Guru und Schülersohn

 

Biographische Rückschau eines Yogis

 

 

 

Guru Ananda

 

alfred.ballabene@gmx.at

gaurisyogaschule@gmx.de

 

 

2. veränderte Auflage, Wien 2012

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Einleitung

Kapitel  1    ...................   Begegnung mit Ananda

Kapitel  2    ...................   Der erste Yogaunterricht

Kapitel  3    ....................  Wunder und eine Welt der Mystik

Kapitel  4    ...................   Vom Meister beschützt

Kapitel  5    ....................  Vertiefter Yogaunterricht

Kapitel  6    ....................  Hinter den Kulissen

Kapitel  7    ....................  Als Schülersohn

Kapitel  8    ....................  Der Tod des Künstlers R.R. Ballabene

Kapitel  9    ....................  Ein neuer Anfang

Kapitel  10   ....................  Eine Yogagemeinschaft entsteht

Kapitel  11    .................... Marienverehrung

Kapitel  12    .................... Goldene Zeiten

Kapitel  13    .................... Das Speckschwartl

Kapitel  14    .................... Über Achtzig

Kapitel  15    .................... Anandas Tod

 

 

 

Einleitung

 

 

Vor einiger Zeit hatte ich einen Traum:

Hinter Ananda sah ich eine große Menschenmenge. Sie alle hatten von Ananda innere Schätze mitbekommen. Das war Anandas Lebenswerk. Es war eine feierliche Atmosphäre. Ich war über die Gunst des Schicksals tief bewegt, die mir erlaubt hatte in ihrer Nähe sein zu dürfen. Ich empfand dies als einmalige Fügung und große Ehre.

 

Dieser Traum gab mir den  Anlass dieses Buch zu schreiben. Ich mühte mich ab, indem ich biographische Daten zusammen suchte, von der Kindheit beginnend. Das Leben von Guru Ananda durchzugehen war hochinteressant. Ich habe diese Daten in einer weiteren Biographie gesammelt. In dieser Schrift habe ich mich jedoch dazu entschlossen den Yoga und die inneren Werte Anandas hervorheben. Anlass dazu war ein weiterer Traum:

Ich stöberte im Traum in alten Briefen und fand eine Notiz, etwas größer als eine Postkarte. Sie enthielt in gut leserlicher Schrift biographische Daten von Ananda. Ich betrachtete den Text, als sich die Art meines Schauens plötzlich veränderte. Die Folge war, dass ich eine tiefer liegende Schicht sehen konnte, die wie eine Geheimschrift unter der physisch sichtbaren Schrift lag . Ich fühlte, dass ich unverhofft eine bislang verborgene Botschaft vor mir hatte, eine Art Seelenbiographie, für die nicht Jahreszahlen, sondern Gefühlstiefen zählen. In dem Augenblick wusste ich: nicht die Beschreibung des äußeren Lebensrahmens ist Guru Ananda wichtig. Schon immer erschienen ihr nicht die Lebensereignisse, sondern das, was man daraus lernen konnte bedeutsam. Der Sinn des Lebens bestand ihrer Meinung nach nicht im Ablauf, sondern in der inneren Reifung. Ich sollte nicht ihr äußeres, vergängliches Leben weitergeben, sondern das, was ihr das Leben als Ernte einbrachte.

 

Bestätigt wurde mein Vorhaben eher die Lehrtätigkeit Anandas zu bringen als Personelles durch das Gefühl von ihr eine Botschaft zu erhalten, in der es hieß: „Wir sind ewig, sind wandernde Seelen, die nur kurz als Gäste auf Erden weilen. Wenn wir das außer Acht lassen, haben wir die Wurzeln und den Sinn des Lebens übersehen.“

 

 

 

Wir wandern durch Zeiten,

sehen, staunen, lernen.

Was einst wichtig uns erschien,

erweist sich bald als Spiel.

Heimgekehrt zum ew’gen Urgrund

blicken wir zurück

und lächeln.

 

 

1

 

Begegnung mit Ananda

 

 

Ananda hatte durch etliche Jahre eine kleine Yogafamilie von etwa fünf Yogaschülern. Sie liebte ihre Schüler heiß. Doch innerhalb einer kurzen Zeit, durch ungünstige schicksalshafte Ereignisse wanderten ihre Schüler aus oder verloren sich sonst wie. Ananda war verzweifelt. Von dieser Gruppe war noch ein Schüler verblieben namens Heribert, der einen neuen Kreis aufbaute. Da diese Yogainteressenten alle nicht seinen Vorstellungen entsprachen verabschiedete sie Heribert wieder aus dem Yoga. Im darauffolgenden Sommer stand Ananda wieder alleine ohne Schüler da, außer Heribert und einem kleinen Restkreis, der nicht den Vorstellungen Anandas entsprach. Die Situation war für Ananda freudlos. In dieser Situation erschien ihr Ramakrishna, der große indische Heilige, aus dessen Ashram Anandas Yogalehrer stammte. Erscheinungen von Ramakrishna waren für Ananda selten und sehr bedeutungsvoll. Sie erinnerte sich oft daran wie ihr Ramakrishna in Prag erschienen war, um ihr zeitig am Morgen für den anbrechenden Tag die Freilassung aus dem Gestapo Gefängnis anzukündigen. Ihre Mitgefangenen lachten sie damals aus: "Hier kommt niemand raus, es sei denn nach Auschwitz". "Die Arme, dachten sie, jetzt dreht sie durch." Jedoch Ananda kam frei, genau wie angesagt.

 

In dieser jetzigen Erscheinung kündigte Ramakrishna Guru Ananda einen Schüler an, der bei ihr bleiben würde. Wie üblich hatte Ananda einige Inserate in die Zeitung gegeben, mit einem Postfach als Absender. Diesmal war sie besonders aufmerksam und erwartungsvoll.

 

Auf das Inserat hatten sich drei Leute gemeldet. Ananda gab ihre Adresse an die Interessenten weiter. Darunter war einer, der sich schon vor einem Jahr beworben hatte, aber von ihrem Lehrschüler Heribert abgelehnt wurde. Heribert, der sich die Briefe ansah, war auch diesmal strikt dagegen, dass dieser Mensch eingeladen werden würde. Er war der Meinung, dass dieser Bewerber laut Lebenslauf zu viele Jahre im Ausland war und sicherlich zu wenig Sesshaftigkeit mitbrachte, um sich einer vieljährigen Yogaschulung zu unterziehen. Dieser Bewerber war ich.

 

Nachdem es an der Türe geklingelt hatte und der Bewerber vor Ananda stand, musterte sie ihn. Der junge Mann war groß, muskulös, hatte eine Stoppelglatze und war billig angezogen. So wie er aussah war er nicht vielversprechend. Unteres soziales Niveau, dachte sie sich. Das war keineswegs wünschenswert. Yogaschüler sollten zu einem gepflegten Umgang mit ihrem Mann, dem Künstler und anerkannten Maler, fähig sein. Dazu waren Menschen aus gehobenem Niveau am besten geeignet und das gleiche galt auch für den Yoga.

 

 

Nach einem Foto aus meinem ersten Yogajahr

 

Der Fremde musterte sie und blickte sich ungeniert in der Wohnung um. Das gefiel ihr erst recht nicht. Sollte sie ihn mit einigen wohlüberlegten Argumenten gleich hinaus empfehlen oder ihm noch eine Chance geben? Nun ja, er hatte sich die Zeit genommen, um quer durch die Stadt zu fahren, das könnte man ja positiv bewerten und außerdem war da noch die Erscheinung Ramakrishnas.

 

„Komm herein in den Ashram“, sagte sie zu ihm. Sie sprach im Yoga alle mit Du an, zum Zeichen, dass alle gleich waren und verwendete auch gern Sanskritworte, egal, ob die Interessenten das nun verstanden oder nicht. Zumindest demonstrierte sie damit den fremdländischen und geistigen Aspekt der Lehre, die von ihr repräsentiert wurde.

 

Der junge Mann folgte ihr unbeeindruckt in den Yogaraum, den er genauso aufmerksam musterte wie das Vorzimmer.

 

„Setz dich hierher. Form deine Hände zur Schale. Hier hast du ein Stück Brot. Iss es!“ Sie beobachtete ihn hierbei aufmerksam. Er aß das trockene Stück Brot ruhig und gelassen. Ananda war sich nicht klar. Hatte dieser Mensch nun mit religiöser Andacht gegessen oder war er einfach abgebrüht. Wie immer, es musste nolens volens als erfolgreiches Bestehen des ersten Testes akzeptiert werden. Es hatte schon Interessenten gegeben, welche das Brot abgelehnt hatten, weil keine Butter darauf gewesen war.

 

„Was hast du dir dabei gedacht?“

„Brot ist das Symbol für Nahrung“, sagte er.

„Eine sachliche Antwort, nichts von Religiosität“, dachte Ananda und sagte dies auch dezitiert. Sie ging ein bis zweimal im Monat zur heiligen Kommunion, deshalb sah sie diese Handlung aus einer anderen Perspektive.

Sie zog ihre Stirn in Falten und sagte in missfallendem Ton: „Das war gerade noch grenzwertig akzeptabel“.

Der junge Mann schwieg. Er zeigte keinen Versuch etwas zu korrigieren.

Ananda ging zum zweiten Testabschnitt über, der Untersuchung der Hände und dann zur Schriftprobe.

 

Dasselbe Geschehen aus meiner Perspektive:

Ein Brief von der Yogagemeinschaft! Endlich! Ich freute mich sehr darüber und öffnete den Brief. Es waren zwei kurze nüchterne Zeilen mit Tag, Uhrzeit und Adresse. Bei der Adresse stutzte ich: bis vor einem halben Jahr bin ich in eben diesem Haus täglich ein und aus gegangen, um dort als Funker zu arbeiten.

 

Ich ging die fünf Stockwerke die Stufen hinauf. Ich fuhr ungern mit den alten, klapprigen Aufzügen dieser Althäuser. Außerdem war Stufensteigen sportlicher. Oben stand ich vor einer sehr hohen, schwarzen Tür zu der einige Holztreppen hinauf führten. Ich läutete an und eine kleine pummelige Frau bat mich einzutreten. Ich stieg die zwei Holztreppen hinauf und stand in einem schwach beleuchteten Vorzimmer. Ich sah mich um. Außer einer Bank deren ausgebeulter Stoffüberzug die einzelnen darunter liegenden Stahlfedern erkennen ließ, gab es nur drei Türen und sonst nichts. Ein kahler Raum. Nicht einmal ein Spiegel war da zu sehen. Dann musterte ich die Frau. Ich tat es unauffällig, indem ich meine Pupille weitete wodurch ich die gesamte Gestalt zugleich sehen konnte, wenngleich weniger scharf.

 

Guru Ananda

 

Die Frau sah in keiner Weise bemerkenswert aus. Das konnte nicht der Guru sein, sondern war wahrscheinlich die Hausgehilfin, dachte ich mir. Also stellte ich mich auf das Warten ein, bis sie den Guru holen würde. Zufrieden nahm ich die Höflichkeit an, mich zum Warten in einen anderen Raum zu begeben. Ashram sagte sie dazu. Wird also so etwas wie ein Turnraum sein, dachte ich. Ich hatte recht, es war ein Turnzimmer, denn auf dem Boden lagen zusammen gefaltete Pferdedecken.

 

Die Frau tat sehr selbstbewusst und statt sich mit einem Kopfnicken zu entfernen, um den Guru zu holen, ließ sie mich auf den Fußboden setzen. Ich war überrascht, offenbar hatte ich mich getäuscht. Sie bat mich die Hände zu einer Schale zu formen und legte ein Stück Brot hinein, das ich essen sollte.

 

Ich tat, was sie wollte und aß das Stück Brot. Ich aß es langsam und genüsslich. Plastisch sah ich jene Zeit vor mir, erst wenige Jahre zurück gelegen, in der ich bisweilen glücklich gewesen wäre wenigstens einen Bissen Brot zu haben. Es war in meinem ersten Jahr in Deutschland. Damals hatte ich von Samstag mittags bis Montag morgens nichts zu essen. Ein Stück trockenes Brot konnte ich mir damals nicht leisten, dafür reichte das Geld nicht. Ich hatte auch keine Heizung in meinem Zimmer. Gerade im ersten Winter hatte es unter minus 30 Grad, und ich lebte in einem ungeheizten Dachbodenzimmer. Ich legte mich mit Pullover, einigen Unterhemden und zwei Hosen schlafen. Am Morgen konnte ich meine Decke wie ein Holzbrett abheben, denn sie war bis in Bauchhöhe von der Atemluft vereist und steifgefroren. Einmal bekam ich einige Äpfel geschenkt. Ein Luxus. Ich habe mich sehr über diesen Schatz gefreut. Wie groß war meine Enttäuschung, als ich die Äpfel am nächsten Morgen hart wie Steine gefroren vorfand. Sie waren auch nach dem Auftauen nicht mehr genießbar.

Ich war bis dahin ein Stadtmensch gewesen und auf die Kälte und das karge Leben nicht eingestellt. Doch ich war zäh und schaffte es, wenngleich mit Nierenschmerzen, einem chronischen Blasenkatarrh und einer Stirnhöhlenentzündung. Ich hatte in diesem ersten Jahr keine warme Kleidung und auch keine Möglichkeit welche zu kaufen. Meine Füße in den Gummistiefeln wickelte ich in Zeitungspapier, das half ein wenig.

 

Mit diesen Situationen vor meinem inneren Auge war ich glücklich, dass ich derzeit nicht mehr solchen Nöten ausgesetzt war. Ich war zufrieden mit dem Jetzt und aß jenes kostbare Gut, das ich seit damals schätzen gelernt hatte.

 

Mit dem letzten Bissen, den ich geschluckt hatte, kehrte ich wieder in die Gegenwart zurück. Ich blickte zu der Yogalehrerin und sah, dass sie mit diesem Test anscheinend zufrieden war. Erst später begriff ich, dass Guru Ananda mein Verhalten als sakrales Empfinden ausgelegt hatte. Ich wäre sicher zu diesem Zeitpunkt über eine solche Interpretation äußerst erstaunt gewesen. Frömmigkeit und Religiosität lagen mir völlig fern. Religion war für mich damals mit Klerus und Moral verbunden, ich aber wollte frei sein und das machen, was ich für richtig fand.

 

Die Yogalehrerin stellte mir nach dem Essen des Brotes die Frage, was ich hierzu gedacht hätte. Mit meiner Antwort war sie nicht sonderlich zufrieden, obwohl die Antwort logisch und richtig war. Merkwürdig, was hatte sie sich denn erwartet?

 

Es folgten dann noch einige Prozeduren, in welchen sie meine Hände ansah und sich eine Schriftprobe auf Basis eines Diktates geben ließ. Bei keiner Firma wurde ich je so geprüft, aber offenbar hatte ich einen sehr genauen Menschen vor mir, oder es wurde nur sehr selten jemand aufgenommen. Als ich positiv bewertet wurde, nahm ich letzteres an. In meiner etwas hoch gestochenen Selbsteinschätzung empfand ich, dass ich für einen elitären Yoga gute Voraussetzungen mitgebracht hatte und deshalb akzeptiert worden war. Trotz mancher Unsicherheiten, die mir allerdings nach außen durch mein Training im Ausland nicht mehr anzusehen waren, war ich sehr überzeugt von mir. Ich hatte kämpfen und mich durchsetzen gelernt.

 

Ich erinnerte mich als ich einmal an der holländischen Grenze im Zug gesessen bin und von dem Grenzbeamten wegen nicht nachzuweisender Unterkunft abgewiesen wurde. Das war insofern unangenehm, als mein Geld nur noch für 200 km Bahnfahrt gereicht hatte, ohne Reserve für Essen oder Unterkunft. Ich hatte mich in der Grenzstation auf eine Bank am offenen Perron gesetzt, meinen großen Seesack geöffnet, und mein Notizheft heraus geholt, um nach einer möglichst nahe gelegenen Firma zu suchen. Zum Glück wurde ich in der Firma angenommen. Berufliche Wanderjahre sind damals in der Sparte  der Obst- und Gehölzgärtnereien in Deutschland noch üblich gewesen. Jedenfalls seit jenem Vorfall an der Grenze hatte ich nie wieder einen Seesack verwendet, sondern hatte mich lieber mit zwei Koffern auf die Reise begeben - das würde bei der Grenzkontrolle einen besseren Eindruck machen, hatte ich mir gedacht.

 

Zufrieden ging ich an jenem Abend meiner ersten Begegnung mit meiner zukünftigen Yogalehrerin nach Hause. Es war nun schon mehr als zehn Jahre her, damals war ich 16, als ich einen Dokumentarfilm mit Yogis sah, wie sie eine Eremitage aus Holzhütten bauten. Ab damals hatte ich das Bild der langhaarigen Yogis mit den vom Sonnenlicht weiß strahlenden Schneegipfeln des Himalaya in mir getragen. Es war das Bild einer Heimat von Fels und Himmelsblau, das tiefstes Heimweh in mir erweckte. Damit verbunden hatte ich eine verzehrende Sehnsucht nach Yoga. Es dauerte gut zehn Jahre bis sich nunmehr meine Sehnsucht erfüllt hatte und ich einen Guru gefunden hatte, wenngleich dieser nicht meinen ursprünglichen Vorstellungen entsprach.

 

Ich konnte mich in der Welt behaupten, in meinem Wesen aber war ich ein Romantiker, der in einer Welt der Träume zu Hause war. Jetzt konnte ich jene geheimnisvollen Übungen lernen, die mir eine Welt jenseits des Alltags öffnen würden.

 

 

2

 

Der erste Yogaunterricht

 

 

Meine Yogaunterweisung begann noch in derselben Woche. Ich fand alles was ich lernte phantastisch spannend. Ich saugte es förmlich auf, als wäre jedes Wort eine Offenbarung. Es war am Anfang sehr viel an Theorie. Da hörte ich über Aura, Chakras, Gedankenformen, Dinge einer unsichtbaren, mir bislang unbekannten Welt. Anhand etlicher Biographien von Yogis, die ebenfalls in den Stunden gebracht wurden, war ich der Überzeugung, dass dieses Wissen erprobt und bewährt war. Es schien mir eine Tradition zu sein, die durch Jahrtausende als großes Geheimnis von den Lehrern an ihre Schüler weiter gegeben wurde.

 

Auch die Übungen sprachen mich sehr an. Die für mich faszinierendsten Übungen waren Tiefentspannung und Sinnesübungen. Die Sinnesübungen waren keine Vorstellungsübungen mit vorgegebenen imaginativen Eindrücken, sondern waren autohypnotische Zustände mit gewollt herbeigeführten sensorischen Wahrnehmungen wie Geschmack, Geruch oder Tastempfindungen. Das waren Übungen eines asketischen, indischen Yoga, wie er gegenwärtig in Europa nicht gelehrt wird.

 

Die erste Sinnesübung, die ich erlernte, war eine Geschmacksübung. Ich glaube, das war im ersten oder zweiten Monat.

Es galt einen Geschmack real zu erschmecken, ohne eine Kostprobe einzunehmen. Ich machte die Übung auf Honig und Zucker, wobei ich mit meiner Zungenspitze durchzuschmecken begann, einen Zuckergeschmack erwartend. Einen Geschmack zu erwarten ist besser als ihn sich vorzustellen. Bei einer Vorstellung leistet man mentale Kopfarbeit und es entsteht kein real sensorisches Empfinden. Es dauerte ein, zwei Monate, bis mir der Zuckergeschmack gut und reproduzierbar gelang.

 

Das erste Erfolgserlebnis eines intensiven Süßigkeitsgefühles auf der Zungenspitze war für mich beeindruckend. Ich triumphierte. Ich konnte meine Sinne willentlich kontrollieren und etwas erschmecken, das es in Wirklichkeit nicht gab. Dass dergleichen unter Hypnose möglich ist, wusste ich. Jetzt aber vermochte ich es, ohne auf die Hilfe eines Hypnotiseurs angewiesen zu sein. Yoga bedeutete für mich über die Grenzen des Körpers hinaus zu wachsen.

 

Die nächste Übung war eine Geruchsübung. Meinen Mitschülern und mir wurde eine winzige Spur von Duftöl auf ein Tuch getupft. Wir rochen daran, legten das Tuch zur Seite und versuchten den Geruch nach wie vor zu halten. Wenn wir den Eindruck hatten die Übung gut zu beherrschen, gingen wir dazu über den Geruch ohne vorherige Geruchsprobe herbeizuführen. Zu Hause übte ich emsig ohne Duftvorgabe weiter.

Als Ziel hatte ich mir den Geruch einer Zyklame vorgenommen – mein Lieblingsgeruch. Schon allein die Sehnsucht nach diesem geliebten Geruch garantierte baldigen Erfolg.

 

 

Cyclamen

 

Wie gerne kniete ich im Herbst auf dem Waldboden, um aus dem köstlichen Gemisch von feuchter Erde und Laub diesen himmlisch süßen Duft in tiefen Atemzügen einzunehmen. Als Kind pflückte ich dicke Sträuße dieser Blüten, ein Waldfrevel, den ich mir später nie verziehen hatte, nachdem ich mitbekam, wie selten die Blumen in den austrocknenden Wäldern mittlerweile geworden sind.

 

Bei meiner Begeisterung und Liebe zu diesen Blumen stellte sich bald Erfolg ein. Nach nicht ganz drei Wochen nach Beginn der Übung roch ich gelegentlich diesen lieblichen Duft und nach einem Monat gelang es mir problemlos.

 

Zyklamen, auf die ich meine ersten Geruchsübungen machte wurden für mich auch zu einem Symbol für Yoga und Liebe. In dieser Bedeutung begegneten sie mir das erste Mal bei einer Astralreise. Diese Astralreise schilderte ich in einem ebook, wobei ich die Astralreise von der Hauptperson namens Boris erleben ließ. Ich bringe die Stelle aus dem ebook ("Die Brücke") aus zweierlei Gründen, zum einen in Hinblick auf den zuvor erwähnten Aspekt, dass Zyklamen für mich zu einem spirituellen Symbol wurden und zum anderen im Versuch zu zeigen wie die Erlebniswelt einer Astralreise aussieht (weil bereits einige Male auf Astralreisen hingewiesen wurde und Astralreisen zu einem Schwerpunkt in meiner spirituellen Entwicklung wurden):

 

Ohne sich eines vorhergehenden Traumes bewusst zu sein fand sich Boris auf einem herbstlichen Waldweg. Sonnenstrahlen brachen durch das hohe Blätterdach des Mischwaldes und zauberten goldene Flecken auf die braunen Buchenblätter am Waldboden. Zu dem Geruch der verwitternden Herbstblätter mischte sich auf einmal Süße. Boris blickte zur Seite und sah drei Zyklamenblüten. Zyklamen waren seine Lieblingsblumen. Nie noch war er an einer Zyklame vorbeigegangen ohne sich nieder zu knien und daran zu riechen. Er holte tief Atem und sog den süßen Duft ein, gleichsam um ihn in seiner Lunge auf ewig aufzubewahren.  Eine euphorische Freude erfasste ihn.

 

Boris ging weiter. Der Wald ringsum war überwältigend schön. Im "realen" Leben war kalter Winter und das Land von Eis überzogen. Umso schöner war für ihn jetzt der Kontrast. Welch farbenfrohes Leuchten bot das bunte Herbstlaub der goldenen Ahorn und Eschenblätter, vermischt mit dem Rot der Wildkirschen und dem Goldbraun der Buchen. Blühende Kräuter am Wegrand. Dazwischen überlagerten immer wieder Zyklamen ihren Honigduft dem herben Geruch des Herbstlaubes. Leicht federten die Schritte auf dem bunten Blätterteppich. Boris sperrte die Augen auf, um ja nichts zu versäumen, er versuchte jedes einzelne Blatt zu fixieren. Ach, wäre das bei der Fülle nur möglich gewesen. Trunken saugte er die Einzelheiten auf, um ja nichts von dieser Schönheit in seinem späteren Tageszustand zu vergessen.

 

In Fortsetzung der Geschichte gelangt Boris zu einem Tempel, in welchem er einer indischen Göttin begegnete. Bei meiner real erlebten Astralreise gelangte ich zu einer christlichen Kirche in welcher ich der Muttergottes begegnete und diese eine Botschaft an mich richtete.

 

Viele Jahre später, in der Zeit als ich Maha Yoga lehrte, kam wiederum die Zyklame als Überbringerin einer Liebesbotschaft ins Spiel. Ich befand mich damals in einer Krise und zwar insofern als ich mich im Yoga verlassen fühlte und das Empfinden hatte von meiner Mahashakti (begleitende Göttin), welcher ich den Namen "Devi" gab, zu sehr getrennt zu sein. Ich hatte mich vernachlässigt und verlassen gefühlt.

Deshalb hatte ich mit Devi gehadert. Ich warf ihr vor sie zu selten in Träumen zu sehen und sie überhaupt zu wenig in meiner Nähe fühle. Schmollend habe ich ihr den Rücken zugekehrt und ihr Bild auf dem Altar bewusst nicht angeschaut. Wenn ich zu ihrem Bild gesehen hatte, habe ich ihr einen Schwall von Vorwürfen entgegen gebracht. Das war gegen Ende Februar.

In meiner tiefsten Schmollphase, ging ich hinaus Richtung Straße, um die Zeitung zu holen. Da sah ich gleich beim Hauseingang eine wunderschöne dunkelrosa Blüte. Es erschien mir sehr ungewöhnlich mitten im Winter eine Blume aus dem Schnee hervor leuchten zu sehen. Als ich mich zu der Blüte hinbeugte war ich noch mehr überrascht. Es war eine Zyklame – im Winter! (Zyklamen haben ihre Blütezeit zwischen Juli und September) Und im ungarischen (und nordburgenländischem)  Steppengebiet! (Zyklamen sind Blumen aus Feuchtwäldern). Ich habe dies als Botschaft von Devi verstanden und war innerlich wieder mit ihr versöhnt.

 

 

 

Die Zyklame als Botschaft Devis

 

Zurück wieder in die alten Zeiten meines Yogaanfanges bei Guru Ananda.

Eine weitere Übung, die mich faszinierte, bestand darin auf der Haut ein Wärmeempfinden zu erzeugen. Zunächst wurde die willentlich verstärkte Wärmewahrnehmung auf den Fingerspitzen, dann auf der Handfläche und zuletzt auf der ganzen Hand gemacht. Anschließend wurde die Wärmewahrnehmung auf andere  Körperregionen erweitert. Anspornend war für mich ein Buch von Alexandra David Neel, in welchem beschrieben wird, dass tibetische Yogis unbekleidet in ihren Höhlen durch ihre Hitzeübungen (g-tummo) der eisigen Kälte des Winters zu trotzen vermochten. Auch in anderen Büchern las ich dies, etwa in einer Biographie über Milarepa, meinem Lieblingsyogi. Es wird mir warm ums Herz, wenn ich an ihn denke!

Später zeigte sich, dass die Erwärmungsübung für mich bestens geeignet war, um in den Zustand außerkörperlicher Wahrnehmungen hinein zu gleiten. Es war die Fähigkeit den physischen Körper zu verlassen, um mit dem Seelenkörper zu reisen. Das war die faszinierendste Fähigkeit, zu der mir der Yoga verhalf.

 

Als letzte und schwierigste Sinnesübung lernten wir Visualisieren. Darunter hatten wir eine Übung mit realen optischen Wahrnehmungen verstanden, also keine Bildvorstellungen. Es gilt hierbei auf den Augenhintergrund zu schauen und zu warten bis Bilder kommen. Der Versuch mittels Vorstellungen dahin zu gelangen führt zu Misserfolgen. Einzig und allein die Thematik darf man als Erwartungshaltung vorgeben, wie etwa Wolken, Meeresbucht, schneebedeckte Berge (im Anfangsstadium beginnt man mit Schattenbildern). Im fortgeschrittenen Stadium waren es bei mir bevorzugt Kristalle, Blumen und gotische ornamentale Kirchenfenster.

 

Erst viel später lernte ich die theoretischen Hintergründe zu erfragen. Folgende Gedanken liegen diesen Übungen zugrunde: vergleichen wir unser Gehirn mit einem Computer. Unser Sehvermögen entspricht dem Monitor. Die Bilder, die darauf sichtbar werden, können verschiedenen Quellen entstammen. Im Vergleich entsprechen die Bilder, deren Quelle die Festplatte ist, den Bildern unserer Träume, unseres UBW. Die Bilder, die wir mittels der Augen aus der Außenwelt empfangen, entsprechen den Aufnahmen einer Videokamera. Die Bilder, die aus dem jenseitigen Bereich kommen, entsprechen den Bildern aus dem Internet. Ich erlernte somit Übungen, welche Visionen oder in meinem Fall Astralreisen oder bewusste Träume begünstigten..

 

Die Stunden unseres Minikreises, wir waren nur drei Yogaanwärter, erfolgten meist in Kaffeehäusern. Zumeist saßen wir in jenen warmen Septembertagen in nahe gelegenen Gastgärten, etwa im Volksgarten oder Kaffee Haag. Es waren kleine Bauminseln inmitten des Häuserdschungels der Innenstadt von Wien.

 

Der Meister, Anandas Gatte, und Ananda liebten die Natur. Nie wurde vergessen Gebäck zu bestellen, das an Spatzen und Tauben verfüttert wurde. Die Spatzen holten sich ihre Brotstückchen aus der Hand und belohnten uns durch ein fröhliches Gezwitscher.

Einmal, in späteren Jahren geschah es, da riss ein Anfangsschüler ein Kastanienblatt ab, um etwas ausgeschütteten Kaffe abzuwischen. Ananda hätte ihn vor Empörung beinahe aus dem Yoga verabschiedet. Sie machte dem Schüler klar, dass es im Yoga oberstes Gebot ist das Leben zu achten.

 

Ich konnte mich in ihren Zorn gut hinein fühlen, denn ich war in einer Gärtnerei aufgewachsen unter Bäumen und Rosen von denen ich täglich beim Spielen umgeben war. Diese Kindheitserinnerungen hatten sich mir tief eingeprägt, so dass die Pflanzenkunde zu einer späteren Leidenschaft wurde. Später verhalfen mir die grünen Pflanzengeschwister zu tiefen mystischen Zuständen. Wie sich meine innere Beziehung zu den Bäumen und Kräutern vom Spielplatz bis zur Mystik entwickelte, möchte ich in diesen Zeilen wiederzugeben versuchen:

 

 

 

Umgeben von den Häusern der Stadt
waren die Felder meines Vaters.
Felder von Rosen und Blumen.
Ich spielte im Schatten der rauschenden Bäume,
und lernte sie lieben.

 

Später ging ich durch blühende Wiesen,
kniete nieder vor mancher Blume,
bewunderte ihre Schönheit,
suchte in Büchern nach ihrem Namen
und ihren vielfältigen Geschwistern.
Ich war entzückt über die Vielfalt der Arten,
mit denen Gott die Welt beschenkte.

Ich wurde älter,
weiter ging ich einen Schritt in der Begegnung.
Aus dem Verstehen wurde Staunen.
Welch Wunder umgeben uns,
ein jedes Blatt ist einzig,
kein zweites gleicht ihm.
Ich beginne zu erkennen:
kein Stein gleicht dem anderen,
einmalig ist selbst das Kleinste.
Welche Vielfalt im Großen und Kleinen!
Oh Wunder der Schöpfung!
Oh Wunder Mensch,
der du lernst die Größe Gottes zu erahnen!

Zirka nach einem Monat Unterricht zu dritt erfuhren wir zu unserem Erstaunen, dass es einen Yogakreis mit etwa zehn Schülern gab. Die Kreisschüler hatten nur einmal in der Woche Stunde. Zumindest ich begriff nicht, dass wir drei Yogaanwärter im Vergleich zu ihnen, gemessen an dem täglichen Unterricht, eine sehr bevorzugte Sonderstellung hatten. In meiner Ahnungslosigkeit dachte ich, dass wir noch zu unwissend wären, um die Ehre zu haben in einer Versammlung fortgeschrittener Schüler zu sitzen. Ich kann mich erinnern, damals als wir drei erstmals in eine solche Kreisstunde eingeladen worden waren, wie ich mit großen Augen die Alteingesessenen bewundert hatte. Staunend sah ich zu, wie sie mit diversen Ritualen die Stunden eröffneten und Asanas (Körperhaltungen) vorführten. Alles war für mich neu, konnte man doch all diese Elemente nicht in Kaffeehäusern bringen. Ich dachte aber weniger praktisch. Für mich Staunendem war es die hohe Kunst fortgeschrittener Schüler.

 

 

Eröffnungsritual im Ashram in der Renngasse

 

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass wir bevorzugte Schüler waren, weil einer von uns durch Ramakrishna in einer Vision Anandas angesagt worden war.

 

Ananda hatte schon seit Kindheit Erscheinungen, die sie bisweilen in die Zukunft vorausblicken ließen. Aber meist, wie auch bei dieser Ankündigung durch Ramakrishna, ging dieses Vorauswissen nicht sehr ins Detail und ließ vieles verschwommen. Eine Erscheinung mit Zukunftsweisungen war Ananda somit vertraut und etwas, das sie nie in Zweifel gezogen hatte, weil es sich bis zu diesem Zeitpunkt immer erfüllt hatte. Eines ihrer einprägsamsten Erlebnisse dieser Art war folgendes, das ich in ihren eigenen Worten wieder geben will:

 

 Vorausgesehen

 Als ich ungefähr neun Jahre alt war, ging ich mit noch zwei jungen Mädchen zu einer Handarbeitslehrerin, die Frau Tina hieß und mit zwei Schwestern zusammen lebte. Ich war in Handarbeit die Unbegabteste, doch ich gab mir redlich Mühe der Frau Tina Freude zu bereiten. Handarbeitsstunden waren immer donnerstags von 4 bis 6. Einmal kam der Großvater und sagte: „Heute ist keine Handarbeitsstunde, Frau Tina ist krank.“

Ich wollte sie gleich besuchen, doch der Großvater winkte ab. So vergingen einige Tage. Eines Morgens wurde ich früher als sonst geweckt und der Großvater sagte: „Frau Tina wünscht dich zu sehen.“

Er gab mir ein paar Blumen und sagte mir, ich möge mich still verhalten, es gehe der Frau Tina schlecht. Vielleicht ruft sie Gott bald zu einem besseren Leben.

Ich erschrak und weinte den ganzen Weg leise in mich hinein. Der Großvater ließ mich gewähren, doch vor dem Haus ermahnte er mich ein freundliches Gesicht zu machen und ja nicht zu weinen.

 

So kamen wir zur Frau Tina und die jüngere Schwester öffnete uns. Wir traten still an ihr Bett, sie schien zu schlafen. Auf einmal öffnete sie die Augen und sagte: „da bist du ja“ und nahm meine Hand.

Ich schluckte tapfer und erinnere mich noch als ich sagte: „Ich werde heute noch beginnen den zweiten Turm des Polsters zu sticken, damit ich ihn Donnerstag herzeigen kann.“

Sie lächelte und sagte: „Ja, zeige ihn Frau Karoline.“ Karoline war ihre Schwester.

Ich verstand sehr gut, was das bedeuten sollte. Großvater drängte zum Abschied, da fiel mein Blick auf die daneben stehende Schwester und ich sah sie deutlich an Stelle der Frau Tina still liegen. Ich war zutiefst erschrocken.

 

Am Heimweg erzählte ich dies meinem Großvater.

Er widersprach nicht und trug mir auf darüber zu schweigen, falls ich richtig gesehen hätte.

Abends bat ich Großvater um eine Kerze, damit ich den Polsterturm fertig sticken könne. Er schenkte mir eine und holte sie wieder um Mitternacht, damit ich schlafen gehe.

 

Niemand in unserem Hause wusste um unser Geheimnis. Am nächsten Abend stickte ich weiter bei Kerzenschein. Ich erfuhr nicht wie es Frau Tina ging. Am dritten Tag war der Polster fertig. Da kam abends ein Rabbischüler zum Großvater und sagte, dass es Frau Tina gut gehe und die Krisis vorbei wäre, aber ihre Schwester Karoline sei vor einer Stunde an einem Herzschlag erlegen.

Der Großvater betete und trug mir auf, niemand etwas zu sagen, denn, und das verstand ich damals noch nicht, ich sei eine uralte, wiedergeborene Seele, die Voraussehen mitbekommen habe. Doch man soll darüber nicht sprechen.

 

Gelegentlich, außerhalb des Unterrichtes und hauptsächlich durch Gespräche mit dem Meister, bekamen wir manch wundervolles Geschehnis aus dem Leben von Ananda zu hören. Erstmalig bekam ich tiefere Einblicke in die vielen Lebensereignisse älterer Menschen, wenn man von meinem Großvater absieht, der mir viel über den ersten Weltkrieg erzählt hatte. Und, was für mich wichtig war, es war auch viel Wundersames darunter, was meinen Glauben an den Yoga zusätzlich festigte.

 

Bald war ich nicht mehr auf das Hörensagen angewiesen, sondern erlebte manches Wunder selbst. Darunter war ein ganz besonderes Wunder, eine neue Fähigkeit, nämlich die Gabe des Astralwanderns. Es war für mich eines der größten Geschenke, die mir das Leben bescherte. Es machte mich innerlich reich, ließ mich manches in tieferen Perspektiven erkennen.

 

Bei der ersten Astralreise war ich mir der herausragenden Bedeutung nicht bewusst. Ich hielt es für selbstverständlich, dass sich Jenseitige jederzeit bemerkbar machen könnten, wenn es sich um wichtige Angelegenheiten handeln würde. Um solche Möglichkeiten des Kontaktes zu erlernen und zu intensivieren war ich ja im Yoga. Viel später erst erkannte ich, dass man Astralreisen nicht so ohne weiteres erlernen kann wie etwa Schulwissen.

 

Es war folgende Astralreise, die ich etwa im vierten Monat meines Yoga hatte:

 

In der Nacht hatte ich folgendes Erlebnis: Bei klarem Tagesbewusstsein und mit vollem Körperempfinden ging ich durch eine unbekannte Straße. Aufmerksam betrachtete ich die Miethäuser im Baustil des frühen 20. Jahrhunderts, in der Art wie man sie in jeder mitteleuropäischen Stadt vorfinden kann. Was meine Aufmerksamkeit steigerte, war das Empfinden meines besonderen Zustandes und nicht etwa die alltäglichen Häuser.

 

Ich war zirka hundert Meter gegangen, als ich vor einem Haus stehen blieb. Einem inneren Drang folgend, so als würde mich ein telepathischer Ruf magnetisch anziehen,  trat ich durch das Eingangstor des Hauses. Vom Hausflur aus gelangte ich zu einer Tür, die sich als rückwärtige Ausgangstür eines Vortragssaales erwies. In diesem standen dicht gedrängt schmale Bänke mit Tischen davor, zu beiden Seiten eines breiten Mittelganges. Der Saal mochte zirka 50 Menschen fassen und war fast voll.

Unsicher, ich war ein schüchterner Mensch, betrat ich den Saal und setzte mich in die vorletzte Reihe. Da trat jemand an mich heran, bat mich zu folgen und führte mich nach vorn. Es war mir peinlich, das Interesse der Leute auf mich gerichtet zu sehen, denn viele drehten sich um und blickten mich an, als ich den Mittelgang nach vorn geführt wurde. Unter den Saalgästen sah ich Heribert (das war jener Lehrschüler, der ein Jahr zuvor bei Ananda den Kreis geführt hatte). Heribert saß irgendwo in der Mitte.

„Ich kann mich doch nicht vor den Lehrschüler Heribert  setzen“, sagte ich, mir bewusst, dass die Reihung von symbolischer Bedeutung war. Vor Heribert hatte ich großen Respekt und für mich war er jemand, der mir im Yoga unendlich viel voraus hatte.

Die mich begleitende Person bedeutete mir mit einer Handgeste zu folgen und schwieg. Ich wagte nicht zu widersprechen und ging folgsam weiter. In der ersten Reihe war ein leerer Platz, der mir zugewiesen wurde.

Im weiteren Verlauf des Astraltraums trat eine Frau mit orientalischen Gesichtszügen vor das Publikum und sprach etwas, von dem ich nicht das Geringste in Erinnerung behalten habe. Jener Frau bin ich in späteren Astralreisen einige Male begegnet.

 

Ich hatte schon vor dem Yoga in meinen Jugendjahren gelegentlich Erlebnisse von veränderten Bewusstseinszuständen. Es war eine Palette von kosmischer Schau bis zu euphorisch verklärten Wahrnehmungen, ausgelöst durch besonders eindrucksvolle Umweltereignisse. Oft verlor ich mich hierbei in einer Glückseligkeit. So erinnere ich mich noch deutlich: Es war Winter, ich fühlte mich sehr einsam und war in trauriger Stimmung. Ich fuhr mit dem Rad entlang des Ufers vom Westeindersee, Aalsmeer, Holland, als ich helles Geläute hörte, wie von tausend Glasglocken. Ich stieg von meinem Fahrrad und ging zum Ufer. Der Wind trug unzählige klein gebrochene Eisschollen heran, die Welle um Welle an das Ufer geworfen wurden und in hellen Tönen klirrend aneinander schlugen.  Lange lauschte ich fasziniert diesem gleichsam überirdischen Konzert von tausenden Glocken. Die traurige Stimmung war verflogen und einer Verzückung gewichen.

 

Derlei Erlebnisse zeigten mir, dass die Welt auch in einer Weise wahrgenommen werden kann, die außerhalb der konventionellen und anerkannten Rationalität liegt und dennoch dem inneren Empfinden nach einen ebenfalls wahren Aspekt der Schöpfung zeigt. Solche Erlebnisse bereiteten mir mehr Freude als manches Gut einer Welt, in der nach Gewinn und Nutzen beurteilt wird. Mehr und mehr sehnte ich mich schon damals in meinen Wanderjahren nach einer Heimat, die mir hinter einem Schleier des Geheimnisvollen verborgen war. Ich hatte das Bedürfnis sie für mich greifbar zu machen. So schleppte ich in meinem ohnehin schweren Gepäck auf meinen Reisen drei Specksteinfiguren mit mir, die geheimnisvoll mit einer anderen Welt verbunden zu sein schienen. Es waren dies ein Affe mit einer Kuh, deren Körper mit kreisförmigen Ornamenten verziert war, ein Fackelträger neben einem Einhorn und eine kleine Buddhafigur. Diese Figuren waren mir gleichsam Schlüssel zu einer anderen Welt, deren Schloss und Tor ich noch nicht gefunden hatte.

 

 

 

Regentropfen

 

Sanfte Regentropfen gefallen in der Nacht,

am Morgen glitzernd in der Tamariske,
funkelnd gleich feurigen Diamanten,

Regenbogenfarben von der Sonne entfacht.

 

Staunend steh ich davor, erfüllt vom Entzücken,

erhoben in himmlischen Jubel und  Freude,

Gott dankend für das Wunder,

das mich konnte dem Alltag entrücken.

 

Wie war ich glücklich! Ich hatte einen Guru gefunden, der mir die Tore zu all den vielen verborgenen Wundern öffnen konnte.

 

3

 

Wunder und eine Welt der Mystik

 

 

Ich war glücklich einen Guru gefunden zu haben. Der durch Jahre gehegte Traum einer spirituellen Heimat schien sich mir endlich zu erfüllen. Ich fühlte mich gleichsam neu geboren. Oft saß ich auf einer Parkbank und in meinem Herzen näherten sich Yogis tagtraumartig aus meiner verklärten inneren Heimat. Tränen flossen meine Wangen hinab, mein Herz war weich und von unsäglicher Liebe und Sehnsucht erfüllt.

 

Um diese Zeit hatte ich folgendes Erlebnis:

 

Zunächst hatte ich einen Traum, in welchem ich davor stand, um in die Schule zu gehen. Ich ging nie gerne in die Schule. Irgendwie war mir im Traum bewusst, dass ich bereits im Beruf stand und die Schulzeit hinter mir gelassen hatte. In meinem Widerwillen bemühte ich mich den Bilderstrom des Traumes anzuhalten, indem ich versuchte, so wie ich es im Yoga gelernt hatte, den Strom der Gedanken und Vorstellungsbilder zum Schweigen zu bringen. Bei diesem Versuch fühlte ich eine innere Kraft  anwachsen und auf einmal geschah etwas ganz Seltsames - es war, als ob ich aus der gewohnten Welt in eine andere Dimension katapultiert worden wäre. Ein plötzlicher Kontinuitätsbruch hatte eingesetzt und alles war anders:

Ich ging inmitten einer Landstraße, die sich am Horizont verlor. Alles, die Steine auf der Straße, die Kräuter an ihrem Rand, alles konnte ich völlig real mit meinen Sinnen wahrnehmen. Ich war mir meiner Persönlichkeit bewusst, wenngleich ich eine die Zeiten übergreifende Vergangenheit hatte. Ich wusste um mein irdisches Dasein, aber in diesem Augenblick erschien mir das gegenwärtige irdische Leben als bedeutungsloser Hintergrund der momentanen Handlung. Ich fühlte mich als eine ewige Persönlichkeit, für die Jahrhunderte nicht mehr waren als uns Verkörperten die Tage. Wichtig war für mich nur eines – das Ziel.

Genau daran, dieses Ziel zu erreichen, wollte mich der König der Stadt, die ich soeben hinter mir gelassen hatte, hindern. Er wollte die Fortsetzung meines Weges verzögern, solang als nur möglich. Er hatte mich eingeladen in seinem Palast  zu bleiben und versprach mir, mich reich zu bewirten und alle meine Wünsche zu erfüllen. Dankend lehnte ich ab. So tat er großzügig und schenkte mir einen Sack voll Gold, in der Hoffnung, dass durch das Gewicht meine Schritte schwer und langsam werden würden. Ich nahm das Geschenk an, um ihn nicht zu brüskieren. Dann aber, außerhalb seines Einflussgebietes, lächelte ich über diesen Versuch mich in Illusionen einzuhüllen, warf den Sack an den Straßenrand und ging zuversichtlich weiter.

 

Der Traum entsprach voll und ganz meinem damaligen und auch noch jetzigem Denken und Fühlen. Ich hatte lange auf den Yoga gewartet. Jetzt, da ich einen Guru gefunden hatte, ließ ich mich durch nichts vom Weg abhalten oder fort locken. Was sollten mir die Güter einer vergänglichen Welt.

 

Guru Ananda war ihrem Wesen nach bestens geeignet mir eine Welt von Idealen und religiösen Wundern näher zu bringen. Deshalb, weil sie selbst aus einer tiefreligiösen Welt kam, die mit der nach materiellen Gütern und Wünschen ausgerichteten Stadtkultur der Gegenwart nichts zu tun hatte.

 

Ananda entstammte einer chassidischen (jüdischer, mystischer Glaubenszweig) Familie. Ihr Großvater war Oberrabbiner. Er galt als „Wunderrabbi“ und erweckte in Ananda das Interesse für die heiligen Schriften. Ab dem Alter von fünf Jahren las Ananda diese heimlich im Bett bei Kerzenschein. Ihr Großvater steckte ihr Kerzen und Schriften zu.  Auch übersah er gleichsam, dass sie gelegentlich „verborgen“ unter dem großen Tisch saß, und den Belehrungen im Kreise der Bocher (Talmudschüler) zuhörte. Er schätzte ihr Interesse und liebte sie so, dass er solch kleine Verletzungen der Vorschriften übersah.

 

 

der Großvater, Rabbi Abraham Wassermann

 

In einem meiner Träume saß ich mit Chassidim an einer langen Holztafel. Festliches Essen war auf dem Tisch. Es war Bamitzwa. Nach dem Essen zogen sich die Männer in ein Zimmer zurück, um fromme Gespräche zu führen. Da öffnete sich die Tür und Anandas Großvater trat ein. Wir alle, die Chassidim und ich, mussten unsere Augen senken, um nicht von seinem Licht geblendet zu werden.

 

Wunder und Gerüchte festigten in Ananda die Aussagen der heiligen Schriften. Es gab zum Beispiel einen großen Mehlkrug, auf dem ein Broche (Segen) lag, so dass er nie leer wurde. Oder, so wurde erzählt, kam eines Tages ein Gemeindemitglied als Bittsteller zum Großvater, verängstigt über ein Ächzen und Stöhnen, das in der Wohnstube oft zu hören war. Der Großvater suchte das Haus auf. Dort stellte er sich in die Mitte des Raumes, schloss die Augen, fühlte in sich hinein und sprach laut „falle, falle“. Da tat sich ein Deckenbalken auf und ein Goldschatz fiel herunter.

„Er wurde auf unrechte Art erworben, deshalb fand die Seele keine Ruhe“, erklärte der Rabbi.

Eine Hälfte des Schatzes bekamen arme Leute aus der Gemeinde, die andere Hälfte durfte jener Mann behalten, der dort wohnte.

 

Es gab noch mehr solcher Erzählungen. Ananda hatte als Kind auch eigene Erlebnisse. Sie vertraute sich damals nur ihrem Großvater an. Der hörte bei solchen Gelegenheiten aufmerksam zu und tat ihre Erzählungen nicht als Kindergerede ab, wie die anderen. Eine der Erinnerungen Anandas fand ich besonders rührend:

 

Eines Tages zerbrach der Kopf von Anandas Puppe. Die Puppe war ihre Vertraute, der sie alles erzählen konnte, jede Kränkung und jede Freude. Der Großvater hatte ja leider viel zu tun und konnte nicht immer für sie da sein. Jedenfalls als der Porzellankopf der Puppe zerbrochen war, weinte Ananda sehr und sie bat ihren Großvater die Puppe würdig und mit Segen zu bestatten. Das tat der Großvater nicht und er erklärte Ananda geduldig den Unterschied zwischen den Geschöpfen Gottes und den menschlichen Dingen. "All dem, das von Gott erschaffen wurde, dem wohnt ein göttlicher Funke inne und macht es unsterblich. Wenn es stirbt, verlässt es die Erde und lebt wo anders weiter. Die Dinge der Menschen jedoch sind vergänglich. Vielen Dingen messen die Menschen oft zu viel und zu große Bedeutung bei und sie vergessen wie nichtig und vergänglich menschliche Werke sind, verglichen zum göttlichen Werk."

 

Einmal ging Ananda mit ihrem Großvater zur Volksschule, es war gerade kein Unterricht. Vor der Schule riss sich Ananda von ihrem Großvater los und rannte ihm davon. Außer Atem kam der Großvater nach. Er fand Ananda in einer Schulklasse auf der ersten Bank sitzen. Sie strahlte und fühlte sich dort sichtlich wohl. Als der Großvater das sah, rollten Tränen über seine Wangen. Ungewöhnlich für diesen alten Mann. Am Heimweg erklärte er ihr: sie, Ananda, saß genau auf dem Platz, an dem sein geliebter, vor einigen Jahren verstorbener Enkel gesessen hatte.

 

Ananda hatte sehr früh die chassidische Familie in Polen verlassen, um nach Tschechien zu ihrer Mutter zu ziehen. Bald danach verstarb ihr Großvater. Darüber erzählte sie:

 

Als ich erfuhr, dass mein Großvater, Rabbi Wassermann, in die andere Welt gegangen war, erlebte ich Folgendes in zwei aufeinanderfolgenden Nächten:

 

Ich fühlte plötzlich wie etwas, das ebenfalls ich zu sein schien, aus mir heraus trat und zuerst zum Grab meines Großvaters reiste. Anschließend besuchte ich die Dorfstätten meiner Kindheit, wo ich alle Plätze aufsuchte, die mir lieb geworden waren. Wie lange der Zustand dauerte, weiß ich nicht; er wirkte aber den ganzen Tag.

Die Nacht darauf trat ich wieder aus dem Körper und wieder besuchte ich alle Plätze meiner Kindheit, jedoch diesmal nicht allein. Ein strahlender jenseitiger Helfer war  bei mir.

Gegen Morgen schlüpfte dann mein Astralleib wieder in den Fleischkörper zurück.

 

Was blieb davon?

Ein Überflutet-werden von Erhobenseinszuständen und spontanes Hellfühlen.

 

Diese Astralwanderungen sind seither zu meinem zweiten Leben auf dem irdischen Plan geworden. Sie lassen sich durch nichts herbeiführen, sie kommen oft Monate nicht und dann wieder häufig.

 

 Der jenseitige Helfer, der mich jetzt begleitet, ist derselbe wie damals vor Jahrzehnten, ich verehre und liebe ihn unaussprechlich. Er ist meine Brücke zum Jenseits, von welchem uns nur ein Schleier trennt.

 

Ananda war damals 16 Jahre alt und verdiente sich als freischaffende Journalistin ihren Unterhalt.

 

 

Ananda mit ca. 20 Jahren, strahlend dunkle Augen und schwarze Haare

 

Nach dem Krieg verschlug es Ananda mit ihrem Ehemann nach Wien. Wir nannten ihn "Meister", eine Gewohnheit aus Prag, wo es üblich war einen Künstler so zu nennen. Für mich persönlich war es ein wichtiger Schritt des Schicksals, das solcherart eine spätere Begegnung ermöglichte.

 

Zurück zu meiner Anfangszeit im Yoga. Für mich war Yoga eine geheimnisvolle Lehre, die, wenn wir es wagen die Fesseln der irdischen Konventionen zu sprengen, uns in ein Reich der Wunder eintreten lässt. Dies kann ich nunmehr aus der Erfahrung meines Lebens heraus bestätigen, wenngleich manches, das mir damals als Wunder erschien, sei es aus Gewohnheit oder anderen Gründen mir gegenwärtig bei weitem nicht mehr so ungewöhnlich erscheint. Jedenfalls hatte ich damals geahnt, dass für mich das Leben durch Yoga eine Wende nehmen würde. Es hat sich bewahrheitet. Was für mich den Yoga so bedeutungsvoll machte, waren nicht bloß die tieferen Einsichten, sondern auch die Einbettung in eine gesellschaftliche Ordnung. Diese gab mir, der ich heimatlos war, eine neue Heimat. Ich wollte den Yoga nicht nur in mir erleben, sondern auch von ihm umgeben sein. Ich fühlte mich wie das Blatt eines Baumes, das an einem kleinen Zweig hängt, der seinerseits Teil eines größeren Astes ist. Das Kleinere ist mit dem Größeren verbunden bis zum Stamm. Für das Blatt bedeutet die Verbindung mit dem Baum auch die Verbindung mit der Lebensquelle.

 

Hier eine Stelle aus einer Vorlesung von Ananda:

 

Eingebettet in die großen Energieströme des Universums gibt es die jenseitigen Ashrams der Satgurus. Die Mitglieder gehören unterschiedlichen Entwicklungsstufen an, vom kleinen Chela bis zu dem mit dem Meister verschmolzenem Chela. Alle sind sie wichtig, alle haben sie ihre Aufgabe. Jede Gemeinschaft gipfelt in der Buddhi-Ebene und setzt sich nach unten auf den jenseitigen Astralebenen fort bis hinunter zur Erde.

 

Ein angenommener Chela wird sich durch viele Leben bewähren müssen. Seine Liebe und Hilfsbereitschaft für die Menschheit wird in jedem Leben stärker und im selben Maße nimmt sein Egoismus ab. Er lernt, sich durch nichts mehr davon abhalten zu lassen, seine Aufgabe voll zu erfüllen. Je weniger er an seinen Fortschrittserfolg denkt, desto schneller wird er auf seinem Weg vorwärts kommen. Er lernt sich von seiner Ichbezogenheit zu lösen.

 

Auf diese Weise dringt der Chela (Yogi) mehr und mehr in die Erkenntnisse seines göttlichen Urquells ein, und er erkennt, dass er untrennbar eins ist mit seinem Satguru. So wird er zum Schüler im Herzen des Meisters. Er ist von seinem Wesen immer umgeben. Durchdrungen von der göttlichen Allkraft wird er eins mit ihm.

 

Ich war damals überzeugt von der Idee durch etliche Vorleben schon dem Yoga angehört zu haben und solcherart in einem jenseitigen Ashram meine wahre Heimat zu haben. Es war mein verlorenes Paradies, zu dem ich wieder zurück wollte. Ich sah das allerdings eher verschwommen, etwa so:

 

Babaji

Unvergessen ruhst du in mir als Sehnsucht,

unsichtbar und doch fühlbar.

Geborgenheit fühl ich in deiner Nähe,

Heimat bist du mir.

Und doch, ich hab was damals war vergessen.

Wie lang wohl mag es her sein?

War es in dieser oder einer anderen Welt?

Meine Erinnerung ist in den Zeiten der Dunkelheit verblasst,

deine Liebe aber bleibt unvergessen in meinem Herzen!

 

 

In Träumen erklomm ich bisweilen eine steile Bergwand, hinauf zu einem Hochplateau. Dort in einem flachen Tal war ein Kloster und nicht weit davon meine Hütte:

 

Den Augen der Fremden verborgen,

zur einen Seite steile Felsen,

zur anderen Seite der Abgrund,

ist der Weg zurück in die Heimat.

Ganz oben, nicht sichtbar mehr,

wartet die kleine Hütte,

die Wände aus Steinen, die der Berg geschenkt,

als Dach der schützende Fels,

der sich über die Zweige neigt,

die notdürftig als Dach die Hütte bedecken.

Hier habe ich einmal gelebt,

mit dem Blick zum Himmel

und einem Lächeln beim Anblick

der klein erscheinenden Welt darunter.

 

 

Solche inneren Bilder hatten für mich eine weit größere Anziehungskraft als der Kampf um Status, Prestige und Position im Alltagsleben. All das, was viele Menschen sich so heiß ersehnen, war für mich vergänglich. Ein Monolog von Calderon, den wir als Sprachübung unter Leitung des Meisters oft rezitierten, bringt zum Ausdruck als was ich die Welt betrachtete (und noch immer betrachte):

 

 „Das Leben ein Traum“ von Calderon.

(Monolog von dem jungen Königsohn Sigismund)

 

Denn in den Räumen

der Wunderwelt in der wir schweben,

ist nur ein Traum das ganze Leben;

und jeder Mensch, erfahr ich nun,

er träumt sein ganzes Sein und Tun,

bis dann zuletzt die Träum entschweben.

Der König träumt, er sei ein König.

Und tief in diesen Traum versenkt,

gebietet er und herrscht und lenkt,

und alles ist ihm untertänig;

Doch es zerstäubt sein Glück der Tod,

der ihn zu wecken immer droht.

Wen kann die Herrschaft lüstern machen,

der weiß, sie schwindet beim Erwachen? –

Der Reiche träumet, und es zeigen

ihm Schätze sich doch ohne Frieden.

Es träumt der Arme auch hienieden,

er sei ganz elend und leibeigen.

Es träumet, wer beginnt zu steigen;

es träumet, wer da sorgt und rennt,

wer liebt und wer vom Hass entbrennt,

kurz, auf dem weiten Erdenballe,

was alle sind, das träumen alle,

obgleich nicht einer es erkennt.

Und also träum ich jetzt, ich sei

gefangen und mit Schmach gebunden,

wie ich geträumt vor wenig Stunden,

da ich mich glücklich sah und frei. –

Was ist das Leben? Raserei!

Was ist das Leben? Hohler Schaum,

ein täuschend Bild, ein Schatten kaum!

Gar wenig kann das Glück uns geben,

denn nur ein Traum ist alles Leben,

und selbst die Träume sind ein Traum.

 

Hätte ich damals die Möglichkeit gehabt mich in eine Yoga Einsiedelei zurück zu ziehen, so wäre dies die Erfüllung all meiner Träume gewesen. Ich hätte mich von der Welt zurück gezogen, um mich meinen mystischen Träumen hinzugeben. Allerdings wäre ich hierbei einer großen Illusion erlegen - nie wäre ich zu einer All-Liebe mit Verständnis und Bewährung gelangt, obwohl sie so nahe schien, und zwar deshalb, weil ich die Menschen aus diesen Träumen der Liebesverbundenheit ausgeklammert hätte. Liebe wäre ein euphorischer Zustand gewesen, ohne eine Bewährung durch die Begegnung. Ich schwärmte damals von einer Eremitage als einen ungestörten Ort der Gottesnähe.  Gott zu finden, indem man seiner Schöpfung den Rücken kehrt, ist vielleicht doch nicht der rechte Weg, wenngleich er sehr verlockend sein mag. Jedenfalls war es anderes vorgesehen.

Hierzu ein Klartraum, den ich in jener Zeit hatte:

 

Ich stand auf einem breiten Weg, rechts von mir eine Wiese, die den Blick auf den Hang ein kleines Stück frei gab.  Etwa hundert Meter oberhalb von mir wurde die Wiese von einem Buchenwald mit hohen mächtigen Bäumen begrenzt. Die Sonne ging gerade auf und überzog die Stämme und Blätter der Bäume mit rotgoldenem Leuchten.

 

Wie ich so die wunderschöne Landschaft bewunderte, wusste ich auf einmal mit großer Gewissheit: „Babaji wird in einem der nächsten Augenblicke die Wiese herab kommen!“ Freudige Erregung erfasste mich - welch wundervolles Geschenk!

 

Gespannt blieb ich stehen und wartete. Aus dem Buchenwald trat ein Mann heraus. „Da, jetzt kommt wer herunter! Das muss er sein“, schrie es geradezu auf in mir.

Der Mann kam näher und wurde deutlicher erkennbar. Es war eine hagere Gestalt, etwa um fünfzig Jahre, mit dem Aussehen eines Büroangestellten in ungebügeltem, schlottrigem Anzug.

 

„Ach, das kann er nicht sein“, dachte ich enttäuscht. „Babaji ist ein Inder und kein Europäer, läuft nicht im Anzug und schaut zudem ganz anders aus.“

 

Der Mann ging an mir vorbei und ich schenkte ihm keine weitere Beachtung mehr, den Blick neuerlich wieder zum Rand des Buchenwaldes gerichtet.

 

Ich wartete weiter, es dauerte für mein Empfinden lang und ich wurde etwas unsicher. „Vielleicht täusche ich mich doch in meiner Erwartung“, dachte ich mir. „Ah, da kommt wieder jemand die Wiese herab, das muss er sein!“

 

Als der Mann näher kam und ich ihn deutlicher sehen konnte, erkannte ich: er hatte ein wohl genährtes Bäuchlein, das sich vorwölbte und er hatte ein rötliches, schwabbeliges Gesicht. Ach, wie war ich enttäuscht. „Das ist kein Asket wie die Yogis des Himalaya“, dachte ich. Unbeachtet ließ ich den Mann an mir vorbeigehen.

 

Da hörte ich ein Lachen, das innen und außen gleichzeitig zu hören war. Dann kamen ernster und dennoch noch in heiterem Ton die Worte:

„Wenn Du mich in allen Menschen erkennst, dann werden wir uns wieder begegnen.“

 

Der Helltraum beschrieb meine damalige Situation treffend. Ich sah in meiner Nähe zu Babaji meine Yogaverwirklichung. Babaji war mir der Inbegriff von Liebe, innere Heimat und Geborgenheit. Obwohl es in diesem Traum deutlich gezeigt wurde, erkannte ich nicht, dass die Nähe zu Babaji nicht örtlich aufzufassen sei, sondern als Zustand. Es wurde mir zwar gezeigt, dass Babaji eins mit dem göttlichen Allbewusstsein sei, jenseits einer Ich-Du Beziehung, doch war mir dies noch zu fremd, als dass es Eingang in mein Bewusstsein gefunden hätte. Es war nur ein Schlagwort, das ich gern in den Yogastunden akzeptiert hatte, aber es war nichts, das in mir eine innere Resonanz ausgelöst hätte. So war für mich Babaji nach wie vor göttlich, jedoch Person. Dennoch begriff ich die Traumbotschaft zumindest so weit, um sie als eine Aufforderung zu sehen die Menschen lieben zu lernen. Nur dann könne ich einmal wieder örtlich mit Babaji in einer Gemeinschaft der Yogis vereint sein, so dachte ich damals. Ich machte mich in dieser Richtung auf den Weg und es wurde ein weiter Weg, viel weiter als ich damals ahnte. Ein weiterer kleiner Traum jener Zeit zeigte mir was noch auf mich wartete:

 

Ich wanderte entlang eines Ackerweges. Zur linken Seite war ein sehr großes  Ährenfeld mit seinen schönen, vollen goldgelben Halmen. Doch das Feld war sehr schütter und es gab viele und große Leerstellen in dem Acker. Dies erfüllte mich mit großem Bedauern, denn ich wusste, das Ährenfeld sollte meine Lebensleistung darstellen.

Dann wendete sich mein Blick zur rechten Seite. Dort sah ich einen haushohen Schotterberg. Ich erschrak. Das waren die Hindernisse, die „Steine auf dem Weg“, die es abzuarbeiten galt. Wie sollte ich das bewältigen können, dachte ich mir erschrocken?

 

Der Traum zeigte mir nicht nur meinen Seelenmangel und meine Aufgaben. Es war noch eine weitere Botschaft in dem Traum enthalten: Yoga ist keine Romantik, sondern harte Arbeit an sich selbst.

 

 

4

 

Vom Meister beschützt

 

 

Durch den täglichen Yogaunterricht wurde mein Kontakt zu Guru Ananda und dem Meister vertrauter und familiärer. Allmählich kam ich nicht nur zu den Yogastunden, sondern ich verbrachte meist den gesamten Abend bei dem Ehepaar. Allerdings waren das keine Plauderstunden, sondern ich half Ananda, indem sie mir Briefe an Kunstinteressenten diktierte und ich diese dann zu Hause in Reinschrift brachte. Ich entlastete Ananda zusätzlich zu den Schreibarbeiten bei Besorgungen und es dauerte nicht lange und Ananda setzte mich im Yogakreis als aktive Unterstützung ein. Speziell im Hatha Yoga schien ich ihr durch meine Gelenkigkeit sehr geeignet. Von den drei ursprünglichen Anwärtern war ich als einziger über geblieben. Ich erhielt jedoch auch dann meine täglichen Yogastunden, nun als Einzelschüler. Zusätzlich gab mir Ananda Bücher und Lehrmaterial und viele Ratschläge, die sich auf das Leben bezogen und den üblichen Rahmen eines Yogaunterrichtes überschritten.

 

Sowohl Guru Ananda als auch der Meister waren für mich beeindruckende Persönlichkeiten. Während mir Ananda ein neues Weltbild vermittelte und mir die Geheimnisse einer unsichtbaren bislang verborgenen Welt öffnete, lehrte mich der Meister die uns vertraute Welt mit anderen Augen zu sehen. Für ihn war alles, was wir zu erschauen vermögen, Ausdruck einer unfassbar vielfältigen göttlichen Schaffenskraft.

 

Nach einem dreiviertel Jahr Yoga, es war im Frühjahr, hatte ich einen Astraltraum, in dem mir Babaji begegnete.

 

 Ich saß in einer bäuerlichen Küche an einem Holztisch auf einer Bank. Babaji saß mir gegenüber und sah mich lange an und ich ihn. Es war eine sehr liebevolle Atmosphäre und unglaubliche Vertrautheit, die uns verband.

Dennoch erkannte ich ihn nicht, so sehr ich auch sein Gesicht betrachtete.

„Erkennst Du mich nicht? Ich bin Babaji“, sagte er nach einer Weile.

Ich schwieg. Er schwieg ebenfalls eine kurze Weile und gab mir dann einige Ratschläge bezüglich meiner Zukunft und Hinweise, worauf ich im Yoga achten solle.

 

Jetzt war ich mir gewiss, den Weg zu meiner inneren Heimat zu finden. Er war mir klar vorgezeichnet, wenngleich es ein ganzes Leben der Bewährung erfordern würde. In meiner Begeisterung schien mir das Leben im Vergleich zum angestrebten Ziel eine kurze Zeit zu sein. Ich war eben noch sehr jung und die vielen Jahre eines Lebens waren für mich eher eine abstrakte Vorstellung. Im Laufe der Jahre stellte ich fest, dass ein Leben mit seinen vielen Tiefen und Höhen durchaus mühevoll ist. Durch diese Begegnung mit Babaji war ich derart vom Ziel besessen, dass nur dieses für mich zählte und ich den weiten Lebensweg, der noch vor mir lag, beinahe vergaß. Es war wie der Blick zu einem vom Schnee weiß glitzernden Berggipfel, der greifbar nahe erscheint. Wenn man ihn jedoch besteigen will, dann erst weiß man wie weit wirklich der Weg zum Gipfel ist.

 

Yoga als Lebensschwerpunkt war für mich eine klare Sache. Ich fühlte mich beschützt und vertraute meiner Zukunft. Sie schien jenseitig und irdisch abgesichert zu sein.

 

 

der Meister

 

Einen besonderen Stellenwert hatte für mich der Meister. Der Meister, Anandas Künstlergemahl, war mir besonders zugetan und verhielt sich zu mir als wäre ich sein Sohn. Auch er war für mein Leben auf besondere Art prägend, was ich kurz skizzieren möchte:

 

Täglich nach meiner Arbeit  war mein erster Weg zur Wohnung von Ananda und dem Meister, um beide auf ihrem Weg zum abendlichen Kaffeehausbesuch zu begleiten. Wir liebten es auch kleine Umwege durch die Stadt zu machen. Meist ging Ananda schweigend neben uns, während ich mit dem Meister plauderte. Durch seine tiefe Lebenserfahrung und sein Wissen war der Meister für mich immer ein spannender Unterhalter. Er war auch mein Lehrer.

 

In weit ausholenden Gesten und vor Begeisterung leuchtenden Augen zeigte er auf Giebelfiguren, die Ornamente der Hausfassaden, und ihre Spuren der Zeit: „Für einen Künstler gibt es keinen Verfall. Betrachte diese Mauer, an welcher der Verputz teilweise abgefallen ist. Für einen Künstler hat die Mauerfläche ihre Eintönigkeit abgeworfen und bietet ein Bild voll Strukturen und Farben. Du kannst wie in einem Buch darin lesen. Es sind die Spuren der Zeit, die dem Haus Geschichte verleihen. Es sind Narben wie die Runzeln eines alten Menschen. Sie verleihen Charakter.“

Schau mal genau zu den Schatten, dann erkennst du, dass sie nicht grau sind, sondern immer auch von einem Farbhauch überzogen sind. Wenn du das beim Malen beachtest, gewinnen die Bilder an Leben und Gefühl. Du kannst dadurch besser Stimmung in das Bild bringen.“

 

 

Das ehemalige Kaffeehaus "Haashaus", das damals vis a vis vom Stephansdom stand. Wir besuchten es sehr oft. Jetzt steht ein modernes, kaltes Glasgebäude dort und zerstört die Aura einer alten Zeit. Es demonstriert sich ehrfurchtslos gegenüber der alten Geschichte der Stadt, welche durch den Dom repräsentiert wird.

 

Durch die Erklärungen des Meisters wurden die Häuser der Innenstadt mit ihren schmuckvollen Fassaden für mich zu Kunstwerken. Sie bekamen Vergangenheit, die später ergänzt wurde durch die Geschichten, die man sich über manches Haus erzählt. Auch veränderten die Fassaden mit der Tageszeit ihr Antlitz, Konturen wurden durch Schatten verstärkt, Figuren durch die Sonne hervorgehoben, die Farben wurden satter oder blasser. Jede Wolke veränderte die Farben und die Schattierung und einen Schritt weiter sah wiederum alles anders aus. Ich lernte durch den Meister, dass wir, mit dem Blick eines Malers, von einer wundervollen Welt umgeben sind. Es ist eine ekstatische Welt. Sie richtig zu erkennen heißt zu staunen, sich in Stille dem Strom der Eindrücke hinzugeben, jenseits allen analytischen Zweckdenkens. Ich lernte dadurch die Schöpfung anders zu sehen, etwa weniger aus der Warte des Zweckdenkens. Ich lernte sie als Kunstwerk zu sehen, und dass es möglich ist, sich in jedes kleine Detail, in jedes zufällige Arrangement zu vertiefen und hierbei in einen Zustand leichten ekstatischen Verzückens zu gelangen. Die Erklärungen des Künstlers vernetzten sich mit meinen späteren ekstatischen Erfahrungen beim Astralreisen. Die Welt selbst wurde für mich zur Basis meiner Meditationen. Ich erlernte Verzückung mit offenen Augen zu erlangen.

Das alles begann mit dem Meister, der mich lehrte die Einmaligkeit und Schönheit der Dinge zu sehen und die Welt zu lieben. Durch ihn wurde meine ursprüngliche Tendenz zur Weltflucht verändert. In Fortsetzung dieses neu eingeschlagenen Weges wurde ich in späteren Jahren mehr und mehr zu einem Liebesmystiker.

Das sind Yogaübungen, die ihren Ursprung in jenen damaligen Erklärungen des Meisters haben:

 

Unsere Umgebung mit den Augen eines Touristen zu sehen.

(Aus dem ebook „Die Sandlerin Dasi“ von A. Ballabene):

 

Es liegt folgender Sinn dahinter. Wir sind, was unsere nähere Umwelt anbelangt, zumeist völlig abgestumpft. Wir sehen sie nicht mehr an. Unser Interesse gilt unserem Ziel, etwa dem Einkaufsladen oder unseren Problemen. Dadurch, dass unsere Aufmerksamkeit auf diese Nahziele ausgerichtet ist, wird der Umgebung keine Aufmerksamkeit mehr gezollt - unsere Wahrnehmung ist oberflächlich geworden. Wenn wir schauen lernen, werden wir entdecken, dass es in unserer näheren Umgebung viel Interessantes zu sehen gibt. Nach dem Du Arik in einem schönen Wohnbezirk aus der Gründerzeit und dem Jugendstil lebst, kannst Du wunderschöne Fassaden entdecken, wenn Du Deinen Blick nicht auf den Asphalt richtest, sondern auf die Giebel und Fassaden der Häuser.

 

 

Portalfiguenr aus der Nachbargasse des späteren Döblinger Ashrams

 

Stellen wir uns vor, dass uns die Stadt und die Straße, durch die wir gehen, völlig fremd ist. Wir stammen aus einem anderen Land, haben ein teures Flugticket gekauft, um eben diese Stadt sehen zu können. Und jetzt sehen wir uns alles aufmerksam an. Nicht nur weil wir Touristen sind, und diese Stadt besonders schön ist. Zu Hause wollen wir darüber erzählen können, und wir wollen uns auch noch nach Jahren daran gut erinnern können. Die nun erschaute Umgebung hat für uns einen besonderen Wert, nachdem es für uns nicht leicht war Zeit und Geld für diesen Urlaub zu erübrigen. Wir wollen uns deshalb ein jedes Detail gut merken und sehen uns alles ganz genau und aufmerksam an. Natürlich nur das, was wir schön finden, aber es gibt viel, was wir schön finden können. Wenn der Stadtteil nicht so einnehmend schön ist, wie jener Deiner jetzigen Umgebung, gibt es sicher noch genug Motive für eine Foto, das man vielleicht als Motiv mit tieferem Sinn herzeigen könnte.

 

 

Die Einmaligkeit entdecken lernen

Hin und wieder sollten wir in unserem hektischen Alltag eine Pause einegen und uns nicht jagen lassen. In dieser Pause wollen wir uns einmal die Dinge wirklich, nicht oberflächlich, sondern ganz genau ansehen. Üblicherweise gleiten die Dinge an uns vorüber. Statt einer Begegnung mit einem Blatt genügt das Wort "Blatt", das sich in unserem Kopf als Kommentar bildet und schon sind wir vorbei gegangen. Lernen wir entdecken: das Blatt ist nicht bloß grün! Es ist mehr, es enthält ein ganzes Farbenspiel von Grün - die Äderung, die Schatten, die Flecken, die Narben - es ist ein ganzes Buch, das uns seine Geschichte erzählen möchte. Es wartet darauf von uns entdeckt zu werden!

 

  

 

 

Text aus dem ebook "Die Sandlerin Dasi" von.A. Ballabene:
Dieses kleine Blatt vor Dir, schau es einmal genau an. Es ist nicht gleichmäßig grün. Die Adern sind heller, daneben ist das Grün dunkler und zwischen den Blattadern ist es wieder heller. Es hat auch ungleichmäßige Flecken. Manchmal auch einen braunen Tupf. Und das nächste Blatt schaut völlig anders aus. Es ist größer, die Symmetrie etwas einseitig geworden, die Spitze etwas hochgebogen. Eine Stelle am Rand ist abgefressen. Das dritte Blatt sieht wiederum anders aus. Wie viele tausend Blätter hat so ein Baum? Und jedes Blatt ist anders, ist einzig. Ist das nicht staunenswert, bewunderungswert?

 

 

Wir sind von Kunst umgeben, von einer Einmaligkeit in Ausdruck und Schönheit wie sie kein Künstler wieder geben kann.

 

Eines Tages sagte der Meister zu Ananda: „Alfredo wird immer bei dir bleiben und dir eine Lebensstütze sein.“ Er sagte dies in voller Überzeugung, als Zeichen einer Vorahnung. Vorahnungen des Meisters waren für Ananda Schicksalsweisungen und sie vertraute ihnen, da sie sich bislang immer bewahrheitet hatten. 

Ab nun begegnete mir Ananda mit noch mehr Aufmerksamkeit.

Auch diesmal würden sich die Worte des Meisters erfüllen.

 

Ich glaube, der Meister fühlte damals, dass seine Lebenszeit zu Ende ging und wünschte sich für Ananda eine Stütze. Es würde mich nicht wundern, wenn er hierfür intensiv gebetet hatte. Ich glaube es sogar. Er wusste, dass Ananda nicht so selbstsicher war, wie sie sich gab. Die Welt war ihr niemals eine Heimat. Allein gelassen nach seinem Tod hätte sie vielleicht aufgegeben. Sie war eine immens starke Kämpferin, aber nur dann, wenn es etwas gab, wofür sich zu kämpfen lohnte. Sie kämpfte für andere und niemals für sich.

 

Der Meister lebte in seiner Kunst und stand über dem Alltagsleben. Nie mischte er sich in die Angelegenheiten Anandas ein. Ich glaube aber, dass er es in meinem Fall getan hätte, wenn es notwendig gewesen wäre mich zu beschützen. Er mochte mich und zwischen uns herrschte eine unausgesprochene Seelenverbindung, die uns in vielem übereinstimmen ließ. Diese innere Verbindung blieb bis heute. Sie zeigt sich in Zufällen, wenn man diese Geschehnisse als Zufall sehen will: so lebe ich jetzt im Nachbarort seines Geburtsdorfes im Burgenland, rein zufällig. Oft schon habe ich inzwischen sein Geburtshaus aufgesucht und mit Menschen gesprochen, die ihn kannten.

 

 

Altes Bild von der Villa in Zurndorf, dem Geburtshaus vom Meister

 

 

Parkanlage der Villa

 

5

 

Vertiefter Yogaunterricht

 

 

In meinen ersten Yogajahren lernte ich einen Leitspruch den man Hermes Trismegistus zuschreibt. Dieser Spruch war Ananda sehr wichtig und wir mussten ihn uns als kosmische Strukturformel einprägen. Der Spruch lautet:

Wie unten so oben,

wie oben so unten.

 

In Erweiterung kann man den Sinn folgendermaßen ergänzen:

Wie innen so außen,

wie außen so innen.

 

Die Formel besagt, dass das Äußere auf das Innere wirkt und umgekehrt. Das gab mir Ananda in Form einer Verhaltenslehre weiter. Aus den Bewegungen, der Körperhaltung, dem Gesichtsausdruck kann man relativ detaillierte Rückschlüsse über die psychische Verfassung eines Menschen ziehen. Umgekehrt gibt es auch die Möglichkeit, über Körperhaltung und Bewegungsabläufe auf die Psyche einzuwirken und die Persönlichkeit eines Menschen durch Training im positiven Sinne umzugestalten.

Der Meister war in seiner Jugend ein bereits gefeierter Schauspieler im Deutschen Theater zu Prag. In der Darstellung verschiedener Charaktere musste er in Sprache, Auftreten und Haltung die im Theater dargestellten Persönlichkeiten dem Publikum glaubhaft darstellen. In seiner Schauspielerschulung erlernte er die Charakterimitationen bis ins kleinste Detail.

Ananda wurde hierin seine gelehrige Schülerin. Sie versuchte Wissen und Methoden, die sie vom Meister übernahm, zusätzlich durch Yogaübungen, wie etwa bewusstes Atmen zu erweitern. Wir lernten uns mittels der von ihr gelehrten Methoden in eine Geisteshaltung zu vertiefen und diese durch Autosuggestion und Selbstkontrolle zu festigen.

 

Teils in praktischen Anwendungen innerhalb von Einzelstunden, teils in kurzen Bemerkungen begann mich Ananda in Verhaltenskontrolle und Körpersprache zu schulen. Wir saßen etwa im Freien an einem Tisch und beobachteten die Passanten. Ananda erklärte mir an den Details der Körperhaltung und Bewegung die jeweiligen Charakterzüge der Menschen. Ein erster wesentlicher Eindruck, den man schon aus der Ferne gewinnen kann, war die Beobachtung der Haltung und Bewegung beim Gehen. Unsere Yogastunden in den Kaffeehausgärten erwiesen sich hierbei als besonders geeignet für solche Studien. Vorbeigehende Passanten wurden beobachtet, einige Details ihrer Haltung oder Bewegung erklärt und dann wurde ich gebeten selbst einige Schritte zu gehen und das soeben erschaute Verhalten zu imitieren, wobei ich zum besseren Erkennen die zu studierenden Ausdrucksformen übertreiben sollte. Ich lebte mich in unterschiedliches Persönlichkeitsverhalten ein, imitierte dieses und horchte in mich hinein. Anschließend besprachen wir, was ich hierbei gefühlt hätte und wie es auf meine Stimmung und mein Selbstbewusstsein rückgewirkt habe.

 

Gang, Mimik, Gebärden in ihrer Wechselwirkung zur Psyche verstehen und anwenden zu lernen, all das war zu komplex und aufwändig, um es in einem Schülerkreis weiter zu geben. Aber mir als bevorzugten Schüler wurde das alles erklärt. Unter all den möglichen körperlichen Ausdrucksformen waren es jene der Selbstdisziplin und Willensstärke, auf die Guru Ananda besonderen Wert legte und was sie sofort korrigierte. Aber mein Gang schwankte ohnedies nicht, ich hatte ein festes Auftreten, indem ich von der Ferse aus den Fuß abrollte und Guru Ananda war damit ohnedies zufrieden. Oft beobachteten wir gemeinsam die Gangart eines Yogaschülers und beurteilten sie, Rückschlüsse auf seine Eignung im Yoga ziehend.

 

Teilweise lehrte mich Ananda auch hierzu gehörige exotische Übungen. Ich erinnere mich an den „Fingertanz“, eine persische Übung, in welcher man durch Fingerstellungen auf die Psyche einzuwirken versucht.

 

Die Anwendung all dieser Methoden an mir selbst war nicht einfach. Es erforderte eine bleibende innere Aufmerksamkeit und immer wiederkehrende Korrekturen, wenn ich in alte Verhaltensmuster zurück gefallen war. In drastischen Fällen wies mich Ananda darauf hin, während sich der Meister mit Kommentaren zurück hielt.

 

Die ersten Korrekturen betrafen sehr augenscheinliche Gegebenheiten, etwa Körperhaltung, Atmung und Lautstärke und Betonung der Sprache bei Vorträgen. Ein Aspekt, der mir sehr zu schaffen machte, war meine Schüchternheit. Am liebsten hätte ich mich bei meinen Vorträgen im Rahmen des Schülerkreises verkrochen. Die Yogamethode des Sattipathana kam mir hierbei jedoch sehr zur Hilfe. Ich fragte mich: „Wer hat Angst, das vergängliche Ego oder das unsterbliche Selbst?“ Weiter sagte ich mir: „Deine Aufgabe im Yoga ist es über das vergängliche Ego hinauszuwachsen und sich nicht damit zu identifizieren.“ Das half mir sehr, mich nicht so wichtig zu nehmen und mich voll auf den Inhalt zu konzentrieren. Natürlich spricht man, wenn man Angst hat, leise. Es kostete mich eine starke Überwindung laut zu sprechen. Letztendlich war es nicht die Lautstärke, sondern die Psyche, welche ich im Vortrag kontrollieren musste. Dass ich laut und deutlich sprach, darauf achtete Ananda ganz besonders. Sie ließ in keiner Weise mangelnde Selbstdisziplin zu.

Um es mir leichter zu machen, verschaffte sie mir Unterlagen und hörte sich in der Anfangszeit vor der Stunde meinen Vortrag an. Das gab mir mehr Sicherheit, denn ich wusste dann, dass zumindest inhaltlich alles in Ordnung wäre und ich diesbezüglich keine zusätzliche Furcht haben müsste.

 

Noch schwerer als Vorträge waren Gedichte. In den Gedichten mussten die Emotionen voll zum Tragen kommen. Ich konnte nicht einfach intellektuell in den Raum sprechen, sondern musste meine Zuhörer anblicken und meine Gefühle in Klang, Lautstärke und Pausen zum Ausdruck bringen. Um das zu können musste ich autosuggestiv mein Selbstbewusstsein stärken, von dem Gesprochenen überzeugt sein, und zwar derart stark, dass Denken und Fühlen auf die Zuhörer übertragen wurden. Ein innerer Widerstreit meinerseits zwischen Wollen und mangelndem innerem Vertrauen hätte die innere Kraft zum Verschwinden gebracht. Ich lernte bei einem Vortrag oder dem Rezitieren eines Gedichtes, die nötige innere Einstellung wie mit einem Schalter einzuschalten. Da gab es kein Wenn und Aber, sondern nur den inneren Befehl, der absolut war und dem sich nichts in mir entgegen stellen durfte. Ohne es zu wissen übte ich solcherart die Kraft des inneren Befehles, eine gleichsam magische Kraft, die mir in späterer Zeit schier Unmögliches zur Kleinigkeit werden ließ. So konnte ich später mittels des inneren Befehles, der zugleich mit Gedankenkontrolle verbunden war, eine aufkommende Depression wie bei einem Lichtschalter von einem Augenblick zum anderen auszuschalten.

 

Guru Ananda war eine Meisterin auf diesem Gebiet. Hätte sie es gewollt, so hätte sie solcherart eine Raum füllende Gruppe suggestiv oder beinahe hypnotisch führen können. Sie wollte es nicht, musste es auch nicht mehr wollen, ihre Ausstrahlung war so stark, dass sie ohnedies alle in ihren Bann zog.

 

Wie sich die Äste eines Baumes in immer feinere Zweige auffächern, so war es auch mit dem Erlernen der Zusammenhänge um das Wissen der Rückwirkungen von Innen und Außen. Das, was mit Gestik, Haltung, Mimik usw. begann, wurde von Ananda später durch Graphologie, Schriftkunde, erweitert. Ananda war eine geprüfte Graphologin. Auch in der Schrift, lernte ich, kommt die Gesamtpersönlichkeit zum Ausdruck. Einige Graphologen behaupteten sogar, dass man durch eine Änderung des Duktus der Schrift seine Persönlichkeitsmerkmale ändern könne.

 

Ananda holte aus ihrem Bücherregal den „Klages“, ein dickes, sehr trocken geschriebenes Fachbuch. Damals war es die bekannteste Lehrschrift der Graphologie. Mit dem Buch als Lernunterlage und mit Hilfe von Anleitungen Anandas vertiefte ich mich im Grundwissen der Schriftdeutung.

Die Schriftdeutung geht von den vier Grundrichtungen des Menschen aus:

Oben (Oberlängen): entspricht der Kopfregion, dem Intellekt. Sind die Oberlängen schmal entspricht dies nüchternem, zielstrebigen Denken, sind die Oberlängen ausholend, so spricht dies einer phantasievollen bis schwärmenden Veranlagung.

Unten (Unterlängen): der Boden die Basis, das Materielle. In der Breite und Länge der Schleifen zeigt sich die Betonung des Aspektes.

Die Neigung der Schrift. Es ist hierbei nötig zu unterscheiden, ob die Schrift von einem Rechtshänder oder Linkshänder stammt; zeitbedingte Gepflogenheiten und Schulzwänge sind ebenfalls von Einfluss - deshalb ist eine Altersangabe der Schreiber nötig.

Rechts ist das Zukünftige, das wohin man strebt (bei Rechtshändern). Vorgeneigt strebt man hin.

Links (bei Rechtshändern) ist das Vergangene, das woher man kommt. Ist die Schrift dort hin geneigt, so hat dieser Aspekt besondere Bedeutung - psychische Bindungen, Scheu vor Taten (Tat erfolgt in der Zukunft) etc. Linksneigung kann auch Angst vor der Zukunft sein.

In der Schrift spiegelt sich auch eine Gestik, etwa weit ausholend und übertreibend, kraftvoll oder hauchzart und vieles mehr.

 

Von der Graphologie her war es nicht mehr weit zur Psychologie und von dort zur Traumdeutung. Besonders schätzte ich die Archetypen Lehre nach C.G. Jung, als Grundelement der Symbolkunde.

Mein Wissen und Interesse weitete sich aus bis zur Mythologie und Symbolik in der Volkskunde. Ein diesbezüglich ungemein reiches Feld boten Märchen und ich liebte es, solche in den Yogastunden zu bringen und auszulegen. Die Wissensgebiete verzweigten sich immer mehr und es reichte nicht mehr Notizen in einem Protokollbuch anzulegen. Ich legte mir meine ersten, nach Sachgruppen geordneten Skripten zu, etwa ein „Symbollexikon“, das ich bebilderte und mit Beispielen aus eigenen Träumen belegte.

 

Ananda war bei aller Religiosität erdverbunden und pragmatisch. Das, was ich im sozialen Verhalten und Auftreten bei ihr erlernte, wurde durchgetestet. In diesem Sinne wurde ich gelegentlich Bekannten aus dem Nahkreis vorgestellt und bei Einladungen mitgenommen.

 

Mein Selbstbewusstsein und meine Selbstsicherheit wuchsen mit zunehmenden Erfolgen und Ananda zog mich vermehrt als Berater ins Vertrauen. Es gab vieles um den Meister und die Lebenssituation, das sie mit Außenstehenden nicht besprechen konnte. Allmählich wurde ich für sie, tatsächlich wie vom Meister vorhergesagt, zu einer Stütze.

 

 

6

 

Hinter den Kulissen

 

 

Ananda war zumeist sehr ernst. Ich interpretierte dies als Persönlichkeitsmerkmal und als Folge der tiefen Einsichten durch Yoga, in dem Sinne: Die Welt ist eine Prüfung, der man nur mit Ernst und Kampfgeist begegnen kann. Das entsprach ungefähr meiner Idealvorstellung, die ich in Ananda hinein projizierte. Yoga als innere Kampfdisziplin, das gefiel mir, dagegen Yoga als Meditationsweg, der uns heiligt und zu liebevollen Wesen macht, das hätte ich damals als einen verweichlichten Weg betrachtet.

 

Das Leben von Ananda war jedoch keineswegs so einfach wie es den Anschein hatte und ich dachte. Ihr Ernst hatte tiefgreifende Ursachen und bezog sich auf Lebensprobleme. Sie hatte große Sorgen um die Gesundheit des Meisters. Dass ich Einblick in die Familientragik bekam, verdanke ich einer Handvoll Karotten (Mohrrüben).

 

Es begann so:

Zu jener Zeit wohnte ich in einer Bassenawohnung (eine Wohnung ohne Wasser und Toilette). Eine Bassena ist kleines, gusseisernes Auffangbecken mit einem Wasserhahn. Der Wasserhahn ist so hoch, dass man bequem einen Eimer (Kübel) darunter stellen konnte. Die Basena befindet sich irgendwo im Hausflur oder gar im Hof. Natürlich gibt es hierbei nur Kaltwasser. Die Toilette befindet sich in solchen Häusern ebenfalls im Hausflur, und wenn man mal in der Nacht hinaus muss, dann sieht man gelegentlich Nachbarn geisterhaft in ihren Schlafgewändern dahinhuschen.

 

Warum ich so ausführlich über diese altmodischen Installationen schreibe? Es erschwerte das Kochen! Ich hatte einen kleinen Gasofen, „Rechaud“ sagte man bei uns. Ein Standardgerät. Der Ofen hatte zwei Flammen und einen Gummischlauch, den man auf die Schlaucholive am Ende des Gasrohres, das mit einem Absperrhahn aus der Mauer hervor sah, stecken konnte. Der Gummischlauch war noch nicht brüchig. Mit diesem Gerät hatte ich mir etliche male Mittagessen gekocht.

Aber wie sollte ich die Teller abwaschen? In der winzigen Bassena, mit kaltem Wasser und offenem Abfluss? Einen Stöpsel für die Bassena zu basteln, das  hätten die Nachbarn nie zugelassen, denn die Basena war ein Heiligtum und durfte nur zur Entnahme von Wasser verwendet werden. Für einen einzigen Teller war es zu aufwendig Wasser zu wärmen. In einer derart kleinen Wohnung musste man zum Abwaschen das „Lavoir“ (Waschschüssel für die Morgen und Abendtoilette, aus emailliertem Blech) verwenden. Darin hätte ich die Teller abwaschen müssen und dann zur Gang-Toilette laufen müssen, um das Abwasser auszuleeren (es galt als schwerer Verstoß, Abwasser in die Bassena zu leeren). Oft ging bei solchen Aktionen die Tür einer Nachbarin auf, die mit Argusaugen darauf achtete, dass man ja die Gepflogenheiten für Bassena und Toilette einhielt. „Bei den jungen Leuten kann man nie wissen was die anstellen, die haben ja keine Ahnung vom Leben.“

Man könnte noch mehr darüber berichten, aber ich will zum eigentlichen Kern der Erzählung kommen. Jedenfalls wissen Sie jetzt, zumindest teilweise, wie umständlich eine solche „Kleinigkeit“ wie Teller abwaschen in Bassenahäusern sein konnte.

 

Nun, um die Mühen zu rationalisieren und die Teller einiger Tage auf einmal waschen zu können, stapelte ich die schmutzigen Teller auf einem Stuhl der Vorzimmer-Küche. So war es zumindest geplant. Sobald die sauberen Teller aufgebraucht  waren, merkte ich, dass die alten Teller steinhart verkrustet waren und nicht mehr aufweichten. So warf ich das Ganze in den Mülleimer. Ab diesem Zeitpunkt aß ich kalt, denn in Gasthäusern zu essen konnte ich mir nur gelegentlich leisten.

 

Von Broten und dergleichen zu leben ist nichts Besonderes, viele Studenten leben so.

Es war so, dass bei Guru Ananda eine Schülerausbildung völlig anders erfolgte, als in einem der üblichen Seminare oder Kurse. Sie inspizierte die Wohnungen von sich allein versorgenden Schülern, zum Glück unter Vorankündigung. Auch ich hatte die unerfreuliche Ehre. Ein Bild, über einen Meter groß, von mir mit Kohle gezeichnet, eine barbusige indische Tänzerin mit schwingenden Hüften darstellend, erweckte einen missbilligenden Blick und musste von der Wand entfernt werden.

Gelegentlich wurde auch meine Tasche mit den Yogasachen inspiziert. Etwa ob die Yogakleidung sauber in ein Tuch eingeschlagen sei. Als Ananda in der Tasche einmal Karotten (Mohrrüben) vorfand, mich verwirrt fragte, was die wohl da zu suchen hätten und hörte, dass dies mein Essen sei, da schmolz ihr Herz vor Mitleid.

Ab diesem Augenblick verwandelte sie sich von einem strengen zu einem gütigen Guru.

 

Nach der Tascheninspektion wurde ich gebeten bei ihr zu essen. Sie kochte für mich extra große Portionen und versuchte mich so pummelig werden zu lassen wie sie selbst war, das allerdings mit geringem Erfolg. Sehr oft kochte sie eigens für mich eine meiner Lieblingsspeisen. Das schmeckte fabelhaft, denn Ananda war eine gute Köchin.

 

Durch das tägliche Essen bei Ananda wurde ich vollkommen in das Leben von Ananda und den Meister integriert. Ich wurde zu einem Familienmitglied.

 

Gelegentlich war ich dabei, wenn ein Bild gemalt oder eines verkauft wurde. In letzterem Fall fiel mir die Küchenarbeit mit Kaffeekochen und Servieren zu. Solche Hilfestellungen waren nur am Wochenende oder abends möglich, da ich eine ganztägige Arbeit hatte.

 

Allmählich tauchte ich tiefer in die Welt des Meisters und Anandas ein. Da gibt es interessante Details, die ich gerne erwähnen möchte. Beginnen wir mit der Malweise des Meisters. Seine Malweise faszinierte mich und ich bewunderte ihn sehr ob seiner Virtuosität. Er hatte eine ungemein ausgeprägte Eidetik, konnte Bilder mit seinem inneren Auge auf die Leinwand projizieren und dann einfach nachmalen.

 

Der Meister war ein ekstatischer Maler. Wenn er ein Bild malte, war die Außenwelt für ihn nicht mehr existent. Niemand durfte ihn ansprechen und aus seiner Trance werfen. Selbstverständlich gab es hierbei weder Essen noch Pausen. Am Ende war er erschöpft und ausgelaugt.

In Malekstase kam er, wenn ihn etwas so  faszinierte, dass es aus dem Alltag hervor stach. Das hing nicht bloß von einem erschauten Motiv ab, sondern war ein Zustand, der sich ebenso gut aus einem Gedicht oder aus einer Idee heraus aufschaukeln konnte.

 

Seine Bilder entstanden in Spachtelarbeit. Sie bekamen durch diese Technik nicht nur Farbe, sondern auch Tiefe und Profil. Das macht seine Bilder für mich besonders schön.

 

Zu meiner Überraschung bat mich der Meister eines Tages ihm ein Bild zu skizzieren. Es ging dabei um die Andeutung einiger Personen. Ich malte drei Personen mit Kohle auf die Leinwand. Es gefiel dem Meister und es war geeignet ihn zu inspirieren.

Er stellte sich in zwei Meter Abstand vor die Skizze und sah sie etwa eine Minute lang an. In dieser Zeit schienen die Figuren für ihn lebendig zu werden. Er beschrieb es mir mit einigen hingeworfenen Kommentaren. Sie schritten im Bild von da nach dort, einige Personen kamen noch dazu, um mit den ersteren zu plaudern. Als die Gruppe fünf Personen aufwies und die Personen gerade so standen, dass ihre Anordnung harmonisch war, zeichnete sie der Meister durch schnelle Pinselstriche in Umrissen nach. Meine Kohlezeichnung, die längst nicht mehr zur neu entstandenen Szene passte, störte ihn hierbei nicht im geringsten. Sie war schon längst in seiner Phantasie von einem anderen, leuchtenderen Bild überlagert.

 

Die Figuren in den Bildern lebten für den Meister. Wenn das Bild fertig war, waren die dargestellten Personen in der Bewegung relativ eingeschränkt, aber gestikulieren konnten sie noch immer, etwa wenn sie mit dem Meister diskutierten. Gelegentlich gab mir der Meister die Ehre und ließ mich an solchen Diskussionen teil haben. Er stellte mir die einzelnen Akteure vor und ihre Charaktere. Besonders liebte er die humorvollen und witzigen Typen. Diese wurden in seinem Zimmer an einer besonders günstigen Stelle an die Wand gehängt. Die Zimmerwände waren in allen Räumen mit Ölgemälden beinahe lückenlos tapeziert.

 

Die gemalten Figuren waren für den Meister geisterhafte Wesen halb Fantasie, halb visionär real. Sie gehörten einer anderen Welt an, ihrer eigenen Welt und waren von unserer irdischen Welt nur durch ein Fenster getrennt, wobei der Bilderrahmen zugleich der Fensterrahmen war.

Gelegentlich verdolmetschte mir der Meister die Worte, welche die Bildgeister zu ihm sprachen. Dann wendete er sich dem Bild zu, sprach und lachte kurz darauf. Der Meister gab mir dann die Antwort der Bildgeister, so dass ich der Diskussion zu folgen vermochte.

 

Diese Verlebendigung, die ihm einmalig schöne und dynamische Bilder erschaffen ließ, hatte auch seinen Nachteil: Die Nacht ist eine besondere Zeit! Die Herrscher der irdischen Welt, wir Menschen, begeben sich zur Ruhe und mit ihnen aller Lärm und alle Hektik. Wir machen den Geistern Platz, die nun ihrerseits die Welt übernehmen. Das zumindest galt für den Meister.

Die Geister sprangen und kletterten aus den ihnen zugewiesenen Fenstern und umringten den Meister, der in seinem Bett lag und nicht mehr einschlafen konnte. Täglich zog der Meister mit Kreide seinen Bannkreis, um sie auf Abstand zu halten. Da standen sie nun und diskutierten auf ihn ein, meist alle zugleich. Sie waren empört, wenn der Meister sie nicht anhörte, sich ihnen nicht einzeln widmete, sondern sich nur dem Kollektiv zuwendete, um es zu verscheuchen. Aber wie sollte er diese Ansprüche erfüllen können, wenn alle gleichzeitig gestikulierend auf ihn einsprachen? Einzelne Geister wurden ob seiner Ignoranz wütend, erhoben die Fäuste und schrien. Das schaukelte sich auf und allmählich begann die ganze Menge zu toben.

 

 

Nacht für Nacht sprang der Meister zuletzt verängstigt aus dem Bett und lief in seinem Schlafzimmer herum. Allmählich bekam auch Ananda Angst, zwar nicht vor den Geistern, aber vor dem in Panik geratenen Meister. Auch sie hatte dadurch schlaflose Nächte.

 

Aus dieser Situation heraus ist es verständlich, dass mich Ananda eines Tages bat in ihre Wohnung zu übersiedeln. Sie hatte Angst! Ich richtete mir ein Bett in dem Schauraum, ein zentrales, sehr großes Zimmert, und wir legten einen Klingeldraht von meinem Bett zu ihrem. Bei mir war die Schelle. Sollte die Situation einmal kritisch sein, würde sie auf den Klingelknopf drücken und ich könnte ihr zu Hilfe eilen. So war es gedacht. Glücklicherweise kam es nicht dazu.

 

Interessanterweise wirkte ich auf den Meister sehr beruhigend. Dadurch konnte ich bei ihm manches durchsetzen, was er Ananda schlichtweg abgeschlagen hatte - etwa seine Gemälde zu signieren.

 

Von all diesen Problemen erfuhr keiner der außen stehenden Menschen. Man konnte dem Meister tagsüber seine Krankheit nicht ansehen, denn er war hochintelligent und gebildet und eine sehr starke Persönlichkeit. Jeder, der ihn kannte, war von ihm beeindruckt. Zudem war er gerecht und humorvoll, wenngleich er einen etwas sarkastischen Humor liebte. Die Ereignisse der Nacht waren unser tiefes Geheimnis.

 

 

Schlaflose Nächte und Stress

 

 

7

 

Annahme als Schülersohn und neue Dimensionen

 

 

Die Wohnung von meinem Guru und dem Meister hatte Geschichte. Sie lag in der Innenstadt von Wien und zwar am Rande des alten Stadtgrabens. Alles rund herum hatte die Patina wechselvoller Ereignisse der letzten tausend Jahre. Türkenkriege, Pest, ein Knotenpunkt für den Handel mit dem Orient – die Stadt war ein Schmelztiegel von Völkern und Kulturen. Das strahlte auf die Atelierwohnung aus, von deren Dachterrasse man auf die Giebel der umliegenden Häuser sehen konnte, aufgelockert durch die zahlreichen Kirchentürme dazwischen.

 

 

Ananda vor ihrem Zimmeraltar

 

Die dortige dichte Aura hatte auch eine Rückwirkung auf mich. Sie erhöhte meine Medialität. Zur mentalen und emotionalen Patina der Stadt kam nämlich noch die Aura der Wohnung hinzu in ihrer neugotischen Innengestaltung. Damit man sich besser einleben kann, will ich zunächst mein „Schlafzimmer“ beschreiben.

 

Alle Wohnräume bogen sich wie ein flaches Hufeisen um einen sehr großen Raum mit spitz zulaufenden gotischen Fenstern, schwarzen Deckenbalken und offenem Kamin. In diesem Raum war mein Bett aufgestellt. Der Eingang hinzu war eine im Spitzbogen zulaufende, mit Eisenrosetten verzierte, schwarze Holztür. Schräg gegenüber dem offenen Kamin war ein mit schwarzem Holz verkleideter, schmaler Gang, von etwa drei Meter Länge. Zwei oder drei Stufen führten hinauf und wenn man sich vortastete, konnte man an seinem Ende eine Holzbank vorfinden. Kein Sonnenstrahl konnte dort zu der dem Licht abgekehrten Seite vordringen. Wie es den Anschein hatte, war der Gang einmal von zentraler Bedeutung, denn um ihn zu gestalten musste man eigens links und rechts hiervon zwei Kammern bauen. Gerüchte besagten, dass hier einmal geheime Kulte durchgeführt wurden.

 

Das Kopfende meines Bettes war nur drei Schritte von den Stufen des dunklen Ganges entfernt. Wenn ich im Bett lag und zur Zimmerdecke empor blickte, sah ich über mir schwarze Deckenbalken mit Tierköpfen. Ich lag anscheinend im Zentrum eines ehemaligen magischen Kultraumes. Noch immer schienen einige der früher beschworenen Kräfte im Raum zu hängen. Ich bin überzeugt, die magische Aufladung des Ortes erweckte mein mediales Empfindungsvermögen und führte zu Halbschlafzuständen mit geisterhaften Begegnungen.

 

Ich liebte diese prickelnde, geladene Atmosphäre. Oft sah ich nach einem kurzen Albtraum in einer Art Wachtraum eine Geistergestalt vor mir, die mich anstarrte. Ich sah sie mir zumeist genau an und schlief anschließend ungestört weiter. Es gab auch eine alte Frau, die sich fürsorglich um mich zu kümmern schien und an den Bettdecken zupfte, als wollte sie diese richten. Oft stand sie einfach nur in meiner Nähe. Sie sorgte sich fürsorglich um mich, das fühlte ich.

 

In dieser dichten magischen Atmosphäre entwickelte sich meine Fähigkeit des Astralreisens, eines der größten Geschenke, die mir das Leben vermittelte. Es prägte meine Yogaentwicklung und verhalf mir dazu dem Leben in größerer Tiefe zu begegnen. Es darf nicht irritieren, dass sich die ersten außerkörperlichen Phänomene aus Albträumen und Schlafparalyse mit Geistersehen entwickelten. Solche Situationen wovor sich viele Leute aus unterschiedlichen Gründen fürchten, waren für mich spannende Einblicke in eine neue Dimension. Die Zustände entwickelten sich weiter und bald befand ich mich in inneren luziden Reisen in atemberaubend schönen Landschaften, um das erlebte Glück und die Begeisterung nachklingend bis weit in den Tag hinein zu nehmen.

Durch diese inneren Reisen erlernte ich die Dinge unserer Welt mittels ein wenig Konzentration in jenen verschönernden Perspektiven wie in den Astralreisen erlebt zu betrachten. Ich lernte in Dingen, die von anderen als belanglos übersehen werden, Schönheiten zu erkennen und ihnen eine tiefere Bedeutung beizumessen. Viele kleine Geschehnisse meiner Astralreisen bleiben wie die Bilder eines Fotoalbums in meinen Erinnerungen erhalten und wurden zu Schlüsselerlebnissen meiner Weltsicht. Hierzu gehört die Achtung vor dem Leben und das Erkennen der Einmaligkeit eines jeden Lebewesens oder Objektes. Ich möchte zur Veranschaulichung wahllos zwei solcher Bilder herausgreifen:

Ich stand auf einer kleinen Anhöhe und blickte auf eine Allee vor mir, deren Bäume in goldgelbem Herbstlaub unter den rotgoldenen Strahlen der Abendsonne in strahlender Farbe aufleuchteten. Verzückt blieb ich stehen und konnte meinen Blick von dem wunderschönen Anblick nicht lösen. Zaghaft langsam glitt mein Blick weiter zu der Altstadt dahinter mit ihren Kuppeln, Steinbauten und verwinkelten Straßen.

Als mein Bewusstsein wieder in den ruhenden Körper glitt, wurde ich mir gewahr, dass wir gerade eine düstere Winterzeit hatten. Dieser kurze Urlaub in einem Sonnenland mit seinem goldleuchtenden Herbstlaub wurde dadurch umso kontrastreicher zum Alltag und milderte mir die Schwere jener nebeligen Wintertage.

Ein Bild aus einer späteren Zeit, so wie es mir gerade einfällt:

Ich stieg aus meinem irdischen Körper als wäre dieser ein Bademantel. Eilig durchquerte ich das Zimmer, eilte die Stufen hinab und gelangte in den Garten.

Der Weg durch den Vorgarten zum Straßentor war mit vielen, üppig wachsenden Blumen gesäumt. Zwei Blumeninseln stachen besonders hervor. Es waren prächtige Calla, die ihre strahlend weißen Blüten aus den saftigen grünen Blättern empor hoben. Fasziniert blieb ich vor den Blüten stehen, gebannt vor ihrem strahlenden Weiß. Ich verlor mich darin und es wurde zu einem Tor eines endlosen Raumes unendlicher Stille, nicht leer sondern erfüllt von freudigem ekstatischem Verzücken. Ich hatte mich selbst vergessen und es dauerte eine Weile bis ich wieder in mich hinab tauchte.

 

Zurück zu dem großen Raum, in dem ich schlief, diesem vermutlich ehemaligen magischen Versammlungsraum.

 

Jenseits des „magischen Zentrums“, dort wo mein Bett stand, war der Rest des Raumes mit Ölgemälden des Meisters dicht behangen und am Boden stapelten sich Stöße von Gemälden. Ich liebte jedes einzelne Bild. Ich kannte sie alle und sie waren für mich Beschreibungen von Seelenlandschaften, in denen ich genau die Stimmung und das Empfinden des Meisters erkennen konnte.

 

Es war für mich interessant zu sehen, wie sich mit der Zeit Malart und Sichtweisen des Meisters verändert hatten. Er liebte das herrliche Goldgelb der Ähren, die sich vom strahlend blauen Himmel abhoben und durch die Sonne des steppenartigen Burgenlandes golden aufleuchteten. Erntebilder waren ein beliebtes Motiv, denn hier kam Bewegung und Aktion in das goldene Meer der Ähren. Auf den ältesten Bildern sah man Bauern in ihren blauen Schürzen wie sie Getreide mähen und die Garben binden. In späteren Bildern rückten die Schnitter in den Vordergrund. Dieses Motiv wurde mit zunehmendem Alter des Meisters zentraler. In seinem letzten Jahr war der Schnitter übergroß, halb durchsichtig, mit dem Himmel verwoben, seine Sense senkrecht haltend – Gevatter Tod als Schnitter, ein herrliches Bild. - Der Tod war dem Meister bereits nahe und ein Gast, der häufig die Wohnung betrat.

 

 

 

Eines Tages ereignete sich folgendes:

Der Meister besaß ein für ihn „heiliges“ Objekt, sein Siegelring mit dem Wappen der Ballabenes, das zugleich das Wappen des Prager Bezirkes Balabenka ist. Es war eines der wenigen Objekte aus der Familientradition, das nach der Flucht aus Prag erhalten geblieben war. Diesen Siegelring pflegte er vor dem Malen abzulegen. Leider nicht an eine bestimmte Stelle, sondern jedes Mal wo anders. Dann am Ende des Malens begann die Suche. Sehr oft war der Ring nirgends zu finden und der Meister erregte sich zusehends, in der Angst den Ring für immer verloren zu haben. Jedes mal rief er mich verzweifelt zu sich und immer wieder fand ich wie schlafwandelnd den Ring, oft an unmöglichen Stellen. Meist, sobald ich den Ring gefunden hatte, staunte der Meister, dass es mir so unerwartet schnell gelungen war.

 

Man kann sich vorstellen, wie erstaunt und gerührt ich war, als mir der Meister eines Tages den Ring übergab und mich bat ihn zu tragen. Mit dieser Geste hatte mich der Meister als Sohn angenommen, eine Geste, die ihm und mir mehr bedeuteten als jeder amtliche Akt. Mit viel Liebe und in Erinnerung an den Meister trage ich den Siegelring und wenn ich darauf blicke fühle ich den Meister nahe.

 

 

8

 

Der Tod des Künstlers R.R. Ballabene

 

 

Der Gesundheitszustand des Meisters verschlechterte sich rasch. Er litt sehr darunter. Abends wurde es zu seiner Gewohnheit, sich an ein kleines Tischchen zu setzen, eine Kerze anzuzünden und aus der Bibel die Psalmen Davids zu lesen. Sie gaben ihm viel Trost. Speziell der Psalm „Der Herr ist mein Hirte“. Unter Tränen faltete er die Hände und bat Gott, ihn endlich von diesem Leben zu erlösen.

 

Der Meister im letzten Lebensjahr

 

 

Es kam der Sommer und seine Gebete wurden erhört.

Er verlor plötzlich alle Beziehung zur Realität. Wir brachten ihn ins Spital. Dort redete er in allerlei Sprachen wie Altgriechisch, Latein, Ungarisch, Tschechisch, jedoch  kaum Deutsch und niemand konnte ihn verstehen. Unter den Patienten war ein Ungar, der war der einzige, der sich mit ihm unterhalten konnte und diente als Dolmetsch. Ich kann mich erinnern, wie er an einem kleinen Tisch saß, in mir unverständlichen Sprachen redete, einige Bögen Papier vor sich hatte und zeichnete. Er hatte mich nicht mehr erkannt, als ich ihn besuchte, aber er zeichnete noch.

Nach drei Tagen fiel er ins Koma. Ich besuchte ihn täglich. Nach einem Monat verstarb er.

 

 

ein reiches Leben ging zu Ende

 

Nach seinem Tod blieb für uns alle eine große Leere. Niemand von uns konnte es so richtig fassen. Stundenlang saß Ananda in ihrem Stuhl und starrte in den Raum.

 

Der Meister hatte immer eine entscheidende Rolle in ihrem Leben gespielt und sein Einfluss reichte selbst tief in den Yogaunterricht hinein. Es war logisch, dass sich nun vieles ändern würde. Allerdings war uns das zum augenblicklichen Zeitpunkt nicht klar und es gab auch keinerlei Zukunftspläne.

 

Ananda begann vor Kummer zu kränkeln und es stellten sich Herzbeschwerden ein. Die erste Zeit reduzierte sie ihre Tätigkeiten auf die wichtigsten Handlungen des Lebensunterhaltes. Sonst saß sie tatenlos in der Wohnung herum, was die Situation keineswegs verbesserte.  Ich musste mich um sie kümmern und ließ mir von meinen Dienstgebern ein halbes Karenzjahr frei geben.

Ich war nun den ganzen Tag um sie. Dennoch besserten sich ihre Beschwerden nicht. Es war zu befürchten, dass ihr gesamter Organismus zusammen brechen könnte.

 

Zu den Herzbeschwerden kamen geschwollene Beine. Das Wasser stieg gefährlich hoch. Ich sorgte dafür, dass sie täglich ihre vom Arzt verschriebenen Tabletten nahm, von selbst hätte sie es nicht getan.

 

 

 

Ananda brach zusammen und ich fürchtete um ihr Leben

 

 

Ananda siechte dahin. Als sie sich ein wenig aufzurichten schien, bekam sie unerwartet Koliken. Der Hausarzt empfahl ihr eine Spitalsuntersuchung.

 

Die Ursachen der Kolik wurden zwar nicht geklärt, aber Ananda erwachte wieder zu neuer Lebensdynamik. Das kam so:

Für Ananda war immer das Vertrauen zu einem Arzt entscheidend, nur dann war sie bereit Ratschläge anzunehmen. Das war in der Klinik, in welche Ananda kam, wohl nicht der Fall. Der Primarius war begeisterter Jäger. Jäger widerten Ananda an. Sie konnte es nicht verstehen, dass Menschen es schön finden könnten, ein Reh zu töten. Der Primarius hasste Ananda ebenfalls. Er ging sogar so weit, bei Ananda eine Spindkontrolle durchzuführen wie beim Militär. Medizinische Erfolge hatte er keine, was die Situation auch nicht gerade vereinfachte. Da griff Ananda zu ihren eigenen Hausmitteln. Ich musste ihr einen Kilo Topfen (Quark) besorgen. Diesen legte sie unter ihr Patientenhemd auf den Bauch, um die Giftstoffe heraus zu ziehen.

 

Der Primarius kam, begleitet von einer Krankenschwester, ging schweigend, ohne sich nach dem Befinden zu erkundigen, zu Ananda und griff unter die Decke, um den Bauch abzutasten. Jäh fuhr er in die Höhe und zog eine vom Quark dick beschmierte Hand hervor. „Was, was ist das?“ stammelte er. Die Krankenschwester strahlte erheitert auf. Der Primarius begann zu brüllen.

In der Folge bemühte er sich, das Leben für Ananda zur Hölle zu machen. Also nahmen wir unsere Sachen, unterschrieben beim Portier einen Revers und stahlen uns bei der Tür hinaus. Wie auf der Flucht aus dem Gefängnis. Sicher assoziierte das Ananda so. Seltsamerweise waren ab diesem Augenblick Anandas Lebensgeister wieder erwacht. Sie war vorerst keineswegs dynamisch wie früher, aber sie war wieder am Leben interessiert.

 

Ab nun fuhren wir jeden Tag in den Prater, um dort entlang der Wiesen und Teichufer spazieren zu gehen. Das stärkte Ananda allmählich.

 

 

Prater, Freudenau

 

Als das halbe Karenzjahr vergangen war, reduzierte ich meine Arbeitszeit von ganztags auf halbtags. Meine Chefin ermöglichte mir dies liebenswürdiger Weise. Ab nun hatte ich bis zum Ende meines Arbeitslebens nur noch halbtags gearbeitet und konnte mich in der zweiten Hälfte des Tages voll den Yogaaufgaben widmen. Dieser glückliche Lebensumstand gilt nach wie vor für mich als eines der größten Geschenke im Leben. Ich habe den halben freien Tag reichlich genützt. Es ist keineswegs so, dass ich die Arbeit nicht schön gefunden hätte, im Gegenteil, ich liebte meine Tätigkeit im Labor. Dennoch war die Halbtagstätigkeit ein Geschenk, das mir genügend Freizeit gab zu lesen, zu lernen und mich innerlich zu entfalten.

 

Beide Tageshälften ergänzten einander. Meine Tätigkeit in der naturwissenschaftlichen Forschung schulte mein Denken und war für meine spirituelle Entwicklung genau so wichtig wie Meditationen. Forschung und Yoga hielten sich wunderbar im Gleichgewicht und sorgten für abgerundete Sichtweisen.

 

 

9

 

Ein neuer Anfang

 

 

Eineinhalb Jahre nach dem Tod des Meisters kam Ananda wieder zu Kräften. Sie war nunmehr ein veränderter Mensch. Sie war weicher, zumindest mir gegenüber. Für andere mag sie nach wie vor schwer zugänglich gewesen sein.

Mit dem Tod des Meisters vertiefte sich ihre Religiosität. Wir suchten häufig Kirchen auf und beteten.

Zuerst gelegentlich, dann häufiger setzte sie in Gesprächen während der Spaziergänge meine Yogaausbildung fort. Die Thematik hatte merklich gewechselt. Es gab nunmehr weniger Theorie. Dagegen erzählte sie mir mehr über die verschiedenen Religionen, speziell über das Judentum und die Kabbala. Sie gab sich viel Mühe mir die jiddischen Gepflogenheiten zu erklären, die ihr aus der Kindheit in Erinnerung waren, die Feste, den Talmud und die Lebensweisen ostpolnischer Chassidim. Sie erklärte mir die einzelnen Kultobjekte, indem sie mir diese in illustrierten Büchern zeigte, oder besuchte mit mir das Völkerkundemuseum und erklärte mir die dort ausgestellten jüdischen Sakralobjekte. Zu vielem erzählte sie mir Geschichten aus ihrem Leben. Sie führte mich auch an einem Wochentag in die Synagoge in der Innenstadt. Der „Schames“ (Tempeldiener) am Eingang erkundigte sich nach mir. Ich war ihm sichtbar ein Fremder, abgesehen davon, dass ich kein Käppi trug, sondern eine Baskenmütze. Nach einer zufriedenstellenden Plauderei mit Ananda auf jiddisch, ließ er uns hinein. Ich konnte gut die Hälfte verstehen. Mir gefällt diese Sprache, und wäre sie noch lebendig wie früher, so würde ich sie gerne lernen. Es ist eine melodische, weiche Sprache. Im Tempel ließ mich Ananda in der Vorhalle die Hände waschen und erklärte mir danach den Gebetsraum.

 

Noch mehr als die jüdischen Gepflogenheiten interessierte mich die chassidische Lehre der Ostjuden. Speziell faszinierten mich die Schriften von Martin Buber. Seine Bücher „Die Legende des Baalschemtow“ und „Chassidische Legenden“ verschlang ich geradezu. Ebenfalls sehr interessant fand ich die Buchstaben/Zahlen Auslegungen nach Weinreb. Es gab mir einen faszinierenden Einblick in die kabbalistischen Methoden. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass mich ein tieferes Studium überfordern würde, da ich kein Althebräisch konnte. Auf jeden Fall jedoch bewirkten die Bücher von Weinreb in mir eine Hochachtung vor der tiefsinnigen Art des Denkens jüdischer Bibelauslegung.

 

Im Gegensatz zum weltlichen Judentum glaubten die ostpolnischen Chassidim an eine Reinkarnation. Ein wesentliches Element ihrer Lehre befasste sich mit der spirituellen Evolution, mit der Rückführung der Lebensfunken (Funken der Schechina). Insofern sind und waren die Chassidim in ihrer Reinkarnationslehre dem orthodoxen Hinduismus, der nur ein Bestrafungs- und Belohnungsschema kennt, weit voraus. So hieß es bei den ostpolnischen Chassidim:

 

Vom Kraut zum Strauch,

vom Strauch zum Baum,

vom Baum zum Tier,

vom Tier zum Menschen,

vom Menschen zum Engelwesen.

 

Ich war beeindruckt: Die Idee einer Evolution, Jahrhunderte vor Darwin.

 

Ananda wollte mir auch das Christentum näher bringen. Oft waren wir in den Sonntagsmessen der russisch orthodoxen Kirche und der ukrainischen Kirche. So wie ich mich im Judentum durch Lektüre weiter bildete, so las ich auch Schriften über die östliche christliche Kirche, etwa die Philokalia, eine Sammlung von Texten heiliger Kirchenväter der griechisch orthodoxen Kirche. Ihr zufolge ist die Liebe zum Schönen, dem Ekstatischen und Erhebenden die transzendente Quelle der Wahrheit.

Guru Ananda blätterte die Philokalia durch und legte sie schweigend zur Seite. Für mich aber war das Buch ein Renner und auch für die späteren Yogis, an die das Buch von ihren Mitschülern weiter gegeben wurde.

 

Beispiele aus der Philokalia:

 

Gottesfürchtige Unterweisungen von Awwa Dorofej:

Ein jeder urteilt über andere nach seiner Gemütsart… Nehmen wir an, jemand steht nachts an einem Ort, und drei Menschen gehen vorbei. Als sie ihn sehen, denkt einer von ihnen: Er wartet auf jemand, um Unzucht zu treiben; der zweite: Es ist wohl ein Dieb; der dritte: Er hat sich mit irgendjemand aus einem benachbarten Haus dazu verabredet, gemeinsam irgendwohin beten zu gehen, und wartet jetzt auf ihn.

Ich habe von einem Bruder gehört, dass er, wenn er irgend einen der Brüder besuchte und dessen Klause ungefegt und nicht aufgeräumt sah, sich sagte: Selig ist der Bruder, dass er die Sorge um alles Irdische beiseite gelegt und seinen ganzen Geist derart auf den Berg gerichtet hat, dass er nicht einmal die Zeit dafür findet, seine Klause in Ordnung zu bringen. Und wenn er zu einem anderen kam und dessen Klause aufgeräumt und sauber gefegt sah, sagte er sich abermals: Wie die Seele dieses Bruders rein ist, so sauber ist auch seine Klause, und der Zustand der Klause stimmt mit dem seiner Seele überein.

Wünsche nicht, dass alles nach deinem Willen geschieht, sondern so, wie es eben wird — auf diese Weise wirst du mit allen in Frieden sein.

 

Johannes Cassian “Ausblick auf die spirituelle Flur”:

(Es existiert) ein Zustand, der in der Kontemplation des Einigen Gottes und in flammender Liebe zu Ihm besteht, wo der Geist, von dieser Liebe umfangen und durchdrungen, in engster Weise mit Gott spricht.

 

(nach der Ausgabe von 1895 bis 1900, M.)

 

Wenngleich manche Ratschläge aus der Philokalia das Asketentum mit Selbstkasteiung propagieren, so habe ich dennoch für mich viel wertvolles Gedankengut daraus entnommen.  Außer den obigen Passagen gab es in der Philokalia auch sehr extreme Stellen, die für das Leben der Arthos Mönche gemünzt waren. Diese Lektüre führten bei mir und vielen der Yogapraktikanten zu einem Pietismus. Wir dachten durch erzwungene Verhaltensformen bessere Menschen zu sein. Zum Glück ist das Leben ein guter Lehrmeister und ich lernte mich später von derlei extremen Sichtweisen zu lösen. So schrieb ich später in einem Brief, in dem folgender Dialog war:

 

Frage: Konntest Du Dich schon vollständig befreien?

 

Meine Antwort: Wovor befreien? Die Welt hat mich nie binden können. Man könnte die Frage jedoch auch so auslegen, ob ich mich von Fehlhaltungen befreien konnte. Ich nehme an nicht, aber sie drücken mich nicht mehr. Ich bin so wie ich bin. Was mir wichtig ist, ist dass ich niemanden verletze, ich ein guter Mensch bin, die Menschen und die Natur liebe. Das dürfte ich im Wesentlichen geschafft haben. Alle anderen Eigenschaften, wenn sie niemanden weh tun, nichts verschwendet wird, nicht bindet, die trage ich mit mir wie einen Schmutzfleck auf der Kleidung. Da ich kein Modefreak bin stört mich das nicht.

 

Im orthodoxen Christentum hatte ich jedoch auch Elemente gefunden, die stark mit Yogapraktiken verwandt waren oder aus diesen stammten. Hierzu gehört

das russische Herzensgebet „gospodi pomilui“, das mir ein tieferes Verständnis für das Japa einbrachte (Japa ist die permanente Wiederholung eines Mantras, eines Gebetsspruches). Ich lernte erkennen, dass beim Japa die Bedeutung nicht in der Wirkung eines Zauberspruches liegt, sondern in der inneren Entflammung, die insofern erleichtert wird, als die Gedanken durch die ununterbrochene Wortwiederholung nicht so leicht abschweifen.

 

 

Saddhu mit Japamalas (Gebetsketten)

 

Immer, wenn wir an „unseren“ Kirchen vorbei gingen, traten wir ein und entzündeten eine Kerze für den Meister. Die Gewohnheit habe ich bis heute beibehalten; nur sind es jetzt drei Kerzen – eine für den Meister, eine für Ananda und eine für alle, die mir seelisch nahe sind.

 

Etliche Glaubensvorstellungen der christlichen Kirche wurden von Guru Ananda anders gesehen. Ich habe sie nie über eine Hölle reden gehört oder über einen Kampf von Gut und Böse. Für sie war es der Mensch, in dessen Seele sich all das abspielt was von manchen Kirchenkreisen auf Teufel und Engel projiziert wird.

 

Bezüglich der Verarbeitung ihrer seelischen Schmerzen durch den Tod des Meisters gab es bei Ananda auch nach einem Jahr Probleme: Anandas Trauer klang nur schwach ab. Zu sehr war die Umgebung mit Erinnerungen an den Meister imprägniert und ließ die Erinnerungen und damit die Trauer immer wieder neu aufleben. Ich suchte nach einer Lösung und sah diese in erster Linie in einem Umgebungswechsel.

 

Als wir einmal mit dem Hausverwalter sprachen, ließ ich die Bemerkung fallen, dass wir einem Wohnungstausch zugeneigt wären. Die Firma, der das Haus gehörte war reich und besaß viele Häuser. Der Verwalter reagierte sofort begeistert. Dasd hatte seinen Grund darin, dass wir im Bürogebäude der Firma wohnten und der Plan vorlag, das oberste Stockwerk in eine Direktionsetage umzubauen und hierbei auch die weiten Dachterrassen zu nützen. Der Verwalter bot uns die attraktivsten Wohnungen in den besten Bezirken Wiens an. Wir besichtigten einige der Wohnungen und nahmen eine hiervon. Es war eine Fügung, denn damit begann ein völlig neues Leben für Ananda und mich und eine neue Ära des Yoga.

 

 

10

 

Eine Yogagemeinschaft entsteht

 

 

Unser neuer Wohnort war Döbling.  Das ist einer der schönsten Bezirke Wiens, von Gärten und Parks durchwobenen und mit schönen Villen und Häusern. Etliche der alten Yogaschüler zogen zu uns in die Nähe. Neue Schüler kamen hinzu, die in nahegelegenen Studentenheimen wohnten, wo wir Zettel aufgehängt hatten. Bald mieteten sich zusätzlich einige Yogaschüler in Kleinwohnungen in der Nähe ein. Guru Ananda war überaus geschickt freie Kleinwohnungen aufzufinden und an ihre Yogaschüler weiter zu vermitteln. Sie war zu diesem Zeitpunkt 68 Jahre und von unglaublicher Vitalität und Ideenreichtum. Solcherart bildete sich eine wachsende Yogakommune.

 

Zwei Gassen weiter von unserer Wohnung war die Pantzergasse, die aus zwei Reihen fast gleich gebauter Häuser bestand. Es war ein ehemaliges Armenviertel am Rand des Bezirkes. Die Häuser besaßen ausschließlich Kleinwohnungen – Zimmer/Küche von ca. 25 Quadtratmeter Fläche. Solche Wohnungen waren billig und Ideal für Studenten, die sich eine Selbstständigkeit wahren wollten.

 

Ananda in der Zeit des Aufbaus der Yogagemeinschaft

 

 

Als Kuriosität einige Worte zur Pantzergasse. Es ist jene Gasse, in welcher angeblich die ersten Exemplare der Prawda gedruckt wurden, um von hier aus nach Russland geschmuggelt zu werden. Ja, die berühmte Prawda, welche später nach der russischen Revolution zum Sprachorgan des sowjetischen Zentralkomitees wurde.

Trotzki lebte damals in Wien. In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg zählten spätere russische Revolutionäre zu den Besuchern des Cafe Central in der Innenstadt von Wien: Stalin, Lenin und Leo Trotzkij,  damals noch alias Leo Bronstein, verkehrten hier.

Als später die Nachricht der Revolution in Russland nach Wien kam, meinte ein hoher Beamter des Außenministeriums ungläubig (manche meinen es war der Kaiser): "Wer soll denn in Russland Revolution machen! Vielleicht gar der Herr Bronstein aus dem Café Central?" Kaffeehäuser waren in Wien immer schon Kulturplätze, da wurden Revolutionen geschmiedet, aber auch Yogastunden gehalten, wie in meiner Yoga-Anfangszeit.

 

Die Pantzergasse war somit eine besondere Gasse. Auch für mich hat sie Geschichte. Wenn ich an sie denke taucht folgendes Bild in mir auf mit Situationen wie sie durch viele Jahre zu meinen täglichen Erfahrungen gehörten, denn ich liebte es in den dortigen Wohnungen der Yogis zu unterrichten.

 

Langsam gehe ich auf den abgerundeten Pflastersteinen des Gehweges die Seitengasse hinunter zur Pantzergasse. Sie ist nur etwa 70 Meter von unserer Wohnung entfernt. Mein Blick fällt auf die Häuser, die links und rechts in ungebrochener Reihe vor mir stehen. Auf der linken Seite sind fast alle Häuser gleich, so als wäre ein einziger Bauplan Modell gestanden. Selbst innen haben sie die gleiche Anordnung  – eine zentrale Stiege, mit einem Treppenabsatz auf der Gartenseite, verziertem Geländer aus Gusseisen und in jedem Stockwerk links und rechts drei Kleinwohnungen mit jeweils einer Toilette am Ende des Ganges. Die Hausfassaden sind schmucklos, ohne Blumengirlanden und ohne Figuren wie sonst die Häuser des Nobelbezirkes. Die Pantzergasse fällt aus der Reihe, denn sie ist ein winziges, ehemaliges Arbeiterviertel, das in einer unattraktiven Ecke des Bezirksrandes entstand.

 

Wie ich auf dem Gehsteig dahin schlendere, empfinde ich, wie diese Gasse mit ihren zumeist alten Menschen durch den Zuzug der Yogis neues jugendliches Leben atmet. Die Alten hier sind die letzten Zeugen fern vergangener, armer Zeiten. Es sind hoch betagte, anspruchslose, bescheidene und liebenswerte Menschen. Ihre karge Rente erlaubt ihnen oft kein Fernsehgerät. Das Fenster mit dem Blick auf die Straße ist der Ersatz dafür. Meist ist der Lebenspartner schon verstorben und so leben sie vereinsamt und in Stille.

 

Und weiter setze ich meinen inneren Gang durch die Pantzergasse fort:

Ich erinnere mich an eine kleine und doch typische Begebenheit: ich betrat gegen Abend ein Haus in der Pantzergasse, ging die Stiegen hoch und an einem Quergang begegnete ich einer Frau, die gerade Wasser aus der Bassena am Gang holte.

„Guten Tag“, sagte ich zur Frau.

Die sah mich groß an und sagte: „Mei, Sie sind der erste Mensch, der zu mir heute spricht“. Sie war glücklich darüber, einen kurzen menschlichen Kontakt gefunden zu haben, eine Stimme gehört und Augen gesehen zu haben. Wir wechselten ein paar Worte, dann wendete sie sich wieder ihrer Wohnung zu. Ein längeres Gespräch schien ihr zu ungewohnt.

 

Ich denke über die Bewohner nach. In ihnen erkenne ich, wie das Leben vorbei fließt und sich im Alter und der Einsamkeit von einer anderen Seite zeigen kann. Hier sind es zumeist ältere Frauen, die ihre Männer überlebt haben. Glücklich, verglichen zu jenen, die auf der Gartenseite wohnen, sind jene Mieter/innen, die an der Straßenseite wohnen und durch einen Blick aus dem Fenster an der Welt teilhaben dürfen.

 

Die vom Schicksal Bevorzugten an der Straßenseite kennen die meisten Yogaschüler. Sie sind meist kontaktfreudiger als etwa die Frau, die ich bei der Bassena antraf und welche der anderen Hausseite angehörte, der Gartenseite. Garten klingt etwas zu vielversprechend. Es sind kleine Gärten, von denen ein Viertel der Fläche gepflastert ist und von den Abfallkübeln eingenommen wird. Der Rest des Gartens besteht zumeist aus kleinen Beeten mit Gemüse, nicht größer als drei bis sechs Quadratmeter.

Die Straßenseitigen rufen manchmal den einzelnen Yogaschülern zu und plaudern mit ihnen. Manche haben sich mit dem einen oder anderen Yogi befreundet, der ihnen gelegentlich die Einkaufstasche die Stiegen hoch trägt oder ihnen eine defekte Glühbirne austauscht.

 

Alle hier in diesen Gassen wissen, dass ich zu jener fremdartigen Yogagemeinschaft mit den jungen Leuten gehöre - „Das sind seltsame Leute. Da kommt eine ganze Schar zu einer Party und dann ist es ganz still.“

Ich muss mich nicht als Exote durch die Straße schleichen, denn obwohl sich niemand hier etwas unter geistigem Yoga vorstellen kann, weiß ich, dass die Yogaschüler willkommen sind.

Nach den Yogastunden gehe ich mit Blumen in den Armen heim. Begegne ich dann einer jener Frauen, so sagt sie garantiert: „sind das schöne Blumen“, und sie weiß, dass sie dann einen Strauß geschenkt bekommt.

 

Während Ananda in einer größeren Wohnung ihre Stunden hält, bevorzuge ich eine dieser Kleinwohnungen, in deren jeweils einzigem Zimmer immer noch Platz für etwa 15 dichtgedrängte Yogaschüler ist, inklusive Hund oder Katze, die ebenfalls den Stunden beiwohnen und sich wohl fühlen.

 

Meine Tätigkeit als Yogalehrer ist für mich schön und innerlich erhebend. Ich betrete die Wohnung, streife meine Schuhe ab und gehe ins Zimmer. Dort sitzen schon alle weißgekleidet. Ich verneige mich vor ihnen mit dem Gruß „Om Shanti Om“ und die Yogaschüler ebenfalls. Die Hunde und Katzen tun das auf ihre Art und kommen auf mich zugelaufen. Ich freue mich über diese spontane Sympathiebezeugung.

Nach der Begrüßung setze ich mich auf meinen Stuhl und warte auf die Yogastunde, so als wäre ich auf einem Logenplatz in der Oper. Das ist insofern möglich, als die fortgeschrittenen Yogaschüler und die eingeweihten Yogis mit ihren täglichen Stunden genug Wissen haben, um selbst Stunden halten zu können und sie sollen es auch, um sich darin zu perfektionieren.

In der Regel läuft es für mich solcherart gemütlich, es sei denn, die Yogis kippen absichtlich die Stunde, um mich aus der Reserve zu locken. Sie wissen, ich kann es schwer ertragen, wenn eine Yogastunde nicht virtuos und geschliffen abläuft. Noch weniger verkrafte ich falsche Interpretationen oder gar Wissenslücken. Wenn ich da noch immer nicht reagiere, was fast unwahrscheinlich ist, dann befragen mich die Vortragenden einfach zu einem Problem und bitten mich dieses zu erklären. Spätestens ab diesem Zeitpunkt greife ich in die Stunde ein. Eigentlich nur in  der Absicht eine kurze Anmerkung zu bringen, doch meist kommt eine weitere Frage dazu und schon sind wir in einer lebhaften Diskussion.

 

Erst bei einer der üblichen 4 bis 5 stündigen Wanderungen mit Orientierung nach Karte, in „unbekanntem Gebiet“, wie es jeden Sonntag üblich war, klärte man mich lachend über diesen Trick auf. Es blieb jedoch ohne Einfluss auf zukünftige Stunden, ich fiel jedes Mal von Neuem herein.

 

 

Sonntagswanderung

 

Ananda und ich unterschieden uns im Lebensstil kaum von den Studenten – wir alle hatten wenig Geld, aber auch keinen Bedarf für Luxus. Wir waren mit einfachen Dingen glücklich. Wir freuten uns etwa über Deckenleuchten, die aus einem papierenen Sonnenschirm gemacht wurden und waren entzückt, wie man mit billigen Mitteln großartige Effekte erzielen konnte.

 

Vom Morgen bis zum Abend waren in unserer Wohnung immer einige Yogis anwesend,. Es gab mehr als ein Dutzend „Ashramiten“. Das sind Yogis, die in einem familiärem Verhältnis wie Söhne oder Töchter jederzeit Zugang zum Guru haben. Sie alle hatten Wohnungsschlüssel, konnten kommen und gehen wann immer sie wollten, außer abends, da war Ruhe angesagt.

Ananda versuchte ihnen alles bei zu bringen, was ihr im Leben wichtig erschien. Das ging bis zur Ausbildung als Koch, zum Einkauf oder Management von Yogastunden.

 

Anfangs aßen einige der Ashramiten bei uns zu Mittag. Es waren etwa zwei oder drei Yogis. Es begann damit, dass Ananda den Eindruck hatte, dass etliche der Yogis ungesund und zu sehr von Broten lebten. Bald wurden es mehr Kostgänger und über kurz oder lang reichte der Platz in unserer Wohnung nicht mehr aus. So wurde bei einem Yogaehepaar im Nachbarhaus eine weitere Essensrunde etabliert.

 

Es war ein fast klösterliches Zusammenleben mit individuellem Freiraum. Alle hatten eine eigene Wohnung, waren unabhängig und konnten in das Zentrum kommen und gehen, wann immer sie wollten.

 

Allmählich bot unser Yogaraum zu wenig Platz. Als ersten Behelf bauten wir ein hölzernes Sitzpodest entlang der Wände, etwa einen halben Meter hoch mit Teppichen darauf. Der Yogaraum wurde zu einer Miniausgabe eines Amphitheaters, allerdings geschmückt und dekoriert von zahlreichen Mitbringseln der Yogis. Bald übersiedelten wir in größere Yogaräume, die uns von Yogis angeboten wurden.

 

11

 

Marienverehrung

 

Ein besonderes Kapitel will ich der Marienverehrung im damaligen Ashram widmen. Das hat mehrere Gründe.

Die Marienverehrung entwickelte sich in zweierlei Richtungen weiter. Die eine Richtung umfasste etwa 20 Yogis, die über die Marienerscheinungen in Medjugorje sich der katholischen Kirche näherten. Zwei von ihnen wurden katholische Priester, viele von ihnen aktiv engagierte Laien.

Die andere Richtung bestand aus mir allein. Es ist etwas vermessen dies als "Richtung" innerhalb des Ashrams zu bezeichnen, aber die Marienbegegnungen trugen viel zu der Entstehung des Maha Yoga bei und zur Bildung eines neuen Ashrams.

 

Die Wurzeln der Marienverehrung fanden sich bei Ananda, welche die schwarze Madonna von Czestochowa (Tschenstochau) verehrte. Gelegentlich fuhren wir auf den Kahlenberg vor Wien, um dort in der St. Josefskirche vor einer Kopie der schwarzen Madonna zu beten. Es erinnerte mich an unsere damaligen Besuche am Kahlenberg, als mir einer ihrer früheren Yogaschüler ein Buch übergab, in dem er seinen Pilgerweg schilderte, der von Tschentochau zu Fuß nach Wien führte.

 

 

Buch: Christlicher Yoga als religiös besinnliche Wanderung

 

Die Liebe zu Maria entzündete sich auch in mir. Noch im ersten Yogajahr pilgerte ich jede Woche spät abends zur „Lourdesgrotte“, einer Waldquelle mit einer Marienstatue und vielen Kerzen davor, deren Flammenlichter in dieser damals einsamen und stillen Waldlichtung in der Nacht unglaublich stark beeindruckend waren. Die Stille und Heiligkeit dieses Ortes erfüllte mich bis in die kleinste Fiber meines Seins. Es war ein schöner, heiliger Ort.

 

Schon bald im Yoga begegnete mir Maria in Astralreisen. Sie erschien mir darin spontan, und ohne dass ich damit gerechnet hätte. Hierbei war sie für mich immer die Himmelsgöttin, die Allmutter und nicht die Fürsprecherin. Ihre Liebe zu mir war wie ein warmer Strom, der meine Seele durchflutete. In ihrer Güte und Liebe akzeptierte sie selbst meine Schwächen mit nachsichtigem Verständnis. Meine Liebe zu ihr wuchs sehr stark und ich nährte eine Verbindung zu ihr durch oftmalige Kurzmeditationen während des Alltages, in denen ich mich auf etwa 10 Sekunden mit ihr verband mit gleichzeitigem Schwerpunkt im Herz-Chakra.

 

In der Zwischenzeit wechselte bei mir der Anrufungsname Marias etliche Male. Ich hatte erkannt, dass es sich bei der inneren Begegnung nicht so sehr die äußere Verehrungsform entscheidend ist, sondern ein innerer Strom kosmischer Liebe, der von einem mir zugewendeten göttlichen Wesen stammte, das sich weigerte an eine Form gebunden zu werden. Maria wurde Tara und aus Tara wurde Devi. Meine ursprünglich christlich geprägte Hinwendung wich einer tantrischen Sichtweise und der in der Schöpfung wirkende göttliche weibliche Aspekt wurde zu meiner Shakti, zu Devi wie ich sie jetzt nenne, eine liebliche Gefährtin des Herzens, mir immer nahe, egal, ob ich sie wahrnehme oder nicht.

 

Eine Ursache weshalb ich nicht auf die äußere Form einer Marienverehrung fixiert blieb, lag darin, dass ich durch mein erwachtes Interesse an Maria die verschiedenen Erscheinungen zu studieren begann. Ich stellte fest, dass die Aussagen Marias je nach Seherin oder Zeit oder Land variierten. Die Aussagen widersprachen einander nicht unbedingt, hatten aber andere Schwerpunkte. Dadurch kam ich zu der Ansicht, dass die Wahrnehmung einer Erscheinung mit dem Sehen durch eine Sonnenbrille vergleichbar ist. Menschen mit unterschiedlicher Sonnenbrille mögen allesamt dasselbe sehen, aber sie sehen es unterschiedlich gefärbt.

 

 

Ein Yogi hatte auf einen Monat eine Wanderstatue der Marienerscheinung aus Montichiari, die an ihren drei Rosen zu erkennen ist. Eine weiße, rote und eine goldene Rose.

 

Ich glaube es war gegen Ende 1981, als ich von einer Marienerscheinung in Medjugorje hörte. Da im Ashram einige Yogis mit Slowenisch als Muttersprache waren, bat ich diese, sich vor Ort näher zu erkundigen. Zwei von ihnen und einige deutschsprachige Yogis reisten daraufhin nach Medjugorje. Sie wurden im Umfeld der Seherinnen gastfreundlich aufgenommen und konnten sich mit den Seherinnen unterhalten. Ab da wurde Medjugorje zu einer Pilgerstätte vieler Yogis aus unserem Ashram und ist bis heute für viele von ihnen ein spirituelles Zuhause geblieben.

 

Bei mir bewirkte die innere Liebesbeziehung, dass aus einer gläubigen Verehrung des Gottesaspektes eine Liebe wurde. Liebe überbrückt die innere Distanz, löscht die Ich-Du Beziehung auf, um zu einem Einssein zu werden. Dieser Zustand der Einswerdung wurde im späteren Maha Yoga, den ich lehrte, zur Basis der inneren Entfaltung. Damit ging ich einen anderen Weg als der christliche Zweig aus dem alten Ashram. Die innere Begegnung ist völlig anders. Ich will versuchen sie in Versform zu schildern.

 

 

Liebevoll betracht' ich die Statue,
Abbild von Tara, Maria und Gaya in einem.
Früher war sie aus dunklem Metall,
den hellen Glanz des Goldes gab ich ihr
und Silber dem Lotus unter ihrem Fuß.
Ihre Hand ist zum Segen erhoben,
ihr Antlitz zeigt ein Lächeln der Güte.
Dennoch, noch ist Tara fern,
Metall ist es, das ich vor mir seh!

 

Zu Taras Füßen stell ich Kerzen,
Flamme um Flamme entfach ich.
Im Schein der Kerzen erhellt sich ihr Körper.
Meine Gedanken schweigen,
mein Herz beginnt zu sprechen.
Ihr Lächeln zuerst mit Augen erschaut,
beginne ich jetzt zu empfinden.


Ein Hauch des Lebens umspielt ihr Abbild,
geboren aus Sehnsucht und Hoffnung nun.
Ich nehme anders wahr als zuvor,
und was zuerst Metall, ist Liebe jetzt.
Dennoch, es täuscht,
denn meine Begegnung ist noch außen.

 

Langsam erwärmt sich mein Herz.
Aus der Wärme wird Glut,
aus der Glut wird Brennen.
Dämmerung erhellt die innere Dunkelheit,
die Wolken weichen dem Morgenschein.
Da, ich empfinde rotgoldene Strahlen,
die Morgensonne erhebt sich im Herzen,
die äußere Welt wird fern.

 

In neuem Licht erstrahlt Tara.
Nicht Kerzen sind es jetzt,
es ist die rotglühende Sonne meines Herzens!
Aus ihrem Licht nun formt sich Taras Körper,
hebt sich ab vom Metall,
schwebt zu mir,
tritt ein in mein Herz,
um hier zu ruhen,
um von hier aus die Welt zu erschauen.
Ihre Liebe wird zu meiner Liebe,
meine Augen werden zu ihren Augen.

 

Die Stellung zur Welt und zum göttlichen Prinzip hatte sich bei mir gegenüber den damaligen Zeiten im Ashram gewaltig geändert. Nichts mehr von Gut und Böse, von Himmel und Hölle als sich bekämpfende kosmische Gewalten. Ich will die jetzige Sichtweise durch einen Briefausschnitt als Vergleich heranziehen:

 

Frage: Bin ich in dem Zustand, wenn ich loslassen mag, auch zu Hause?

Antwort: Wenn Du loslassen kannst bist Du eigentlich zu Hause. Zumindest die hohe Mauer ist weg, welche Dich vom Zuhause trennt. Ob Du dann noch die letzten Schritte durch den Garten zur Türe gehst, das ist Deine Sache. Vielleicht gefällt Dir der Markt, der gerade auf der Straße statt findet, mit seinen vielen Glitzerdingen, der Musik, den frohen Farben. Vielleicht findest Du es schön, gehst sinnend durch zum Garten hin, oder Du bleibst dort beim Jahrmarkt, trinkst Glühwein bis Dein Kopf benebelt ist. Wie immer Du entscheidest, ob so oder so, nirgends ist da Sünde oder Schlechtes. Kann sein, dass der Glühwein Kopfweh verursacht, dann tut es vielleicht weh, aber es ist nichts Schlechtes geschehen.

Ach ja, die Yoginis und ich sind die letzten Schritte gegangen, nicht weil sie dem Markt entflohen sind, weil sie Schlechtes darin sehen, sondern deshalb, weil im Haus der Liebste (für mich Devi, die Liebste) auf sie gewartet hat.

 

12

 

Goldene Zeiten

 

 

Die Managementbegabung Anandas zeigte Früchte. Im Laufe der Jahre war die Yogagemeinschaft in Döbling immer stärker gewachsen. Bald waren es mehr als hundert Schüler. Es wurde nötig die Ausbildung zu staffeln. Die älteren und erfahrenen Yogis, führten ihrerseits kleine Kreise bis zu acht Schülern. Gleichzeitig trafen sie sich täglich mit den Gurus in  ihrem eigenen Kreis. Es wurde viel meditiert, speziell bei Guru Ananda. Meine Stunden waren mehr wissensorientiert. Im Kreis der Fortgeschrittenen befassten sich die Schwerpunktthemen mit Astralreisen und Kundalinierfahrungen. Fast alle in diesem Kreis hatten Kundalinierfahrungen oder astrale Einblicke. Es gab Erfahrungsaustausch. Auch wurden verschiedenste Experimente durchgeführt und besprochen. Unser Interesse weitete sich bis zu experimentellen Grenzgebieten aus, von Reichenbach bis zu Reich oder Calligaris.  Es wurden Skripten angelegt, in denen Details beschrieben und statistisches Grundlagenmaterial ausgearbeitet wurde. Wir betrieben unsere eigene Forschung auf diesen Gebieten. In vielem waren wir damals der Zeit an Wissen voraus.

 

Hier einige Abbildungen aus einem Skriptum mit Darstellungen der Yogis von Chakras, wie sie von ihnen gesehen wurden. Dazu gab es ausführliche Protokolle.

 

 

 

Die Beobachtungen entsprachen ganz und gar nicht dem, was in den Büchern steht. So, wie wir es wahr nahmen, waren Chakras Energie-Wirbel an der Oberfläche des Körpers, mit ihrem Ursprung in der Wirbelsäule. In ihnen strömten Energien ein und aus. Die Energien sind dichterer Natur und entsprechen in etwa dem, was unter verschiedenen Bezeichnungen läuft, wie etwa Chi, Ki, Fluidal, Prana etc.. Interessanterweise verhält sich diese Energie in vielem wie eine Flüssigkeit, weshalb sie in der Literatur in Europa früher „fluidale Energien“ bzw. „Fluidal“ genannt wurde. Eine höhere Schwingungsform dieser Energie läuft unter der Bezeichnung „Amrita“. Symbolisch wird im Osten Amrita durch einen Krug dargestellt, der mit Amrita gefüllt gedacht wird. Die chinesische Göttin Kuan Yin wird fast immer mit einem solchen Krug dargestellt. Damals allerdings hatte Amrita für uns eine geringere Bedeutung und es wurde nur selten beobachtet.

 

 

Tunnelwahrnehmungen haben eine große Bedeutung beim Astralreisen. In schamanischen Techniken des Reisens wird immer von Tunnels ausgegangen. Hierbei begeben sich die Schamanen in der Imagination an einen heiligen Ort und betreten von dort aus einen Tunnel, der sie in die Unterwelt (hat nichts mit Hades oder Hölle zu tun) oder in die Oberwelt führt.

Nach unseren Beobachtungen entstehen solche Tunnel aus sich ausdehnenden Chakras.

 

Folgend noch zwei Bilder über die Wahrnehmung von Kugeln, die ebenfalls in Zusammenhang mit Chakras stehen und gelegentlich als eigenständige Erscheinungen im Raum wahrgenommen werden. Ihre Interpretation in der Literatur ist vielfältig und verwirrend.

 

 

 

 

Kugeln sind nebelige bis leuchtende Energieemanationen. Sie können von jeglicher aurischer Farbe sein. Hier eine, die von mir selbst beobachtet wurde.

 

 

Unsere Wohnung war das organisatorische Zentrum der Gemeinschaft. Hier gingen die Yogis ein und aus, wurde besprochen und geplant. Sie räumten auch auf oder bastelten, zimmerten Regale, brachten Dekorationen für den Ashram, überall sah man ihre Spuren.

 

Eine meiner lustigsten Erinnerungen ist die an einen Epiphytenbaum.

Es war immer schon mein unerfüllter Wunsch einen solchen zu haben. Für diejenigen, die es nicht wissen: Ein Epiphytenbaum ist ein nach Möglichkeit reich verzweigter Baumstamm auf den Orchideen, Bromelien und andere Baum bewohnende Pflanzen hinauf gebunden werden, so dass der ehemals tote Baumstamm in reichlichem Grün mit vielen Blüten geschmückt ist. Einen solchen Baum zu haben war einer meiner Träume. Ich sprach darüber und schon meinte ein Yogi in seinem Garten, unweit unserer Wohnung einen abgestorbenen Obstbaum zu haben, der geeignet wäre. Ich war begeistert. Kurz darauf stand der Baum in unserer Veranda. Er wurde nach allen Regeln der Kunst mit allerlei Pflanzen bestückt und ich ließ entzückt täglich meine bewundernden Blicke über ihn gleiten.

Allerdings wuchsen die Pflanzen auf ihm nicht üppig. Selbst die künstliche Beleuchtung konnte nichts ausrichten. Die Pflanzen wurden aus Lichtmangel immer schwächer und schwächer. Vor dem Fenster unserer ebenerdigen Wohnung standen nämlich große Kastanien- und Ahornbäume. Wie ich zu meinem Bedauern feststellte, büßte der Epiphytenbaum mehr und mehr an Leben ein. Zumindest glaubte ich das, was ein großer Irrtum war. Nach außen nicht sichtbar war der Baum voll des Lebens. Als die Pflanzen so kümmerten, dass ich ihre traurige Erscheinung nicht mehr ansehen konnte, entfernten wir den Baum. Das ursprünglich ihm wohnende Leben aber entfaltete sich in unserer Wohnung weiter. Überall hörte man seltsame Geräusche, in jedem Zimmer. Es gab kein Holz, in dem es nicht bohrend knisterte. Eines Tages dann gab es eine Invasion schwarz brauner Käfer. Es waren  Holzwurm-Käfer. Wir gerieten fast in Panik, denn diese Tierchen waren unter den Türschwellen, im Fußboden und in den Schränken, sofern sie aus Holz und nicht aus Pressspanplatten waren. Das waren alles schwer erreichbare Stellen. Sollten wir unsere Wohnung ausgasen lassen? Davon nahmen wir Abstand, nicht nur deshalb, weil man in der Veranda zwischen den Fußbodenbrettern ins Freie schauen konnte. Als Ausweg imprägnierten wir alles wo immer es nur möglich war. Die Aktion war erfolgreich. Es hat so gestunken, dass die Käfer es vorzogen ihren Wohnsitz in eine andere Umgebung zu verlegen. Sie wanderten einfach aus, wir aber ertrugen Gestank und Gift und hatten somit die Wohnung wieder im Alleinbesitz.

 

Jeden Freitag wurde aufgeräumt. Das war keine solide Hausfrauenarbeit, denn es waren meistens Jungschüler, die halfen und noch nie in ihrem Leben etwa der Mutter bei der Hausarbeit zugeschaut hatten; es bedurfte somit einiger Zeit der Einschulung, während der von Helfen nicht die Rede war. Man konnte gar nicht überall schnell vor Ort sein, um Katastrophen zu vermeiden. Damals wurden die Parkettböden nicht versiegelt wie heutzutage sondern gewachst. Man beschmierte die Böden mit dem fettigen Zeug und rieb dieses anschließend ein. Wir waren modern und hatten eine Bodenbürste. Ein schweres Gerät, denn schließlich sollte das Wachs durch das Gewicht der Bürste tiefer eingerieben werden. Diese Bürste hatte auf Anfänger beim Helfen eine magische Anziehungskraft, waren wir doch in einem Zeitalter, in welchem Handarbeit möglichst durch Maschinen ersetzt werden sollte. Man konnte nicht schnell genug schauen, um einen Neuling davon abzuhalten, sich der Bürste zu bemächtigten und mit den fettverschmierten Borsten über die Teppiche herzufallen, um die Teppiche sauber zu bürsten, wie sie meinten.

An solchen Tagen wimmelte es von Helfern im Ashram und es herrschte das Chaos. Nichts war organisiert und ein jeder machte was ihm gerade einfiel.

 

 

13

 

Das Speckschwartl

 

 

Speckschwartl war der Name eines Schlüssel-Lokals, das die Yogis als Treffpunkt aufbauten,  um dort zu meditieren, zu essen oder einfach zu plaudern. Das Lokal wurde von Aravinda geführt, einer großartigen Sängerin und ebenfalls großartigen Köchin. Die Spezialität waren Speckbohnen.

 

In jener Zeit seiner Hochblüte entwickelte der Ashram eine eigene Kultur. Die meisten Initiativen kamen von den Yogis, aber auch Ananda und ich bemühten uns diese interne Kultur zu fördern oder zumindest durch Zuspruch zu unterstützen.

 

Guru Anandas Beitrag war die Förderung der Musik. Die Yogis bildeten eine Gruppe mit ausgezeichneten Instrumentalisten und guten Sängern. Eigene religiöse Lieder entstanden. Sie waren teils christlicher Prägung, mit der Marienverehrung im Mittelpunkt und teils wurden indische Heilige besungen. Für Außenstehende war es eine bizarre Mixtur von Heiligenverehrung. Auch die Lieder schwankten in ihrer Stilrichtung von Pop bis zu Kirchenmusik. Es war viel Kraft und Begeisterung dahinter und eine gemeinsame innere Ausrichtung. Das gab den Gesängen wieder eine gewisse Einheitlichkeit. Man kann sagen, die Gesänge und ihr Inhalt waren typisch für den Ashram: eine große Vielfalt, die wiederum durch gemeinsamen Idealismus und Zielsetzung zu einer Einheit gebündelt wurden. Ich will darüber etwas mehr schreiben:

 

Damals, als die östlichen Lehren und sonstige religiösen Praktiken angefangen von den Schamanen bis zu den esoterischen Kabbalisten immer stärker in Mode kamen, waren wir alle, ob Gurus oder Yogis an all dem neu zugänglichen Wissen höchst interessiert. Wir wollten lernen, tiefer verstehen und an den Wundern teilhaben. Ja auch allgemein zugängliche Wunder bot die damalige esoterische Zeitenwende. Wundergeschehnisse, die man selbst miterleben konnte, wie etwa jene der Marienerscheinungen von Medjugorje oder die Materialisationen von Satya Sai Baba.

 

Die Yogis, die nach Medjugorje fuhren, sahen wie sich das Kreuz am Gipfel des Berges drehte oder sahen dort Lichterscheinungen. Was die Yogis anbelangt, die sich Satya Sai Baba zuwandten, so schien es, als würde Sai Baba sie bevorzugt beachten. Sie wurden bei Satya Sai Baba zu Einzelgesprächen vorgelassen, dem einen materialisierte er einen Ring, dem anderen ein Armband und vielen von ihnen Vibhuti (sakrale Asche) und sie bekamen von Satya Sai Baba Segen und Ratschläge. Wieder zu Hause erzählten sie uns darüber.

Auch der tibetische Buddhismus fand bei unseren Yogis Beachtung.

 

Es war wunderschön den sonst trockenen Alltag von Wundern durchwoben zu sehen. Das galt auch für die Yogis.

Damals liebte ich so wie die Yogis beweiskräftige Wunder. Vielleicht war es nötig, um mich in meinem Glauben zu bestärken. In kleinen Ansätzen begann ich jedoch unbewusst zu erkennen, dass es weniger dramatische, dafür umso schönere Wunder in unserer Alltagswelt zu finden gibt, vorausgesetzt, dass wir uns den Geschehnissen um uns in einer inneren Wachheit öffnen. Folgende Begegnung aus damaliger Zeit ist mir noch gut in Erinnerung:

 

Ich stand an einer Straßenbahnstation, als mich ein Mann von ungefähr 40 Jahren ansprach: "I bin east an Daug aus'n Hefn..." Lassen wir ihn lieber in gutem Deutsch sprechen, vielleicht liest ja einmal jemand diese Zeilen, der oder die im Wiener Dialekt schlecht bewandert ist – allerdings gebe ich zu, dass ich Hochdeutsch in diesem Zusammenhang grotesk finde; aber es soll so gut sein. Also er sagte: "Ich bin erst einen Tag aus dem Gefängnis und habe kein Geld. Könnten sie mir etwas für einen Straßenbahnfahrschein geben?"

Ich gab ihm so zirka fünf Schilling. Das war nicht viel, aber auch nicht knausrig. Der Mann strahlte im Gesicht vor Freude auf: "oh, danke Chef, wenn sie mal Diamanten brauchen, dann kommen sie zu mir, ich bin der Diamantenwikerl". Wikerl ist die Wiener Namensvariante von Viktor. Dieser Mensch hatte mich beeindruckt. Warum? Weil er ein offenes Herz hatte. Ich habe damals irgendwie gefühlt, dass mir jener Mensch durch seine Spontanität und Offenheit einiges voraus hatte.

 

Zusätzlich zu den schon erwähnten Aktivitäten gab es noch ein Sonntagswandern. Etwa um 8 Uhr morgens trafen wir uns und fuhren mit den Autos zu unserem vorher besprochenen Bestimmungsort von wo aus wir unsere Wanderung begannen. Wir wanderten, etwa um die zwanzig Yogis, egal ob Sommer oder Winter. Mit der Karte in der Hand suchten wir uns bis zu einem Umkreis von zirka bis zu 60 Kilometer von Wien Wandertouren aus. So eine Wanderung dauerte meistens vier Stunden ohne Fahrzeit. Danach gab es zumeist das obligate Eisessen, wobei von jedem einzelnen von uns zwei bis drei der größten Portionen verschlungen wurden.

 

 

Zu meiner großen Freude war unter unserer Wandergruppe ein Yogi, der botanisch überaus gut bewandert war und mit dem ich gerne über die diversen Pflanzenfunde diskutierte. Diesen Yogi hatte ich sehr in mein Herz geschlossen und das gilt bis jetzt. Noch immer begegne ich ihm in Träumen. Er war einer der drei Swamis aus dem Ashram und als es den Ashram nicht mehr gab, wechselte er zu den Buddhisten und wurde dort ein Mönch.

Zurück zu den Kräutern, Blumen und Bäumen. Sie waren für mich schon seit meiner Jugend eine von mir geliebte phantastische Welt. Später führte diese Vorliebe zu einer vertieften Sichtweise in Richtung kosmischer Liebesmystik. Diese Sichtweise versuche ich auch anderen zu vermitteln.

Hierzu einige Zeilen einer Yogini aus der jetzigen Zeit:

 

Mein Guru

Er blieb stehen;
ich hatte es kaum bemerkt,
war schon ein Stück vorausgegangen,

in Gedanken versunken.
Da wandte ich mich um und sah,

wie er liebevoll eine Knospe betrachtete.
Er berührte sie sanft und sagte:
"Schau, da kommen schon die Blüten."

Mein Guru lehrte mich, die unendlich große Liebe
in den kleinen Knospen zu sehen.

Er brachte mir Kirschen eines kleinen Baumes am Wegesrand,
als wir spazieren gingen und sagte zu mir:
"Diese Kirschen hat der Baum dir geschenkt.
Nimm’ sie dankbar an und lass sie dir schmecken."

Voller Liebe und Dankbarkeit aß ich sie und dankte dem kleinen Baum.

Mein Guru lehrte mich, die Geschenke der Erde zu lieben und zu achten,
alle Liebe der Göttin auch in ihnen zu sehen.

Wir gingen hinaus in einer schönen Sommernacht und sahen zum Himmel empor.
Der Mond und die Sterne schienen hell und klar.

Mein Guru lehrte mich, Himmel und Erde zu lieben,
das Göttliche in allem zu sehen, was uns umgibt.

Mein Guru lehrte mich, Shivas Liebe zu sehen
im kleinsten Stein, in allen Blumen meines Weges,
in jedem Tier und in den herrlichen großen Bäumen.

Mein Guru lehrte mich, die Liebe in den Herzen der Menschen
zu sehen und sie zu verstehen.

Mein Guru lehrte mich,
mit meinem Herzen zu sehen.

 

14

 

Über 80 Jahre

 

 

Ananda etwa 80 Jahre alt

 

„All das, was Dich einmal belastet hat, ebenso die Fehler, die du überwunden hast, all das wird gleichsam zu Humus, aus dem die Blumen innerer Vollendung wachsen“, sagte einmal Ananda zu mir.

Dasselbe galt für Ananda. In den vergangenen Jahren hatte sich ein Großteil früherer, sorgenvoller Lebensbelastungen in tief verwurzelten Gottesglauben und in Abgeklärtheit verwandelt. Vergangene Not war mittlerweile nur noch Erinnerung, und das Leben war an ihr vorbei gewandert wie die Landschaft an einem Schiff.

 

In ihren schweren Zeiten waren für Ananda Gebete und Hinwendung zu Christus und Ramakrishna die Quellen ihrer Kraft. Sie gewann daraus die für den Alltagskampf erforderliche innere Stärke. In ihrem Leben bedurfte sie viel hiervon.

Jetzt war die Hinwendung zu Christus und den jenseitigen Yogis eine gleichbleibende innere Verbindung. Die ehemaligen Gebete der Not wurden zu einer Herzensverbindung, die ohne persönliche Wünsche war. Die Allgegenwart des Göttlichen hatte sich bewiesen und war als innerer Friede fühlbar. Anandas tiefreligiöse Kraft strahlte auf alle, auch auf mich in beeindruckender Weise aus. Ich erinnere mich an einen bewussten Traum, den ich zu jener Zeit hatte, als Ausdruck einer überirdisch schönen Welt, die in Anandas Gegenwart fast greifbar zu werden schien:

 

Ich stand in einer wunderschönen Landschaft. Ringsum war ich von einem Blütenmeer umgeben. Es war ein Tal. An seinen Hängen waren zahlreiche idyllische Ashrams und Eremitagen. Hier lebten Heilige mit ihren Schülern. Am Himmel war ständig das Antlitz Christi zu sehen. Es war lebendig und dennoch unirdisch transparent, etwa so wie eine weiße Wolke, durch welche die Sonne scheint, nur in diesem Fall lebendiger und schöner.

Ich stand da und staunte. Ebenso plötzlich und unverhofft wie ich dort war, war ich wieder zurück in meinem Körper, erfüllt von einer wunderschönen Erinnerung.

 

In späteren Jahren hat mir einmal ein Yogi folgendes erzählt: Guru Ananda gab eine Stunde. Es war ein niedergeschriebener Vortrag von einigen Seiten, den sie den Yogis vorlas. Alle in ihrem Kreis waren fasziniert. Am Ende der Stunde übergab Ananda dem Yogi die Unterlagen als Geschenk. Mit einigen seiner Freunde las er den Vortrag durch. Sie alle waren auf einmal sehr enttäuscht, denn der Inhalt der Vorlesung war einfach und altbekannt. Nun waren sie nachträglich auch von der Stunde enttäuscht. Noch während mir der Yogi darüber berichtete, stieg in mir folgende Erkenntnis auf: Die Erfahrungen Anandas aus ihrem langen und ereignisreichen Lebens wurden zu einer abgeklärten Essenz, die sie ausstrahlte. Das war die eigentliche Botschaft, die jenseits der Worte im Raum schwebte. Ich möchte einen Vergleich bringen: Wenn wir jemandem gegenüber sitzen, so sehen wir den Körper, aber nicht das Leben, das diesem Menschen innewohnt. Dennoch nehmen wir in der Begegnung in erster Linie das Lebendige wahr und nicht den Körper. So war es auch bei den Vorträgen Anandas. Die Worte und der Inhalt des Vortrages waren das weniger wichtige. Es war die Essenz ihrer inneren Kraft, die auf das Gemüt der Schüler wirkte und diese für einige Zeit verklärte und emporhob. Das Papier mit dem Vortrag war bestenfalls ein Andenken und für sich selbst nicht sprechend, so wie eine CD in unseren Händen keine Emotionen frei setzt, im Gegensatz zu der ihr innewohnenden Musik.

 

In den letzten Jahren wurde der Schleier, der diese Welt von der jenseitigen Welt trennt, für Ananda immer durchlässiger. Immer häufiger hatte sie visionäre Begegnungen mit jenseitigen Helfern.

Ananda teilte mir ihre Sichten mit, indem sie mich bat mein Notizheft zu holen. Dann diktierte sie mir das Erschaute. Ich halte dieses Notizheft in Ehren und bewahre es wie einen Schatz. So kurz die Botschaften darinnen bisweilen sind, so lassen sie dennoch in lebendiger Weise die Ereignisse der damaligen Zeit in mir aufleben. Sie zeigen Hoffnungen und Enttäuschungen sowie tiefen Glauben, Ehrfurcht und Liebe zu ihren jenseitigen Guruhelfern, die versuchten sie bei Enttäuschungen zu trösteten und sie in ihrer Tätigkeit als Guru anzuspornen. Damals, als ich das aufschrieb ahnte ich bei weitem nicht, wie sehr mich diese Aufzeichnungen Jahre später berühren würden. 

 

(1977, Ananda) Zirka um 3 Uhr nachts erfüllte sich der Raum mit einem orangefarbenen Licht und da ich das Rauschen verspürte, welches sehr oft den Erscheinungen vorausgeht, setzte ich mich in meinen Meditationsstuhl. Da manifestierte sich der engelgleiche Guru St. in einem goldfarbenen fließendem Gewand. Aus seinen Händen strömten helle Strahlen, die ich warm, fast körperlich empfinden konnte. Dann entrollte er eine sehr lange Folie von fast wiesengrüner Farbe. Die Buchstaben waren groß und deutlich zu lesen:

Oben stand: „Hinweis“

„Die Yogagemeinschaft wurde unter unserem Schutz gegründet und wir beschirmen ihren Fortbestand. Habt Vertrauen und bleibt unabhängig.“

Der engelgleiche Guru hob wie immer seine Hände zum Segen. Es begann das bekannte Rauschen, ich sprach noch zwei Dankgebete für die Sicht und notierte bruchstückhaft die wichtigsten Worte.

 

Wenn ich so diese Zeilen durchlese, so freue ich mich über diese damaligen Ermunterungen zur Eigenständigkeit und Freiheit. Ich habe mich nie an Dogmen gebunden, sondern versucht alles zu hinterfragen. Solcherart habe ich viel gelernt.

 

Ein weiterer Grund und wahrscheinlich auch noch der wesentlichste, weshalb ich dieses Notizheft von Anandas Sichten wie einen großen Schatz aufbewahre und immer wieder liebevoll zur Hand nehme, liegt darin, dass beim Lesen vor meinem inneren Auge Guru Ananda mir fühlbar nahe ist, als eine kraftvoll strahlende Persönlichkeit!

 

Die starke Ausstrahlung Anandas war das Augenscheinlichste an ihr. Es war dies der Grund, weshalb immer mehr Menschen in den Ashram kamen, um hier zu lernen und zu bleiben. Bald war die Schüleranzahl derart stark angewachsen, dass sie die Infrastruktur des Ashrams überforderte. Als Ananda 80 Jahre alt war, zählte die Yogagemeinschaft mehr als zweihundert Schüler.

Das waren mehr Menschen als von Ananda und mir geführt und überblickt werden konnten. Es war nicht mehr möglich sich die vielen Details an Erfahrungen, Schwächen, Wünschen und Hoffnungen einzelner Schüler zu merken. Für eine gute Yogaführung ist das jedoch wichtig. Es gab schon frühzeitig Stellungnahmen in dem Sichtenheftlein dazu:

 

(1978, Ananda) Es erschien der heißgeliebte Yogananda:

Yogananda teilte Ananda mit, dass er den Auftrag hatte den Yoga in die breite Masse zu bringen und er deshalb Vorträge halten musste. Unser Ashram hier soll dagegen in die Tiefe vordringen und sich maximal auf 80 Schüler ausdehnen.

Es wird zu viel in den Stunden gesprochen und es sind zu lange Vorträge (das bezog sich auf mich).

 

Leider hielten wir uns nicht an die wohlgemeinten Empfehlungen, weder Ananda noch ich. Erst Jahre später zeigte sich, dass das ein großer Fehler war. Der Ashram blähte sich auf. Mit der Schüleranzahl erhöhte sich nicht nur die Anzahl guter und loyaler Schüler sondern auch solcher, die weniger geeignet waren und die Moral und den Idealismus aushöhlten. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der Ashram bereits eine Eigendynamik, die nur noch schwer steuerbar war. Die Aufblähung des Ashrams beschleunigte sich weiter.

 

(1979, Ananda) Engelgleicher Guru St.:

Es werden viele kommen. Versucht den Überblick zu behalten und behaltet nur die geeigneten Schüler, damit durch jene mit mangelndem Idealismus die Begeisterung der anderen nicht gedämpft wird.

 

Ananda versuchte die unüberschaubare Gemeinschaft durch erhöhten Einsatz und stärkere Kontrolle zu lenken. Das erforderte immens viel Engagement und Kraft. Statt sich am Vormittag erholen zu können, während ich in der Arbeit war, saß sie mit ihren Assistentinnen (meist waren es Frauen aus dem Yoga) im Kaffeehaus, um die Stunden vorzubereiten. Am Abend erwartete sie eine Yogastunde in einem überfüllten Raum. Zumeist waren da neue Anwärter, auf die Rücksicht genommen werden musste. Man musste die Themen so wählen, dass sie sowohl für Neukommende als auch für fortgeschrittene Yogaschüler interessant und innerlich ergiebig waren. Ein Balanceakt, der nicht leicht zu bewältigen war. (Es gab keinen Kursbetrieb mit festgelegten Zeiten, denn das tiefere Wesen des Yoga wurde nicht nach intellektuellem Wissen oder erlernten Übungen bewertet. Es waren eher Charakter und die Tiefe der Gefühle und der Gottesausrichtung, was zählte.)

 

Ich vertrat eine andere Führungsstrategie als Ananda. Ich wollte den Ashram dezentralisieren und den Yogis mehr Kompetenzen übertragen. Ananda sträubte sich mit Nachdruck dagegen, aus Angst, dass die noch jungen Yogis bei der Aufnahme und Führung junger Anwärter zu große Fehler machen könnten.

 

Es ist verständlich, dass sich bei Ananda in einem Alter von über achtzig Jahren zunehmend Erschöpfung einstellte. Der Vormittag mit Organisationsfragen, Stundenvorbereitung und Hilfe beim Kochen war schnell vorbei und ließ kaum Zeit für einen kurzen Spaziergang. Ananda versuchte ihre Erschöpfung zu verbergen und wir ließen uns alle gerne täuschen. Sie wirkte dem Empfinden nach zehn Jahre jünger und strahlte nach außen dynamische Vitalität aus. Wunsch und Selbstbetrug verschmolzen in mir und in den Yogis und wir lebten in der Illusion, dass es ewig so weiter gehen würde.

 

Ananda überspielte alle Symptome der Erschöpfung und niemand merkte es. Dringend hätte sie jemanden benötigt mit der Befähigung eigenständig Stundeninhalte auszuarbeiten – ich unterrichtete parallel und stand deshalb nicht zur Verfügung. Es fand sich jedoch niemand, der mit Fantasie und Wissen eigenständig Stundenkonzepte und Ausarbeitungen gemacht hätte, denn für alle war Ananda die große Autorität, der niemand Vorschläge zu machen wagte.

 

Als Ananda zwischen 81 und 82 Jahre alt war, hatten fast alle führenden Yogis gleichzeitig ihren Studienabschluss. Sie hatten ihre eigenen Kreise und schienen in der Gemeinschaft fest integriert zu sein. Die wenigsten von ihnen jedoch waren aus Wien. Nach dem Studium mussten viele wieder zurück in ihr Bundesland. Yogis, an die man sich schon durch Jahre gewöhnt hatte, waren auf einmal nicht mehr da und hinterließen eine schmerzvolle Lücke. Auch für die anderen trat die Notwendigkeit in den Vordergrund Geld zu verdienen, nach Arbeitstellen Ausschau zu halten und sich dort einzuarbeiten. Das Leben wurde von neuen Verpflichtungen dominiert, das Studentenleben mit genügend Freizeit für den Yoga war vorbei.

 

Das und einige weitere Koinzidenzen zerrütteten die Yogagemeinschaft und innerhalb eines halben Jahres hatte sich diese bis auf einen kleinen Rest aufgelöst.

 

Es war für uns alle ein schwerer Schlag, zumal wir blind in die Zukunft hinein gelebt hatten und keine Vorkehrungen für derlei Situationen getroffen hatten. Heutzutage wundere ich mich über unsere Ahnungslosigkeit.

 

Für die Yogis begann eine Diaspora. Da war kein Ashram mehr, der ihnen als Heimat diente und in der Suche nach Gleichgesinnten und der Möglichkeit einer spirituellen Weiterentwicklung wendeten sie sich den verschiedensten Richtungen zu, vornehmlich den drei innerhalb des Ashrams etablierten Hauptströmungen Medjugorje, Buddhismus und Satya Sai Baba.

 

Die Yogis waren in alle Winde verstreut und nur im Herzen blieben wir vereint.

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, erinnere ich mich an einen Traum von heute Nacht, in dem mich einige Yogis von früher aufsuchten, wir uns freudig begrüßten und eine Weile beisammen waren. Kurz vor meinem Aufwachen verabschiedeten wir uns liebevoll unter Tränen.

 

 

15

 

Anandas Tod

 

 

Als Ananda über achtzig war, machte sie sich oft über meine Zukunft Gedanken. Sie war besorgt um mein weiteres Wohlergehen nach ihrem Tod. Sie sah es als eine ihrer Lebensaufgaben an, die Basis für mein irdisches Glück zu schaffen und mir dabei gleichzeitig zu einer höchstmöglichen spirituellen Entwicklung zu verhelfen. Beides war nach ihrer (und meiner) Auffassung gut miteinander vereinbar. So lange sie am Leben war, konnte sie vieles lenken und die Weichen für die Zukunft stellen.

 

Die Absicherung meiner Zukunft lag nach ihrer Meinung in einer fest fundierten Yogagemeinschaft, die mir einen Lebensinhalt als Yogalehrer geben würde als auch eine Unterstützung in den vielfältigen Gegebenheiten des Alltags von der Haushaltsführung bis zum Einkauf. Für die finanzielle Absicherung war durch meine berufliche Arbeit gesorgt. Dieser Aspekt war für Ananda somit kein Problem.

 

Für eine Yogagemeinschaft, wie sie von uns geführt wurde, gibt es einen Schwellenwert in der Größe. Erst ab einer gewissen Anzahl an Schülern und Yogis ist sie selbsttragend. Unterhalb des Schwellenwertes wird ein Yogakreis durch den immer vorhandenen Prozentsatz passiver Zuhörer verdünnt; sie erlahmt und erstarrt. Es bedarf dynamischer Mitarbeiter zum Ausbau einer Organisation. Auch benötigt man musikalische Schüler, welche die Stunden instrumentell oder durch sakrale Gesänge (Bhajans) beleben.

 

Ananda war sich der Existenz und Bedeutung eines solchen Schwellenwertes bewusst. Durch Jahre hatte sie darauf hingearbeitet und es geschafft, alle diese Bedingungen zu erfüllen.

 

Ihre Zukunftserwartungen waren zerbrochen, als ganz plötzlich, innerhalb von drei bis vier Monaten die Gemeinschaft verfallen war. Es war ein unerwarteter Lawineneffekt, der sich selbst beschleunigt hatte und nicht mehr zu kontrollieren gewesen war.  Ananda war über die jetzige Situation verzweifelt.

 

Es war Mai 1984 als der engelgleiche Guru mit folgenden Worten Ananda zu trösten versuchte:

Du sollst nicht weinen, wenn ein Haus zusammen gebrochen ist, solange die Grundmauern noch stehen. Lasse es Swami Vayuananda wieder befestigen. Zwinge ihm nichts auf. Im Herbst werden viele Menschen kommen und darunter solche, welche für den Yoga fähig sind. Man darf sie nicht übersehen. Eine kleine Gemeinschaft ist auch schön und die Schüler lieben den Swami. Zwinge ihm nichts auf.

 

Ananda versuchte noch einmal eine Gemeinschaft aufzubauen. Tatsächlich kamen im Herbst eine größere Anzahl von Interessenten. Neben den wenigen verbliebenen Altschülern entstand ein Kreis von zirka 30 neuen Schülern. Ananda hatte kämpfen gelernt in ihrem Leben.

 

Zu ihrem großen Leidwesen machte ich nicht mit. So groß meine Sehnsucht und mein Glaube an eine Gemeinschaft von Yogis als äußere und innere Heimat war, so groß war meine Enttäuschung und Verzweiflung nach dem Niedergang der Gemeinschaft, an die ich mich gewöhnt hatte. Nun hatte ich den Glauben an die Möglichkeit eines idealistischen Zusammenlebens von Yogis in unserer Zivilisation verloren. So unterrichtete ich ausschließlich die verbliebenen Altyogis und lehnte die Unterweisung von neuen Schülern ab.

 

Ananda machte weiter, in der Hoffnung mir neuen Zukunftsglauben zu geben, sobald ich erkennen würde, dass ein neuer Kreis mit guten Schülern heran wuchs. Ein begabter Altyogi stand ihr zur Seite und unterstützte sie nach allen seinen Kräften.

 

Im Mai 1985 sah Ananda folgendes:

Der Raum weitete sich und hellviolettes Licht erfüllte ihn. Es erschien Paramhamsa Yogananda in hellviolettem, seidenem Gewand. Er hielt einen langen, breiten Streifen Papier, worauf ungefähr folgendes stand:

Die alte Gemeinschaft ist zwar zerbrochen und ihr habt deshalb sehr viel gelitten, aber gebt nicht auf. Nehmt Schüler auf, seid beharrlich und zuversichtlich. Was ihr getan habt war nicht umsonst. Ich segne euch.

 

Einige Monate später begann Ananda zu kränkeln. Man diagnostizierte Krebs in fortgeschrittenem Stadium. Ananda wollte zu Hause sterben.

Zu Hause, dort wo mit dem Yogaraum das Zentrum und die Wurzel der einst großen Gemeinschaft war, lag sie im Bett und erwartete ihren Tod. In diesen ihren letzten Monaten kamen alle Yogis der früheren Gemeinschaft sie besuchen. Sie kamen täglich und blieben durch Stunden bei ihr. Viele legten hierzu weite Reisen per Bahn oder Auto zurück. Der zuvor ausgestorbene Ashram war wieder voll.

Nach ein einhalb Jahren waren die Yogis wieder da, als hätte es nie eine Zeit der Trennung gegeben. Bis spät am Abend war immer einer oder mehrere von ihnen am Krankenbett. Manchmal sogar über Nacht.

 

Die Yogis aus dem Altashram saßen bei ihr, streichelten ihre Hand und sprachen mit ihr. Ananda fühlte sich in der Obhut der Yogis geborgen und war sogar glücklich trotz der Schmerzen.

Die Yogis gingen wie eh und je in der Wohnung ein und aus, wir begrüßten und umarmten uns und sprachen über dies und jenes. Wir mochten einander und waren durch das Schicksal wieder vereint. So weit ich sah, hatten alle hohe Ideale mit in ihr Leben genommen, hüteten sie und setzten ihr spirituelles Leben auf anderen Wegen fort. Eine spirituelle Lebensausrichtung war allen selbstverständlich.

 

Ananda wurde schwächer und schlief viel. Wenn sie wach war, sprach sie mit den Yogis oder blickte sie liebevoll und schweigend an. Sie war bereits teilweise in einer jenseitigen Welt. Ihre Ausstrahlung war verklärt und abgehoben.

 

Der Körper Anandas ging seinem Ende zu, ihre Seele aber schien zufrieden zu sein und verklärte sich. Die Yogis sahen in ihr eine sich verabschiedende, spirituelle Vergangenheit. Sie war ein Idol, das von ihnen ging.

 

 

In unvergänglicher Liebe, Vayu