen hatten. Zum Erstaunen des Schmiedes sang das Pferd das Lied nach. Der Schmied rieb sich die Ohren und konnte es nicht fassen.

"Ich erzähle dir weiter", setzte Holger sein Gespräch fort. "Die Metallwesen wurden keineswegs vom Himmelsherrscher vernichtet, wie es die heiligen Schriften sagen. Sie haben sich in einem großen Krieg gegenseitig vernichtet. Jedoch ein Königreich entging dieser Vernichtung, weil es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf der Erde war. Es war ein großes Königreich, deren Bewohner weit außerhalb der Himmelskuppel in der Unendlichkeit dahinter, in großen Schiffen gelebt hatten. Es war das größte und mächtigste Königreich von allen Reichen. Und dieses Königreich existiert noch immer. Es ist mächtiger denn eh und je, unvorstellbar in seiner Größe und Stärke. Millionen und Abermillionen seiner Schiffe durchziehen die Unendlichkeit. Ein jedes Schiff ist ein eigenes Königreich mit Wäldern und Getreidefeldern, Tieren und Vögeln in seinem Inneren und mit zahlreichen Menschen und Metallwesen."

Mittlerweile waren die Wagen stehen geblieben.

Der Schmied starrte Holger an und er wusste nicht mehr was er sagen sollte. Es fehlten ihm die Worte. Wie es schien, glaubte er Holger diesmal.

 

Stille herrschte. Dann wollte der Schmied wissen wie Holger zu all dem käme, doch gerade in diesem Augenblick verdunkelte sich der Himmel und der Schmied erschrak heftig, denn unversehens aus dem Nichts schwebte in der Luft über ihren Köpfen eine riesige Festung aus Metall.

Während der Schmied fragend zu Holger blickte, taten alle wie selbstverständlich und beachteten die Festung nicht. Die Dame bedankte sich bei allen Anwesenden, wie der Schmied ausmachen konnte. Sogar bei den Pferden bedankte sie sich und die Pferde sprachen einige Worte und nickten mit dem Kopf.

Eine Plattform schwebte vom Schiff herab und die Pferde betraten diese ohne Aufforderung und schwebten mit der Plattform nach oben. Gleiches galt für die Menschen, ob echt oder Metallwesen.

Zuletzt bestiegen die Dame, Holger und der Prinz die Plattform. Holger winkte dem sprachlosen Schmied noch zu und schwebte mit den anderen zu der Festung empor. Dann, von einem Augenblick zum anderen war alles verschwunden und der Schmied stand mit dem Wagen und den Pferden allein da. Er schlug mit der Hand kräftig auf das Holz und dann noch einmal, bis ihm die Hand weh tat, um sicher zugehen, dass er nicht träume. Dann fuhr er nach Hause.

Es war alles unfassbar, was er gesehen hatte. Wie sollte er auch nur eine Andeutung von dem weiter erzählen. Sie würden ihn alle verlachen und sagen, dass er zu viel Wein gesoffen hätte und Rauschfantasien gehabt hätte. Ihm ein zusätzliches Versprechen abzuverlangen war sicherlich nicht nötig.

 

Fahrt auf dem Nil

 

 

Der Reiseurlaub setzte sich fort.

Mit langsamen Ruderschlägen, glitt das Boot durch die Schilf bewachsenen Wasserrinnen des Nildeltas. In größerem Abstand war ein Boot mit der Eskorte und Echinus an Bord. Dieses Boot war ein Motor-Schnellboot – eine Sicherheitsmaßnahme – wurde jedoch, da kein Notfall gegeben war, ebenfalls gerudert. Kutscherin und Kutscher waren mitsamt Pferden zur "Alten Stadt", dem irdischen Beobachtungszentrum des solaren Reiches, zurück gekehrt.

 

Atnife und Holger genossen die Laute der Tiere, die Lotosblumen und das sich im Wind biegende Schilf.

Atnife saß wieder vorne im Boot, wie schon einmal vor langer Zeit. Beide wollten es so. Es war eine Fahrt durch die Erinnerungen.

"Kannst du dich noch an unsere Fahrt damals im Duat erinnern?" fragte Atnife Holger. Es war eher eine rhetorische Frage aus der Stimmung heraus, wenngleich Atnife nicht genau wusste, wie viel an Erinnerung aus früheren Zeiten Holger durch das Ritual in der Höhle von Sokar erworben hatte.

"Ja, seit der Höhle von Sokar sind praktisch alle meine Erinnerungen zurück gekehrt. Es war überwältigend."

"Ich freue mich", sagte Atnife und beide lächelten zufrieden.

Nach einer Pause setzte Atnife das Gespräch fort: "Die Fahrt ist fast so wie früher, die Natur hat sich regeneriert und ist wieder so üppig wie sie einst war".

"Ja, und wir fahren wieder zu zweit, fast allein", ergänzte Holger.

Atnife: "Leider nur fast, denn wir haben jetzt eine Eskorte. Das nimmt uns die Spannung und Aufmerksamkeit, die man aufbringen muss, wenn man jeden Augenblick einer Gefahr begegnen kann."

Holger: "Ja, Gefahren sorgen für Spannung und machen Erreichtes wertvoller."

Atnife: "Jetzt bin ich wichtig und bedeutungsvoll, deshalb verfolgen tausend Augen jeden meiner Schritte. Auch damals waren wir beide wichtig. Ich war Sachmet wichtig und Re-Atum wichtig. Das war, weil sie mich liebten. Und weil sie mich liebten, riskierten sie es, dass ich Gefahren ausgesetzt wurde, damit ich aus diesen lernen und stark werden möge. Jetzt bin ich in meiner Funktion wichtig. Der künstlichen Intelligenz namens Verwalter ist es völlig egal, ob ich etwas lerne oder ob ich stark werde und mich innerlich entwickle. Es ist meine Person als Träger einer Funktion, die ihm wichtig ist, nicht meine Wesensart."

Holger: "Ja, so ist es. Man könnte sagen, den jetzigen Mächten ist Deine äußere Schale wichtig, denn sie ist der Träger einer Funktion. Die äußere Schale kann man auch bewachen und absichern. Das geschieht jetzt. Die Seele jedoch wird nicht wahrgenommen, ob diese leidet oder sich freut. Es interessiert sie nicht. Hauptsache du funktionierst."

Atnife: "So ist es. Das hat mich einsam gemacht. Jetzt, wo du an meiner Seite bist, jemand der mich wirklich versteht und vor dem es keine Geheimnisse gibt, jetzt bin ich glücklich."

"Wie beurteilst du dein Wissen und Weltbild, dein Leben im Vergleich zu damals?" wollte Holger wissen.

"Mein irdisches Weltverständnis hat sich enorm erweitert und das finde ich schön. Die mir vermittelten wissenschaftlichen Erkenntnisse haben für mich alles wunderbarer und reichhaltiger gemacht und die Welt ist auch unglaublich viel größer geworden als sie damals für mich war, als sie sich auf das Land rund um den Nil eingeschränkt hatte."

"Ich freue mich schon darauf", ereiferte sich Holger, "mein Wissen auf den Stand des jetzigen Großreiches anheben zu können. Meinst du Atnife, ist das möglich mit einem Lernsystem ähnlich jenem des Sprachlernsystemes?"

Atnife: "Zum großen Teil kann ich das mit Ja beantworten. Ein beschleunigtes Lernen mittels elektronischer Hilfe ist auf jeden Fall möglich. Ich hätte gerne, dass du dieses Wissen nachholst bevor du deine Reise beginnst. Auch hätte ich gerne, dass du zuvor die Astronautik erlernst. Diese ist weniger eine Sache des Wissens als eine von paranormalen Fähigkeiten und die hast du, wie ich mittlerweile herausgefunden habe. Du wirst dann kein passiver Reisegast sein, sondern kannst dich in deinen Fähigkeiten einbringen. Du bist dann auch von den anderen als Mensch gleichen Wissens und Könnens akzeptiert."

Atnife und Holger ruderten schweigend weiter. Beide hingen ihren eigenen Gedanken nach. Die Fahrrinne wurde enger und schien bald aufzuhören.

"Wir sind in eine Sackgasse geraten und müssen umdrehen", lachte Atnife. "Die Androiden werden nicht begreifen weshalb ich nicht das Ortungssystem verwende."

 

Sie wendeten das Boot und fuhren wieder zurück. Die Androiden mit Echinus drückten sich mit ihrem Boot so weit es ging an den Schilfrand und ließen Atnife und Holger vorbei fahren.

Atnife rief Echinus zu: "Wenn du Holger als Astronauten ausbildest, dann könnt ihr allein zu mir reisen, ohne Eskorte!"

Echinus strahlte im Gesicht auf und lachend erwiderte er: "Ich bin begeistert. Ich mache aus ihm einen Superastronauten. Er wird beinahe so gut werden wie ich es bin!"

Atnife lachte auch: "Bescheidenheit hast du ja nicht gerade mit dem Löffel gegessen!"

 

Bald waren sie zu einer größeren Wasserfläche gelangt, nach wie vor seichtes Wasser, erkennbar daran, dass das spiegelnde Wasser von zahllosen rosaroten Lotosblüten überzogen war. Sie versuchten ihre Fahrt bei einer anderen Rinne fortzusetzen, die breiter war und mehr versprach.

 

Holger begann das Gespräch. "Wir sind damals durch das Duat gewandert, durch die Unterwelt, die wie ein Spiegelbild der mittleren Welt war und wir hatten dort allerlei erlebt. Dennoch kann ich mir diese Welt nicht erklären. Eigentlich dürfte es eine solche Welt gar nicht geben!"

Atnife: "Es war eine jenseitige Welt. Jenseitige Welten sind Bühnen, die von den Menschen erschaffen werden. Eine jede Zeit erzeugt ihre eigenen Bühnen. In diesen Bühnen bewegen sich die Menschen wie in einem Theaterstück, spielen ihr persönliches Spiel und glauben auch daran. Damals gab es also eine jenseitige, astrale Welt, welche die damaligen Menschen aus ihrer religiösen Vorstellung heraus erschaffen hatten. In gewisser Hinsicht war diese Welt real, genauso wie eine Theaterbühne auch im physikalischen Sinne real ist, obwohl auf ihr mitunter eine physikalisch nichtreale Märchenwelt dargestellt wird."

Holger: "Wieso, Atnife, hast du dich in diese Bühne hinein begeben, obwohl du kein Mensch warst?"

Atnife: "Meine Tätigkeit als Gruppengeist für Geparden war zu dieser Zeit praktisch schon abgeschlossen und es war abzusehen, dass es in Ägypten bald keine Geparden mehr geben würde. Sachmet wollte, dass ich mich weiter entwickle, dass ich lerne und hatte sich gedacht, dass ich dies im Umfeld der Menschen gut könne. Das führte mich also zu den Menschen und jetzt bin ich als Großregentin beinahe so etwas wie ein Gruppengeist einer solaren Menschheit. Sagen wir ein irdisches Spiegelbild eines Gruppengeistes."

Holger: "Merkwürdig was das Schicksal so alles spielt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie du mir damals als kosmische Großkatze erschienen bist. Das hatte mich sehr beeindruckt und das Bild trage ich jetzt wieder als kleines Juwel in mir."

 

Reise und Ankunft bei den Libellenschiffen

 

 

Nach dem letzten Ausflug mit Atnife folgten für Holger etliche Wochen intensiven Studiums. Es wurden hierzu technische Hilfsmittel verwendet, die das Wissen in die Erinnerung Holgers einspeisten. Dazwischen wurde das Wissen durch lange Gespräche mit Echinus gefestigt und durch Diskussionen vernetzt. Es war ein Prozess, der zwar durch technische Hilfsmittel sehr beschleunigt wurde, aber dennoch nicht so einfach war. Androiden können Wissen einfach einspeichern wie ein Computer. Bei einem Menschen ist das anders. Da muss das Wissen der Persönlichkeit und der Psyche angepasst werden. Das ist wie bei einem Räderwerk, wo eines in das andere passen muss.

Echinus gab sich viel Mühe und nahm seine Aufgabe sehr ernst. Zwischendurch erfolgten zur Erholung und Abwechslung immer wieder kleine Ausflüge. Zunehmend durfte sich Holger selbst als Astronaut versuchen und er zeigte sich begabt hierfür.

Während all dieser Zeit waren sie auf der terrestrischen Beobachtungsstation in der Ruinenstadt geblieben und hatten die Natur und den freien Himmel genossen.

Dann war es so weit und die lange Reise konnte beginnen.

 

Holger und Echinus flogen tangential zur Sonne Richtung Mars, der in guter Position stand und solcherart eine Zwischenstation auf dem Weg zu den Libellenschiffen von Atnife abgeben konnte. Sie blieben vier Wochen dort. Dann ging es zum Asteroidengürtel, wo bei einer Schiffswerft auf zwei Wochen eine Pause eingelegt wurde. Und dann war eine riesige Strecke vor ihnen, ohne Möglichkeit einer Zwischenlandung.

 

Die Reisen zum Mars und zum Asteroidengürtel waren relativ kleine Entfernungen und in kurzer Zeit geschafft. Echinus hatte sich für diese Strecken mit besten Speisen eingedeckt. Was jedoch die nun folgende lange Strecke anbelangte, so war in Hinblick auf Ernährung eine andere Situation gegeben. Es wurden keine haltbaren Speisen mitgenommen, um das Transportvolumen möglichst klein zu halten. Essen gab es somit nur noch aus den Recycling Anlagen. Und das sah so aus:

Holger wendete sich an das Raumschiff: "Ich würde gerne essen. Welche Speisen sind im Angebot?"

Raumschiff: "An Suppen gibt es: Algensuppe süß, Algensuppe gesalzen, Algensuppe pur. Weiters gibt es noch Festspeisen: Algenpastete süß, Algenpastete gesalzen und Algenpastete pur".

Holger starrte fassungslos zu Echinus. Dieser sagte zu ihm: "Verstehst du nun meine Fressorgien, wie ich sie bei unserer ersten Begegnung hatte? Astronauten, welche weite Strecken fliegen erkennst du schon von weitem – sie sind mager wie ein Skelett. Bei ihrer Ankunft nach einer längeren Strecke wird ihnen immer eine Erholungszeit gegönnt, damit sie ihr Nahrungsbedürfnis nachholen können und der Körper wieder zu Kräften kommt. Nach zwei bis drei Wochen müssen sie wieder auf Reise geschickt werden, sonst essen sie in einem fort weiter bis sich ihr Körper einer Kugelform nähert."

"Jetzt verstehe ich das besser", und man hörte Mitgefühl und Selbstbedauern aus Holgers Worten heraus.

 

Es mag sein, dass eine so weite Reise über so lange Zeit vielen als großes Abenteuer erscheint. Doch der Eindruck täuscht, außer man will im Verkosten von Algensuppen ein Abenteuer sehen. Sicherlich ist man bei einer solchen Reise auch Gefahren ausgesetzt und man weiß nie, ob man das Ziel auch tatsächlich erreichen wird. Doch auch diese Gefahren erleben sich völlig unromantisch. Es ist keineswegs etwa wie ein gefährlicher Dschungelaufenthalt, wo das Kreischen und Heulen ein Gefühl wach ruft von Raubtieren umschlichen und umlauert zu werden und Phantasien anheizt, denen zu Folge aus einem Gebüsch ein Tiger hervor springen könnte oder eine Schlange sich von einem Ast herab lassen könnte. Die Gefahren im Weltraum sind scheinbar nicht vorhanden; man kann sie nicht erkennen. Wenn sie einem begegnen, ist man meist schnell tot, schneller als man die Gefahr in der Wahrnehmung realisieren konnte. Etwa kleine schnelle Asteroiden, welche das Schiff durchlöchern oder zerreißen. Solcher Art bietet sich die Reise ohne Wahrnehmung einer Gefahr dar und zeigt sich als ein monotoner Alltag: Raumsprung, Erholung mit gleichzeitiger Positionsortung durch die elektronischen Systeme, neuerlichem Raumsprung und neuerlicher Pause. So geschieht es Tag für Tag, ohne Abwechslung, ohne dass man merkt, ob man überhaupt voran kommt, immer von der gleichen Schwärze und den vielen Sternenpunkten umgeben. Die Reise wird nicht durch die Veränderung der Umgebung und neue Eindrücke erlebt, sondern wird in indirekter Weise durch Ortungssysteme und Diagramme angezeigt.

 

Ein Ereignis gab es überraschender Weise dennoch. Sie waren zirka drei Monate unterwegs, als ihnen vom Ortungssystem gemeldet wurde, dass ein kleines Objekt in einigen Millionen Kilometern gesichtet wurde, welches eine schwache Wärmeausstrahlung aufwies. Nachdem keine Funkverbindung zu dem Objekt zustande gekommen war, beschlossen Echinus und Holger es anzufliegen. Als sie dort waren, zeigte sich, das es ein Kleinschiff mit zahlreichen Tentakeln war, ähnlich den Zubringerschiffen von Material aus dem Asteroidengürtel. Echinus zog seinen Raumanzug an und projizierte sich in das Kleinschiff hinein. Er orderte Licht an und das Kleinschiff befolgte den Befehl, so dass es innen hell wurde. Er sah sich um und erkannte ein Skelett und einen Androiden, der soeben seine Augen öffnete.

Der Android begrüßte Echinus als Erretter. Es stellte sich heraus, dass das Schiff, nachdem der Astronaut unverhofft verstorben war, verurteilt war als Treibgut weiter zu schweben, denn einen aktiven Antrieb hatte es nicht. Letzteres war ein Regelfall für Kleinschiffe, welche für große Distanzen vorgesehen waren, da den Astronauten nicht zugemutet werden konnte, Ballast mit zu transportieren. Ein Antrieb, der nicht benötigt wurde war Ballast.

 

Echinus kehrte wieder in sein Schiff zurück und setzte sich mit dem anderen Schiff über Funk in Verbindung.

"Welche Aufgabe hatte das Schiff", fragte Echinus. "Wie es aussieht handelt es sich um ein Materialsammelschiff."

"Dieses Schiff diente als wissenschaftliches Sammelschiff extrasolarer Kometen", erklärte der Android.

Echinus: "Das klingt interessant. Habt ihr welche gefunden?"

Android: "Ja, wir hatten etliche Funde. Einer ist besonders bemerkenswert, denn es handelt sich hierbei um ein technisches Artefakt aus einem unbekannten extrasolaren System."

"Oh", riefen Echinus und Holger gleichzeitig. "Weiß man die Richtung?" fragte Echinus.

"Für alle Objekte wurde die Flugroute bestimmt, jedoch auf Grund der kurzen Beobachtungszeit und der großen Entfernung des Ursprungortes jenesn künstlichen Fragmentes ist die Bestimmung der Flugroute und des Ursprungortes von immens großer Ungenauigkeit. Auch wurde die Route des Objektes durch gravitative Einwirkung solarer Himmelskörper verändert. Das wurde zwar versucht mathematisch zu korrigieren, doch auch da schleicht sich eine große Ungenauigkeit ein."

 

Nach dem kurzen Gespräch steuerte Echinus sein Schiff an das andere näher, so dass dieses andocken konnte, was es auch sogleich mit seinen Fangarmen machte.

"Nicht so heftig", funkte Echinus zurück. "Das schaut ja aus als ob ihr uns auffressen wolltet. Vor meiner Sichtscheibe sind keine Sterne mehr, sondern nur noch Tentakel."

Das andere Schiff zog einen Großteil seiner Tentakel wieder ab. Dann kam über die Schleuse der Android an Bord mit einem luftdichten Behälter, in dem sich das Artefakt befand. Sie ließen das Schiff zurück und setzten die Reise fort.

 

Der Vorfall mit dem Kometensammler war die einzige Abwechslung auf der sonst monotonen Reise. Zwischendurch meldete sich Atnife telepathisch bei Holger und sie war über die Route zufrieden. Das gab ein wenig Sicherheit, zumal da der Kuipergürtel eine große Ausdehnung hat.

 

Eines Tages erreichten sie die Libellenschiffe. Freudig wurden sie von Atnife begrüßt und umarmt.

 

Nach einem köstlichen Mahl, in dem alle erlesenen Speisewünsche von Echinus erfüllt wurden, erholten sich beide und schliefen sich aus.

Es gab auf dem Libellengroßschiff einen Tag-und-Nacht Rhythmus. Er schien jenem der Erde sehr ähnlich.

Am Morgen suchte Holger Atnife auf. Sie war gerade dabei ihr Pferd zu putzen, eine Tätigkeit, die sie sich von niemandem abnehmen ließ. Holger bekam ebenfalls ein Pferd. Um Atnife war eine Gefolgschaft von zirka zwanzig Leuten, darunter viele Kinder.

Als alle mit dem Putzen fertig waren, wendete sich Atnife an Holger: "Weißt, die Zukunft einer Zivilisation hängt davon ab, wie sehr es gelingt in den Kindern Fähigkeiten, gute Eigenschaften und Interessen zu wecken. Das bringt nicht nur einen momentanen zivilisatorischen Erfolg, sondern entwickelt die gesamte menschliche Rasse im Laufe der Zeit weiter. Dir ist sicher aufgefallen, dass die Pferde keine Zügel und kein Kopfzeug haben. Dahinter steckt Absicht. Es ist die Aufgabe der Reiter und das gilt im Speziellem für die Kinder, sich mit dem Pferd telepathisch in Verbindung zu setzen und das Pferd mittels Telepathie zu lenken. Zur Not gibt es dann noch die Stimme, denn alle Pferde können sprechen. Es sind Tiere, deren Intelligenz gezielt durch uns weiter entwickelt wurde. Du siehst, Reiten ist hier nicht nur Sport, sondern auch eine geistige Tätigkeit."

 

Holger, der auf Erden durchaus gut reiten konnte, sah sich einer neuen Situation gegenüber und war sich keineswegs sicher, wie er mit dem Pferd zurecht kommen würde. Atnife merkte dies und sprach ihm Mut zu: "Keine Angst, Pferde folgen immer der Gruppe und zudem sind sie auch gutmütige und verständige Kameraden."

 

Nach dem kurzen Gespräch ritt die Gruppe aus.

Es war eine seltsame Landschaft, durch die sie ritten. Über den Wiesen und Wäldern erhoben sich Säulen bis zum Himmel, der sich in seiner Höhe schwer ausmachen ließ, denn die Säulen veränderten mit zunehmender Höhe ihre Farbe, so als würden sie sich im Dunst verlieren. Es war jedoch eine Täuschung, wie Holger später heraus fand. Die Gewölbedecke dieser Raumschiffteile war keine fünfzig Meter hoch, doch durch Farbgebung und so manchem optischen Trick täuschte sie eine große Höhe vor und vermittelten dadurch das Gefühl der Weite und Freiheit. Es gab sogar Hügel, die von Menschen oder in diesem Fall von den Pferden mühsam erklommen wurden. Es waren Aufwölbungen des Raumschiffbodens und der Decke. Zusätzlich wurde der Effekt der Steigung durch eine Manipulation der Schwerkraft verstärkt. Bei ebenem Gelände boten die Seiten einen seltsamen Anblick, an den sich Holger schwer gewöhnen konnte. Sie fielen steil in die Tiefe ab und es sah aus, als würden die Stützsäulen umfallen, so sehr schienen sie geneigt. Atnife erkannte die Verwirrung von Holger und erklärte ihm, dass die Raumschiffsegmente längliche Zylinder wären und man durchaus auch seitlich den Weg einschlagen könne und das taten sie auch gleich darauf. Es schien Holger optisch als würden sie bergab reiten, dem Gefühl nach jedoch ritten sie horizontal weiter. Es war sehr gewöhnungsbedürftig.

 

Nach einigen Stunden kehrten sie wieder zurück und Atnife versprach Holger für den nächsten Tag einen besonderen Ausflug. Holger war voller Spannung und konnte den nächsten Morgen kaum erwarten.

Dann war es soweit. Wieder ritten sie mit ihren Pferden aus, diesmal jedoch in ein anderes Schiffsegment. Dort waren sie nur ein kurzes Stück geritten, als sie vor einer Meeresküste ankamen. Es waren sogar Wellen von ein bis zwei Metern Höhe, welche sich dem Sandstrand zu wälzten. Nicht weit vom Sandstrand waren flache Felsen, die einige Meter tief in das Meer abzufallen schienen. Dorthin steuerte Atnife zu.

 

Atnife stellte sich an den Rand des Felsens und blickte in die Weite. Bald erkannte Holger den Sinn dahinter. Es war ein Ruf an Delphine, die in einer Gruppe nun vor der Küste auftauchten.

Atnife und alle anderen sprangen in das Wasser, was kein ungefährliches Unternehmen war. Sie mussten sich beeilen, um vom Felsen weg zu kommen, wenn sie keine blauen Flecken bekommen wollten. Holger war kein guter Schwimmer, doch schon war ein Delphin zwischen ihm und dem Felsen und schob ihn in das tiefere Wasser. Holger blickte zu Atnife und sah, dass sie sich an einem Delphin anhielt und von ihm ziehen ließ. Holger machte es ihr nach. Er versuchte sich mit seinem Delphin innerlich zu verbinden und tatsächlich kam ein telepathischer Kontakt zustande, deutlicher und besser sogar als bei den Pferden. Für Holger war dies ein großartiges und neues Naturerlebnis. Er lernte Tiere, zumindest einige von ihnen, auf eine ganz neuartige Weise kennen. Eine neue Welt tat sich ihm auf. Wiederum gab es für Holger viel zu lernen. Was er lernte war jedoch in diesem Fall weniger theoretisches Wissen, sondern es waren innere Welten unterschiedlicher Persönlichkeiten, solche von Menschen und Tieren. Es war eine vielfältige Welt, die in Nichts der technischen Welt an Fülle und Wundern nachstand.

 

Schatten aus der Vergangenheit

 

 

Holger und Echinus saßen beim Frühstück, als Atnife in das Zimmer kam.

"Ich habe eine Neuigkeit", rief sie begeistert, während sie sich einen Stuhl zurecht rückte und sich zu den beiden setzte.

Interessiert blickten sie die zwei Freunde an.

"Der Fund von dem Kometensammler, den ihr mitgebracht habt, hat mich nicht in Ruhe lassen und ich habe das ganze in Frage kommende Segment durchsuchen lassen, um Spuren einer außerirdischen Zivilisation zu entdecken. Nun, es wurde keine Zivilisation gefunden, jedoch ein Objekt planetarer Masse knapp unter einem braunen Zwerg, mit einigen Planeten oder Monden um das Zentralobjekt. Das Ganze fand sich unerwarteter Weise nicht irgendwo draußen in der Galaxis, sondern am Rand der Oortschen Wolke. Da es sich um kalte Objekte handelt, wurde das System bislang nicht entdeckt. Es ist ein wanderndes System, das nicht im Sonnensystem seinen Ursprung hat. Ich spreche nicht von einem vagabundierendem planetarem Objekt, sondern von einem System, denn ein solches scheint es zu sein. Es wurde von diesem meinem Residenzschiff hier entdeckt. Ihr wisst ja, dass in meinem Residenzschiff, außer ein paar wenigen Industrien und den biologischen Segmenten in erster Linie Forschungseinrichtungen sind. Ich habe den Fund einstweilen unter geheim eingeordnet und nicht publik gemacht. Ich gebe zu, dass da ein wenig Eitelkeit steckt. Ich möchte mir nämlich die Erforschung dieses interessanten Systems nicht von anderen stehlen lassen. Für den Fall von Forschungsexpeditionen in weite Entfernungen habe ich schon früher eine Gruppe von zwanzig Forschungsschiffen ausrüsten lassen. Diese Gruppe ist ungefähr eine viertel astronomische Einheit von hier entfernt. Seid ihr einverstanden, dass wir gleich nach Eurem Frühstück dort einen Besuch abstatten?"

"Wir sind bereits fertig", riefen beide Freunde zugleich.

"Fein", freute sich Atnife, "Mein Schiff für offizielle Reisen, das mit einem Projektor ausgestattet ist, so dass ich vom Schiff aus zu verschiedenen Projektorstationen im Reich springen kann, steht schon bereit. Ich werde mich damit dort hin begeben. Wollt ihr mitfliegen?"

"Das war immer schon meine Frage", erkundigte sich Holger. "Wie funktioniert der Projektor und weshalb kann ich zum Beispiel einen solchen nicht verwenden?"

"Der Projektor ist eine Art Materialisator und arbeitet in umgekehrter Richtung als ein Lynx-Generator, den ihr für Eure Raumsprünge verwendet."

Holger war mit der Erklärung zufrieden, wenngleich sie technischer Details entbehrte. "Danke für die Erklärung, Atnife. Macht es dir etwas aus, wenn wir uns selbstständig auf den Weg begeben? Schließlich sind wir Astronauten und dürfen nicht aus dem Training kommen. Innerlich bin ich ja ohnedies immer mit dir verbunden. Es sind nur unsere Körper, die sich kurz trennen."

Atnife war einverstanden. Sie und Holger waren, wenn man einen quantenphysikalischen Vergleich stellen darf, wie verschränkte Teilchen miteinander verbunden.

 

Holger und Echinus begaben sich zum alt vertrauten Kleinschiff mit dem Kosenamen Frosch und setzten sich auf eine halbe Mond-Erde Entfernung ab, um etwas abzuwarten bis Atnifes Raumschiff am Ziel angekommen sei, um dann das Ziel ebenfalls anzupeilen.

Es dauerte zwei Stunden, dann war der Kontakt da.

"Wir kommen", sandte Holger freudig seine telepathische Botschaft.

 

Die zwei Freunde bereiteten sich für den Raumsprung vor. Doch knapp davor sahen sie etliche Blitze, in welchen sich die Libellenschiffe auflösten. In aller Eile verschwanden die zwei Freunde mit zwei Raumsprüngen aus der Gefahrenzone und schwebten im Raum. Dann verband sich Holger neuerlich mit Atnife und teilte ihr das Ereignis mit. Atnife gab sofort für die Gruppe der Forschungsschiffe den Sprungbefehl, um die Schiffe solcherart aus dem Verzeichnis der Schiffs-Aufenthaltsorte in ein unbekanntes Raumsegment zu versetzen. Um eine reibungslose Kommunikation und Verwaltung zu ermöglichen, hatten Schiffe üblicherweise fixe und kartographierte Standorte.

 

Atnife selbst erstattete jenem Projektors, der seit ihrem ersten Besuch Holgers in den Ruinen im Wald stationiert wurde, einen Besuch. Sofort suchte sie den Wächter auf, um zu genaueren Informationen zu kommen. Der Wächter bekam den Auftrag ihr Kommen geheim zu halten und über das solare Kommunikationssystem Informationen einzuholen. Seine Mitteilungen, die er kurz darauf gab, waren verwirrend und besorgniserregend.

 

Aus den offiziellen solaren Nachrichten war folgendes zu entnehmen:

Die Großregentin hatte sich vor einer halben Stunde mit Hilfe des Projektors zum Mars begeben, um die dortigen Kolonien zu inspizieren. In einem Gespräch mit militärischen Befehlshabern gab sie zu verstehen, dass die irdischen Königreiche sich so weit entwickelt haben, dass zu erwarten ist, dass sie längstens innerhalb von fünfhundert Jahren eine neue Hochzivilisation entwickeln würden. Konflikte mit dieser neuen Zivilisation werden dann nicht vermeidbar sein, weshalb die Großregentin angeordnet hat, die Produktion von Kriegsgerät zu starten und den Mond zu einer Festung auszubauen. Die Eigenständigkeit der Androiden und Menschen soll insofern eingeschränkt werden, als sie bedingungslos den jeweiligen Systemen "Verwalter" zu gehorchen haben.

 

Atnife war entsetzt. Jemand hatte ihre Gestalt angenommen und mittels dieser vorgetäuschten Identität das solare Imperium übernommen. Augenblicklich ging sie in innere Versenkung und verband sich mit ihrer Mutter Sachmet. Von ihr hörte sie, dass es Apophis war, der in einer überraschenden Aktion diesen Putsch durchgeführt hatte.

 

Atnife verband sich mit einem ihr sehr ergebenen Telepathen einer Projektionsplattform auf dem Mond und erfuhr folgendes: Apophis war gerade dabei eine Projektionsplattform nach der anderen aufzusuchen und diese durch einen geheimen Code für sich zu reservieren. Sollte eine Person mit seinem Aussehen die Projektionsplattform verwenden ohne innerhalb einer bestimmten Zeit das Code-Signal kund zu geben, so sei diese Person augenblicklich zu töten. Somit hatte Atnife keine Möglichkeit mehr andernorts hin zu reisen, um Befehle zu erteilen. Schnell erteilte Atnife der Mannschaft des Schiffes der Projektionsplattform "Altstadt" den Befehl den Projektor zu desaktivieren und das Schiff inklusive aller intelligenten Systeme und der Arbeitsroboter der Altstadt im Ozean abzusetzen und alle Systeme anzuschalten. Die Mannschaft selbst und auch der Wächter mit den zwei Androiden sollen sich mit Hilfe der drei in der Altstadt befindlichen Kleinschiffe zum Asteroidengürtel begeben.

 

Zur allgemeinen Situation:

Da Mond und Mars Himmelskörper waren mit vielen vernetzten Industrieanlagen, herrschte dort ein globales Verwaltungssystem, ähnlich wie in früheren Zeiten das System des großen Beschützers. An diesen Orten mit zentraler künstlicher Intelligenz war es für Apophis leicht über das Verwaltungssystem die Herrschaft zu übernehmen. Damit hatte er die großen Industriekomplexe des solaren Imperiums in seiner Hand. Zudem waren die Anlagen aus Schutz vor kosmischen Strahlen vorwiegend unterirdisch, was sie zu uneinnehmbaren Bastionen machte.

 

Die Projektionsplattform auf der terrestrischen Beobachtungsstation war erst seit dem ersten Treffen Atnifes mit Holger dort und da es allen Angehörigen des solaren Großreiches verboten war den Planeten Erde zu betreten, hatte Atnife die Projektionsplattform nicht in das Verzeichnis aufnehmen lassen, um dadurch nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie sich als außerhalb aller Gesetze betrachte. Das war, wie sich nun heraus stellte ein großes Glück.

 

In Eule war Atnife wieder zu den Forschungsschiffen zurück gekehrt und ließ diese nunmehr letzte für sie verwendbare Projektionsplattform deaktivieren, damit Apophis keine Möglichkeit hätte sie zu verwenden. Die Gelegenheit Atnife in einem direkten Kampf zu unterwerfen würde er sich nicht entgehen lassen, wie sie vermutete. Apophis ist ihr an Stärke überlegen, das wusste sie. Und weiters wusste sie, dass er auf dieser dichten irdischen Ebene gegenüber den anderen Gottheiten im Vorteil war und er andere Gottheiten, die Atnife zum Schutz herbei eilen sollten, ohne weiteres abzuwehren vermochte, denn die irdische Ebene ist seiner dunklen Ebene im Duat sehr ähnlich.

 

Atnife verband sich telepathisch mit dem einen oder anderen Vertrauten aus dem inneren Bereich des solaren Systems und erfuhr, dass das Kontrollsystem "Verwalter" von Apophis komplett kontrolliert wurde und über diese künstliche Intelligenz ebenso auch die Androiden. Wer sich von den Menschen nicht unterwarf, wurde kurzerhand getötet. Erbarmungslosigkeit war die Handschrift von Apophis. Er  war derart kalt und seelisch tot, dass er nicht einmal leiden konnte. Nur einmal hatte er gelitten, nur einmal hatte er Schmerz verspürt, damals, als Atnife mit Hilfe von Atmedef seinen Fängen entkommen war. Er hatte das nicht vergessen, er der ewige Dunkle und jetzt hatte er Rache genommen. Sie, Atnife zu finden und zu vernichten war sein eigentliches Ziel. Die Herrschaft über das solare Imperium war nur ein kleiner Triumph. Atnife wusste genau: er würde alle Menschen leiden lassen, wusste Atnife, um sie Atnife  in Verzweiflung zu bringen und sie aus dieser Emotion heraus hervor zu locken und zu vernichten.

 

Das Ende vom solaren Großreich

 

 

Es hatte nicht lange gedauert, bis Apophis seine Herrschaft stabilisieren konnte. Allerdings erstreckte sich sein Machtbereich nur bis zum Planeten Mars. Hier herrschte er über die Plasneten und Monde. Weiter draußen jedoch, ab dem Asteroidengürtel gab es nur kleinräumige Schiffs- und Wohn-Einheiten mit kleinen lokalen Verwalterprogrammen, die gegenüber der Besatzung keine Befehlsgewalt hatten. Es war auch nicht möglich die kleinen Verwaltereinheiten über Radiowellen informativ mit den anderen Einheiten zu vernetzen, weil die Abstände zu groß waren. Die informativen Verbindungen wurden hier draußen durch die Telepathen bewerkstelligt. Einen Verwalter gab es hier nicht einmal dem Namen nach, denn die dort verwendeten Kleinprogramme wurden Schiffskontroller genannt. Das bewirkte, dass der Einfluss von Apophis ab dem Mars nur gering bis gar nicht vorhanden war. Wenn sich der Schiffskontroller einer kleinen Einheit den Befehlen von Apophis unterordnete und sich als zu aggressiv erwies, so wurde er von den Telekineten einfach abgeschaltet und anschließend umprogrammiert.

 

Atnife war überrascht, wie es Apophis möglich war sichtbare Gestalt anzunehmen und derart erfolgreich als ihr Double in Erscheinung zu treten, ohne dass die anderen Gottheiten etwas dagegen unternehmen konnten. Sie kam zu folgendem Schluss: Apophis war auf der dichten irdischen Ebene gegenüber den anderen Gottheiten im Vorteil. Das Irdische ist in seiner materiellen Schwingung seiner dichten Höllenwelt ähnlicher als den durchlichteten Göttern. Dadurch war es ihm möglich sich mit Hilfe eines Lynx-Generators zu materialisieren.

 

Den künstlichen Intelligenzen waren Götter und jenseitige Ebenen fremd und nicht durchschaubar. Für sie gab es nur die materielle Raum-Zeit-Dimension. Deshalb kamen ihnen nicht die geringsten Zweifel als ihnen Apophis in Gestalt Atnifes Befehle erteilte. Apophis war schlau genug, um alle seine Befehle in einen logischen Zusammenhang einzukleiden, was der Denkungsart der künstlichen Intelligenzen entgegen kam. Es war ihm dadurch gelungen die künstliche Intelligenz "Verwalter" zu täuschen. Der Verwalter bestand aus verschiedenen großen lokalen Befehlszentren. Es waren vernetzte Befehlszentren für Mond und Mars und den kleinen Marsmonden Deimos und Phobos.

 

Da Mond und Mars Himmelskörper waren, welche von einem koordinierendem System miteinander vernetzten Industrieanlagen überzogen waren, herrschte dort ein komplexes globales Verwaltungssystem. Einzelne Personen hatten da keinen Einfluss auf diese Supergehirne. Hier war es Apophis leicht gelungen als oberster Befehlsgeber "Atnife" über das Verwaltungssystem die Herrschaft zu übernehmen. Damit hatte er die großen Industriekomplexe des solaren Imperiums in seiner Hand. Zugleich waren diese Industriekomplexe Festungen, denn die Anlagen waren zum Schutz vor kosmischen Strahlen vorwiegend unterirdisch gebaut und waren somit vor Angriffen geschützt.

 

Nach den ersten glänzenden Erfolgen der Übernahme zeigte sich für Apophis, dass sein Putsch nicht wie erhofft zu hundert Prozent geglückt war. Es waren die paranormal veranlagten Menschen, welche ihm einen Strich durch die Rechnung machten. Sie waren ethisch verfeinert und keine bedingungslosen Befehlsausübenden. Apophis stand einer menschlichen Rasse gegenüber, die sich anders verhielt als jene aus der altägyptischen Zeit und die nunmehr von Eigenständigkeit und Verantwortungsbewusstsein geprägt war.

 

Der erste Riss im Herrschaftssystem von Apophis entstand durch die Telepathen. Etliche erfuhren durch Atnife selbst, dass die künstliche Intelligenz Verwalter, durch eine fremde Macht getäuscht wurde. Zudem ist die Telepathie mit Empathie, einer Wahrnehmung der Gefühle und der Persönlichkeit eines Gegenüber verbunden. Schon aus der Ferne ließ sich von den Telepathen die Andersartigkeit von Apophis erspüren. Zudem widersprachen seine Handlungsweisen jenen von Atnife. In Windeseile informierten sich die Telepathen untereinander. Mit ihnen waren auch die Astronauten informiert, die ja ebenfalls Telepathen waren.

 

Das brutale Vorgehen von Apophis gegen alle sogenannten Rebellen, denen ein jeder zugeordnet wurde, der nicht widerspruchslos seine Befehle befolgte, führte dazu, dass die Astronauten zusammen mit den Telepathen und allen anderen paranormal veranlagten Personen, von den Kindern angefangen bis zu den Materietransformern, fluchtartig das System zu verlassen begannen. Ihnen schlossen sich auch jene Androiden an, die als Erzieher und Lebensbegleiter eng mit den Menschen verbunden waren. Der Exodus erfolgte in vielen kleinen Gruppen, für die jeweiligen Planeten- oder Mond-Verwalter überraschend und nicht vorhersehbar. Sobald diese Gruppen das Systems von Apophis hinter sich hatten, wurden sie mit offenen Armen von den Atnife treuen Gruppen der äußeren Systeme aufgenommen und integriert. Hier wirkten bereits die neuen Anordnungen Atnifes in ihrer Gegenwehr zu Apophis.

 

Mit dem Verschwinden dieser Personengruppen brach für Apophis sowohl das Transportwesen als auch ein Teil des Informationswesens zum äußeren solaren Reich zusammen, beginnend ab dem Asteroidengürtel. Apophis war isoliert und beherrschte nur den Mars und Mond. Die Erde war in einem primitiven Entwicklungsstadium und aus der Perspektive der Macht unwichtig, zumal da die Erde auch über keine nennenswerten Rohstoffe mehr verfügte. Diese waren ja schon in lange zuvor liegenden Epochen ausgeplündert worden.

 

Einige Charakteristika des Solaren Imperiums, die in diesem Zusammenhang nennenswert sind: Das solare Imperium hatte fast komplett die Struktur aus der Zeit des Großen Beschützers beibehalten. Es gab kein Geldwesen und keinen privaten Besitz. Das Zusammenleben bestand aus einer  Gemeinschaft, in die jede Person integriert war, ihr diente und von ihr versorgt wurde. Das bedeutete, dass niemand von den Flüchtenden auf Besitz verzichten musste. Es gab wohl freundschaftliche Beziehungen. Das führte jedoch zu keinen Trennungen, denn in der Regel schlossen sich die Freundesgruppen ebenfalls augenblicklich den Flüchtenden an. Das rigorose Bestrafungssystem und die Mordlust von Apophis verhinderte nicht die Flucht, sondern beschleunigte sie. Insofern hatte sich Apophis verschätzt. Gemäß seiner Mentalität und seinen uralten Erfahrungen mit Menschen früherer Zeiten dachte er, dass durch Gewalt sich die Menschen einschüchtern lassen und unterwerfen würden. Doch da hatte er sich bei diesem Menschenschlag verrechnet.

Weder Besitz noch Freunde noch Sonstiges hinderte die einzelnen Gruppen das System zu verlassen, was sie auch taten, nachdem sie sich unter Apophis bedroht sahen. Kleine Raumschiffe gab es in den Höhlensystemen von Mond und Mars in Hülle und Fülle, da sie dort die gängigen Transportsysteme waren. Als solche benötigten sie keine eigenen Tunnel wie es etwa ein der Eisenbahn ähnliches Transportsystem benötigen würde. Zudem hatte man die Kleinschiffe, um ihnen eine vielfältige Anwendungsmöglichkeit zu geben, Weltraum tauglich gemacht, was nun die Fliehenden voll nutzen konnten.

 

Da es nur sehr wenige Astronauten waren, die Apophis seinem Willen unterwerfen konnte, war der Weltraumverkehr seines Einflussbereiches nunmehr auf physikalische Systeme angewiesen. Für Strecken, die  ein Astronaut in einer Stunde bewältigte, benötigten die auf Ionenstrahl-Triebwerke und Antischwerkraft-Generatoren angewiesenen Raumschiffe viele Monate. Eine elektronisch gesendete Information vom Mars zum Mond benötigte eine halbe Stunde. Hin zu den Monden der äußeren Planeten oder gar zum Kuipergürtel dagegen verging eine geraume Zeit, bis ein elektronisches Signal an kam. Mit einem Wort, Apophis stand nunmehr nur ein rückständiges und träges Nachrichten- und Transportsystem zur Verfügung.

 

In gleicher Weise wie der Asteroidengürtel aus unzähligen Kleinkörpern bestand, genauso war auch die Besiedelung auf unzählige Schiffe verteilt, kleine Einheiten, die keine komplexe Verwaltung benötigten und hierdurch den Anordnungen der Menschen und Androiden unterlagen. Ein Verwalter hatte hier nichts mehr zu melden. Das entzog diese Kolonien dem Einfluss von Apophis.

 

Wenn man die Ausdehnung der Zone der Planeten betrachtet, so ist der Bereich zwischen Erde und Mars verschwindend klein. Diese von ihren solaren Dimensionen aus gesehene winzige Zone war unter der Kontrolle von Apophis. Es waren wohl die meisten Industriekomplexe dort angesiedelt. Das war jedoch das Resultat einer vergangenen Zeit, als das Sonnensystem in seiner ungeheuren Ausdehnung noch nicht erschlossen war.

 

Lagebesprechung

 

 

Der überraschende Angriff auf die Libellenschiffe hatte nur einen kleinen Teil der dort stationierten politischen Führung des solaren Systems vernichtet. Ein wesentlicher Teil des administrativen Führungsstabs war nämlich mit Atnife mitgereist, damit die Regierungstätigkeit von Atnife trotz der Expedition ungebrochen weiter geführt werden könne. Das Raumschiff, mit dem Atnife gereist war, wurde nun zum provisorischen Regierungssitz. Nach den ersten improvisierten Entscheidungen war eine Planung weiterer Vorgehensmaßnamen nötig. Deshalb berief Atnife eine Besprechung.

 

Atnife eröffnete die Besprechung:

"Die Täuschung durch Apophis und die darauf folgenden Geschehnisse sind alle hinlänglich bekannt, weshalb ich diese nicht wiederholen muss. Ebenfalls bekannt ist, dass der größte Teil der Menschen vom Mars und diversen Kleinkolonien des solaren Innenbereiches zusammen mit den ihnen zugeneigten Androiden sich auf der Flucht befinden. Dies ist zu einem nicht geringen Teil dem intensiven Einsatz der hiesigen Regierungstelepathen zu verdanken, die bis zur Erschöpfung alle ersten Knoten des telepathischen Informationsnetzes angepeilt und informiert haben, mit dem Auftrag die Botschaften an die darunter liegenden telepathischen Informations-Hierarchien weiter zu geben. Dass auch dies erfolgreich verlaufen ist, kann man an der großen Fluchtbewegung feststellen, die in ihrer Tendenz noch anhält. Die Informationen hatten nicht nur Aufklärung zum Inhalt, sondern es wurde und wird alles getan, um die Menschen und Androiden in Hinblick auf eine Flucht zu bestärken und ihnen Unterkunft und Rückhalt in den Einheiten innerhalb des Asteroidengürtels zu geben. Ziel wäre es, dass fast alle paranormal veranlagten Menschen, die als Materietransformer, Telepathen und Astronauten tätig sind den Einflussbereich von Apophis verlassen. Sollte diese Aktion erfolgreich sein, dann kann Apophis auf ein kleines Reich eingegrenzt werden. Als kleine autarke Einheiten sind die Industrieanlagen im Asteroidengürtel in keiner Verbindung mit den zentralen Verwaltersystemen auf Mars und Mond. Damit wird es Apophis sehr schwer fallen im Asteroidengürtel Fuß zu fassen. Von Apophis angeordneten Maßnahmen können wir zuvor kommen, wenn es uns gelingt seine Strategien zu durchschauen. Dennoch, als zusätzliche Absicherung, habe ich die Empfehlung gegeben, eine geordnete Auswanderung ziviler Einheiten in Richtung Kuipergürtel oder Oortsche Wolke einzuleiten. Jene Einheiten, die ohne große Schwierigkeiten militärisch aufgerüstet werden können, werden jedoch im Asteroidengürtel bleiben. Sie werden einen Sperrgürtel bilden, der verhindert, dass Apophis sein Reich ausweiten kann. Jene Flüchtlinge, die den inneren Bereich verlassen haben und noch werden und sich auswandernden Einheiten des Asteroidengürtels angeschlossen haben, werden noch durch Monate oder Jahre ihre Wanderung fortsetzen und niemand weiß an welchem Ort sich die einzelnen Flüchtlingsgruppen befinden oder ansiedeln werden. Auswanderungen werden deshalb empfohlen, um eine durch den Zuzug von Flüchtlingen bedingte zu starke Siedlungsbildung im Asteroidengürtel zu verhindern, was nicht nur Angriffe durch Apophis zusätzlich provozieren, sondern auch erfolgreicher machen würde. Zusätzlich soll das solare Reich ausgedehnt werden, denn die großen Entfernungen innerhalb des Reiches sind unser strategischer Vorteil.

 

Wenn alles in diesem Sinne läuft, wird sich die Situation stabilisieren und konsolidieren. Nach wie vor bleibe ich in meiner Funktion als Großregentin dem äußeren Reich erhalten. Es ist mir bewusst, dass meine Person einen zentralen Kern des Zusammenhaltes bewirkt, weniger aus organisatorischen und funktionellen Notwendigkeiten, sondern eher aus meiner symbolischen Bedeutung heraus.

 

Abschließend ergänzte Atnife: "In weit zurück liegenden Zeiten gab es einmal zwei Kriege gegen ein Reich namens Russland. Ein Krieg wurde von einem Napoleon und einer von einem Regenten namens Hitler geführt. Sowohl die Heere Napoleons als auch jene von Hitler waren jenen von Russland technisch und organisatorisch weit überlegen. Was Russland dagegen ins Gewicht werfen konnte war die ungemein große Ausdehnung seines Landes und die scheinbar primitive Ausrüstung seines Heeres. Um das Land zu erobern, wurden die Heere von Napoleon und Hitler verdünnt. Sie mussten in jedem eroberten Gebiet Besatzungstruppen zurück lassen, um diese Gebiete abzusichern. Zum Schluss waren die verbliebenen Truppen so schwach und so weit versprengt, dass sie von den Russen aufgerieben werden konnten.

 

Und dann ist noch ein Faktum was nicht direkt, wohl aber indirekt in Betracht zu ziehen ist: Ein anderes System ist auch mit anderen technischen Gegebenheiten verbunden. Zurückgreifend auf das Beispiel mit Russland: die Truppen von Hitler waren etwa technisch bestens ausgerüstet. Sie hatten Lastautos zum Transport von Waffen und Soldaten, mit deren Hilfe sie in großer Schnelligkeit Truppen und Waffen verschieben konnten. Allerdings benötigten diese Fahrzeuge Straßen. Und genau diese gab es in Russland nicht. Die Fahrzeuge blieben im Schlamm stecken und kamen nicht vom Fleck. Je größer der Fahrzeugpulk war, desto mehr wurde die Erde durchgeknetet und desto größer war der Schlamm. Die Russen verwendeten jedoch wie schon Jahrhunderte zuvor Pferde. Die Pferde benötigten keine Straßen, sondern konnten sich auf jedem Gelände fortbewegen. Es ergab sich die paradoxe Situation, dass ein modernes System versagte und unbeweglich wurde, während ein altes System, das auf berittenen Soldaten beruhte mobil und flexibel war und mit Leichtigkeit die modernen Armeen aufrieb.

 

Ähnlich mag es hier sein. Wenn Apophis ein Kriegsschiff in den Kuipergürtel schickt, wird dieses durch endlose Weiten fliegen und nirgends einen Gegner vorfinden. Es wird von Leere umgeben sein, vorne, hinten und zu allen Seiten. Und dann könnte es sein, dass ein einziger Astronaut mit einem winzigen Raumschiff, das Kriegsschiff ortet, der Astronaut in das Kriegsschiff springt und dort ohne sich zu materialisieren eine atomare Ladung hinterlegt und das scheinbar mächtige Schiff in die Luft sprengt. Kein physikalisches System und sei es noch so ausgefeilt, kann sich gegen einen einfachen Astronauten schützen.

Nichts wird Apophis mehr in Wut bringen als die Tatsache die Gegner auslöschen zu wollen, und nirgends Gegner vorzufinden. Er wird Schiffe wegschicken, die sich in der Weite verlieren und nicht wieder zurück kehren, weil sie aufgerieben wurden. Oder sie kehren Jahre später mit der Meldung zurück niemanden vorgefunden zu haben.

Mich würde Apophis besiegen, weil er stärker ist als ich. Den Weiten des Weltalls jedoch ist er hilflos unterlegen. Der Weltraum wird ihn besiegen, nicht unsere Kriegsschiffe, von denen wir bedeutend weniger haben als er. Für uns ist der Weltraum offen, wir besiedeln die Weiten, das ist unser Vorteil. Apophis dagegen hat ein räumlich winziges Reich und er kann es nicht ausdehnen, weil er andernfalls die Kontrolle über sein Reich verlieren würde. Außerdem ist seine Technik kleinräumigen Gegebenheiten angepasst. Das betrifft das Verwaltungssystem, die elektronische Nachrichtenübermittlung als auch die Raumschiffe, die einen Antrieb auf physikalischer Basis haben und deshalb langsam sind und keine großen Distanzen überbrücken können, sofern es gelingt alle Astronauten zum Auswandern zu bewegen. Auf elektronische Nachrichtenübermittlung muss Apophis zurück greifen, weil er nie sicher sein kann, ob der Telepath am anderen Ende loyal ist und die Botschaft in richtiger Weise weiter gibt. Er kann sogar nach bisherigen Erfahrungen davon ausgehen, dass der Telepath am anderen Ende, außerhalb möglicher Repressionen, nicht loyal ist. Deshalb muss er auf ein schnelles telepathisches Nachrichtensystem verzichten.

 

Das zur Ausgangslage. Der Sinn der folgenden Besprechung ist es, etwaige Schwächen in dieser vorläufigen Planung aufzudecken und abzuwägen, ob noch weitere Aktionen gesetzt werden sollen.

 

Machen wir eine Pause und denken wir alle nach, wie das, was uns verblieben ist abgesichert werden kann und wie wir unsere Stärken ausbauen können. Ich bitte Euch sich zu beraten."

 

Es herrschte ein Gemurmel und Emsigkeit im Saal. Nach einer halben Stunde wurden die Beratungen fort gesetzt. Man behielt das von Atnife vorgeschlagene Prinzip bei und war mit Details und diversen Strategien befasst.

 

Am Ende der Besprechung wandte sich Atnife an die Telepathen: "Die Strategie des Auswanderns soll an alle, die erreichbar sind, nach wie vor forciert weiter gegeben werden: 'Nicht kämpfen, sondern auswandern'. Nach Möglichkeit ist die erste Instanz in der Informationsweitergabe zu erweitern, indem die zweite Instanz ebenfalls von hier aus instruiert wird. Das wird erheblich Mehrarbeit verursachen. Es ist jedoch empfehlenswert, um Lücken durch den Ausfall primärer Informanten auszugleichen. Abgesehen davon ist der Vorteil auf unserer Seite, dass wir mittels der Telepathen direkt mit noch verbliebenen Telepathen innerhalb des Herrschaftsgebietes von Apophis kommunizieren können, während Apophis mit seinen elektronischen Informationssystemen nicht einmal auf Niederlassungen im Asteroidengürtel einwirken kann. Zu unseren Informanten innerhalb des Herrschaftsgebietes von Apophis gehören weiters spezielle Kleinschiffe, welche jegliche Information auf Basis elektromagnetischer Wellen auffangen, auswerten und über die Telepathen-Besatzung an uns weiter geben. Diese Schiffe sind, da sie ihrerseits keine Signale weiter geben, schwer zu orten, wobei sie zudem oftmals ihre Position wechseln.

 

Wir haben auch eine Schwachstelle. Unsere Schwachstelle sind die Großschiffe oder Kleinwelten. Diese Schiffe sind so groß, dass sie durch die paranormalen Kräfte auch vieler Astronauten nicht bewegt werden können. Sie präsentieren sich somit als immobile Ziele für Kriegsschiffe von Apophis. Ihre Zerstörung wäre sicher. Deshalb sollen die Großschiffe in ihre Module zerlegt werden und die Module von Kleinschiffen mit physikalischen Antrieben geschoben werden, aus den Asteroidengürtel hinaus in Richtung Kuipergürtel und Oortsche Wolke. Durch diesen Positionswechsel verliert zugleich das solare Ortungs-Verzeichnis für Großschiffe seine Datenrichtigkeit."

 

Auszug der Siedler aus dem Asteroidengürtel

 

Atnife hatte die Weiterführung des Reiches ihrem Generalstab übertragen. Das Vordringlichste war vorerst das Erstellen einer Logistik, um die Auswanderung möglichst vieler oder aller paranormal veranlagten Menschen aus dem inneren Reichsteil zu fördern.

 

Um eine genauere Beschreibung des Teiles zu geben, den sich Apophis aneignen konnte: es waren Mars, die Marsmonde Phobos und Deinos und der Erdmond. Venus war wegen der hohen Temperatur auf seiner Oberfläche und seiner Schwefelsäure enthaltenden Atmosphäre zu unwirtlich und unbesiedelt. Merkur war ebenso unbesiedelt.

 

Die Industrien auf den von Apophis kontrollierten Planeten und Monden waren fixe Bauwerke auf dem Festland und solcherart nicht mobil. Die Menschen und Androiden, welche von dort flohen, konnten somit nur sich selbst retten. Deshalb war es nötig ihre Aufnahme und Unterbringung zu organisieren.

Eine wesentlicher Beitrag zur Flucht war die Kontaktaufnahme durch Telepathen aus dem Asteroidengürtel, welche den Astronauten Zielpunkte vermittelten, die zur Erstversorgung dienen konnten und von wo aus ein geordnetes Weiterreisen möglich war. Diese Zielpunkte der Erstversorgung waren deshalb besonders dringlich, weil die Kleintransporter, die zur Flucht dienten keine Systeme zur Nahrungserzeugung hatten. Das war für einen lokalen Verkehr auch nicht nötig. Mit etwas hungern, waren jedoch die Distanzen vom Mars zum Asteroidengürtel zu schaffen. Dann aber war Versorgung dringend nötig. Es wurden auch Fluchthelfer organisiert, welche mit Kleinstraumschiffen kurz in den Hallen vom Mars landeten, um auf die Minute genau, wie abgemacht, Flüchtlinge aufzunehmen und sofort wieder weg zu fliegen.

 

Apophis war durch derlei Aktionen überaus irritiert und ließ überall Wächter aufstellen. Aber er hatte zu wenig loyale Wächter, denn der größte Teil der Androiden sympathisierte mit den Menschen. Apophis war mit diesen Gegebenheiten des Ungehorsams und den zu setzenden Gegenmaßnahmen derart in seiner momentanen Handlungsweise gebunden, dass er sich nicht um den Planeten Erde kümmern  konnte, um auch diese zu einer Festung auszubauen. Hierzu war sie zu wertlos und waren Apophis mobile Festungen wichtiger, weil seine Konzepte auf Angriff und nicht auf Verteidigung ausgelegt waren.

 

Was den Asteroidengürtel anbelangt, so waren Menschen und Androiden nach seinem Staatsstreich zunächst irritiert, erfuhren jedoch sehr bald, dass da Betrug im Spiel war und schirmten sich ab.

 

Bis auf wenige Großschiffe waren alle Raumschiffe inklusive kleinerer Industrieanlagen im Asteroidengürtel mobil. Apophis war zunächst weit entfernt und ohne Einfluss. Deshalb war es möglich in aller Ruhe zu planen, um einen Teil der Siedler und ihrer Industrieanlagen zu übersiedeln. Hierbei ging es in erster Linie um die weniger mobilen Großanlagen, welche durch ihre Größe die Transportkapazität der Astronauten überschritten. Da sie in einem zentralen Verzeichnis erfasst waren, waren sie auch mögliche Angriffsziele für Apophis. Diese Anlagen konnte man jedoch mittels physikalischer Antriebe bewegen, wenngleich nur langsam. Zeit spielte für die autarken und selbstversorgenden Systeme keine Rolle, auch dann nicht, wenn ihr Weg zum Kuipergürtel auf Jahre bemessen war. Durch Zubringer-Kleinschiffe konnten von Astronauten nach wie vor Rohstoffe nachgeliefert werden, wenngleich in der Regel die Produktion, etwa der von Schiffswerften, während der Reise herunter gefahren werden musste.

 

Es lag auf der Hand, dass Apophis nächstes und dringlichstes Ziel die Eroberung des Asteroidengürtel sein würde, denn der Asteroidengürtel war das wichtigste Bergbaugebiet des Sonnensystems. Auf Planeten wie Mars und Erde waren die metallischen Mineralien von Gestein überdeckt und man musste Stollen graben, um an die Erzadern heran zu kommen. Die Asteroiden jedoch waren und sind blanke Erzkörper und zu einem geringeren Teil auch Gesteinskörper. Alle Gase inklusive Methan und Wasser, sind durch die Sonnennähe in den Weltraum verdampft. Solcherart waren und sind die Asteroiden für den Bergbau ideal. Frei herum schwebende Erze, an denen man sich nach Herzenslust bedienen konnte.

 

Eine unerwartete Entdeckung

 

Atnife welche durch ihre Visite der Forschungsschiffe dem Attentat entgangen war, gab Anweisungen den momentan auf einem Forschungsschiff befindlichen Regierungssitz auf ein Kriegsschiff zu verlegen. Ein Kriegsschiff ist beweglich und kann jederzeit seine Position ändern. Es ist somit nicht so leicht angreifbar wie eine Kleinwelt, auch wenn es weniger Komfort bietet.

 

Es dauerte nur kurze Zeit und ein Kriegsschiff mit seinem Konvoi war als provisorischer Regierungssitz eingerichtet. Atnife verließ mit Holger die Forschungsschiffe und begab sich dort hin.

Zwei Tage später machten sich die Forschungsschiffe auf die Reise nach jenem mysteriösen Wanderplaneten am Rand der Oortschen Wolke.

 

Auf ihrem Flug nahmen die Forschungsschiffe eine spezielle Formation ein:

Es war die Anordnung einer Scheibe, wodurch die Schiffe durch die Vernetzung ihrer Sensoren ein großes Teleskop bilden konnten, gleich einem großen Auge. Solche Formationen waren eine häufig praktizierte Gepflogenheit, weil dadurch die voraus liegende Strecke bis ins kleinste Detail erkundet werden konnte, inklusive eventueller Gefahren durch Gesteinsbrocken oder Wolken von Kleinkörpern.

Die Schiffe bewegten sich in koordinierten Sprüngen. Nach jedem Sprung machten sie eine Pause und siebten optisch den vor ihnen liegenden Raum durch.

 

Die Routine des genauen Durchsuchens des Raumes brachte eine unerwartete Sensation! Und das gleich am Anfang, nach nur einem Monat der Reise:

Es war ein unbekanntes Raumschiff, leicht abseits vom Weg.

Das Raumschiff ließ in seiner Form erkennen, dass es kein abgedriftetes Machwerk der solaren Zivilisation war.

 

Der Vorfall wurde Atnife gemeldet. Atnife bat nichts zu unternehmen und abzuwarten bis sie zur Stelle sei. Es stand bei der Begegnung mit einem fremden Raumschiff viel auf dem Spiel: Es konnte ein Kontakt zu einer anderen Zivilisation entstehen, friedlich oder feindlich. Diplomatisches Geschick war in diesem Fall gefordert.

Da die Entfernung gering war und ein laufender Kontakt mittels Telepathen zum Regierungssitz möglich war, konnte Atnife es sich leisten vor Ort zu sein.

 

Der Fund war auf jeden Fall der größte und wichtigste Fund seit der Existenz des solaren Imperiums. Wenn es ein Schiffswrak mit toter Besatzung war, so war es möglich eine höchst bereichernde Technik vorzufinden. Hierzu war es notwendig vorsichtig unter Vermeidung jeglicher Zerstörung, sich vor allem an die informativen Speichermedien heran zu tasten. Das stellte wissenschaftlich höchste Anforderungen, denen möglicher Weise selbst die Forschungsschiffe nicht gewachsen waren.

 

Als Atnife mit ihren Schiffen bei den Forschungsschiffen angekommen war, begann man sich dem fremden Raumschiff anzunähern, das anscheinend immobil im Weltraum trieb.

 

 

Das fremde Raumschiff

 

Da man nicht wusste, ob noch ein Schutzsystem aktiv wäre, oder Insassen in Überreaktion kriegerisch reagieren würden, wurde ein Kleinstschiff als Kundschafter hingeschickt.

Das fremde Raumschiff reagierte nicht beim Erscheinen des Kundschafterschiffes. Als das Innere von einem Teleporter im Raumanzug und einem Androiden als Begleitung aufgesucht wurde, zeigte sich, dass die Innenräume luftleer waren und kein Leben anzutreffen war.

 

In einer Lagebesprechung stellte man folgendes fest:

Sollte das Raumschiff aus einer Zivilisation des angepeilten Schodursystems stammen, so schien es empfehlenswert, möglichst viele Vorinformationen zu sammeln bevor man das Schodursystem ansteuere.

Sollte sich dort keine Zivilisation finden, so wäre die Erkundung des Raumschiffes vorläufig bei weitem wichtiger als das Planetensystem selbst. 

 

Um das Raumschiff besser untersuchen zu können, wurde beschlossen es zum Pulk der Forschungsschiffe zu bringen. Gleichzeitig wurden Werk-Schiffe für Hochtechnologie angefordert. Sie sollten sich den Forschungsschiffen anschließen und Industrieanlagen und weitere für die neuen Aufgabe nötige Forschungseinrichtungen mit bringen. Dann wurde das Raumschiff außen mit Projektoren für Transportsprünge und Außenkapseln für Astronauten versehen.

 

In kurzer Zeit war das fremde Raumschiff vor Ort gebracht. Die Untersuchungen konnten beginnen.

Es war vorgesehen einen jeden einzelnen analysierten Teil des Schiffes nachzubauen. Rohstoffe aus Metall/Gesteins/Gas-Brocken wurden herbeigeschafft. Die meisten Objekte der Umgebung waren Objekte aus gefrorenem Gas, hatten jedoch Gesteins- und Metalleinschlüsse.

 

Man begann als erstes die Hülle des Schiffes zu analysieren. Zunächst erkennbar war außen, gleich einem Spinngewebe ein Netzwerk von Seilen aus Carbon-Fasern. Der Sinn der Drähte wurde bald ersichtlich, als man auf der Oberfläche einige Roboter entdeckte, die in ihrem Aussehen Spinnen ähnelten. Da eines von ihnen den Bauch auf ein Einschlagloch gepresst hatte, konnte man diese als Reparaturroboter einordnen. Offenbar dienten die Drähte auf der Oberfläche zur schnellen Fortbewegung und zum Festhalten der Reparatur-Roboter.

 

Das Nächste, was untersucht wurde, war die Außenhaut des Schiffes. Sie hatte keine glatte Oberfläche. Sie war schwarz und ähnlich von Leder, jedoch aus einem sehr festen Material. Darunter war eine Masse bestehend aus Swarm-Robots, die mit Hilfe ihrer Halbintelligenz Einschlaglöcher sofort wieder zu schließen vermochten. Bald hatte man etliches von ihren Bau- und Funktionsprinzipien erkannt, jedoch nicht das intelligente oder halbintelligente Informationssystem, durch das sie koordiniert wurden. Von Elektronik im üblichen Sinne konnte man nicht sprechen, da diese Roboter auf organischer Basis aufgebaut waren. Allerdings war das organische System völlig anders als alles bisher Bekannte und war Weltraum tauglich.

 

Erste Untersuchungen von außen mittels Schallwellen und der dreidimensionalen Echoauswertung ergaben, dass das Raumschiff ein Stützgerüst aus einer nicht rostenden Eisenlegierung hatte und eine Umhüllung aus gleichem Material unterhalb der bereits untersuchten Schiffshaut. Auf dem Stützgerüst waren auch Laufstege angebracht. Das Stützgerüst war wie das metallene Gerippe eines großen Tieres. Die Laufstege wiesen auf eine nicht gefundene Schiffsbesatzung hin oder auf Roboter, welche sich auf diesen Wegen bewegt hatten. Der Rest des Schiffes schien organischer Natur gewesen zu sein.

 

Kleine  fliegende Sonden, welche durch eine Einschlagöffnung in das Schiff eingeflogen wurden, untersuchten das Schiff von innen. Auch bei dieser genaueren Untersuchung fand sich keine Besatzung, jedoch zahlreiche Arbeitsroboter. Es schien als hätten die Reparatursysteme der Außenhaut so gute Dienste geleistet, dass die Besatzung rechtzeitig das Schiff verlassen konnte. Die Reparatursysteme  waren jedoch anscheinend nicht ausreichend, um die vielen Einschläge dauerhaft und absolut abdichten zu können. Die offenen Einschlaglöscher dürften erst später erfolgt sein und ein bereits totes Schiff getroffen haben. Solches ergab die erste Annahme, um die Situation einer Abwesenheit von Besatzungsmitgliedern zu erklären.

 

Der größte Teil des Inneren bestand aus organischem Material, das anders als jenes an der Außenhülle war. Das innere organische  Material hatte beinahe die gleichen Aminosäuren wie irdische Organismen. Die Körperzellen jenes offenbar lebenden Schiffes waren durch das Vakuum zerplatzt und die Zerstörungen sehr groß und irreparabel.

 

Den Organismus des Raumschiffes zu verstehen ließ größte Schwierigkeiten erwarten, sofern dies überhaupt je möglich sein sollte. Es gab jedoch auch einen Lichtblick: der Antrieb war auf physikalischer Basis und bestand somit aus technischen Elementen. Die Steuerung war in der ersten Schichte ebenfalls rein technisch und wurde in weiteren Übergängen an den Organismus des Schiffes angepasst.

Diese Erkenntnisse waren das erste Resultat, welches die eingeschleusten Minidrohnen geliefert hatten.

 

Das Schiff hatte zwar eine Eingangsschleuse, aber man verstand ihren Mechanismus nicht und konnte sie nicht öffnen. Deshalb wurde beschlossen eines der kleinen Einschlagslöcher zu vergrößern, so dass Androiden und Menschen in Schutzanzügen einsteigen könnten. Dann stiegen einige Androiden in das Schiff ein. Sie begannen die gesamte Oberfläche abzusuchen und es entstand ein intensiver Funkaustausch zwischen ihnen und dem leitendem Forschungsschiff. Vielleicht war das die Ursache oder auch eine Erschütterung, jedenfalls wurden auf einmal Funksignale aus dem fremden Schiff empfangen.

 

Alle Untersuchungen wurden sofort eingestellt und die Androiden und ihre Hilfsroboter verließen augenblicklich das fremde Schiff.

Alles war auf die Signale des fremden Schiffes konzentriert. Natürlich verstand man zunächst die Signale nicht. Deshalb wurde beschlossen einzelne Signalabschnitte wieder in der gleichen Wellenlänge zurück zu senden. Wenn es im Schiff noch ein funktionierendes intelligentes System gab, musste dieses erkennen, dass da eine Antwort zurück kam mit dem Bestreben Kontakt aufzunehmen. Tatsächlich schien dies der Fall zu sein, denn es kamen Signale ähnlich von Morsezeichen zurück. Es erfolgten einzelne Impulse und danach ein komplexeres Zeichen. Alles durch zeitliche Abstände getrennt. Man erkannte sofort es war ein Sprachlehrsystem, das mit Zahlen begann. Sofort wurden aus den Zahlenangaben einfache Additionen gebildet und zurück gesendet, als Zeichen dafür, dass die Information verstanden wurde. Es kam eine Antwort, die als Bestätigung bewertet wurde.

 

Die Freude war groß und die damit verbundenen Hoffnung ließ die Fantasien der Menschen aufleben, während die Androiden zu den Menschen einen sachlichen Kontrast bildeten. Jedenfalls, eine fremde Zivilisation bedeutete eine fremde Technik, eine mitunter weit überlegene Technik. Hätte man dazu Zugang, so wäre es vielleicht möglich durch technische Überlegenheit Apophis zu beseitigen.

So weit war es allerdings noch nicht. Jedenfalls aber konnte man mit dem Schiff kommunizieren. Der sprachliche Austausch erfolgte über das zentrale elektronische System der Forschungsschiffe und dem fremden Schiff. Die zwei Systeme tauschten Daten in immer schnellerer Folge aus. Nach zwei Stunden war die Kommunikation abgeschlossen und es wurde an die Kontrollpersonen mitgeteilt, dass eine Verständigung möglich sei.

 

Atnife mit etlichen Androiden versammelten sich im Kontrollraum. Auch Holger und Echinus waren dabei.

Atnife begann das Gespräch mit dem fremden Schiff: "Mit wem sprechen wir?"

Antwort des Schiffes: "Die organische Lebenssubstanz des Schiffes ist abgestorben und damit die Entscheidungsinstanz. Hiervon unabhängig gibt es ein zweites intelligentes System auf physikalischer Basis. Dieses System ist noch intakt und kommuniziert soeben mit Euch."

Atnife antwortete: "Wir haben zwei Fragen: Ist Hilfe erwünscht? Ist ein Wissensaustausch möglich?"

Schiff: "Hilfe wäre willkommen. Ein Wissensaustausch ist nicht möglich."

Atnife: "Welcher Art sollte die Hilfe sein?"

Schiff: "Ich bitte das beschädigte Schiff zu seinesgleichen zu bringen und zwar in das System, das Ihr Epsilon Eridani nennt."

Atnife: "Wir verfügen über keine Technik, um eine Entfernung von 10 Lichtjahren zu überbrücken. Mit unseren Möglichkeiten können wir somit keine Hilfe geben."

Schiff: "Ich bin nicht befugt das technische Wissen um Antriebssysteme an fremde Zivilisationen weiter zu geben. Ich bedauere, dass keine Hilfe geleistet werden kann."

Atnife: "Da wir mit einem intelligenten Reservesystem auf physikalischer Basis sprechen und der Antrieb ebenfalls auf physikalischer Basis ist, wie wir festgestellt haben, kann es sich nur um einen Schaden der Vernetzung handeln. Diesen Schaden müssten wir richten können, sofern es sich nur um die Störung einer einfachen Verkabelung oder eines Leitsystems handelt."

Schiff: "Die mit Euch kommunizierende Intelligenz ist kein Reservesystem des Schiffes und hat deshalb auch keine Verbindung zum Antriebssystem."

Atnife: "Es interessiert uns wofür das intelligente Zweitsystem gedacht ist. Wir haben jedoch Verständnis dafür, wenn diese Frage nicht beantwortet wird. Im Zusammenhang mit der erwünschten Hilfe fragen wir, weshalb das Schiff Wert darauf legt, dass es in das System Epsilon Eridani gebracht wird? Ist es möglich, dass wir die Hilfe leisten können, die von Intelligenzen aus diesem System erwartet wird?"

Schiff: "Vielleicht wäre eine Hilfe in diesem Sinne möglich. Das müsste noch abgeklärt werden. In dem Schiff hier befinden sich drei intakte Schiffsembryonen. Diese sollten zu den anderen Schiffsintelligenzen gebracht werden, damit sich dort das Leben der Schiffsembryonen entfalten kann."

Atnife: "Welcher Art ist die Lebensform dieser Embryonen?"

Schiff: "Es sind Embryonen von Schiffen. In unserer Zivilisation sind Schiffe die einzige Lebensform."

Atnife: "Sollte es möglich sein den Schiffsembryonen zum Leben zu verhelfen, so wären wir gerne bereit Dich darin zu unterstützen. Wir verfügen über sehr viele Ressourcen auch außerhalb dieser Schiffsgruppe."

Schiff: "Ich wäre bereit mich darüber auszutauschen ob alle Bedingungen erfüllt werden können, um den Embryonen zu einer Lebensentfaltung zu verhelfen. Meine Funktion ist nicht die eines physikalischen Notsystems des Schiffes, sondern ich bin eigens geschaffen worden, um das Wachstum der Embryonen zu steuern und eine Art Lehrer zu sein, der je nach dem Reifegrad der Embryonen diese mit Wissen versorgt. Ich wäre bereit die Zusammensetzung der Nahrung und die technischen Gegebenheiten des Stützgerüstes, in welche die Schiffwesen hinein wachsen können, zu übermitteln."

Atnife: "Wir sind bereit das uns Mögliche beizutragen. Bitte Dich mit der Intelligenz unseres Schiffes auszutauschen und durchzuchecken, ob diese Hilfe mit unseren technischen Möglichkeiten durchgeführt werden kann."

Atnife an den Schiff-Verwalter: "Ich bitte Dich mit dem fremden Raumschiff auszutauschen und abzuchecken, ob unsere technischen Möglichkeiten ausreichen, beziehungsweise ob das fremde Schiff bereit ist uns bei mangelndem technischen Wissen informativ beizustehen. Bitte uns das Ergebnis des informellen Austausches mitzuteilen."

 

Es hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, bis die zwei Schiffe ihre technische Kommunikation abgeschlossen hatten. Dann meldete sich der Verwalter: "Mit Hilfe weiterer technischer Anweisungen des fremden Schiffes wäre es möglich die Embryonen zu entfalteten Schiffswesen zu entwickeln."

Atnife: "Wie lange würde das dauern?"

Verwalter: "Ich verfüge hierbei über keine exakte Information. Die Dauer der Entwicklung der Embryonen hängt zum größten Teil von der Menge des beigesteuerten Materials ab. Bei großer Unterstützung in Form von sehr viel Nahrung, die aus komplexen Molekülen und biotechnischen Nano- und Mikrostrukturen besteht, können die Embryonen mit dem in ihnen vorhandenen Wissen einen Organismus aufbauen, der ihr jeweiliges Schiffskelett belebt.

Das fremde Schiff legt jedoch Wert darauf, dass die Antriebswerke für die drei Embryonenschiffe von ihm selbst und in seinem Schiff hergestellt  werden. Die fremde Intelligenz möchte die Antriebstechnik geheim halten und nicht an die Techniker unseres Reiches weiter geben."

Atnife war mit den Vorschlägen einverstanden und gab die Anweisung, alle Wünsche des fremden Raumschiffes zu erfüllen und es zu unterstützen.

 

Es wurden weitere Industrien und Werften von fünf Siedlergruppen aus relativ nahen Gebieten innerhalb der Oortschen Wolke in das Projekt eingebunden.

 

Der Bau von drei Grundgerüsten für die extrasolaren Raumschiffe wurde begonnen. Auch die Außenhaut wurde nach technischen Angaben des fremden Schiffes gemacht. Hier gab es bereits eine bereichernde neue Technologie, die man abschauen konnte. Die Baupläne für die Roboterspinnen wollte das fremde Schiff nicht weitergeben und bat ähnliche Hilfsroboter nach den Techniken der solaren Zivilisation zu machen. Das war kein Problem.

 

Zuletzt wurden die neuen Schiffe mit einer Atmosphäre aus einer bestimmten Gasmischung gefüllt und in ihnen ein Versorgungszentrum mit Nährtanks für die Embryonen hergestellt. Das metallene Grundgerüst der Raumschiffe wurde mit einer Haftschicht überzogen, welches für das entstehende Gewebe biologisch angepasst war.

 

Die Embryonen waren bislang in einem Stadium, etwa wie in der Biologie als Sporenstadium bekannt, in dem alle Lebensprozesse eingefroren waren. Dieser Zustand ermöglichte solchen eingekapselten Embryonen eine sehr lange Zeit in einem von äußeren Gegebenheiten unabhängigen Zustand schadlos zu existieren.

 

Der Intelligenz des fremden Schiffes wurde der Wunsch nach Arbeitsrobotern erfüllt. Es wurden ihr zusätzlich zu den eigenen Robotern eine größere Anzahl von Arbeitsroboter nach Konstruktionsprinzipien der solaren Zivilisation zugeteilt. Sie verschafften der Intelligenz aus dem fremden Schiff ein klares Bild des Geschehens vom Ausbau der drei Schiffe. Wichtige Teile wurden in dem alten Schiff von eigenen Robotern hergestellt und in die neuen Schiffskörper transportiert. Solcherart bewahrte sich die Intelligenz des alten Schiffes das Wissen um die neu konstruierten Bauteile.

 

Unter der Leitung einiger Spezialroboter wurden Tanks für die Zufuhr von Nahrung angelegt inklusive Versorgungsleitungen. Organische Stränge wurden gelegt, welche die ersten Hauptrouten der Ausdehnung der Embryonen vorgeben sollten. Nach diesen Vorbereitungen wurde die Geburt des ersten Schiff-Embryos eingeleitet.

 

Es war der Augenblick gekommen, an dem das erste Embryo geweckt werden sollte. Atnife, einige Androiden und Holger durften dem Vorgang beiwohnen. Die Androiden versuchten sich nichts entgehen zu lassen und filmten jedes Detail. Wie nicht anders zu erwarten hatten die Androiden intern alles geregelt, so dass es keine Doppelgleisigkeit beim Filmen gab und jeder noch so kleinste Winkel aufgenommen wurde.

 

Atnife und ihre drei außerirdischen Kinder

 

Das erste der drei Embryonen erwachte aus seiner Starre und erlangte sein Bewusstsein. Da der Ausdruck "Embryo" nun nicht mehr passend war, gab ihm Atnife den Namen Prima.

 

Während die Androiden fasziniert das äußere Geschehen beobachteten, war Atnife und mit ihr Holger innerlich mit der neu erwachenden Schiffsintelligenz verbunden und beide fühlten wie sie sich langsam ihrer Eigenexistenz bewusst wurde und zum Leben erwachte. Das erste was Prima empfand war ein Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit. Atnife schickte ihr ein tiefes Gefühl der Liebe und vermittelte Prima die Bereitschaft sie zu schützen, sich um ihre Pflege und Wachstum zu kümmern und sie zu lieben. Prima nahm dies glücklich und dankbar an. Es zeigte sich hierbei, dass sie schon von Geburt an telepathische Fähigkeiten besaß. Das bedeutete, dass sie auch eine Seele hatte.

 

Atnife fragte sich, ob diese Eridani-Schiffwesen biologischen Ursprungs waren und sich im Laufe einer gelenkten Evolution zu Raumschiffwesen entwickelt hatten oder ob die Wesen zuerst organisch konstruierte Schiffsintelligenzen waren, die sich später dann zu einer biologischen Spezies entwickelt hatten. Auf jeden Fall waren sie mehr als Denkmaschinen mit organischem Bauplan, sie waren echte Lebewesen. Atnife empfand deutlich ihren Astralkörper und die darüber liegenden Seinsschichten von noch höheren Dimensionen.

 

Während Atnife sich sofort mit Prima nach deren Erwachen innerlich verbunden hatte, wurde von dem Hilfssystem des fremden Schiffes etwa eine Stunde nichts unternommen, offenbar um dem erwachten Organismus Zeit zu lassen sich mit sich selbst zu befassen. Dass Atnife und Holger bereits seelisch präsent waren und Gefühle austauschten, wusste das Hilfssystem nicht. Weder das Hilfssystem noch Atnife selbst wussten, dass hierdurch ein absolut wichtiger Schritt für die seelische Entwicklung gesetzt wurde. Normalerweise waren es Eridani-Schiffe, die sich genau auf diese Art um ihre erwachenden Artgenossen kümmerten. Das Hilfssystem kannte weder Gefühle noch eine telepathische Verbindung. Beides, Gefühlsaustausch, sowie das telepathische Erspüren der Nähe eines liebenden Wesens, waren für eine gesunde psychische Entwicklung eines Eridani-Wesens unverzichtbar.

 

Nach einer Stunde setzte ein erster Informationsstrom durch das Hilfssystem ein. Wie es schien handelte es sich hierbei um Informationen über Nahrungsaufnahme und Wachstum, also um rein körperliche Gegebenheiten.

Bald darauf erhielt Prima über einen Schlauch seine erste Nahrung.

 

Es war eigenartig zu beobachten, wie Prima nach einem Tag erstmals ganz dünne Fäden aussandte, so als würde sie dadurch eine ihr unbekannte Außenwelt erkunden. Zunächst noch planlos sich ausbreitend, war in dem Wachstum der Fäden bald ein System zu erkennen. Sie bevorzugten bestimmte Richtungen und wurden allmählich stärker. Es waren die Hauptrichtungen entlang der Schiffsachse und in Richtung elementarer Kontrollsysteme. Das neugeborene Wesen schien von dem vorgegebenen Schiffskörper allmählich Besitz zu nehmen.

 

Wieder waren einige Tage vergangen. Prima hatte sich so weit entwickelt, dass sie nicht mehr ausschließlich mit Eigenwahrnehmung befasst war. Sie begann als erwachendes Wesen allmählich die für sie äußere Welt, nämlich das Schiffsinnere  wahrzunehmen, indem es diese mit tastenden Fäden erstmals erkundete. Es war somit nicht ein fern wahrnehmender Sinn wie Sehen, Hören und Riechen, sondern die Umwelt wurde ertastet und zugleich damit einverleibt. So wie auf materieller Ebene erweierte das erwachende Wesen auch seine innere subtile Wahrnehmung aus. Liebe und Geborgenheit, welche zunächst nur als Zustand bewertet wurden, erkannte Prima nun hatten eine Quelle. Und diese Quelle waren, wie Prima erstmals empfinden konnte, andere Lebewesen, die mit ihr seelisch verbunden waren. So wie sie mit den Fäden die äußere Welt zu erkunden begann so machte es Prima nun mit ihrem inneren telepathischen Sinn. Prima begann die empfundene Liebe und Geborgenheit wie Nahrung aufzunehmen. Sie taten wohl diese Gefühle, stärkten und stabilisierten. Diese wohltuenden Gefühle stammten von einem fast ständig präsenten Wesen und einem zweiten, dessen Gefühle weniger mächtig und intensiv waren. Diese zwei Wesen wurden von Prima als lebenswichtig empfunden. Sie beschwichtigten in liebender und beschützender Weise vor all dem Verwirrenden, das sich in immer wieder neuen Situationen in der neu entdeckten Welt dem werdenden Wesen bot.

Atnife und Holger merkten zu ihrer Überraschung, dass sie von Prima als erste und zweite Mutter empfunden wurden. Prima kannte keine Geschlechter wie es sie in irdischer Biologie gab. Es empfand Atnife als ein Wesen seiner eigenen Art, wenngleich in manchen Empfindungen und Wahrnehmungen anders. Unter den wahrgenommenen Wesen gab es für Prima ein sehr nahes und ein weniger nahes Wesen und noch viele Wesen in der Peripherie, die alle im persönlichen Bezug bedeutungslos erschienen. Später bezeichnete Prima in Anpassung an den irdischen Sprachgebrauch Atnife als ihre Mutter und Holger als ihren Vater. Da die Eridani-Wesen eher hierarchisch als geschlechtspezifisch dachten, imitierte Prima so weit es ging Atnife und verstand sich selbst als weibliches Wesen. Dasselbe galt vorwegnehmend für ihre später nachfolgenden Geschwister.

 

Die Anhänglichkeit und große Bedeutung als Mutter, die Prima Atnife zuwies, ließ in Atnife das Gefühl entstehen für dieses junge Wesen und seine Entwicklung verantwortlich zu sein. Sie wollte die Entwicklung von Prima möglichst umfassend bereichern und dazu gehörten auch paranormale Fähigkeiten, welche für das solare Imperium so wichtig waren. Um diesbezügliche Entwicklungsmöglichkeiten abzuchecken, ließ sie sich mit dem Hilfssystem des fremden Schiffes verbinden: "Über welche paranormalen Fähigkeiten verfügen die Schiffsintelligenzen?"

Es kam die Antwort zurück: "Telepathie ist allen angeboren. Paranormale Fähigkeiten, wie sie im solaren Reich praktiziert werden, sind unserer Zivilisation fremd."

Atnife: "Wie erfolgt dann die Versorgung mit seltenen Rohstoffen?"

Hilfssystem: "Indem Planeten und Asteroiden angesteuert werden, um deren Bodenschätze zu nutzen."

Atnife: "Ich bitte das Hilfssystem sich mit unseren Wissenschaftern aus dem Gebiet "Paranormale Wissenschaft" in Verbindung zu setzen. Es wäre ein vordringlicher Wunsch meinerseits, dass das Wachstum des Schiffkindes so gesteuert wird, das paranormale Fähigkeiten gefördert werden, vornehmlich auf dem Gebiet der Materietransformation. Sollte das möglich sein, worüber ich sehr erfreut wäre, so bitte ich um Standortangaben innerhalb des Schiffes für Lynx-Generatoren und bitte diese in die Wachstumsplanung mit ein zu beziehen, so dass die paranormalen Veranlagungen auch umgesetzt werden können. Ist das Hilfssystem mit diesem Vorschlag einverstanden?"

"Ich bin mit diesem Wunsch einverstanden", war die sofortige Antwort des Hilfssystems.

 

Um die Möglichkeiten und die Durchführung eines organischen Wachstums von Prima so durchzuführen, dass sich ähnliche organische Strukturen wie die  Wirbelsäule beim Menschen aufbauen konnten, erfolgten wissenschaftliche Berechnungen und Klärungen, die etwa einen Monat dauerten. Dann war es so weit und man plante beim Wachstum von Prima eine biophysikalische Struktur ein, die mit astralen Kräften in Resonanz treten konnte. Es sollte dadurch eine als Kundalini bekannte Energie gefördert werden. Ob die Konzepte die Erwartungen erfüllen würden, mochte die Zukunft zeigen. Das Hilfssystem des fremden Schiffes war hierbei sehr kooperativ.

 

 

Das Eridani-Raumschiff Prima, erste Ausbaustufe

 

Prima setzte ihr Wachstum fort, fürsorglich von Atnife und Holger betreut.

Allmählich wurde Prima durch das Hilfssystem auch Allgemeinwissen vermittelt. Auf Bitten Atnifes wurde dieses durch jenes des solaren Systems ergänzt. Dazu gehörte auch die Geschichte der Menschheit und des solaren Reiches. Gleichzeitig wurde Prima von Atnife im Gebrauch paranormaler Fähigkeiten unterwiesen, sowohl theoretisch, als auch durch Übertragung und durch Training. Prima machte hierbei gute Fortschritte.

 

Es war zirka ein halbes Jahr vergangen und Prima entwickelte sich in allen Aspekten zur vollsten Zufriedenheit. Nun war genug Erfahrung vorhanden und man wagte die zwei weiteren Schiffembryonen zu wecken und ihr Wachstum nach den Plänen von Prima zu fördern.

 

Die zwei neu erwachten Eridanischiffe bekamen ebenfalls Namen. Die zweitgeborene Eridani-Intelligenz wurde Sekunda genannt und die eine Woche später geborene Tertia.

 

Atnife und Holger kümmerten sich um die zwei folgenden Eridani-Intelligenzen genau so wie um Prima. Prima beteiligte sich bei der Entwicklungsförderung ihrer Geschwister mit. Von ihrer Art her war das selbstverständlich, denn die Eridani-Schiffintelligenzen hatten ein stark ausgeprägtes Gruppenverhalten.

 

Ein Jahr nach der Weckung von Sekunda und Tertia, waren beide ausgewachsen und fähig den Schiffskörper zu kontrollieren. Auch besaßen sie alles Wissen der Eridani-Zivilisation und der Zivilisation des solaren Imperiums.

 

Während all der Zeit ihrer Entwicklung wurden die zwei jüngeren Schiffs-Intelligenzen so wie Prima in paranormalen Fähigkeiten unterrichtet und trainiert. Prima half dabei in telepathischer Präsenz emsig mit. Eines für die Eridani-Intelligenzen wichtige Entdeckung war es, als Atnife sie lehrte sich einen menschlichen Körper vorzustellen, bis ins kleinste Detail. Da niemand so sehr mit ihnen verbunden war, nahmen sie Atnife und Holger als Modell einer menschlichen Erscheinung. Als sie dann darin genügend geübt waren, wurde ihnen von Atnife ein Gürtel aus mehreren kleinen Lynx-Generatoren überreicht, in der selben Art wie sie selbst einen hatte. Mit Hilfe eines solchen Gürtels konnte ein jedes der Schiffe aus seiner Vorstellung heraus einen menschlichen Körper materiell verdichten. Das ermöglichte den drei Eridanischiffen eine neue Erfahrungswelt – es war ihnen nunmehr möglich als Menschen in Erscheinung zu treten und solare Raumschiffe zu betreten, genauso wie es Atnife zu tun pflegte und all die Wunder dort zu erkunden. Neue Perspektiven der Wahrnehmung in völlig anderer Größenordnung, Begegnung mit Pflanzen, Studium der Eigenheiten des Bewusstseins und der Wahrnehmung von Menschen und Tieren. Sie lernten Kunstobjekte und Töne kennen und Tonklangkompositionen, welche die Menschen Musik nannten.

 

Das Lernen der Eridanischiffe erweiterte sich auf einen neuen für die Schiffe sehr interessanten Erfahrungsbereich. Bislang waren die drei Eridani-Intelligenzen in den Weiten der Oortschen Wolke abgesondert und geheim aufgewachsen. Niemand außer den wenigen Forschungs- und Siedlerschiffen wusste Bescheid. Nunmehr, nachdem die drei Schiffe ihr organisches Wachstum abgeschlossen hatten, wollten sie das solare Reich, von dem sie so viel gehört hatten, kennen lernen. Atnife begann mit ihnen kleine Touren innerhalb der Oortschen Wolke zu unternehmen. Es waren sozusagen Flugstunden, in denen sich die drei Schiffsintelligenzen einübten und Erfahrungen sammelten.

 

 

Rundreise durch das Reich

 

 

Um das Gesamtbild der politisch-militärischen Situation des ehemaligen Großreiches nicht aus den Augen zu verlieren, ein kurzer Situationsbericht über die Entwicklungen des Solaren Reiches in der Zwischenzeit, während der Entwicklungsperiode der drei Eridani-Schiffe.

Es waren mittlerweile zwei Jahre vergangen, seitdem Apophis die Gestalt von Atnife angenommen hatte, um durch dieses Täuschungsmanöver die Herrschaft über einen Teil des solaren Imperiums zu übernehmen. Seinem Plan nach sollte mit dem Attentat auf den Regierungssitz nicht nur die eingearbeitete Beamtenschaft sondern zugleich auch Holger getötet werden. Atnife konnte er nicht physisch töten, das wusste er. Apophis ahnte in Holger seinen früheren Gegner Atmedef, jenen scheinbar unbedeutenden Menschen, der damals auf dem Weg durch die altägyptische Unterwelt ihm die schon fast besiegte Göttin entrissen hatte. Der Tod Holgers sollte Atnife seelisch verwunden und sie in ihrem Zorn zu unüberlegten Handlungen verleiten, nämlich zu einem direkten Angriff auf ihn. Er war überzeugt Atnife an Kräften weit überlegen zu sein. Bei einem direkten Angriff aus Zorn, der als niedere Eigenschaft Atnife in der aurischen  Schwingung zusätzlich schwächen würde, wäre sein Sieg gewiss. Apophis Ziel war es nicht Atnife zu töten, denn das geht bei einer Göttin nicht, sondern sie zu verdunkeln und sie ihm zu unterwerfen. Solcher Art hätte er aus ihr, einer Göttin aus dem Kreis des Sonnengottes Re-Atum, eine dunkle Dämonin gemacht.

 

Der Plan von Apophis war zu seinem großen Ärger nicht aufgegangen. Er war um einige Augenblicke zu spät gekommen. Er gewann lediglich nur einen kleinen Trostpreis, den inneren Teil des solaren Imperiums. Die Zerstörung des Regierungssitzes von Atnife und seine Vortäuschung von Atnifes Gestalt, gaben ihm so viel zeitlichen Vorsprung, dass er die großen Leitsysteme künstlicher Intelligenz auf Mars und Mond übernehmen konnte.

 

Atnife hatte sehr schnell auf den Angriff von Apophis reagiert.

In der Folge organisierte sie eine Gegenmaßnahme, die für Apophis schmerzlich war. Fast alle paranormal begabten Menschen inklusive den mit ihnen verbundenen Androiden flohen aus seinem Reich. Apophis war dadurch mangels von Astronauten von allen Gebieten außerhalb des Mars abgeschnitten. Es verblieben ihm nur Mond, Mars und die zwei Marsmonde. Auch die Erde stand theoretisch unter seinem Einfluss, war jedoch von primitiven Völkern besiedelt, arm an Bodenschätzen und strategisch uninteressant. Ihr würde er sich später widmen, doch momentan war anderes vorrangig.

 

Apophis hatte gehofft, dass Atnife einen verlustreichen Krieg gegen die schwer bewaffneten und meist unterirdischen Bastionen auf Mond und Mars führen würde. Atnife tat ihm jedoch nicht den Gefallen und isolierte ihn erfolgreich. Mit der Isolation war ihm der Zutritt zu den heiß begehrten mineralischen Ressourcen im Asteroidengürtel verwehrt. In den vergangenen zwei Jahren hatte er deshalb eine Flotte aufgerüstet. Die geringe Geschwindigkeit der Schiffe, bedingt durch das Zurückgreifen auf physikalische Triebwerke mangels an Astronauten, sollte durch die Anzahl der Schiffe und ihre Schlagkraft wettgemacht werden.

Apophis sah sich bereits im Sieg und als Herrscher über den Asteroidengürtel, weil Atnife, statt ebenfalls aufzurüsten den größten Teil der Industrieanlagen aus dem Asteroidengürtel abgezogen hatte. Sicherlich verlor der Asteroidengürtel für Apophis dadurch an Wert, war jedoch aus seiner Sicht dafür umso leichter zu erobern.

 

Zurück zu Atnife:

Nach einem Jahr hatten alle drei Eridani-Intelligenzen ihre Schiffskörper vollkommen in Besitz genommen. Auch war ihnen in dieser Zeit Wissen vermittelt worden, das sowohl alles Wissen der Eridani-Zivilisation als auch das Wissen des solaren Imperiums umfasste. In dieser Zeit hatten die drei Schiffsintelligenzen, Prima, Sekunda und Tertia eine tiefe Zuneigung zu Atnife und Holger entwickelt. Atnife ihrerseits hatte zusammen mit Holger Prima, das älteste dieser drei Schiff-Wesen, zu ihrem persönlichen Wohnschiff auserkoren. Der Regierungssitz befand sich nach wie vor in dem Kriegsschiff.

 

Atnife unternahm mit den drei technobiologischen Eridani-Schiffen nun Ausflüge in größere Entfernungen und startete mit ihnen eine offizielle Besuchstour. Ein  jedes der drei Eridani-Schiffe hatte, so wie sie es von Atnife gelernt hatten, mittels ihrer paranormalen Fähigkeiten eine feinstoffliche menschliche Erscheinung erschaffen, mittels eines Gürtels, der aus einer Reihe kleiner Lynx-Generatoren bestand. Man konnte die materialisierten Erscheinungen in nichts von natürlich geborenen Menschen unterscheiden.

 

Die seltsame Familie, aus Göttin, Erdenmensch und außerirdischen Schiffsintelligenzen dehnte ihre Ausflüge aus und besuchte verschiedene Großgruppen im Kuipergürtel, auch vereinzelte Gruppen in der Oortschen Wolke. Es waren für die drei Eridani-Schiffe nur geringe Distanzen, die sie in Minuten bewältigen konnten. Als nächstes besuchten sie die Kolonien um Neptun, Jupiter und Saturn. Dann folgten Niederlassungen und Industriegruppen im Asteroidengürtel.

 

Alle Besuche durch die Großregentin waren für die betreffenden Niederlassungen eine Sensation. Schnell wurde das Eintreffen der Großregentin auch den Siedlern nahegelegener Niederlassungen gemeldet, welche in Kleinschiffen herbei eilten, um ebenfalls anwesend sein zu können. Allerdings, so neugierig die Menschen und Androiden auch waren und hofften jene fremden Schiffe besichtigen zu können, so war ihnen dennoch jeglicher Zutritt verwehrt. Das einzige Wissen bestand aus wildesten Gerüchten. Allerdings dass die drei Adoptivtöchter, welche Atnife begleiteten, mit den drei Schiffen zu tun hatten, wurde von den Leuten nicht in Betracht gezogen. Nur vereinzelt wagte jemand diese Annahme zu äußern.

 

Atnife war wohl auch in früheren Friedenszeiten immer wieder präsent gewesen und hatte solcherart für einen Zusammenhalt der Siedler gesorgt. Solche Besuche waren wichtig, denn sie zeigten, dass sich Atnife um ihr Großreich kümmerte. Allerdings war sie damals auf die komplexen Großtransmitter angewiesen, die eigens für sie gebaut wurden, weshalb ihr Erscheinen an nur wenige Örtlichkeiten gebunden war. Jetzt dagegen war es anders. Ihre Besuche erfolgten an jedem erdenklichen Ort, ob entlegen oder in einem Siedlergroßraum. Sie tauchte ohne Vorankündigung über große Entfernungen auf, wobei das nächste Ziel nicht in der Nähe und auf einer scheinbar vorgegebenen Route war, sondern sich auf der entgegen gesetzten Seite des Sonnensystems befinden konnte, ohne dass eine Reisezeit erkennbar war. Nichts schien mehr außerhalb ihrer Reichweite zu sein.

 

Die Sensation über ihre schnellen Schiffe wurde zusätzlich durch Gerüchte um ihre Begleitung bereichert. Diese war unerwartet und verwirrend. Nie noch hatte Atnife eine Familie gehabt.

Ihre Besuche wurden als Sensation in Windeseile verbreitet, bis hinein in das Reich von Apophis, den inneren Planeten vom Mars bis zur Sonne. Dort gab ihre fast überall mögliche Präsenz den verbliebenen Unterdrückten Hoffnung und manches wurde übertrieben dargestellt, genährt durch die Wünsche und die Sehnsucht in ihr eine mächtige Erlöserin zu finden, die bald der Schreckensherrschaft von Apophis ein Ende bereiten würde.

 

Diese Effekte gaben den Reisen und dem damit verbundenen Unterricht ihrer drei Adoptivkinder über die Art und Ausdehnung des solaren Reiches einen zusätzlichen und durchaus beabsichtigten Sinn, nämlich das Reich in seinem Zusammenhalt zu stärken und Apophis ein Gegengewicht zu setzen.

Die Reisen hatten somit mehrere Aufgaben: Den Bewohnern zu zeigen, dass Atnife präsent ist und sich um sie kümmert. Des weiteren wollte Atnife vor Ort durch Gespräche mit Flüchtlingen die politisch-strategischen Informationen durch lebensnahe Berichte ergänzen. Erst die Details zeigten ihr, wie das System von Apophis arbeitete. Der dritte Aufgabenbereich der Besuche war, wie schon erwähnt, die Information und Schulung ihrer drei Eridani-Schiffe.

 

Prima, Sekunda und Tertia hätten wohl unauffällige Begleiter von Atnife sein können, doch durch ihren ererbten Gruppeninstinkt kopierten sie alle drei die Gestalt von Atnife. Die Betonung einer Individualität war Eridani-Wesen durch die menschlichen Kontakte zwar nicht mehr unbekannt, dennoch aber fremd und unverständlich. Sie fanden nach wie vor im Gemeinsamen ein höheres Ideal, eine Stärkung des Zusammenhaltes. Kurzum, es war in ihrem Bewusstsein eine Ethik, die einer Ethik der Menschen sowohl in Logik als auch in der Praxis überlegen war. Über diese ihnen angeborene Eigenschaft konnten sie nur schwer hinweg, was dazu führte, dass die Siedler in verwirrender Weise Atnife in vierfacher Ausgabe vor sich hatten. Nur an dem dominanten Verhalten war Atnife zu erkennen. Gleichzeitig hatten sie den Beweis vor sich liegen, dass in Hinblick auf Apophis das Aussehen von Atnife kopiert werden konnte.

 

Atnife stellte die drei Begleiterinnen, welche ihr Aussehen mit ihr teilten, als Adoptivkinder vor. Das erhöhte allerdings die Verwirrung unter den Siedlern, denn die drei waren erwachsen und waren zudem Atnife im Aussehen identisch, so dass eher eine körperliche Verwandtschaft nahe lag. Dem geschätzten Alter nach mussten sie schon lange vor dem Auftauchen von Apophis geboren worden sein, in einer Blütezeit des Reiches. Solch wichtige Geschehnisse, wie dass die Regentin Kinder geboren habe, hätten sich damals wohl kaum verheimlichen lassen. Die Situation ließ sich kaum zusammen reimen. Atnife konnte die Kinder auch nicht von Holger haben, denn dieser war ebenfalls noch ein Jugendlicher und etwa im selben Alter wie die drei jungen Frauen.

Es mussten somit undurchschaubare Geheimnisse vorliegen. Es war jedoch einsichtig, dass man angesichts der Bedrohungen durch Apophis aus Sicherheitsgründen mit Informationen dieser Art sparsam umging. Beunruhigend war für etliche die Idee, dass Apophis ebenfalls eines der seltsamen Adoptivkinder gewesen sein könnte, das im Gegensatz zu den drei anderen Geschwistern, der Mutter nicht ergeben war, sondern gegen sie rebelliert hatte. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass Apophis ebenfalls immer in Gestalt von Atnife aufgetreten war, sich als diese ausgegeben hatte und nach wie vor behauptete Atnife zu sein.

Atnife hatte schon in ältesten Zeiten behauptet, dass sie kein Mensch sei und man wusste, dass sie mittels des geheimnisvollen Gürtels eine menschliche Gestalt annehmen konnte und sie ohne dem Gürtel als ein Wesen aus einer anderen Dimension unsichtbar wäre. Man wusste es, hatte es aber halb vergessen und Atnife als Menschen eingeordnet, weil man sie immer als Mensch sah. Jetzt besann man sich wieder dieser alten Überlieferungen, denn auch ihre Adoptivkinder trugen solche Gürtel. Das gab wiederum vielen Gerüchten Auftrieb. Es schien zu bestätigen, dass Apophis ein viertes und abtrünniges Adoptivkind wäre, denn auch Apophis trug einen solchen Gürtel.

 

Solche Gedanken schaukelten die Gerüchte auf und erklärten die großen Beachtung, welche der familiären Gefolgschaft von Atnife geschenkt wurde.

 

Die Menschen und Androiden stauten sich bei Besuchen Atnifes in den Sichtkanzeln an den Andockstellen und ein Schwarm, gleich einem Bienenschwarm flog außen um die Schiffe herum. Zu gerne hätten alle das Innere der Schiffe gesehen, aber niemand durfte ein Schiff  betreten. Es gab gelegentlich Teleporter, die das versuchten, doch die Schiffe waren durch ein starkes paranormales Feld geschützt und verhinderten dies. Zugleich wurden die Verwegenen, die das versucht hatten durch eine mächtige Intelligenz gewarnt und zurecht gewiesen. Noch nie hatten sie derlei erlebt oder für möglich gefunden. Das es sich bei den Handlungen jener Teleporter um Verbotsübertritte handelte, schwiegen sie zumeist darüber.

Im Großen und Ganzen gab es außer wenigen Bemerkungen aus dem Begeleitstab von Atnife keine Informationen über die Schiffe, keine Bilddarstellungen und keine Filme. Es war klar, dass die Schiffe aus einer fremden Zivilisation stammten. Kamen sie aus der Heimatwelt von Atnife? Oder war es ganz anders, etwa waren die Adoptivkinder von Atnife keine Menschen, sondern biologische Androiden, mit deren Hilfe sich Wesen aus einer fremden Zivilisation unter die Menschen mischten und diese beobachteten? Manches schien darauf hinzuweisen, denn den drei Adoptivkindern von Atnife waren alltägliche Dinge völlig unbekannt und fremd. So staunten sie über manche Speise und kosteten sie durch, Speisen die einem jeden Menschen schon seit der Geburt beinahe selbstverständlich waren. Bei einem Besuch in einem Schulungszentrum zeichneten sie mit den Kindern und schrieben sie auch einige Sätze. Die Schriften waren perfekt gleichmäßig, ohne Unregelmäßigkeiten und individuelle Eigenheiten. Die Zeichnungen waren perfekte technische Zeichnungen und wie mit dem Lineal gezogen. Das sprach dafür, dass sie Androiden waren. Es gab jedoch auch Beobachtungen, die eindeutig auf eine biologische Herkunft hin deutete und in keiner Weise dem Verhalten von Androiden wie man sie kannte entsprach. So hatten sie eine Vorliebe für Berührungen – sie gingen gerne Hand in Hand mit Atnife und Holger, umarmten beide auch hin und wieder. Des weiteren beobachteten sie alles und reagierten emotionell und sehr interessiert. Sicherlich beobachteten auch Androiden sehr genau, es gab kein noch so kleines Detail, das einem Androiden entgangen wäre. Ein Androide bewegte sich ruhig in seinem Umfeld und hatte hierbei alles registriert, ohne dass Außenstehende sich dessen gewahr wurden. Bei den drei Kindern war dies jedoch anders. Wenn es etwas Neues zu sehen gab stürzten sie hin, betrachteten es genau und wenn es möglich war nahmen sie es in die Hand und wendeten es. Sie riefen hierbei in allerlei, oft seltsamen Lauten vor Freude oder in Erstaunen. Ansonsten waren sie sehr schweigsam und sprachen kein Wort miteinander. Auch nicht mit Atnife und Holger. Dennoch schien es keine Kommunikationsschwierigkeiten zu geben. Also mussten sie Telepathen sein und waren somit keine künstlichen Intelligenzen. Die Siedler waren sich nicht klar ob nun alle auf elektronischem Wege oder telepathisch sich unterhielten. Auch die Androiden hatten bald heraus, dass sich die Adoptivkinder Atnifes nicht elektronisch unterhielten, auch nicht in Wellenlängen und Signalen einer fremden Zivilisation. Sie mussten also biologische Wesen mit telepathischen Fähigkeiten sein. Vielleicht waren sie künstlich erschaffene biologische Wesen. Dafür sprach ihr identisches Aussehen.

Es gab lange Diskussionen unter Siedlern und Androiden über solche Beobachtungen und man kam kaum zu einem zufrieden stellendem Ergebnis.

 

Einige Details einer Reise: Atnife war mit den drei fremdartigen Schiffen bei einem Industriezentrum im Asteroidengürtel. Mit in Begleitung war ein kleiner Stab von Beratern und Kontaktpersonen zu den Verwaltungsabteilungen der verschiedenen Gebiete. So wie das alte Schiffswrack hatten auch diese drei Schiffe eine lederartige Außenhaut, auf der sich eine Art Spinnennetz befand und auf der interessanter Weise auch Tiere im Aussehen seltsamer Spinnen herum liefen.

 

In einem kleinen Saal saßen Atnife, Holger und ihre drei erwachsenen Fräuleins, die als Adoptivkinder deklariert wurden. Vor ihnen eine Ansammlung unterschiedlichster Leute.

Atnife begrüßte sie und sprach sie an: "Ich freue mich euch alle zu sehen. Ich weiß, dass ihr in manchen Belangen neugierig seid und viele Fragen an mich habt. Ich kann Euch hierbei leider nicht alles beantworten, werde mich aber redlich bemühen. Ich meinerseits würde gerne Berichte von den Flüchtlingen unter Euch hören, um mir ein genaueres Bild von der Lage zu machen. Ich bitte darum, dass alle Flüchtlinge eine Hand erheben, damit ich weiß, wie viele hiervon anwesend sind."

Ungefähr die Hälfte der Anwesenden hob die Hand.

Atnife schwieg und sondierte die Anwesenden telepathisch durch. Sie hielt dabei mit ihrem inneren Empfinden nach seelischem Schmerz Ausschau und rief dann eine Person auf.

Mit der Hand auf eine Person zeigend, bat Atnife zu berichten: "Ich fühle, dass Du ein Flüchtling bist und viel erlitten hast."

"Ich war in der Kindererziehung tätig", berichtete der Mann. "Bislang hatten wir in Liebe die Kinder erzogen und versucht ihre Begabungen zu fördern. Auf einmal gab die Großregentin Atnife neue Anweisungen mit völlig anderer Zielsetzung in der Erziehung." Erschrocken hielt der Sprecher inne. "Verzeihung", sprach er und sah Atnife irritiert an. "Ich meine jenes Wesen, welches sich als die Großregentin Atnife ausgibt und den Mars regiert. Dieser Regent gab als Anweisung, dass die Kinder im Kampfgeist erzogen werden sollten. Unter Anleitung der Erzieher sollten die Kinder einzeln oder in kleinen Gruppen, von den anderen als Zuschauer umringt, miteinander kämpfen und sich verprügeln und schlagen. Die Stärkeren und Sieger sollten belohnt und die Verlierer bestraft werden. Die umstehenden Kinder sollten angehalten werden die einzelnen Gruppen anzufeuern. Es sollten Gruppen aus verschiedenen Kinderhorten miteinander kämpfen und die umstehenden Kinder jene, die ihrem eigenen Kinderhort angehörten, anfeuern.

Ich erkannte, dass dies nicht einer Abhärtung dienen würde, so wie es bekanntgegeben wurde, sondern dies zu einer Brutalisierung der Gesellschaft führen würde. Die Zielsetzung der Erziehung war konträr zu jener, die durch mehr als tausend Jahre erfolgreich praktiziert wurde.

Ich weigerte mich dieses Erziehungsprogramm umzusetzen. Deshalb wurde ich verhaftet und man wollte mich durch Folter zwingen mich dem neuen Programm zu beugen. Ich hatte die Wahl unter Foltern langsam dahin zu siechen und zu sterben, oder mich dem System von Apophis zu beugen. Zum Glück hatte ich einige Freunde, mit denen ich telepathisch in Verbindung stand und die mich in einer Überraschungsaktion aus dem Kerker befreiten. Hier zeigte sich wie sich das alte System bewährte. Die Telepathen und paranormal veranlagten Menschen waren feinfühlig und allesamt dem neuen Regime abgeneigt. Sie hatten durch ihre Fähigkeiten auch ausgezeichnete Möglichkeiten ihren Mitgefährten zu helfen. Solcherart wurden ich und viele andere Mitgefangene auch aus dem Gefängnis durch einen überraschenden Überfall befreit und wir flüchteten in den Kleinschiffen zusammen mit den Astronauten und Androiden, welche den Überfall geplant und durchgeführt hatten, hierher in den Androidengürtel. Wir wurden freundlich und hilfreich aufgenommen."

 

Weitere Erfahrungen von anderen Flüchtlingen wurden gebracht und sie waren nicht minder dramatisch und aufschlussreich. Es war ein düsteres Bild, das sich aus dem von Apophis kontrolliertem Gebiet abzeichnete.

 

Zum Schluss wurde den Anwesenden gestattet an Atnife Fragen zu stellen.

Ein Mann: "Die drei Adoptivkinder haben ein fast identisches Aussehen mit Dir verehrte Großregentin. Dasselbe weiß man von Apophis. Ist Apophis ein viertes Adoptivkind?"

Atnife: "Nein, Adophis ist von völlig anderer Herkunft und war niemals ein viertes Adoptivkind."

Eine Frau: "Bitte, Großregentin, kannst Du uns sagen woher Apophis stammt?"

Atnife: "Wie Ihr wisst stamme ich aus einer anderen Dimension. Die dortigen Bewohner nennen sich Götter. Von dort her auch stammt Apophis. Er war dort seit jeher schon ein Ausgestoßener. Seitdem ich ihm vor etwa fünftausend Jahren begegnet bin, war ich eine seiner Feinde. Er hatte mir Rache geschworen und versucht durch die Spaltung des Reiches seine Rache und seinen Hass auszuleben."

Ein junger Mann: "Es wurde auf Apophis ein Attentat versucht. Man konnte Apophis hierbei weder verletzen noch töten. Wie kann Apophis bekämpft werden?"

Atnife: "Da Apophis kein irdisches Wesen ist, kann er mit irdischen Mitteln nicht getötet werden. Auf welche Art man ihn aus dem irdischen Plan wieder vertreiben könnte ist mir noch nicht klar. Ich weiß zur Zeit keine Möglichkeit. Sollte ich eine solche herausfinden, bitte ich um Verständnis, wenn ich sie nicht bekanntgebe, um Gegenmaßnahmen vorzubeugen."

Eine ältere Frau: "Du hast gesagt, Großregentin, dass Deine drei Adoptivkinder anderer Herkunft sind als Apophis. Stammen Deine drei Adoptivkinder auch aus jener Dimension, die Ihr Götterwelt nennt? Deren Gürtel deuten darauf hin, dass sie nicht aus der irdischen Welt stammen."

Atnife: "Die drei Adoptivkinder stammen nicht aus der Dimension Götterwelt."

Bei einigen Leuten zeigte sich Erstaunen.

Eine Frau: "Dürfen wir, Großregentin, auch an Deine Adoptivkinder Fragen stellen?"

Atnife: "Ja, das dürft Ihr."

Dieselbe Frau mit einer Frage an Tertia: "Willst Du uns zu sagen wie alt Du bist?"

Schneller als Atnife reagieren konnte sagte Tertia: "Acht Monate."

Einige lachten. Ein Mann gab laut seinen Kommentar: "Ein Mann wäre sicher nicht so unvorsichtig eine Frau nach ihrem Alter zu fragen. Ich nehme an, Deine Altersangabe war ein Witz und eine Ausflucht. Aber wenn ich Deine Adoptivmutter betrachte, die, wie sie soeben sagte, schon älter als fünftausend Jahre ist, und aus meiner Warte sehr hübsch aussieht, so musst Du Dich nicht schämen, wenn Du uns gestehst, dass Du schon hundert Jahre alt bist."

Etliche lachten wieder. Die Atmosphäre war heiter und gelöst. Die anfängliche Spannung, die während der Berichte der Flüchtlinge im Raum war, hatte sich wieder gelegt.

 

Tertia wurde verlegen und blickte zu Atnife. Diese antwortete an Stelle von Tertia: "Das angesprochene Adoptivkind heißt Tertia. Tertia stammt aus einer fremden Zivilisation eines fernen Sternsystems. Euer biologisches Zeitempfinden ist ihr fremd. Ihr müsst entschuldigen, wenn ich um diese drei Adoptivkinder keine weiteren Informationen gebe. Eines nur möchte ich Euch sagen, weil dies eine Botschaft der Hoffnung ist und Euch dies in Euren Bemühungen gegen Apophis anzukämpfen Mut geben soll. Diese drei Frauen stammen aus einer Zivilisation, die uns weit überlegen ist. Ich habe Euch über diese Drei genug gesagt, und ich bitte keine weiteren Fragen über deren Herkunft und Wesensart mehr zu stellen."

 

Natürlich waren alle nach wie vor neugierig, doch respektierten sie den Wunsch der Großregentin und hatten auch Einsicht dafür.

 

Es folgten einige weitere weniger wichtige Fragen und dann lief die Versammlung in lockeren Gesprächen aus. Bald bildeten sich kleine Diskussionsgruppen und man machte man sich gegenseitig bekannt und schloss Freundschaften. Kleine Speisen wurden gebracht, die Gruppen verteilten sich über andere Räume. Atnife beteiligte sich noch da und dort an Gesprächen und zog sich dann mit ihrer Familie zurück.

 

Zum Ärger von Apophis machten die Besuchsreisen und die Gerüchte seine Feindin Atnife noch beliebter. Apophis tat alles in seinem Reich, um den Ruf von Atnife zu zerstören, aber es gelang ihm nicht. So verbreitete er das Gerücht, dass die Schiffe Fälschungen wären und Atnife und die drei Frauen nichts anderes als Androiden wären, deren Kopien an verschiedenen Orten verstreut sind, um solcherart ein schnelles Reisen vorzutäuschen.

Doch die tausend Jahre Herrschaft von Atnife hatten sich den Völkern in Legenden und Märchen eingeprägt. Während Apophis den Ruf von Atnife zerstören wollte, gab es andere im Untergrund, die dem entgegen wirkten. Zu den alten Legenden kamen neue hinzu, Gerüchte, denen zu Folge eine böse Gottheit die Gestalt Atnifes angenommen hatte, um alle zu täuschen. Die wahre Atnife jedoch würde bald als Erlöserin erscheinen, um dem Schreckensregime ein Ende zu setzen. Schon würden sich im äußeren Reich, das nach wie vor unter der Führung der wahren Atnife steht, Gegenkräfte sammeln, um wieder ein Reich des Friedens herzustellen. Und dann kamen fantastische Botschaften hinzu, verbürgte Botschaften. Im äußeren Reich würden fremde Raumschiffe auftauchen und Atnife hätte wundertätige Kinder um sich, um ohne Krieg und Blutvergießen Apophis zu verjagen. Teilweise beriefen sich die Gerüchte auf über Radiofunk ausgestrahlten Informationen vom Asteroidengürtel. Es kamen noch weitere Gerüchte und Erzählungen, die Apophis als einen Wurm der Hölle schilderten und Atnife als das lichtvolle Gegenstück. Diese letzteren Beiträge schienen vornehmlich von Androiden zu stammen, welche die Legenden der Großregentin von ihrer Reise durch den Duat, der Unterwelt der alten Ägypter, aufleben ließen und nun im Volk verbreiteten.

 

Apophis schäumte vor Wut über das anwachsende Ansehen Atnifes. Seiner Mentalität gemäß gab es nur eine Reaktion: Einschüchterung durch eine Aufblähung des militärischen Apparates. Sollten seine Schiffe auch langsam sein, aber sie würden als eine nicht überschaubar große Armada durch den Asteroidengürtel gleiten und die Siedler dort vor sich her jagen und alle, die nicht schnell genug waren vernichten. Aber noch war es nicht so weit, die Armada musste noch gebaut werden und Apophis ließ Schiffwerften ohne Zahl bauen und ließ die Arbeitsroboter Tag und Nacht arbeiten.

Wenn er zum Schlag ansetzen werde, sollte es eine derart große Übermacht sein, dass die Furcht vor seiner Macht das gesamte solare Reich lähmen würde.

 

Epsilon Eridani

 

 

Die Rundreisen durch das Reich waren für die drei jungen Eridani-Intelligenzen in vielem überwältigend interessant und einprägsam. Durch ihre ausgeprägten telepathischen Fähigkeiten nahmen sie die Berichte der Flüchtenden emotionell intensiv wahr. Sie sahen auch die Bilder, welche die Flüchtlinge aus ihren  Erinnerungen während der Erzählungen abriefen. Durch die Flüchtlinge wurde allen, Atnife, Holger und den drei adoptierten Schiffsintelligenzen das Problem um Apophis, das sie aus strategischer Warte kannten, auch emotionell nahe gebracht. Sie erkannten durch die Gespräche die schmerzvollen und zerstörenden Auswirkungen, die Apophis auf das seelische Befinden der Menschen hatte.

 

Während einer Erholungspause der Besuchstour saßen Atnife und Holger und die drei menschlichen Phantomgestalten der Eridani-Schiffe in einem Zimmer beisammen und tauschten ihre Meinungen aus.

Atnife: "Um Apophis braut sich eine ernsthafte Gefahr für uns zusammen. Der Asteroidengürtel ist durchaus in Reichweite seiner unüberschaubar vielen Kriegsschiffe. Mögen sie auch langsam sein, weil seine wenig verbliebenen Astronauten nicht einmal für einen Bruchteil von Schiffen ausreichen und auch hier nur für kleine Schiffe, dennoch, der Asteroidengürtel ist durchaus in deren Reichweite. Mit dem Asteroidengürtel könnte Apophis die wichtigste industrielle Grundlage des solaren Reiches erobern. Denn alles weiter außerhalb besteht in erster Linie aus Methaneis und Wassereis und was die Industrien benötigen sind Minerale.

Die bisherige Strategie der Ausdehnung des Reiches, wodurch die Siedlerkolonien für seine Schiffe nicht mehr erreichbar sind, schützt zwar die Siedler, aber wir verlieren strategisch an kontrollierten Gebieten. Sollte den Technikern Apophis eines Tages ein schnelles und kräftiges Antriebswerk gelingen, was man nicht ausschließen kann, dann wäre das gesamte Reich verloren. Außer kräftig aufzurüsten weiß ich keine Möglichkeit. Eine Aufrüstung empfehlen auch die Generäle und sie hat auch schon begonnen. Unsere Industrien und Schiffswerften sind jedoch nicht derart umfangreich und mächtig wie jene aus den Altkolonien. Mond und Mars waren schon vor tausend Jahren kräftig industriell ausgebaut und wurden in den folgenden Zeiten nur noch umfangreicher. Mond und Mars sind beinahe ein geschlossener Industriebereich, da kann nichts mithalten. Das Ergebnis sieht man auch an Apophis riesiger Flotte. Guter Rat ist teuer, denn wie es aussieht, sind wir langfristig auf der Verliererseite."

 

Es war eine Pause, alle dachten nach und niemand fand bessere Möglichkeiten als die schon bekannten.

Hin und wieder wurden ein paar Worte gewechselt, aber allen erschien die Zukunft eher düster. Unversehens hellte sich das Gesicht von Holger auf.

"Ich habe eine Idee", rief er. Man sah ihm die Begeisterung an. "Die Durchführung hat zwar einige unbekannte Faktoren für mich, aber sie ist so ausgefallen, dass sie mich schon aus diesem Grund begeistert."

Holger wendete sich an die drei Eridani-Kopien von Atnife. "Wir sind doch jetzt schon eine geraume Zeit durch den Asteroidengürtel gekreuzt. Sicher sind die Asteroiden noch immer weit genug voneinander entfernt, dass man zwischen ihnen navigieren kann. Aber da müsste man eine sehr kurvige Bahn hinlegen. Ihr seid jedoch, soweit ich mitbekommen habe schnurstracks geflogen. Das ist der eine Punkt, den ich mitbekommen habe und das Zweite, was ich weiß ist, dass Euer Navigationssystem auf einer sich fortpflanzenden Welle der Raumverwerfung basiert. Und beides scheint mir zusammen zu hängen. Ich bin jedoch trotz aller Lernsysteme was das Verständnis eines vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums betrifft ein Analphabet."

 

Alle horchten auf. So viel verstanden auch Atnife vom Antrieb der Eridanischiffe, um die Idee diskussionswürdig zu finden.

Prima fand die Idee ebenfalls interessant. "Wenn wir im Modell das vierdimensionale Raum-Zeitgefüge uns als Kugel denken und den Raum als die Kugeloberfläche, so erzeugen die Eridanischiffe darauf eine Welle. Eine Welle hat zwei Seiten, eine Bugseite und eine Heckseite. Die Schiffe werden vom Sog der Heckseite der Welle getragen. Asteroiden oder andere Hindernisse auf dem Weg werden auf der Bugseite der Welle vor dem Schiff mittransportiert. Wenn ein Eridanischiff auf seiner Fahrt diese Form von Antrieb im Asteroidengürtel verwenden würde, so würde es jedes Mal, wenn es seine Fahrt stoppt eine Menge Asteroiden vor sich schweben haben, die noch dazu eine andere Flugbahn als die restlichen Asteroiden hätten, was zu Kollisionen führen würde. In solchen Gebieten verwenden wir deshalb einen anderen Antrieb und fahren tatsächlich im Slalom, auch wenn Du es Holger nicht bemerkt hast.

Dennoch Holger, ich bin von Deiner Idee begeistert! Man könnte etliche Schiffe der Flotte auf diese Weise forttreiben. Indem wir kreuz und Quer durch den Pulk fliegen, könnten wir seine gesamte Formation zerstören und die Schiffe in ein weites Gebiet zerstreuen."

Atnife: "Es wäre eine solche Aktion für Apophis irritierend, die Folge wäre jedoch, dass er die Schiffe radial in Richtung Asteroidengürtel ausschwärmen lässt. Das muss er ja ohnedies über kurz oder lang anordnen, wenn er den Asteroidengürtel angreifen will."

Holger war enttäuscht.

Doch Prima gab nicht so schnell auf: "Wenn wir viele Schiffe hätten, dann könnten wir den ganzen Pulk forttragen, weit in den Weltraum hinaus, wo sie mit ihren langsamen Triebwerken verloren wären."

Atnife und Holger schauten Prima fragend an, während die Geschwister von Prima eifrig zustimmten.

Prima: "Wir müssten nach Epsilon-Eridani fliegen und die Ahnenschiffe fragen, ob sie uns helfen."

Atnife: "Und Du meinst, sie wären ohneweiters damit einverstanden sich in einen Krieg verwickeln zu lassen. Ich habe die Eridanischiffe immer für eine friedliche Rasse gehalten."

Prima: "Wir können sie auf jeden Fall besuchen und dann kann man ja weiter sehen. Momentan sind für das Reich die Generäle wichtig und Du weniger. Wir würden das schön finden, wenn wir dort hin fliegen und Ihr zwei als unsere Eltern mit dabei seid. Das System Epsilon-Eridani ist ja nicht so weit, für unsere Verhältnisse ist es sogar in der Nachbarschaft. In zwei Tagen sind wir dort. Ein Besuch würde Dir nicht mehr als fünf bis sechs Tage kosten und das könntest Du Dir in Hinblick auf die Verwaltung des Reiches durchaus leisten. So akut ist ja die Bedrohung durch Apophis einstweilen nicht. Er hat zwar eine riesige Flotte aufgebaut, aber selbst wenn er sie augenblicklich auf einen Angriff los schicken würde, so würden Monate vergehen bis diese langsamen Schiffe den Asteroidengürtel erreicht haben. Willst Du mit uns dort hin reisen Mutter?"

"Gerne", sagte Atnife, "ich bin nicht minder neugierig auf Eure Herkunft als ihr selbst. Ich hoffe, dass mich die Eridani-Intelligenzen in Eurer Begleitung als Gast nicht ablehnen werden.

Schon von Anfang an hat uns das Hilfssystem vom Wrak mitgeteilt, dass Ihr aus dem Epsilon-Eridani System stammt. Dennoch habe ich mir fahrlässiger Weise niemals Informationen darüber besorgt, außer der Frage, ob es dort einen der Erde ähnlichen Planeten gibt, auf dem sich Eure Zivilisation entwickelt hätte. Das wurde jedoch verneint und das Hilfssystem vom Wrack teilte uns mit, dass die Gruppe Eurer Ahnenschiffe von viel weiter her kommt. Deshalb habe ich mich nicht mehr weiter um Details des Epsilon-Eridani-Systems informiert. Könnt Ihr mir einiges über dieses Sonnensystem sagen oder soll ich Astronomen zu Rate ziehen?"

"Wir wissen alles über dieses System", meinte Sekunda, "wahrscheinlich wissen wir darüber mehr als die Astronomen. Wir sind auch über etliche andere Systeme informiert, in welchen der Schwarm der Ahnenschiffe auf seinen Wanderungen vorher gastiert hatte."

"Nun, dann los, erzählt mal", munterte sie Atnife auf. "Aber bitte nur das Wichtigste und keine Details und nicht zu viele Zahlen mit Entfernungsangaben."

Tertia begann: "Das System von Epsilon Eridani ist zirka 10,5 Lichtjahre von hier entfernt. Also für unsereins sehr nahe. Die orangefarbene Sonne von diesem System hat 0,85 der Masse der hiesigen Sonne und ist noch sehr jung. Sie ist erst um die 800 Millionen Jahre alt. Das System hat einige Gasplaneten und einen inneren, der Sonne nahen Planeten mit einem hohen Metall-Gesteinsanteil und flüssigem Wasser auf der Oberfläche. Dort hat sich sehr primitives Leben entwickelt. Mit dem jungen Alter des Planeten hatte es nicht die Zeit sich höher zu entfalten.

Das System hat zwei Asteroidengürtel. Der innere Asteroidengürtel ist für die Rohstoffversorgung der Ahnenschiffe besonders interessant, weshalb sie sich dort angesiedelt haben. Die Kleinkörper des inneren Asteroidengürtels haben mehr Gesteins und Metallgehalt als jene des äußeren Asteroidengürtels, die vornehmlich aus Wasser- und Methaneis bestehen.

Genau von der Art des inneren Asteroidengürtels sind die bevorzugten Wohnorte der Ahnenschiffe, egal in welchem System sie sich befinden mögen. In solchen Bereichen frei schwebender Kleinkörper finden sie alles, was sie zum Leben benötigen: Metalle und Minerale für den Schiffbau und Methaneis und Wassereis für den Aufbau und die Ernährung ihrer organischen Körper. Um einen Vergleich zu ziehen, der im Verhalten, jedoch nicht in Hinblick auf die Intelligenz zutrifft, so sind die Eridanischiffe wie eine Herde weidender Tiere, mit Asteroiden statt Steppen als Wohnort, aber sonst ähnlich im Zusammenhalt. Selbst im Gruppenverhalten sind sie ähnlich, denn sie besitzen ein Leitschiff, dem die anderen Schiffe folgen. Das Leitschiff ist meist das älteste und an Erfahrung reichste Schiff. Niemand weiß wie viele solcher Gruppen oder Herden von Ahnenschiffen in der Galaxis sich befinden, von einem System zum nächsten weiter ziehend. Niemand, nicht einmal die Ahnenschiffe wissen es, ob sie aus dieser oder einer fremden Galaxis stammen, denn ihre Art ist schon so alt, dass sich im Laufe einer langen Kette von Generationen das Wissen um ihren Ursprung verloren hat."

"Danke", sagte Atnife, mehr erzählt mir nicht, sonst gibt es keine Überraschung mehr und verliert sich die Spannung. Ich möchte nur noch wissen, wie sie voraussichtlich auf unsere Ankunft und auf uns Menschen im Speziellen reagieren würden."

Prima: "Ich würde vermuten, dass sie neugierig aufgeschlossen reagieren würden, ohne Angst, Aggression oder dergleichen."

"Fein", Atnife freute sich über diese Nachricht. "Dann wollen wir mal auf die Reise gehen und den neuen Bekanntschaften mit Spannung entgegen sehen."

Holger schloss sich Atnife an: "und ich freue mich auch. Ich hoffe doch, dass Ihr mich auch mit nehmt", stimmte Holger bei.

Holger bekam von allen dreien einen imaginären Kuss als Antwort.

 

Es gab kaum Vorbereitungen. Nur einige organisatorische Hinweise für die solare Reichs-Verwaltung. Einen Tag später ging die Fahrt los.

Nach zwei Tagen Fahrt waren sie im System Epsilon Eridani angekommen. Dort peilten sie sofort den ersten Asteroidengürtel an.

Zunächst waren sie nur von Leere umgeben und einigen Gesteinsbrocken, die in einiger Entfernung herum schwebten. Prima, Sekunda und Tertia sandten einen telepathischen Ruf aus. Bald darauf erhielten sie Antworten, denen Erstaunen zu entnehmen war. Bald darauf waren sie von einem ganzen Schwarm von Schiffen umgeben. Es wurden immer mehr Schiffe. Letztlich schienen es alle Schiffe des Systems zu sein, die in der Nähe der drei Ankömmlinge schwebten. Neugierig tauschten sie die ersten Informationen aus. Es war das Leitschiff, welches die drei Neuankömmlinge kontaktierte und alle Informationen an alle übrigen Schiffe gleichzeitig weiter gab. Für alle, auch für die Neuankömmlinge war es klar, für Holger weniger: die Schiffsintelligenzen konnten mit vielen gleichzeitig kommunizieren. Ihre Gehirne waren in der Kommunikation nicht so linear orientiert als ein menschliches Gehirn. Sie konnten sich überhaupt mit vielen Dingen gleichzeitig befassen. Das muss man nicht bloß als höhere Leistung betrachten, sondern ist für die Steuerung eines Schiffes mit seinen vielen Funktionen und der gleichzeitigen Koordination mit anderen Schiffen lebensnotwendig.

 

Die Überraschung in der Großgruppe der Schiffe stieg als sie die drei Schiffe als Nachkommen aus ihrer Gruppe erkannten, und dass diese von einer fremden Spezies großgezogen wurden.

 

Atnife und Holger konnten an dem telepathischen Kontakt zunächst nicht teilhaben. Deshalb begnügten sie sich mit dem, was sie auf dem Sichtfeld sahen. Die vielen Schiffe, welche in der Nähe schwebten waren beeindruckend. Sie waren alle gleich gebaut und hatten die gleiche Bauart wie das Schiffswrack, das sie vor etwas mehr als einem Jahr entdeckt hatten.

Bald spürten Atnife und Holger die ersten Kontaktversuche des Leitschiffes. Diese waren weniger auf Informationen aus. Offenbar hatten es diese schon von Prima und ihren zwei Geschwistern erhalten. Das Leitschiff tasteten die zwei Menschen ab, um deren Persönlichkeit und Wesensart zu erspüren. Beide schirmten sich nicht ab, sondern ließen es zu. Es war wie eine Untersuchung durch Röntgenstrahlen bis ins kleinste Detail, jedoch auf das seelische Befinden umgemünzt, das Ergründen von allem was die Persönlichkeit und den Charakter anbelangte.

 

Mehr und mehr sammelte das Leitschiff und damit alle anderen Eridanischiffe Informationen und sie alle zusammen staunten immer wieder, als sie das fremdartige Wissen und die andersartige Denkweise an Schiffen ihrer eigenen Art feststellten. Ihre drei Besucher waren in Wissen und in der inneren Ausrichtung von einer unbekannten Zivilisation und Kultur geprägt, mit neuartigen Erfahrungen. Mit dem verglichen was die drei Ankömmlinge zu berichten wussten, war das Dasein der Eridani Schiffe eintönig und arm an Abwechslung. Die bislang als selbstverständlich erachtete Monotonie des Daseins wurde den Eridani Intelligenzen mit jeder neuen Information zunehmend bewusst.

 

Die fremden Schiffintelligenzen waren friedliche und gutmütige Wesen. Offenbar weil sie keine Feinde hatten, in sich autark waren und in nichts Not litten. Energie stellte ihnen das Universum unbeschränkt zur Verfügung und Materie in Form von Planeten und Asteroiden ebenfalls. Allerdings waren sie auch auf seltene chemische Elemente angewiesen und diese zu finden und aus Gestein und Mineralien herauszufiltern war eine mühselige Arbeit, für die sie ein kleines Heer von Hilfsrobotern eingesetzt hatten. Doch abgesehen davon hatten sie alles, was sie zum Leben benötigten. Es war eine Unabhängigkeit in der Lebensbedingung, die sie von dem üblichen biologischen Schema des Ausbeutens und dem Kämpfen ums Überleben befreite.

 

Die Eridani Schiffe hatten sich einen allgemeinen Überblick verschafft und gingen in ihren Erkundigungen in spezielle Details. Sie erkundigten sich bei den drei Ankömmlingen wie es um deren Ernährung bestellt war. Da hörten sie zu ihrem Erstaunen, dass sich die drei Ankömmlinge sich seit Beginn um nichts dergleichen kümmern mussten und alles erhielten was sie benötigten. Und dann erfuhren die Eridani Schiffe zu ihrer größten Überraschung, dass die seltenen Elemente von den Menschen erzeugt wurden und  später auch die drei Ankömmlinge aus ihrer Rasse  durch Materietransformation jedes erwünschte chemische Element selbst herstellen konnten. Damit erfuhren sie über die paranormalen Fähigkeiten der drei Ankömmlinge aus dem solaren Sonnensystem. Immer wieder wendeten sich das Leitschiff hierbei um Details an Atnife und Holger. Dank der Gruppenhierarchie mit dem Leitschiff als kontaktierende Intelligenz und der engen Gruppenzusammengehörigkeit, wurde den beiden Menschen ein Chaos erspart. Wären sie unter Menschen gewesen, wären sie von lauter gesonderten Individualisten bestürmt wurden und einem Chaos von Fragen ausgesetzt gewesen, wobei jeder versucht hätte den anderen zu überschreien.

 

Als sich das große Erstaunen unter den Eridani-Schiffen gelegt hatte baten sie die drei Schiffe ihnen die Materietransformation zu demonstrieren.

 

Prima gab die visuellen Signale, die sie von einem ihrer Roboter in ihren Schiffskörpern hatte an das Leitschiff weiter. Dieses sah, wie der Roboter ein Stück Eisen nahm und es auf den Lynx-Generator legte. Der Generator hellte sich in grünem Licht auf und dann war das Stück Eisen verschwunden. Eine Sekunde später tauchte ein ähnliches Stück wieder auf dem Generator auf. Prima berichtete, dass der Generator das Eisenstück in eine feinstoffliche Schwingungsform versetzt hätte und dieses dann mittels der paranormalen Fähigkeiten von Prima in der Struktur zu Germanium umgewandelt wurde.

"Ich transportiere nun dieses Stück Germanium in Dein Schiffsinnere, wenn Dir das recht ist", wendete sich Prima an das Leitschiff.

Dieses stimmte erstaunt über eine solche Möglichkeit zu und im nächsten Augenblick war das Stück Germanium in seinem Schiffsinneren von wo es sofort von Robotern aufgenommen und untersucht wurde.

Es dauerte einige Minuten, bis das Stück Germanium in allen seinen physikalischen Eigenschaften von Fein-Struktur bis Reinheit analysiert worden war, aber schon alleine die Tatsache, dass ein Objekt über alle Schiffswände hindurch, ohne dass eine äußere Objektbewegung festgestellt wurde, in das Schiffsinnere vom Leitschiff transportiert werden konnte, war eine neuerliche Sensation. Teleportation war den Eridani-Schiffen unbekannt.

 

Die Experimente wurden in verschiedenen Variationen einmal von dem einen dann von dem anderen der drei Besucherschiffe wiederholt. Proben wurden von dem Leitschiff selbst zur Verfügung gestellt, mittels Teleportation abgeholt und verändert wieder zurück gebracht. Es folgten weitere Versuche anderer Art. Das ganze Spektrum seltener Erden wurde durchgearbeitet. Immer wieder war dazwischen ein intensiver Informationsaustausch zwischen dem Leitschiff und den Gästen und den anderen Eridani-Schiffen. Die Teleportation wurde immer wieder neu bestaunt und erst recht das Herbeizaubern der seltenen Elemente. Sie selbst mussten Tonnen von Gestein bearbeiten, nur um wenige Milligramm dieser Substanzen zu gewinnen und diese drei Schiffe konnten in Sekunden Kilos hiervon erzeugen. Mit solchen Fähigkeiten würde ihr Dasein mit wesentlich weniger Außenarbeit verbunden sein. Es würde ihnen eine unglaubliche Unabhängigkeit von Ressourcen verschaffen.

 

Nach einer Weile des Staunens und oftmaliger Kontakte zu Atnife und Holger hatten die fremden Intelligenzen Vertrauen gefasst. Sie fragten Atnife, ob sie als Mutter der drei Schiffe, was eine große Ehrerbietung gegenüber Atnife war, das Wissen um die Geschichte und Biologie ihres Sonnensystems weiter geben dürften. Atnife erlaubte dies ohne Bedenken.

Zunächst herrschte Stille für die zwei Menschen. Die Schiffe waren mit einem intensiven Informationsaustausch befasst.

Dann meldeten sich die Eridani-Schiffe wieder. Sie wollten von Atnife Details über den Erwerb von paranormalen Fähigkeiten erfahren. So erfuhren sie, dass für paranormale Fähigkeiten gewisse Körperstrukturen förderlich wären, speziell auch Strukturen des Denksystems. Dass solche Fähigkeiten zudem übermittelt werden müssen, durch Erklärungen und durch Übertragungen. Sie erfuhren auch, dass es dazu eines Trainings unter Anleitung bedarf. Der Erwerb dieser Fähigkeiten war wohl komplizierter, als es zuerst den Anschein hatte.

Die Konsultationen weiteten sich in Gesprächen, in denen verschiedene Möglichkeiten ventiliert wurden, wie die Eridanischiffe zu den für sie so attraktiven Fähigkeiten gelangen konnten. Immer mehr näherten sich die Ansichten dahingehend, die zwei Zivilisationen zu verschmelzen.

Sie kamen zu folgendem überein:

Die alten Eridani-Schiffe werden in Zukunft mit allem versorgt wessen sie bedürfen. Sie sollten ihre Gruppe durch neue Nachkommen wesentlich vergrößern mit unterschiedlichen Formen und Aufgaben. Die Krönung sollten Kleinwelten sein in Symbiose mit Menschen, Androiden und der Natur. Die oberste lenkende Instanz eines jeden Schiffes oder Kleinwelt wäre die entsprechende Eridani-Intelligenz. Der Zusammenhalt des Reiches wäre Aufgabe von Atnife unter Beratung und Mitsprache der Eridani-Schiffe. Zuvor aber müsse die Bedrohung des Reiches beseitigt werden. Auch diese schilderte Atnife den Eridani-Schiffen inklusive einer möglichen Entwaffnung von Apophis mittels des Planes von Holger und Prima.

 

Die Gruppe der Schiffe begann zu beraten und die drei Eridani-Geschwister durften teilhaben und wurden zu Details immer wieder befragt. Die Bedrohung durch Apophis wurde von den Eridanischiffen nur wenig Bedeutung beigemessen, dagegen waren andere Argumente gewichtiger: Die Entfremdung von alten Traditionen durch das  Verschmelzen mit einer anderen Zivilisation. Eine zweite gewichtige Frage war, ob sich eine Symbiose zwischen Menschen, Androiden und Eridanischiffen durchführen lasse.

Die Gruppe war mit einer bislang nie ins Auge gefassten Differenzierung erst nach längeren Überlegungen und Beratungen einverstanden. Teilweise waren die Eridanischiffe wie Kinder. Keines wollte für sich oder seine Nachkommen kleinere Schiffstypen akzeptieren. Alle wollten sie Großschiffe sein, entweder mit großen Industrieanlagen oder als biologisch orientierte Kleinwelten. Beinahe wäre die Übereinkunft daran gescheitert.

Es war Atnifes Idee, als sie vorschlug, dass alle Eridanischiffe Großschiffe sein sollten. Sie sollten jedoch so konstruiert sein, dass sie viele kleinere Schiffe, inklusive Zulieferschiffe ins Schlepptau nehmen könnten. Diese kleinen Schiffe wären von rein technischer Bauart und mit langsamen Schiffsantrieb. Für einen nahen Gütertransport und andere Nahaufgaben sollten nach wie vor Kleinschiffe mit Astronauten dienen.

Die zweite Frage, ob eine Symbiose möglich wäre wurde insofern durch einen Vorschlag Atnifes zufriedenstellend gelöst, indem sie vorschlug es einfach ohne Verpflichtung und ohne vorläufige Weitergabe technischen Wissens auszuprobieren.

 

Damit waren die wichtigsten Fragen für das Kollektiv der Schiffe gelöst.

Bald darauf machten sich die Schiffe auf den Weg zum solaren Sonnensystem.

 

Der Untergang von Apophis

 

Die Eridani-Schiffe umfassten ungefähr 500 Gruppenmitglieder.

Sie alle übersiedelten zum solaren Kuipergürtel und verblieben dort zunächst in der Gruppe. Es sollten Siedlergruppen gefunden werden, mit denen die Eridanischiffe ein Zusammenleben erproben wollten.

Atnife verband sich mit ihrem Regierungssitz - es war nach wie vor das Kriegsschiff im Kuipergürtel - und ließ die Anfrage an Siedlergruppen mit Großschiffen richten, ob sie mit Eridani-Schiffen kooperieren und eine neue Zivilisation aufbauen wollten. Es meldeten sich viele und die Eridani Schiffe suchten sich jeweils eine Gruppe aus. Bei einer ersten Besprechung erklärten Eridanischiffe, dass sie die aus dem Asteroidengürtel auswandernden Kleinwelten und Industriekomplexe, durch loses Andocken zum Kuipergürtel befördern könnten. Diese Systeme waren zwar in keiner Notlage aber für die lange Fahrt aus Mangel an zugänglichen Bodenschätzen sozusagen in Winterschlaf. Das war auch für die Bewohner, ob Mensch oder Androide mit Einschränkungen verbunden. Man versprach sich durch die Hilfe eine erleichterte Kooperation mit Eridanischiffen.

 

Den betreffenden Siedlergruppen wurde mitgeteilt, dass es sich hierbei um ein langfristiges Konzept handle. Zunächst sollten sie die Eridani-Schiffe als Gäste aufnehmen. Ein technischer Austausch sei zur Zeit der Bedrohung nicht möglich, weil bei erfolgreicher Spionage sich für Apophis ungeahnte Machtmöglichkeiten ergeben könnten.

 

Die Eridanischiffe schwebten in der Nähe ihrer jeweiligen solaren Gruppe und machten sich mit allem allmählich vertraut. Sie besorgten den Kleinwelten und Industrie-Großanlagen auf ihrer langen Fahrt Asteroiden, indem sie diese aus größerer Entfernung herbei schafften. Dadurch konnte in diesen größeren Einheiten das Leben wieder normal aufgenommen werden. Die Eridanischiffe waren somit in die Alltagssorgen der Siedler miteingebunden, wodurch sie sich in die menschlichen Lebensarten und Denkschemata einzuleben vermochten. Androiden stellten sich ihnen zur Verfügung, um als Informationsvermittler zu dienen. Die Informationen wurden zudem von eigenen Informationsrobotern der Eridanischiffe ergänzt. Solcherart waren die Eridanischiffe in der Lage die vielfältigen Arten des Lebens aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zu studieren. Vieles oder alles war für sie neuartig, kannten sie doch bislang nur ihre eigene Art mit gleichartigen, standardisierten Schiffen.

 

Apophis hatte in den vergangenen zwei Jahren nicht geschlafen. Er hatte zwei Flotten von jeweils hunderttausend  Kriegsschiffen bauen lassen. Die Schiffe bildeten zwei große Pulks, einen in der Nähe vom Mond und einen in der Nähe vom Mars. Dann zuletzt, als er mitbekommen hatte, dass hunderte Schiffe einer fremden Zivilisation mit Siedlern und Einheiten des solaren Reiches kooperieren würden, begann er die Situation als sehr gefährlich einzustufen. Er beschleunigte den Ausbau der fertigen Schiffe mit der Bewaffnung und ließ sogar notdürftig ausgebaute Schiffe bewaffnen, um möglichst bald den Angriff starten zu können. Er wollte einer Neustrukturierung des Reiches von Atnife zuvor kommen und sich möglichst schnell den Asteroidengürtel einverleiben. Seine vielen Schiffe, mit höchster Kriegstechnologie ausgerüstet, sollten den Asteroidengürtel durchkämmen, alle dortigen Siedlerschiffe inklusive der Eridani-Schiffe zerstören und das gesamte Gebiet seinem Imperium einverleiben. Als nächstes sollten die äußeren Planeten folgen und dann Segment für Segment der Kuipergürtel. Die Eridani-Schiffe sollten nach Möglichkeit nicht atomar zerstört werden, so dass man die Wracks untersuchen könne, um sich die Antriebstechnologie anzueignen.

 

Nach Ansicht von Apophis war seine Armada von Kriegsschiffen unüberwindlich. Mit derart vielen hoch bewaffneten Kriegsschiffen waren sie eine Macht, mit der sich nichts mehr messen konnte, auch nicht die wenigen fremden Schiffe. Noch dazu wo diese nicht bewaffnet wären und scheinbar auch über keine Waffentechnologie verfügten, wie er herausgefunden hatte.

 

Die Eile mit der Apophis nun rüstete und der bald zu erwartende Angriff wurde Atnife von Sympathisanten mitgeteilt. Es konnte sich nur noch um Tage handeln dass Apophis seine Schiffe in Bewegung setzen und ausschwärmen lassen würde. Es musste eilig gehandelt werden.

 

Atnife begann sich mit ihrem Kriegsstab und den Eridani Schiffen zu beraten. Nach wie vor diente das Eridanischiff Prima als Koordinator und Sprecher. Trotz der großen Entfernungen standen nach wie vor alle Eridani-Schiffe in telepathischer Verbindung. Letztlich wurde beschlossen, dass alle Eridanischiffe zusammen eine große Welle bilden sollten, um zuerst den einen Pulk der Armada und dann den zweiten Pulk tief in den galaktischen Raum fortzutragen. 

 

Und so geschah es. Die Eridanischiffe, auf einer Raumverwerfung reitend, waren für Beobachter im Prinzip unsichtbar. Hätte sie jemand geortet, dann wären sie auf Grund der verbogenen Lichtstrahlen als kleine Objekte irgendwo im Weltraum sichtbar gewesen. Die Schiffe kamen und fegten die zwei Pulks mit sich.

Die Kommunikationszentralen und einige wenige außerhalb liegende Schiffe konnten Apophis nur melden, dass sich die eine der Großflotten plötzlich im Nichts aufgelöst hätte. Während man beriet und rätselte verschwand auch die zweite Großflotte.

 

Apophis konnte es nicht fassen und ließ sich mit einem Schiff kreuz und quer durch den Raum navigieren, in welchem vor kurzem noch seine Kriegsschiffe waren. Diese Handlung, welche einer Verzweiflung entsprang, war sein Verhängnis. Er wurde ausgemacht. Ein Eridanischiff peilte ihn an trug ihn hinaus in den unendlichen Weltraum und umgab ihn mit einer Raumblase. Apophis war somit für immer und ewig in einem Miniuniversum eingeschlossen und für dieses Universum nicht mehr existent.

 

Die Herrschaft von Apophis hatte lediglich etwas mehr als zwei Jahre gewährt. Sie hatte durch die Flucht der besten Spezialisten nicht nur einen schlechten Start, sondern sie war auch schlecht geführt. Die Unterdrückung der Untertanen, tötete jegliche Initiative und jegliches Bestreben nach Innovation. Genau genommen waren alle durch Angst und Demotivation gelähmt. Ohne Hoffnung und Glauben gab es auch kein Bemühen die Zukunft zu verbessern. Apophis hatte ein Reich mit stagnierender Wissenschaft und einer undynamischen Bevölkerung, die nur nach Vorschrift handelte und zu keiner Mehrleistung bereit war, geschaffen. Nachdem seine Flotte verschwunden war, und kurz darauf Aophis selbst, gab es keinen Widerstand, sondern nur ein Aufatmen als Atnife erneut die Führung dieses Reichsteiles übernahm.

 

Eine neue Zivilisation

 

Apophis war verschwunden, hoffentlich für immer und ewig. Niemand wusste genau, ob eine Gottheit die Zeit-Raumschranke überwinden kann oder nicht. Es gab noch keinen Präzedenzfall. Wie immer, sollte es Apophis einmal dennoch gelingen, so hätte er im solaren Reich keine Chance mehr. Nicht nur, dass alle ihn nun kannten und er niemand mehr täuschen könnte, auch die Systeme von Mond und Mars, die noch aus der Zeit des großen Beschützers, also aus der Zeit vor der Regentschaft von Atnife stammten, wurden umgebaut.

 

Im Solaren Reich begann eine Neustrukturierung. Es war vorgesehen, dass  alle größeren Raumschiffe von Eridani-Intelligenzen beseelt werden.

 

Die ursprünglichen Eridani-Schiffe begannen unter Anleitung der Fachleute für paranormale Technik ihre organische Struktur zu modifizieren, so dass auch sie paranormale Fähigkeiten entwickeln konnten.

Der zweite Schwerpunkt der Eridani-Schiffe war es Embryonen zu erzeugen. Embryonen wurden aus der organischen Masse der Schiffe heraus gebildet. Ein einzelnes Schiff konnte bis zu zirka 10 Embryonen gleichzeitig bilden und bedurfte hierzu zirka ein halbes Jahr.

 

Die Eridanischiffe hatten eine neue Form angenommen. Wieder sahen sie gleich aus, was von Vorteil für die Organisation und das Wachstum der Embryonen war. Vielleicht Atnife zuliebe oder weil die Form sehr passend war, nahmen die Eridanisschiffe das Aussehen von großen Libellen an. Im Kopfbereich war der Hauptkörper der Eridani-Intelligenz. Im Brustbereich war der Industriebereich angesiedelt. Der lange und aus vielen Segmenten bestehende Hinterleib war den Tieren und Pflanzen gewidmet. Ein jedes Segment umfasste eine bestimmte Klimazone. Die Flügel waren sehr schmal und unähnlich jener von Libellen. Sie dienten als Andockstellen für die vielen Kleinschiffe, die zu solch einer Kleinwelt gehörten.  Die Eridani-Intelligenz übernahm die Aufgaben der Organisation, der Planung und Verwaltung mit uneingeschränkten Vollmachten, jedoch ohne Egoismus und im besten Sinne für die Allgemeinheit.

 

Die alten Produktionsanlagen vom Mond wurden so weit sie brauchbar waren neu gebauten Eridani-Kleinwelten einverleibt. Was blieb waren Gänge und Hallen mit Resten einer alten Zivilisation. Irgend wann würden sie von einer neu entstandenen irdischen Zivilisation entdeckt werden.

Der Mars erhielt eine neue Aufgabe. Er wurde das Informationszentrum der unabhängigen Kleinwelten. Hierher wurde alles überbracht, was es an neuen Erfindungen, Entdeckungen und wissenschaftlichen Arbeiten gab. Hierher kamen die Botenschiffe aus weiten Teilen der Galaxis, um sich die neuesten Informationen und wissenschaftlichen Publikationen zu holen. Außerdem entstanden auf dem Mars viele technische Forschungszentren, in denen man sich das galaktische Wissen mit dem zentralen Informationszentrum zunutze machte. Über der Erde schwebten drei Eridanischiffe – die Schiffe von Prima, Sekunda und Tertia wurden zu Kleinwelten umgebaut und die drei organischen Intelligenzen setzten ihr Wachstum in die neu hinzugefügten Teile fort. Diese drei Kleinwelten schwebten um die Erde und enthielten den größten Teil der irdischen Flora und Fauna in ihren Schiffskörpern. Zusätzlich wurden alle irdische Arten in ihrem genetischen Code festgehalten und zudem in Form tief gefrorener Stammzellen und Samen aufbewahrt. Es war absehbar, dass sich die irdische Menschheit in den nächsten Jahrhunderten wieder stark vergrößern würde, was, wie man schon aus der früheren Zivilisation erfahren hatte, auf Kosten der Natur gehen würde.

 

 

Das Eridani-Raumschiff Prima, zweite Ausbaustufe

 

Das Sonnensystem wurde solcherart zum Zentrum einer solaren und eridanischen Mischzivilisation.

 

Die Erde war ein geschützter Planet wie alle Planeten, die Leben trugen. Hier durfte nicht gesiedelt werden. Deshalb wurde die zentrale Informationsstation auch auf dem Mars eingerichtet. Damit war auch sichergestellt, dass keine fremden Keime aus fernen Welten auf die Erde getragen wurden.

 

Als Leben innerhalb der Eridani-Kleinwelten breiteten sich Menschen, Androiden und das vielfältige Leben von irdischen Tieren und Pflanzen weit in den Weltraum aus. Bald waren es tausende und tausende Kleinwelten, welche durch die unendlichen Weiten des Weltalls zogen. Längst gab es kein solares Großreich mehr, was über diese große Ausdehnung auch nicht möglich gewesen wäre. Alle Kleinwelten waren eigenständig und friedliche Wesen. So wie man sich früher Mutter Erde als ein Lebewesen vorgestellt hatte und ihr den Namen Gaia gegeben hatte, so waren jetzt die Kleinwelten Lebewesen, die fürsorglich über das Leben in ihrem Körperinnerem wachten.

 

Die vier Schmiede

 

Die ersten zehn Jahre nach dem Sieg über Apophis und dem Aufbau einer neuen dezentralisierten Zivilisation, war Atnife noch stark mit staatlichen und organisatorischen Problemen befasst. Aber das System freier Kleinwelten spielte sich gut ein. Für Atnife verschob sich der Aufgabenbereich von einer solaren Großregentin hin zu einer Verwalterin eines galaktischen Zentrums unzähliger autonomer Kleinwelten. Das Zentrum hierfür war auf dem Mars. Die Hauptaufgabe des Zentrums war es ein Sammelpunkt alles alte und neu hinzukommende Wissen zu sein. Hierzu gehörte die zentrale Speicherung und Weitergabe technischer Neuentwicklungen aus dem gesamten imperialen Bereich. Weiters wurden hier Wissen und Daten gesammelt, die sich aus Untersuchungen, Klassifizierungen und Erkenntnissen von neu entdecktem extraterrestrischem Leben zahlreicher ferner Planeten ergaben. Eine weitere Aufgabe war es die Spracheinheit der Menschen zu erhalten. Eine bislang nie genutzte Funktion war die eines militärischen Kommandozentrums, falls es einmal zu einer Konfrontation mit einer aggressiven Zivilisation kommen sollte. Hierzu wurden die im leeren Sternenraum treibenden zwei Armadas von Apophis als Ressource verwendet. Die Schiffe wurden umgebaut und mit modernen intelligenten Systemen und neuer Speicherung ausgestattet.

 

Durch diese verschiedenen und durchaus wichtigen Aufgaben wurde das Zentrum für alle von großer Bedeutung. Es beflügelte die naturwissenschaftliche Entwicklung und es war ein unerschöpfliches Wissen, das sich hier ansammelte, eine galaktische Bibliothek, welche sogar das Wissen der Eridani-Zivilisation weit überschritt.

Atnife war hierfür die oberste Kontrollinstanz, die dafür sorgte, dass alles in richtiger Weise verlief. Allerdings viel war für Atnife in dem System eingespielter Beamter und künstlicher Intelligenzen nicht zu tun. Die künstliche Intelligenz "der Bibliothekar" etwa, ordnete und verwaltete alles besser als es tausende  Menschen hätten tun können.

 

Der schönste Ort für Atnife war der Planet Erde. Dort verbrachte sie ihre meiste Zeit, zusammen mit Holger und den menschlich verkörperten Aussendungen ihrer drei Eridani-Adoptiv-Kinder.

Sehr häufig besuchte Holger die Schmelzöfen mit dem obersten Schmied und dem Sortierer. Seine drei Eridani-Intelligenzen begleiteten ihn fast immer, wobei sie die Gestalt von männlichen Schmiedgesellen annahmen. Atnife war oft mit von der Partie. Sie alle hatten zu den zwei leitenden Schmieden und dem jungen Grafen, der in der benachbarten Stadt wohnte eine Freundschaft aufgebaut und sie trafen sich häufig zu abendlichen Gesprächen, wobei Holger und seine Familie nach wie vor ihre Identität geheim hielten.

Die Schmelzwerkstätten waren am Fuß der steilen Flanke eines Berges, in dessen Höhe eine kleine Stadt mit der Burg des Grafen war. Atnife war es gelungen hinter den hohen Mauern der Schmelzwerkstätten und Schmieden ein Stück Grund zu bekommen und darauf ein Haus zu bauen. Als Gegenleistung spendete sie einen Wehrturm für die Schmelzanlagen. Das war nötig, denn Metalle waren selten und ein wertvoller Schatz und so mancher Krieg wurde ihretwegen geführt.

 

Wieder einmal saßen sie bei einer Abendrunde beisammen. Atnife fehlte, dagegen war der Priester anwesend, ein sehr häufiger Gast, der an den Runden mit ihren meist tiefen philosophischen Gesprächen gerne teilnahm. Dieser Abend hatte eine besondere Attraktion. Ein Gelehrter, der sich als Spezialist für Glasschmelzen in der Stadt seit einigen Wochen angesiedelt hatte und zugleich Astronom war, war ebenfalls zugegen. Seitdem er innerhalb des Bereiches der Schmelzöfen zum Chef  einer Glasbläserei berufen war, hatte er noch nie in der Runde gefehlt. Diesmal war die Zusammenkunft in der Burg.

Ein Musiker spielte auf und brachte Stimmung in die Runde.

Astronom: "Glas ist eine besondere Errungenschaft. Schon lange hatte man aus glasartigen Schlacken der Schmelzöfen Glasteile mit einer Verdickung in der Mitte zum Bündeln des Sonnenlichtes und zum Feuer anzünden verwendet. Erst in letzter Zeit ist es gelungen relativ farbloses Glas zu erzeugen. Ich habe den Verlauf der Lichtstrahlen nachgezeichnet und mittels der Geometrie eine optimale Form des Glases zum Bündeln von Sonnenlicht heraus gefunden. Vor einer Woche hatte ich eine aufwühlende Entdeckung gemacht. Meine Entdeckung war folgende: Ich sah mir mit der Linse den Mond an und konnte ihn größer und genauer sehen. Das seitliche Streulicht war noch sehr störend, weshalb ich die Linse in eine schwarze Röhre einbaute. Ich habe das Instrument mit und heute haben wir Vollmond. Wir müssen unbedingt alle auf den Turm hinauf gehen und ich will Euch zeigen, wie fantastisch gut man den Mond sehen kann."

 

Alle liebten Sensationen und schon machte man sich auf den Weg.

Auf dem Turm blickten alle durch das Rohr und es gab ein entzücktes Ahh und Ohh zu hören. Alle waren begeistert und es dauerte lange bis jeder von ihnen genug geschaut hatte und sich alle wieder hinunter in den Saal begaben. Auch die drei Eridanischiffe waren zu sehen, die mit ihrem Kopfende an einen Kreis angedockt hatten und solcherart miteinander verbunden waren. Die Schiffskörper ragten gebogen radial vom Kreis in den Raum. Man konnte sie üblicherweise mit bloßem Auge sehen und sie hatten im Volksmund die Bezeichnung "himmlischer Diskus mit den drei Messern" erhalten. Es hatten sich viele Fabeln und Sagen um den himmlischen Diskus gebildet, denn er war vor erst wenigen Jahren plötzlich aufgetaucht und niemand konnte sich das erklären. Die Religionsgelehrten behaupteten, dass der himmlische Diskus dem Mond vom Himmelskönig als Beschützer gegeben wurde, um zu verhindern, dass der Mond vom schwarzen Hund aufgefressen werde. Gelegentlich geschah es nämlich, dass der Mond oder ein Teil von ihm auf Stunden von einem dunklen Etwas verschlugen wurde. Dieses dunkle Etwas nannte man "schwarzer Hund".

 

Der Astronom holte aus seinem Stoffsack, den er bei seinen Wegen üblicher Weise elegant um eine Schultern hing, eine Pergamentrolle hervor. "Ich habe den Himmlischen Diskus bis ins kleinste Detail gezeichnet. Ihr seid die ersten, denen ich es zeige."

Die Zeichnung wurde ob ihrer Detailgenauigkeit gelobt.

Da ein wenig Provokation gerne für Stimmung sorgte, holte Tertius seinen Dolch hervor. Die anderen zwei, mit Tertius telepathisch verbunden, holten ebenfalls ihre Dolche hervor und legten sie so auf den Tisch, dass sie zusammen den himmlischen Diskus ergaben. "Weil wir drei unzertrennliche Blutsbrüder sind, haben wir das Motiv des himmlischen Diskus als unser Zeichen erwählt. Und jetzt staunt, wie genau wir diesen Diskus nachgebildet haben. Da seht ihr, was scharfe Augen vermögen."

 

Sofort griffen mehrere Hände zu den Dolchen und nahmen sie unter Augenschein. Sie verglichen diese immer wieder mit der Zeichnung und staunten wie genau die Dolche dem Himmlischen Diskus nachgebildet waren. Der Astronom holte sofort seine Linse heraus, nahm sie aus dem Rohr und hielt sie darüber. Er staunte am meisten. Das Geheimnis wie man so fein die Metalle bearbeiten könne, gaben die drei Schmiedgesellen jedoch nicht preis.

 

Rechtshinweise

 

Fotos, Zeichnungen und Texte stammen von Alfred Ballabene, Wien. Erstausgabe 2014. Überarbeitet und ergänzt 2016

Urheber- und Publikationsrechte aller Grafiken, Fotos und Texte im Besitz von Alfred Ballabene und Alfreda Wegerer.

 

Bilder und Texte sind bei Nennung des Urhebers Alfred Ballabene freigegeben. Es gelten die GNU Richtlinien.

 

Hintergrundfoto vom Titelbild aus dem Fotobestand von A. Ballabene:

 

 

 

Miscanthus sinensis (li)   Cornus sanquinea (re)