Tantra und Maha-Yoga im Vergleich

 

 

 

Alfred Ballabene

 

alfred.ballabene@gmx.at

gaurisyogaschule@gmx.de

 

Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis

Inwiefern unterscheidet sich der Maha Yoga vom Tantra?

Zwischen Norm und individuellem Weg

Allgemeines über den Tantra

Vorläufer des Tantra

Polaritäten und Bewegung als Grundkräfte der Schöpfung

Über das Bewusstsein

Aufbau der Schöpfung

Gegensätze als Antriebskräfte des Lebens

Das Ziel nach den östlichen Lehren

Das Ziel aus der Sicht im Maha Yoga

Nächstenliebe im Tantra und Maha Yoga

Gut und Böse im Maha Yoga

Über die Shakti und die Vitalenergien

Shaktipad - die Übertragung spirituell förderlicher Kräfte durch den Guru

Unterschiedliche Zugänge zur Shakti im Tantra

Die Reformbedürftigkeit des indischen Tantra in Bezug auf Reinkarnation und Karma

Der Energieschwerpunkt bei den tantrischen Siddhas und im Taoismus

Die Shakti bzw. Shiva im gehobenen Tantra Yoga

Die goldene Perle - Taoismus und Maha Yoga

Die Liebesbeziehung indischer TantrikerInnen zu ihren Gottheiten

Die Partnergottheit als Begleiter-in auf dem letzten Stück Weg

Rechtshinweise

 

Inwiefern unterscheidet sich der Maha Yoga vom Tantra?

 

Den Maha Yoga kann man als eine moderne, westliche Spielart des Tantra Yoga betrachten. Er unterscheidet sich in drei Aspekten:

 

·       Methodik

Die üblichen im Yoga angewendeten Praktiken wie Körperhaltungen, Mantras etc, haben eine geringe bis gar keine Bedeutung im Maha Yoga. Statt dessen liegt der Schwerpunkt auf Tiefentspannung, Trancearbeit und Astralreisen. Die Situationen, die hierbei erlebt werden, erweitern die Lebenserfahrungen des Alltags. Es entspricht sozusagen vielen Lebenseinblicken, welche die Lebenserfahrungen erweitern und bereichern und solcherart einen schnelleren Prozess der inneren Reife bewirken.

 

Es ist nicht möglich Lebenserfahrungen durch ein Mantra zu ersetzen. Wenn wir uns entwickeln wollen, so muss das in einer breiten Front geschehen: unsere Psyche muss harmonisch werden, im Alltagsleben muss unser Charkater und unsere Persönlichkeit abgerundet sein und sich bewähren. Energetisch muss alles in Ordnung sein und jenseitig auch. Das alles, diese vielen Ebenen müssen sich Schritt für Schritt in ihrem Niveau heben. Einzelne Übungen schaffen das nicht. Welche Yogaübung hilft schon sehr bei psychischen Problemen?

 

Der Maha Yoga nutzt das, was uns das Leben auf natürliche Weise anbietet. Wir lernen mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen, um solcherart möglichst viel zu lernen. Natürlich muss man zunächst erkennen, was von all den vielen Informationen eines Tages für die spirituelle Entwicklung wichtig ist. Weitere Informationen erhalten wir über Träume. Der Maha Yoga ist auch sehr stark jenseitig orientiert. Hierbei sammeln wir unsere Erfahrungen über das Astralwandern. Dieses ist eine Fähigkeit, die meist von selbst kommt, wenn man ernsthaft den Weg geht - dann ist auch die nötige Hilfe da. Gauri ist da besser als ich, um bei anderen Fähigkeiten zu entwickeln. Das hat mit Shaktipad zu tun, mit Hilfe durch jenseitige Lehrer etc. Alles zusammen hilft meistens.

 

 

Wenn wir uns entwickeln wollen, so muss das auf vielen Ebenen gleichzeitig erfolgen.

 

·       Lebensausrichtung

Im Gegensatz zur hinduistischen Yogalehre und zum Buddhismus ist der Maha Yoga Lebens bejahend, indem er das Leben als eine Chance zu lernen, daran zu wachsen und zu reifen sieht.

·       Das Ziel

Das Ziel des indischen Tantra ist Moksha, worunter man einen Zustand jenseits der Schöpfung versteht.

Der Maha Yoga dagegen sieht sein Ziel in der Vervollkommnung innerhalb der Schöpfung. Ein wesentlicher Aspekt der Vervollkommnung ist die All-Liebe.

 

Zwischen Norm und individuellem Weg

 

Standard Yoga und Standard Ausbildung

Ein Massenunterricht verursacht weniger Aufwand pro Person und einträglicher in Hinblick auf Einkünfte. Zudem können Lehrer ebenfalls in größeren Gruppen ausgebildet werden. Die Lehrer selbst können wie von den öffentlichen Schulen gewöhnt durch Auswendiglernen eines Systems ein Diplom erwerben. Dies gilt sowohl für den indisch orthodoxen Yoga als auch für die westlichen Yogaschulen.

 

 

Indisch-orthodoxer Yoga

 

 

Lehrsysteme mit Diplom

 

 

Den Schulen mit festgelegtem System steht der Maha Yoga gegenüber, der einen individuellen Weg anbietet. Ein Massenunterricht ist im Maha Yoga nicht möglich. Der Unterricht ist aufwändig und wäre in einem kommerziellen System teuer und kaum finanzierbar. Das Kriterium für eine Ausbildung ist deshalb nicht eine Bezahlung sondern die seelische Qualität des Auszubildenden - Idealismus, Begeisterung, Interesse, Lernwilligkeit.

Auch im Maha Yoga gibt es zwei unterschiedliche Zugänge - ein leichter Weg und ein schwieriger Weg.

 

 

Träume als Ausgangsbasis

 

Es ist im Maha Yoga möglich Träume als Ausgangsbasis zu verwenden. Die Intuition (des Lernenden und des Gurus) entscheidet, welche Träume für die innere Entfaltung als wegweisend dienen können. Daraus entwickelt sich ein individueller Weg, in welchem sich die Yogapraktizierenden gemäß ihrer Veranlagungen und Begabungen entfalten können.

 

 

Astralreisen und Jenseitskontakt als Basis

 

Es gibt im Maha Yoga auch eine schwierige Wegvariante, die für jene gilt, welche eine Begabung für das Astralreisen mitbringen. Sehr häufig jedoch wird nach der ersten Variante, nämlich über Träume begonnen und die Fähigkeit des Astralreisens stellt sich unvermutet von selbst ein oder wird mittels Anleitungen entwickelt.

 

Die Gegenüberstellung von normiertem System und einer komplizierten Ausarbeitung eines individuellen Weges ist eine Beschreibung aus dem Aspekt der Praxis. Für Interessierte, welche wissenschaftliche Erklärungen bevorzugen, sei Nachfolgendes gebracht.

 

Den Weg des Maha Yoga zu gehen ist ein Balanceakt, eine Balance zwischen Chaos und Ordnung. Das ist fast ein biologischer Weg, denn die meisten Systeme innerhalb eines Organismus entfalten sich aus dem Chaos und Ordnung entsteht beim zweiten Schritt. Eine Baumkrone entfaltet sich chaotisch - niemand kann vorherbestimmen wo aus dem Stamm ein Zweig wachsen wird und wie sich dieser Zweig weiter entwickeln wird können - interessanter Weise erfolgt der Wuchs der niederen Pflanzen etwa Schachtelhalmen oder Koniferen weniger nach dem Prinzip des Chaos und enthält mehr Ordnung als dies für höhere Pflanzen gilt. Chaos ist also nicht unbedingt etwas Primitives. Erst jetzt, nach so langer Zeit der Mathematikgeschichte, lernen die Mathematiker chaotische Systeme zu verstehen.

 

Wenden wir uns von der Biologie dem Menschen zu.

Wenn wir uns im Chaos befinden, so bedeutet dies eine große innere Freiheit für unsere Intuition. Es kann in uns einströmen und erfasst werden, was da so will, ohne Zensur und sonstige kontrollierte Einschränkung. Das ermöglicht ein Hellsehen durch innere Bilder oder sonstige innere Wahrnehmungen.

Die meisten Methoden des Hellsehens bedienen sich einer chaotischen Matrix - Bachrauschen, Kaffeesud, Rauch, schwarzer Spiegel, Kristallkugel mit Einschlüssen etc.. Wenn jemand über kein Hellsehvermögen verfügt, so wird das was wahrgenommen wird ein strukturloses Rauschen, eine schwarze Masse an Kaffe etc. sein. Er/sie wird nicht imstande sein aus dem Chaos eine ordnende Selektion zu treffen. Und die Hellsehenden? Die Hellsehenden können in diese chaotischen Strukturen Ordnung hinein bringen. Ihre Intuition, ihr spiritueller Empfang ordnet die Wahrnehmung so, dass sie aus den vielen Linien in der chaotischen Matrix eine Struktur erkennen.

Wenn die ordnende Selektion aus dem Unterbewusstsein erfolgt, dann sehen wir z.B. im Kaffeesud Gesichter. Wer ein Beispiel hierfür sehen will, kann sich meine zwei gratis ebooks "Vayus Kaffeesudbilder" ansehen. Kommt die ordnende Kraft aus dem höheren Selbst, so empfangen wir eine jenseitige Botschaft.

Nehmen wir als weiteres Beispiel die ITK (Instrumentelle Trans-Kommunikation = Geisterkontakt mittels elektronischer Geräte). Hier haben wir eine chaotische Matrix, etwa einen Buchstabensalat. Ein jenseitiges Wesen trifft in den Buchstaben eine Selektion, indem es solcherart eine Botschaft formt. Die hierzu benötigte paranormale Kraft bezieht es von einem medialen Menschen.

 

Die Fähigkeit Ordnung ins Chaos zu bringen bezieht sich auch auf das Lernen. Jene Menschen, welche in sich keine ordnende Kraft verfügen (Fähigkeit des eigenständigen Denkens), denen die Intuition fehlt, um speziell in der Esoterik zwischen brauchbarer und unbrauchbarer Information zu unterscheiden, diese Menschen ramschen ihren Kopf mit intellektuellem Ballast voll. Sie sammeln viel intellektuelles Wissen und werden dennoch keine "Wissenden". Im Gegenteil, sie verlieren sich in diesen Worten und Ideen und werden verwirrte Menschen, die orientierungslos einmal diesem einmal jenem Phantom-Ziel zueilen.

 

Um wieder zum Maha Yoga zurück zu kehren so unterscheidet sich dieser in der Systematik gewaltig von allen herkömmlichen Yogaarten. Praktisch alle Yogaarten sind System. System ist Ordnung. All diese Yogaarten bestehen aus einem System von Übungen, jedes kleinste Detail ist in der Methodik vorgeschrieben. Der praktische Teil dann wird einem philosophisch-religiösem System eingegliedert, ganz fest, so dass es nicht die geringste Abweichung geben kann. Denn alles, was vom Ideal, von der "Wahrheit" abweicht ist fehlerhaft, ist mangelndes Können.

 

Der Maha Yoga jedoch entsteht aus dem Chaos, denn aus der inneren Freiheit des Chaos bilden sich für den Yogi neue Wege und Erkenntnisse - vorausgesetzt er findet zu einer Ordnungskraft, über Guru, Jenseitskontakt, Intuition und anderes mehr.

 

Allgemeines über den Tantra

 

Es wird behauptet, dass der Tantra etwa im zweiten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung entstand - weil die ersten Aufzeichnungen aus dieser Zeit stammen. Das ist eine typisch westliche Denkweise, in der etwas erst ab dem Zeitpunkt existiert, ab dem es belegt ist. Zumindest die vortantrischen Praktiken, die sich bis heute vorfinden, wurden als mündlich tradierte Geheimlehre in vielfältigsten Auslegungen und Methoden weiter gegeben - bis zum heutigen Tag. Wenn wir von den europäischen Lexika absehen und den Überlieferungen der Sadhus Gehör schenken, so lassen sich die Yogapraktiken, die den lebendigen Tantra ausmachen, auf eine Inkarnation von Shiva vor sieben tausend Jahren zurück führen. Diese Persönlichkeit gilt als der Ursprung der Verehrungsform Shivas als Mahaguru. Für mich persönlich ist dieser Yogi aus uralten Zeiten Babaji, so wie ich ihn aus astralen Begegnungen kenne. Ich erwähne dies nicht, weil ich durch meine persönlichen Erfahrungen die mündlichen Überlieferungen der Yogis zu verifizieren versuche. Nein, ich will damit sagen, dass das Wesen des Tantra Yoga etwas Lebendiges ist und in erster Linie aus inneren Erfahrungen besteht und nicht durch Buchstaben und Lexika fixiert werden kann.

 

Was den theoretisch-philosophischen Überbau des Tantra betrifft hat sich in diesem langen Zeitraum unweigerlich vieles an Anschauungen geändert. Deshalb ist es schwer zu sagen ab wann oder mit welchen Lehr- oder Übungselementen der Tantrayoga überhaupt anfängt. Unbestritten ist sicherlich, dass Elemente verschiedenster Traditionen von der Gnosis beginnend bis zur Advaita sich den uralten magisch-schamanischen Ansichten überlagert haben.

 

In der Praxis unter den Sadhus wird die Ausübung des Tantra als individueller, experimenteller Weg gesehen. Hierbei ist denkbar, dass der Guru seinen Schülern jeweils nach deren Bedarf unterschiedliche Methoden und Zwischenziele vorgibt. Ein tantrischer Lehrer, der individuell unterweist, hat in der Regel nur zwei oder drei Schüler. Einer Volksschar von hunderten oder tausenden Leuten, wie man sie in den indischen Yogagemeinschaften (Ashrams) vorfindet, kann man nur die Ohren mit frommen Sprüchleins voll plappern, aber man kann die Menschen nicht nach ihren individuellen Bedürfnissen führen. Deshalb liegen alle jene falsch, die einem berühmten "Guru" nachlaufen - er kann ihnen für den spirituellen Weg nichts oder nur sehr wenig mitgeben. Nicht heilige Schriften, sondern das Einfühlungsvermögen und die Erfahrung eines echten Gurus bringen einen Suchenden weiter.

 

DieTantriker waren immer schon abseits der Konvention. Sie haben sich gegen alles was Vorschrift und Norm ist gewehrt.

 

Lal Ded, 61. JK und 13 BNP

Frau, erhebe Dich und öffne Dich für das Ritual

mit Wein, Fleisch und Katzen.

Wenn Du Dir bewusst bist, dass Dein höchstes Bewusstsein von allem unbeeinflusst bleibt,

dann nimm das Ritual an und iss in Gesellschaft Deiner tantrischen Gefährten.

(Es spielt keine Rolle, wenn Du gegen die üblichen Moralvorstellungen verstößt, indem Du die Tantra-Rituale praktizierst.)

 

Diesem ekstatisch experimentellen Weg, gefördert durch Hunger, Strapazen oder bei jenen, die es einfach haben wollen, durch Hanf, stehen die Gelehrten gegenüber, und die Vertreter von etablierten Yogaschulen (Ashrams). Als Hindus versuchen sie den Tantra in ein dogmatisches Korsett zu zwingen und ihn den hinduistischen Lebensregeln anzupassen. Tantra ist dann ein philosophisches System mit standardisierten Übungen, aber kein individueller Weg mehr. Da die Bücher und sonstigen Schriftwerke über den Tantra von diesen Vertretern heraus gegeben werden, entsteht im Westen ein völlig falsches Bild betreffend dem Tantra.

 

Was den philosophischen Überbau des Tantra betrifft, so gibt es eine relativ große Übereinstimmung. Im Gegensatz zu den zahllosen Übungen der diversen tantrischen Sekten kann man diesen Überbau in einer kurzen Broschüre skizzieren. Das will ich in dieser Broschüre versuchen. Gleichzeitig scheue ich nicht davor zurück, auf den einen oder anderen Aspekt hinzuweisen, der nach meiner Sichtweise veraltet ist. Ich will auch erklären weshalb ich diesen Schritt wage: durch Jahrhunderte war der Tantra lebendig und anpassungsfähig und es ist nicht einzusehen, weshalb diese Anpassungsfähigkeit nicht beibehalten werden sollte und weshalb der Tantra zu einer musealen Lehre eingefroren werden soll. In diesem Sinne wird hier eine neue angepasste Form des Tantra unter der Bezeichnung "Maha Yoga" beschrieben. Der Maha Yoga greift nicht auf standardisierte Yogaübungen zurück, sondern auf die in alter Zeit üblichen Trancemethoden - er entspricht insofern in der Methodik dem uralten Tantra beziehungsweise auf dessen Vorläufer.

 

Vorgeschichte der Tantra Lehre

 

Als Vorläufer des historisch belegten Tantra dürften magisch-mystische Praktiken unterschiedlichster Orientierung gewesen sein. Alle jedoch hatten eine Gemeinsamkeit, nämlich das Erstreben veränderter Bewusstseinszustände. Auf welche Art man diese erlangen wollte, war wiederum sehr unterschiedlich. Manche verwendeten Pflanzengifte wie etwa Haschisch, das noch heute eingenommen wird und als heiliges Kraut Shivas gilt. Andere versuchten sich in reiner Innenschau mittels Tiefenversenkung. Die meisten scheinen beide Methoden gleichzeitig verwendet zu haben. Zu ihren Vertretern gehörten Mystiker, welche in der Einsamkeit der Natur ihr innerstes Wesen ergründen wollten. Auf der anderen Seite gehörten hierzu auch Magier, welche an Verbrennungsstätten oder unheimlichen Orten ihre Rituale und Trancemethoden praktizierten, in der Absicht Dämonen (Rakshasas) zu unterwerfen, um solcherart besondere Fähigkeiten zu erlangen. Damals (wie auch noch zumeist heute) standen andere Werte als Ethik im Vordergrund, nämlich der Besitz magischer Fähigkeiten. Der Eintritt in die Götterwelt erfolgt/e nicht wie es bei uns gedacht wird durch hochstehende Ethik, sondern durch besondere Fähigkeiten (siddhis). Die Inder betrachten eine paranormale Fähigkeit als Ausdruck des inneren Fortschrittes. Dies gilt heutzutage noch genauso wie vor tausenden Jahren.

 

 

Zwei rauchende Sadhus

 

 

Zusammenfassend kann man bezüglich dem indischen Tantra sagen: die Methoden sind uralt, die Philosophie ist jung.

 

Polaritäten und Bewegung als Grundkräfte der Schöpfung

 

Die Lehre des Tantra unterscheidet sich von den meisten Religionen dadurch, dass sie die polaren Spannungen in der Schöpfung nicht als einen Konflikt zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Teufel sieht. Ähnlich dem Taoismus sieht der Tantra in den Gegensätzen (Polaritäten) dynamische Kräfte, welche die Schöpfung erst ermöglichen.

Die Monade als Symbol der dynamischen Polaritäten. Der Punkt in der gegensätzlichen Farbe bedeutet, dass es keine absolute Polarität gibt.

 

Die fundamentale Ansicht im Tantra lautet: ohne Gegensätze gibt es keine Schöpfung. Die gesamte Schöpfung ist Bewegung und Spannung. Diese Auffassung lässt sich großartig in ein modernes, physikalisches Weltbild integrieren.

 

 

Statue des tanzenden Shiva - Symbol für die Kräfte-Dynamik innerhalb der Schöpfung

(Statue aus dem Besitz von A. Ballabene)

 

Außerhalb der Dynamik der Schöpfung existiert gemäß der tantrischen Lehre ein in sich ruhendes Bewusstsein. Es entspricht einem Zustand außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums. In der tantrischen Ikonologie wird es durch den meditierenden Shiva dargestellt.

Die westlichen Wissenschaften, in denen nach wie vor christlich religiöse Vorstellungen unbewusst weiter existieren, gehen davon aus, dass es kein Bewusstsein geben kann ohne körperliche Grundlage (Bewusstseinsträger). Diese Vorstellung, welche aus dem Christentum übernommen wurde (alte Auffassung einer leiblichen Auferstehung) hat sich durch die Computertechnologie gefestigt, nach welcher eine Software eine Hardware als Träger benötigt.

 

Die Verbindung von Bewusstsein und Dynamik bildet das, was wir Leben nennen.

 

Der Beginn der Schöpfung (Big Bang) ist von Energie und Dynamik gekennzeichnet. Im Laufe der Zeit dehnte sich die Schöpfung vom Punkt bis zum "unendlichen" Universum aus, weiterhin von Energie und Dynamik getragen. In der tantrischen Bildsymbolik wird dies durch den tanzenden Shiva ausgedrückt (Shiva Nataraj).

 

 

Shiva und der Laut OM, hier als Glocke dargestellt

(Statue und Glocke aus dem Besitz von A. Ballabene)

 

Shiva wird noch in einer zweiten Variante mit Bewegung und Dynamik in Verbindung gebracht. In der Mythologie heißt es, dass Shiva den Laut OM aussprach und hierdurch die Schöpfung entstand. Der Laut OM ist Schwingung, die Urschwingung, aus der alle anderen Bewegungen (Energien) sich ableiten.

 

Auf den Menschen bezogen entspricht OM dem Geburtsschrei eines Säuglings.

 

Es gibt noch einen weiteren Vergleich, diesmal nicht symbolisch, sondern real erlebt: die spirituelle Neugeburt eines Menschen, die damit beginnt, dass es ihm gelingt mit seinem Seelenkörper den materiellen Körper zu verlassen, wird durch eine Phase eingeleitet, in welcher man Töne bzw. Geräusche wahr nimmt. Diese Geräusche beginnen von einem Rauschen, Brummen bis zu einem hohen Flötenton. Wenn der Brustraum (Herz-Chakra) der energetische Schwerpunkt des Menschen ist - das wird im Maha Yoga angepeilt - dann erklingt ein Ton, der in vokaler Lautmalerei dem OM entspricht.

Es ist anzunehmen, dass es diese ursprüngliche Erfahrung als Vorstufe des Seelenreisens war, welche von den Himalaya Asketen mündlich an die Schüler weiter gegeben wurde und dann später als philosophisch abstrahiertes Symbol in die Literatur einging. Es ist zu beachten, dass die Asketen des Himalaya nach wie vor ihre Lehre geheim halten und von heiligen Schriften nichts halten und auch nichts von den Gelehrten, welche mit Stolz ihr Wissen mittels auswendig gelernter Zitate propagieren.

Ein verwirklichter Yoga schöpft sein Wissen aus der Erfahrung. Bücher dienen bestenfalls zur Anregung aber nicht als Wissensquelle, zumal da inneres Wissen nicht in Worten wieder gegeben werden kann.

 

Om als Ton und Vibration im Vorstadium einer Abhebung des Ätherkörpers

 

 

Das Zeichen für OM

 

Om kann auch in einem weiteren Yogazustand erlebt werden. Wenn der Yogi in einem tiefen Liebeszustand ist, beginnt seine Brust zu vibrieren, wird ganz heiß und er kann in sich einen Laut hören, der ähnlich einem Bienensummen klingt. Es gibt Leute, die glauben OM sei ein Kopf-Ton und habe etwas mit Schwebungen und Obertönen zu tun. Ich glaube diese Leute liegen falsch.

 

131. JK und NKK

Der Du alle Formen und Gestalten durchdringst,

der Du Deinen Atem in alle Lebensformen einhauchst,

Deine gesamte Schöpfung vibriert in diesem stillen Ton.

Wer kann das Unmessbare messen, Oh Herr,

den Ton des Anahata - OM?

 

Zwischen dem Laut OM als Vorstadium vor einer bewussten Lostrennung des feinstofflichen Körpers und dem Liebeslaut OM im Herzzentrum besteht kein Unterschied - in beiden Fällen kommt der Ätherkörper ins Schwingen. Es ist allein die Frequenz der Schwingung, welche die Tonhöhe bestimmt. Wenn der Brustraum schwingt, entspricht die Frequenz einem Laut, der wie das Summen eines Bienenstockes ist (lautmalerisch als OM imitiert).

 

 

Der Brustraum vibriert, wobei gleichzeitig starke Hitze entsteht

 

Über das Bewusstsein

 

Gemäß dem Tantra kann das Bewusstsein auch ohne Verknüpfung mit Materie für sich allein existieren. Ein solcher Zustand wird "reines Bewusstsein" genannt. Bildhaft ausgedrückt wird es als Shiva dargestellt, der sich in Meditation in einem Zustand außerhalb der Zeit, des Raumes und des Formhaften befindet - Shiva als beschauendes Bewusstsein außerhalb der Schöpfung, in sich selbst ruhend.

 

Da reines Bewusstsein kein Teil der Schöpfung ist, gibt es weder ein kleines noch ein großes Bewusstsein. Und da das Bewusstsein jenseits der Dualität ist, kann Bewusstsein nicht geteilt werden. Das ist der Grundgedanke, der zur Vorstellung eines All-Bewusstseins führt, nach der alles, ob klein oder groß, ein ungeteiltes Ganzes bildet und auch so empfunden wird - weitere Begriffe sind "Leere", "neti-neti" (nicht dies, nicht das, da unbeschreiblich). Das bedeutet auch, dass ein Tantrayogi, sobald er in das Shivabewusstsein eintaucht sich im Allbewusstsein befindet. Da dieses Allbewusstsein jenseits der Schöpfung ist, besitzt es auch kein Wissen über die Schöpfung etwa im Sinne einer Allwissenheit, wie man es einem christlichen Gott zuschreibt.

 

Weiters postuliert die Tantra Lehre: Sobald sich das Bewusstsein mit Materie (Shakti) verknüpft und in die Schöpfung eintaucht, identifiziert es sich mit der angenommenen Form.

Der mit dem Hinduismus verschmolzene Tantra Yoga ist ein Weg der Befreiung mit dem Ziel dem Zwang der immer wiederkehrenden Reinkarnationen zu entkommen. In diesem Aspekt haben sich die Lehren des Hinduismus und Buddhismus dem Tantra aufgeprägt. In diesem Aspekt unterscheidet sich der hinduistisch geprägte Tantra vom Maha Yoga.

 

Wenn es dem Yogi durch seine Vollendung gelingt die für die Schöpfung kennzeichnenden Gegensätze in sich zu überwinden, so kehrt er wieder zu dem ursprünglichen Zustand der kosmischen Einheit jenseits von Raum und Zeit zurück. Diesen Zustand nennt man Nirvana, Satori oder sat-chit-ananda. Allerdings, ob dies ein endgültiges Ziel oder ein Zwischenzustand ist, darüber gehen die Ansichten auseinander (siehe später).

 

Empirisch kann man sagen: Man taucht in diesen Zustand ein und fällt nach einiger Zeit wieder in den Zustand des Alltagsbewusstseins zurück. Es ist somit kein dauerhafter, sondern ein labiler Zustand. Der Glaube des orthodoxen Tantra, dass nach dem physischen Tod dieser Zustand zu einem Dauerzustand wird, ist allerdings ist ein Postulat, das in keiner Weise bewiesen ist.

 

Um das Ziel des reinen Bewusstseins zu erreichen, wird im Yoga auf das Ajna Chakra geübt mit dem Ziel der Gedankenstille. Im Unterschied zum konventionellen Yoga wird im Maha Yoga großer Wert darauf gelegt, dass die Energien des Ajna Chakra (zwischen den Augenbrauen) mit jenen des Anahata Chakra (Brustraum) ausbalanciert sind.

 

 

Lal Ded, 88. JK und 35. BNP

In den letzten Stunden der mondbeschienenen Nacht,

unter Aufbegehren meines widersinnigen Gemütes,

beschwichtigte ich meinen Schmerz mit der Liebe Gottes,

sanft, sehr sanft mir vorsagend

"Oh Lalla, Lalla, Lalla",

ich weckte meine Liebe zu  meinem Herrn und Meister,

in welchen ich aufging

und mein Gemüt von den zehn Indriyas reinigte.

(Indriyas = Wahrnehmungs- und Tatorgane)

 

("mondbeschienenen Nacht" - ist der Zustand einer Verankerung im Ajna Chakra, verbunden mit einer Gedankenstille, aus dem heraus eine ungetrübte und eine von "Nichtbegehren" gekennzeichnete Liebe zu Shiva möglich ist.)

 

Der Aufbau der Schöpfung

 

In den ersten Jahren meines Yogaweges geschah es, dass ich mitten in der Arbeit, als ich konzentriert einen Tropfen beim Titrieren ansah eine Vision hatte. (Titrieren: man tropft eine Lösung in eine Flüssigkeit mit einem Indikator. An einem bestimmten Punkt ändert sich die Farbe der Flüssigkeit mit der zu bestimmenden Substanz, die z.B. als Säure vorhanden ist.) Während ich den Tropfen betrachtete verschmolz plötzlich mein Bewusstsein mit dem Tropfen. Ich tauchte in den Tropfen ein und dieser erschien mir so groß wie das Universum. Alles war erfüllt von jubelndem Leben. Die Vision hatte vielleicht nur eine Sekunde gedauert, hinterließ jedoch einen gewaltigen Eindruck. Ich war zutiefst ergriffen und aufgewühlt. Bei allem war die Schau für mich fremdartig. Ich konnte mir nicht erklären wie in einem so kleinen Tropfen so viel Leben sein konnte. Sollte jedes Atom von Leben erfüllt sein? Bin ich dem Leben eines Mikrokosmos begegnet? Es war mir ein Wunder, das ich nicht verstand.

 

Ich habe gelegentlich über diese Vision nach gedacht. Jahre später näherte ich mich der Vorstellung, dass das Universum so aufgebaut sein könnte, dass sich im Kleinsten auch das Größte spiegelt.

 

Die Vision beim Anblick eines Tropfens

 

Ich erschaute in einem Tropfen das Universum.
Unzählige Wesen jubilierten,
Freude war es am Sein,
eingebettet in göttlicher Liebe!
Spiegelt der Tropfen das All?
Ist selbst im Kleinsten alles zu finden?
Ja, so muss es sein!
Kein kleinster Teil geht verloren,
denn alles ist eins.

(Aus: „Guru und Schülersohn“, SSE Verlag,

Wien 2009, ISBN 978-3-901975-38-7)

 

Im Prinzip war die Vorstellung, dass das Kleinste auch das Größte widerspiegelt den Menschen der Vergangenheit nicht fremd. Zum Beispiel bezogen sie diese Auffassung auf den Menschen selbst, den sie als "Gottes Ebenbild" betrachteten. Deshalb projizierte man in den Bauplan der Tempel und Gotteshäuser, eine menschliche Gestalt hinein und berücksichtigten dies in der Bauweise. Dem Herzen zugeordnet war zumeist der Altar. Das gilt für indische Tempel genau so wie für christliche Kirchen (die früher in Kreuzform gebaut wurden).

 

Das Prinzip, dass selbst der kleinste Teil ein Abbild der großen Gesamtheit ist, finden wir an Kristallen veranschaulicht. Hier findet sich im kleinsten Teilchen die gleiche Struktur wie die des großen Kristalls.

Nehmen wir als Beispiel einen Salzkristall. Dieser ist ein Würfel. Wenn wir diesen Kristallwürfel zerschlagen, wird er in etliche Teile zerfallen, an deren geraden Wänden wir erkennen, dass auch diese Teile aus vielen Würfeln zusammen gesetzt sind. Und in jedem dieser Würfel sind noch kleinere Würfel enthalten, bis hinunter zu molekularen Strukturen.

 

 

Ein jeder Salzkristall besteht aus vielen Würfeln bis hinunter zu den kleinsten Einheiten

 

Ein Kristall ist wie obiges Bild zeigt aus lauter gleichartigen Modulen aufgebaut. Was wir aus einem Salzkristall ablesen können bedeutet auf den Tantra bezogen: das Äußere, die Materie ist teilbar. Das formende Prinzip, das dem Kristall innewohnt ist nicht teilbar, sondern allem innewohnend. Alle Formkräfte der Schöpfung finden sich in jedem einzelnen Menschen wieder.

 

Aufgabe eines Yogis im Sinne des Maha Yoga ist es durch Innenschau diese formenden Kräfte zu erkennen, welche der Schöpfung Aussehen und Dynamik aufprägen. Dies jedoch nicht im physikalischen Sinn, sondern aus einer psychischen Perspektive.

 

Sich der Innenschau zu widmen hat nichts mit Weltabkehr zu tun, denn gleichzeitig kann ein Praktikant dieser Yogarichtung auch voll im Leben stehen. Dies hat den Vorteil, dass durch Interaktion mit anderen Menschen sich zeigt, ob die innere Entwicklung echt ist, sich bewährt und Herausforderungen stand halten kann.

 

 

Gegensätze als Antriebskräfte des Lebens

 

Das Zusammenspiel der Gegensätze beschränkt sich nicht auf die äußere Natur, sondern findet sich auch in der Psyche des Menschen. Es sind die Spannungen zwischen Wunsch und Verbot, zwischen "gut" und "böse", Instinkt und Moral und anderem mehr, welche das Leben für uns so kompliziert machen. Gegensätze, welche sich jedem Persönlichkeitsaspekt aufprägen. C.G. Jung hat das in seiner Lehre von den Archetypen einprägsam heraus gearbeitet. Nirgends können wir den polaren Aufbau der Schöpfung so gut erkennen wie in unserer Innenwelt.

 

 

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält in derber Liebeslust
sich an die Welt mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
zu den Gefilden hoher Ahnen.

Faust 1, Vers 1112 - 1117; Vor dem Tor. (Goethe, Faust)

 

Der Tantra kommt einem modernen Denken entgegen. Das macht ihn für viele attraktiv. Es ist eine von Spannungen freie, fast naturwissenschaftliche Sichtweise von inneren Naturkräften, die in unserer Psyche wirken. Eine Herangehensweise, die frei von der aufreibenden religiösen Klassifizierung von "Gut und Böse", "Engel und Teufel" ist.

 

Aus der Sichtweise des Tantra sind innere Gegensätze als Kontrastmittel notwendig, weil erst dadurch ein Lernen durch Vergleich möglich ist. Hierzu ein Ausspruch des bekannten Yogi Ramana Maharishi:

"Niemals könnte ein Film entstehen, gäbe es nicht Licht und Schatten. Beides ist nötig, um die Umgebung zu bilden und die Szenen, in die wir uns selbstvergessend verlieren."

 

 

"Niemals könnte ein Film entstehen, gäbe es nicht Licht und Schatten."

 

Das Beispiel eines Filmes lässt sich noch weiter ausbauen. Der Tantra lehrt, dass das grenzenlose Bewusstsein sich durch Identifikation individualisiert. Es drängt sich der Vergleich mit uns selbst auf, wenn wir uns einen Film ansehen. Wenn wir gebannt auf die Leinwand schauen und uns in die Handlung des Filmes vertiefen, so vergessen wir unsere wahre Natur als Zuschauer und gehen vollkommen im Film auf. So geht es dem höheren, unvergänglichen Aspekt des Bewusstseins.

 

Das Ziel nach den östlichen Lehren

 

Das Ziel im indischen Yoga ist Moksha (oder Mukti), die Befreiung von den Wiedergeburten. Es bedeutet, dass der Yogi, der Moksha erreicht hat, kein Karma mehr abtragen muss und dadurch vom Zwang der Wiedergeburten befreit ist.

 

Nach dem Yogasutra von Patanjali 2.15 wird darauf hin gewiesen, dass das Leben als Leid zu sehen ist. Meist wird diese Sutra verkürzt wieder gegeben und lautet dann:

"duḥkham sarvaṁ vivekinaḥ" - "der Weise sieht das Leid in allem“

 

Die pessimistische Sichtweise des indischen Yoga und des Buddhismus ist eine Folge einer veralteten Reinkarnationsvorstellung. Diese Reinkarnationsvorstellung kennt nur ein einziges Kräftespiel, welches die Wiedergeburten in Gang hält: Belohnung und Bestrafung. Es gibt keinen tieferen Sinn für diesen Kreislauf, nur ein ewiges sinnloses Auf und Ab, Schuld anhäufen und Schuld abtragen. Da es hierbei kein Lernen gibt, erinnert dieser Prozess an ein Würfelspiel. Der Mensch ist diesem Treiben hilflos ausgesetzt und nur wenigen gelingt es als Mönch oder Weiser dem zu entkommen.

 

Den Zustand des Moksha stellt man sich als jenseits von einem Raum- und Zeit-Empfinden vor, ohne Ich-Empfinden und als reines Sein. Schöpfung, Dualität, Ich-Bewusstsein, Gut und Böse, all das ist nicht mehr existent und statt dessen ein Gefühl von Friede, Grenzenlosigkeit und Glück.

 

In der Mythologie ist dieser Zustand identisch mit jenem, den Shiva annahm, als er sich nach Verlust von Sati auf den Gipfel des Kailash zurückgezogen hatte, um meditierend sich in den Zustand des Ajna-Chakras zurück zu ziehen und die Welt zu vergessen, in einem Zustand der Raum- und Zeitlosigkeit, jenseits der Schöpfung.

 

Durch Parvati wurde Shiva aus diesem Zustand herausgeholt. Parvati ist hier ein Sinnbild für die Liebe und die Zuwendung zur Schöpfung. Durch die Liebe wendete sich Shiva dem zweiten Zustand zu, dem Zustand der All-Liebe und der Bejahung der Schöpfung.

 

Das Ziel aus der Sicht im Maha Yoga

 

Was das Frei werden von Karma anbelangt, so hat selbstverständlich auch ein Europäer nichts dagegen einzuwenden. Der westlich orientierte Mensch sieht hierin jedoch einen gewonnenen Freiheitsgrad - er kann sich entscheiden, ob er wiedergeboren werden will oder nicht.

Es wird von diesen westlich orientierten Yogis freiwillig auf einen Verbleib in einem höheren Zustand verzichtet, um auf die Erde herabzusteigen und anderen zu helfen.

 

Was unser Leben hier auf Erden anbelangt, so trennt sich die Interpretation des modernen Europäers von jener eines indischen Tantrikers. Für die Hindus und Buddhisten ist Leben als ein Zustand des Leidens im Glaubensgut fest verankert.

Ein gegenwärtiger Europäer sieht das positiver. Für einen Europäer ist die Welt kein Ort des Leidens, dem man entrinnen muss, sondern sie ist ein Ort der Lernens und des inneren Reifens. Die Welt ist etwas, das den Menschen wachsen und reifen lässt.

 

Wir lernen durch Vergleich, durch Irrtum und Korrektur. Die Polaritäten verursachen dynamische Geschehen wo immer wir auch hin sehen. Es bewirkt, dass wir geboren werden und sterben, Leid und Glück erfahren, Gutes und Schlechtes erleben - und aus allem lernen. Ohne dem Hell und Dunkel, ohne die Gegensätze gäbe es keine Schöpfung, gäbe es keine Blumen, keine Wolken und keine Liebe.

 

Diese Sichtweise spiegelt sich in einem der Gedichte von Hella Zahrada:

 

Sei tausendmal gegrüßt, mein Bruder Baum!

Es ist nicht viel, was ich voraus dir habe.

Die Freiheit falschen Tuns ist keine Gabe,

die glücklich macht. In deinem sanften Traum,

geborgen in der Erdenmutter Schoß,

bist, was du sein sollst, ganz und sündenlos

und spürst die Schwere deiner Krone kaum.

Doch ich, der Mensch - erfülle ich den Rahmen?

Trag ich wie du als Krone meinen Namen?

Die stolze Demut lehre mich, mein Baum!

(Ephides Gedichte von Hella Zahrada)

 

Was die Wiedergeburt anbelangt, so ist diese aus abendländischer Sicht ein stetiger Aufstieg, eine Leiter hinauf zu einem verklärten Dasein.

 

Trage in Ehren die Kette

(aus einem Traum)

 

Schicksale, die mit dir verbunden,

eigene Leben in Leid und Freud,

sie alle führten in Seelentiefen,

deren Zugang du hast gefunden.

 

Schicksale, die mit dir verwoben,

in denen du Gutes hast getan,

und auch durch Fehler Leid,

haben zur Weisheit dich gehoben.

 

Gleich Perlen, die zur Kette gereiht,

haben jene Leben durch Zeiten

dich behutsam zum Ziel geführt:

Vollendung, die der Liebe geweiht.

(Ballabene)

 

Nächstenliebe im Tantra und Maha Yoga

 

Ethik im christlichen Sinne hat es in Indien nie gegeben. Anstelle dessen galt gemäß der Bhagavad Gita die Lehre des Nicht-Anhaftens. Diese Lehre besagt, dass Gefühle jeglicher Art, inklusive der Liebe, zu karmischen Bindungen führen und somit verantwortlich für den Kreislauf der Wiedergeburten sind.

Es gab und gibt einen Yoga der Liebe - Bhakti Yoga. Ursprünglich bis zum Ende des19. Jahrhunderts verstand man darunter die Liebesverehrung einer Gottheit, mit dem Hintergedanken von dieser Gottheit beschützt und von den karmischen Lasten befreit zu werden. Erst als Vivekananda (1863-1902) in die USA reiste und den Yoga beim Weltparlament der Religionen vertrat, wurde der Bhakti Yoga im christlichen Sinne von ihm uminterpretiert. Diese Interpretation hielt der Bhakti Yoga zumindest im Westen seit dieser Zeit bei.

 

Es ist interessant ein Augenmerk auf die ganz großen indischen Heiligen zu werfen. Sie alle vertraten eine hingebungsvolle Liebe zu allen Menschen und Tieren, zu allem Leben. Sie kümmerten sich nicht im Geringsten um die moralischen Anleitungen der Bhagavad Gita, sondern folgten ihrem inneren Empfinden. Zu ihnen gehörten Ramakrishna, Shirdi Sai Baba, Ramana Maharishi, Ananda Moy Ma, Yogananda und viele weitere.

 

Wenn man die indischen Mythen um Shiva auswertet, so kommt man zu dem Schluss, dass Shiva der Liebe und der Bejahung der Schöpfung den Vorzug gegeben hatte. Er kehrte aus der Versenkung zurück, gerufen durch die Liebe von Parvati. Somit war es nicht das Verlassen und die Verneinung der Schöpfung, was Shiva lehrte - seine Entscheidung, gemäß der Mythen, ist anders als jene des indischen Yoga.

In diesem Sinne haben auch viele erleuchtete Yogis gelebt, indem sie ein Heraustreten aus der Schöpfung ablehnen.

 

Ramakrishna hat dies in seinem Gleichnis vom Mangogarten beschrieben:

Es gab einmal einen Mangogarten mit herrlichen Früchten. Einigen gelang es die Mauer zu übersteigen, um die Früchte zu genießen. Nur wenige von ihnen kletterten über die Mauer zurück, um den anderen vom Mangogarten zu berichten.

 

Die Botschaft von Ramakrishna besagt, dass man, sobald man Moksha  erreicht hat, sich aus den Motiven der Liebe wieder der Schöpfung zuwenden soll.

 

Von Ramakrishna ist auch folgendes kurzes Gespräch mit seinem Yogaschüler Vivekananda bekannt:

Ramakrishna fragte Narenda, was denn das Ideal seines Lebens sei.

Darauf erwiderte Narenda:

„Die Erleuchtung.“

Darauf Ramakrishna:

„Ach, und ich dachte, Du wärest schon weiter.

(Aus “Worte des Ramakrishna” v. E.v.Pelet, Rotapfelverlag)

 

Nicht nur die großen Yogis befolgten nicht die indischen Karmagebote. Selbst im Buddhismus, der ebenfalls von der Lehre des Nicht-Anhaftens geprägt war, wendete sich ein Großteil der Anhänger dem Mitleid zu (Bodhisattva Gelübde), woraus die Richtung des Mahayana entstand, die sich vom ursprünglichen Hinayana abspaltete.

 

Was den Tantra Yoga anbelangt, so haben sich die Tantriker nie für die hinduistischen Regeln der Moral und des Kastenwesens interessiert. Im Gegenteil. Wer in den Tantra eingeweiht werden wollte, musste das Ritual der 5 M vollziehen. Die 5 M stehen für die Anfangsbuchstaben von 5 Ritualen, von denen ein jedes eine höchste Sünde für einen Brahmanen ist. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sich die große Masse tantrischer Sadhus der Liebe zuwendet.

Was die Liebe zu den Menschen oder gar erweitert zur Natur anbelangt, so war diese den Tantrikern ebenfalls durch all die Jahrhunderte unbekannt. Ein Tantriker befolgte auf pragmatische Weise das, was ihn zu einer inneren Entwicklung verhalf. Äußere Normen hatten niemals Bedeutung. Das Lebensziel oder Ziel des Yoga war und ist der Zustand der Alleinheit (gemeint ist der Zustand der "Nicht-Zweiheit" nach der Lehre des Advaita). Es ist ein Zustand der als sat-chit-ananda beschrieben wird. Hierbei bedeutet sat = Sein im Sinne des Existieren, chit = klares, ungetrübtes Bewusstsein, ananda = Glückseligkeit.

 

Der Maha Yoga strebt ebenfalls das Allbewusstsein an. Er hat jedoch eine völlig andere Einstellung zur Liebe. Während die Liebe nach der Bhagavad Gita und der alten Form des Buddhismus Bindungen zu anderen Menschen schafft und somit eine karmische Verknüpfung verursacht, die zu weiteren Wiedergeburten führt, sieht das der Maha Yoga anders. Der Maha Yoga sieht in der Liebe eine Art Kitt. Die Liebe ist eine Kraft, die vereint. Durch die Kraft der Liebe wird man mit allem eins und erreicht einen Zustand der Alleinheit. Sicherlich kann man sagen, der Zustand des Allbewusstseins nach der Lehre des Advaita (orthodoxen Tantra) ist jenseits der Schöpfung, während das Allbewusstsein des Maha Yoga ein Einswerden mit der Schöpfung ist. Mit der Schöpfung eins zu sein ist nach einem orthodoxen Hindu ein tieferer Zustand als jener der Nicht-Zweiheit, dem Zustand jenseits der Schöpfung.

 

Wie immer die philosophischen Argumente sein mögen, ein Yogi, der dem Maha Yoga angehört, folgt seinem Herzen und nicht einer Ideologie. Er folgt auch nicht einer Ideologie des Maha Yoga. Wie ist das zu verstehen? Im Maha Yoga kommt zuerst das Erleben und dann erst die Erklärung (Ideologie). Man kann keinen Maha Yoga nach Vorschrift machen. Das geht einfach nicht. Der betreffende Yogi oder Yogini, würde am selben Fleck herumtreten und keinen Schritt weiter kommen.

 

 

Gut und Böse aus der Sicht des Maha Yoga

 

Matthäus 5,39: "Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin“.

Durch Jahrhunderte, solange die Menschen in unserer westlichen Zivilisation hier noch im psychischen Gleichgewicht waren und noch gesunde Naturinstinkte hatten, wurde dieser Ausspruch so ausgelegt, wie er wahrscheinlich auch gemeint war: "Du sollst verzeihen und nicht Rache üben".

Gegenwärtig nimmt man diesen Ausspruches wörtlich. Wenn jemand ein schweres kriminelles Vergehen begangen hat, dann treten die Psychologen auf den Plan, erklären, wie jener Mensch in seiner Jugend schlechten Einflüssen unterlegen ist, in seinem sozialen Verständnis gestört wurde und man deshalb jenen Menschen nicht bestrafen solle. Und man lässt ihn frei.

Umgekehrt geschah z.B. Folgendes. Ein Lastwagen überholte unseren Personenkraftwagen und rasierte so scharf, dass der Rückspiegel beschädigt wurde. Das war am Nachmittag. Wir hatten Besuch, um den wir uns kümmern mussten und den wir noch am gleichen Tag zum Flughafen bringen mussten. Am nächsten Tag am Vormittag meldeten wir das Verkehrsgeschehen wegen der Versicherung bei der Polizei. Wir wurden wie Kriminelle behandelt, mussten uns eine lange Predigt anhören und wurden letztlich wegen "Fahrerflucht" angezeigt und bestraft (weil wir unseren Schadensfall nicht am gleichen Tag gemeldet hatten). Obwohl wir Geschädigte waren wurden wir kriminalisiert.

 

Mit unserer Zivilisation stimmt etwas nicht mehr!

Werfen wir einen Blick auf die esoterische Szene: da gibt es Lichtarbeiter, Lichtheiler, Engelmitarbeiter und Medien, welche predigen, dass man ausschließlich liebevoll und lichtvoll sein soll. Der Begriff "Gerechtigkeit" wurde zu einem Begriff des Bösen gestempelt. "Gerechtigkeit ist Vergeltung und Hass", heißt es. Einzig Liebe, die verzeiht und nicht bestraft ist angesagt. "Seid wie die Engel" heißt es. Dass es auch Engel mit einem Schwert in der Hand gab, das wurde vergessen.

Von den älteren Menschen wird erzählt, dass es früher oft vorkam, dass der Inhaber von einem Verkaufstand sich ins Gasthaus zum Mittagessen setzte oder auf die Toilette ging und seinen Staned unbewacht ließ. Auf dem Tisch stand eine Schale und in diese warf man das Geld hinein, wenn man sich für einen Artikel entschieden hatte - man nahm sich den Artikel, zahlte korrekt, ging weg und niemand plünderte die Kasse. Wäre das heut noch möglich? Heute getrauen sich Frauen nicht einmal mehr alleine am Abend auszugehen!

 

Es gibt im Jenseits viele religiöse und auch Yogaschulen, welche einzig auf Liebe und Gebet ausgerichtet sind und alles andere als tief stehend ablehnen. In meinen ersten Jahren, als ich integralen Yoga lernte, wurde dies den Yogis und auch mir als spirituelle Denkungsart beigebracht. Hier einige Aufzeichnungen aus jener Zeit:

Traum von Antaryamin:

"Ich (Antaryamin) befinde mich mit A. in einer großen weißen Halle. Links waren Bankreihen auf welchen Kinder saßen, rechts waren Bankreihen für Erwachsene. A. spricht über Liebe und innere Zustände. Es wird viel gefragt und A. beantwortete alles großartig. Jedem Fragenden strahlt er Trost und Liebe zu. Ich sitze auch unter den Zuhörern und als A. hinaus geht, gehe ich mit ihm. Er streichelt und küsst die Kinder und macht ihnen Kreuzzeichen auf die Stirne. Ich tue das Gleiche. Dann verlassen wir den Raum."

 

Hinweis auf meine Gebetskraft (Ballabene)

"Ich schwebte über eine Wiese, durchquerte auf einem Pfad einen kleinen Wald und gelangte in ein Dorf. Dort betrat ich ein Haus, in dem sich eine Frau und ein 8 jähriges Mädchen befanden. Ich entschuldigte mich für mein unangemeldetes Kommen und erklärte, dass ich noch verkörpert sei und mich auf einer Astralreise befinde. Interessanterweise waren beide über meine Aussage keineswegs überrascht. Statt dessen fragte mich die Frau, ob ich eine Belehrung wolle und ich bejahte.

Da zeigte sie mir eine Glaskuppel von ca. 30 cm Durchmesser. Die Frau wendete sich an mich und erklärte mir, dass ich in der Kuppel meine Gebete sehen könne. Dann bat sie mich zu beten. Ich versuchte dies und sah dann ein kleines, blauweißes Pünktchen in der Glaskuppel, welches sogleich dann wieder verlöschte. Ich war erschüttert über meine geringe Gebetskraft und begann zu weinen. Dann wurde ich wieder in meinen Körper zurück geholt."

 

Ich war damals vollkommen von der Mentalität dieser pietistischen Helfer eingelullt. Sie forderten Gehorsam, Demut und Unterwürfigkeit. Ich versuchte mich dem anzupassen, war jedoch sehr erfolglos. Wie man aus der vorhin gebrachten Astralreise ersehen kann, war ich unfähig zu beten - Beten liegt mir noch immer nicht und es kommt mir nicht im Geringsten in den Sinn das zu versuchen.

"Einmal verlor ich mitten in einer Astralreise meinen Sehsinn. Ich sah nur noch Schwarz um mich, konnte aber Anwesenheiten aurisch erfühlen. Da stand eine Gruppe von Helfern vor mir. Sie schwiegen einige Sekunden. Dann fragte mich eine weibliche Helferin weshalb ich mich nicht vor dem Helferguru verbeuge. Ich tat es natürlich nach wie vor nicht und war zutiefst empört, wie man von mir verlangen könne, dass ich mich vor jemandem verbeuge, den ich gar nicht sehen könne."

 

Ich liebte es tiefere Ebenen aufzusuchen, weil hier die menschlichen Bedürfnisse, Schattenseiten und Probleme so offensichtlich zu erkennen waren und auch wenn die Atmosphäre zwar nicht heilig war, ich dennoch daraus viel lernen konnte. Meine Helfer waren da ganz anderer Ansicht:

Im Gasthaus (Ballabene):

"Auf einem freien Platz aus blanker Erde und nur gelegentlich einem kümmerlichen Unkraut, standen verloren einige Gebäude. Es waren Ziegelgebäude mit fleckigem Verputz. Die ebenerdigen Gebäude waren keineswegs abstoßend, sondern nur ländlich und von Armut gekennzeichnet.

Ich betrat ein Gebäude, dessen Schild es als Gasthaus kennzeichnete. Etwa drei Stufen führten zu der Türe hinauf und ich trat ein. Drinnen war ein Bretterboden und im Raum befanden sich etliche Holztische mit einfachen Bänken ohne Rückenlehne.

Es waren keine Gäste anwesend bis auf eine Gruppe, die an einem langen Tisch in einer Ecke des Raumes saß. Ich empfand sie als meine Helfer, obwohl mir die meisten vom Aussehen her unbekannt waren und ging zum Tisch hin und setzte mich dazu.

Eine junge, unbekannte Helferin erklärte mir etwas unwillig, dass ich nicht immer auf Abenteuer ausgehen solle, was mir schaden würde und es besser wäre, wenn ich mich mehr auf lichtvolle Ebenen ausrichten und mich des Gehorsams befleißigen würde."

 

Nun, es ist jenen Helfern nie gelungen einen Pietisten aus mir zu machen. Statt dessen habe ich mich von jenen Helfern abgekehrt und bin meine eignen Wege gegangen. Diese Wege sehen völlig anders aus und sie sind nicht mehr vom hinduistischen Yoga oder dem christlichen Yoga geprägt. Hier im Tantra hat sich für mich die Spielart des Maha Yoga entwickelt.

 

Die vorherigen Geschehnisse aus der Zeit meines Anfangsyoga wurden gebracht, um einen besseren Vergleich zu gegenwärtigen Ansichten zu bringen. Im Maha Yoga wird die Liebe ganz groß geschrieben. Dennoch ist es eine völlig andere Liebe. Es ist eine Liebe ohne hierarchischem Denken, ohne Unterwürfigkeit, Demut und Pietismus. Ich liebe alles um mich, die Natur und die Menschen, bete nie und gehe nie in die Kirche. Wenn mein Kater den Kühlschrank wieder einmal öffnen will und sich anstrengt, die davor aufgebauten Barrikaden wegzuzerren, schimpfe ich laut zu ihm, werfe vielleicht sogar einen kleinen Polster hin, aber ich bestrafe ihn nicht und bin in keiner Weise nachtragend. Es hindert ihn nicht es neuerlich zu versuchen, was ich zwar respektiere, aber nach wie vor zu verhindern versuche. Insgeheim bin ich auf ihn stolz, weil er über eine respektable Intelligenz verfügt. Auch wenn mich diese Intelligenz dazu zwingt immer das Zimmer zu versperren, in dem sich das Futter befindet, weil eine Türschnalle für ihn kein Hindernis ist.

 

Wir im Maha Yoga sind Krieger, welche versuchen anderen, die in Not sind beizustehen. Um ein Krieger zu sein bedarf es der Kraft. Sicherlich auch der Liebe, aber auch der Toleranz. Ein Höllenfürst ist kein Feind, wenn er sich gerecht verhält. Er behütet sozusagen einen Ort der Läuterung. Solche Orte muss es geben, denn nie würden Menschen, die anderen schweres Unrecht zugefügt haben, dieses als solches erkennen, wenn sie nicht irgend wann selbst Leid ertragen müssen. Erst dann erkennen sie was Leid überhaupt ist und was sie anderen zugefügt haben. Solche Höllenfürsten vollziehen also eine notwenige Aufgabe und werden deshalb von Karmameistern respektiert. Obwohl sie Höllengeister sind und von anderen als diabolisch klassifiziert werden, halten sie sich an die Regeln der Gerechtigkeit. Nie würde es mir einfallen sie zu bekämpfen.

 

Vielleicht wird die Einstellung, die wir im Maha Yoga haben, am Besten ersichtlich, wenn ich ein paar Beispiele von Astralreisen aus jüngerer Zeit bringe.

 

Der Zweikampf (Ballabene)

"Ein ungutes, starkes Wesen, das einer Höllenregion angehört, hatte eine erdnahe Ebene aufgesucht, um an einem gerade dort befindlichen, noch verkörperten  Menschen Rache zu nehmen und ihn zu schädigen. Das war ein schwerer Verstoß gegen die Karmaregeln, an die sich alle halten, die eine führende Position einnehmen, egal in welcher Ebne sie sich befinden. Schon waren Karma-Krieger zur Stelle, um das zu verhindern. Einer von ihnen eilte sofort zu dem Höllengeist, um mit diesem zu kämpfen und den Menschen zu schützen. Das Höllenwesen schlug sofort die Flucht ein, wurde jedoch von dem Krieger verfolgt. Es schien nicht das erste Mal gewesen zu sein, dass jener Höllengeist sich nicht an die Regeln hielt. Unter "Regeln" versteht man Verhaltensregeln, die von beiden Seiten, ob "dunkel" oder "licht" streng eingehalten werden. Die Verfolgungsjagd lief unglaublich schnell ab und war sehr kurz. Am Ende hatte der Krieger den Höllengeist mit seinen Armen umschlungen und festgehalten. Beide schwebten leicht in der Luft. Der Krieger setzte seine Kundalini frei, welche man als loderndes Feuer, das beide umhüllte, wahrnehmen konnte. In diesem Feuer wurde der Höllengeist schwer verbrannt. Auch der Krieger war verletzt, jedoch nicht so stark wie der Gegner. Der Höllengeist lag nach diesem Zweikampf unbeweglich am Boden. Im nächsten Augenblick umgab ihn eine Gruppe von Karmahütern und kam nach kurzer Beratung zu einem Gerichtsbeschluss, der als Todesurteil ausgesprochen wurde. (Was immer das bedeutet, ob Reinkarnation oder der Verstoß in eine tiefere Ebene)."

 

Die Kraft (Gauri)

"Da wir das Thema "Krieger" angesprochen haben. Dazu möchte ich dir gerne eine unbewusste Astralreise von heute Nacht erzählen. Es war eine sehr einfache Handlung, hat mich aber beeindruckt, weil es zeigt, was wir eigentlich sind.

 

Ich fuhr mit meinem Auto, aber dann musste ich in der Nähe einer Straße stoppen. Die Umgebung sah wie im normalen Alltag aus, mit nur kleinen Unterschieden. Ich parkte dann das Auto in einem Feld nahe einer Kurve ein und wollte schauen was damit los ist. Da standen auf einmal ca. 8-9 junge Männer hinter mir. Ohne dass ich es bemerkte, hatten sie mich quasi umzingelt. Ich richtete mich auf und drehte mich zu ihnen um. Es waren Männer jungen Alters. Der Älteste mochte vielleicht um die 40 sein, nicht mehr.

Sie fragten mich was ich denn da tue. Ein paar von ihnen streichelten schon das Auto und liebäugelten schon damit als ihren Besitz. Die anderen hatte ich mit den Augen fixiert und sie warteten ab.

Ich konnte ihre  Gefühle sofort wahrnehmen. Ich war für sie ein Stück Freiwild, das sie nun jederzeit in Stücke reißen könnten. Da war auch niemand in der Nähe und sie würden unentdeckt bleiben. Ich erfühlte wie sie schon damit anfingen Gedanken zu formen, mich zu vergewaltigen, zu berauben und einfach das zu tun, was sie wollten. Ich fühlte wie sich eine gemeinsame Gruppenschwingung aufbaute. Sie alle wurden davon ergriffen. Jetzt waren sie eine Bande, die nur auf meine Reaktion wartete und bereit waren sich auf mich los zu stürzen. Die Bedrohung war für mich deutlich greifbar zu empfinden.

Das alles ging sehr schnell. Du kennst es ja, es ist eine Sekundensache, aus der man aber immens viel erfühlen und erfahren kann. Sie hatten kaum ihre Fragen gestellt, was ich da so alleine tue, als ich dies alles wahrnahm und die zwei Jungs mein Auto schon als das ihre streichelten.

Ich hatte mich inzwischen aufgerichtet - zuvor war ich neben dem Auto gebückt gestanden. Jetzt stand ich vor ihnen fast in der Mitte und hielt einen Lappen in der Hand, mit dem ich das Auto geputzt hatte. Leider weiß ich nicht mehr genau was ich ihnen gesagt habe. Es war etwas sehr einfaches, wie "ich versuche mein Auto zu checken, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist". Aber woran ich mich genau erinnere, ist, dass ich sie alle der Reihe nach während ich sie ruhig ansprach, anschaute. Sie alle hatten mich im Halbkreis umzingelt. Seelenruhig sagte ich ihnen, dass alles bestens sei und wünschte ihnen dann einen schönen Tag. Es fiel mir aber auf, dass ich während dieser Worte sie alle einzeln angeschaut hatte, wie schon gesagt.

Kaum hatte ich gesprochen, geschah etwas Unglaubliches (für mich jetzt retrospektiv). Sie waren wie verwandelt! Sie richteten sich plötzlich auch körperlich auf, wurden stramm wie unter Kommando und schickten sich an wortlos weg zu gehen. Die bisherige dunkle Schwingung war verflogen und umgekippt! Sie waren vor mir innerlich klein und besiegt. Ich spürte, sie würden mir kein Haar krümmen. Das konnten sie nicht. Sie waren meinem Willen, den ich offensichtlich beim Reden auf sie zugestrahlt hatte, ohne es mir bewusst zu sein, einfach unterworfen und zwar augenblicklich und hoffnungslos. Ich spürte weder Widerrede, noch Auflehnung, Groll oder etwas dergleichen. Sie gehorchten mir einfach. Sie mussten es und waren dem Impuls völlig ergeben.

 

Ich weiß, dass es ein einfaches, im Grunde genommen banales Erlebnis war. Aber für mich war das sehr beeindruckend, weil unabhängig von mir als Akteurin, und sich die im Hintergrund wirkenden Mechanismen als die wahren handelnden Kräfte zeigten. Und das alles ging so unerwartet. Ich hatte keine Ahnung, dass es so kommt. Ich fühlte die Bedrohung, rief aber nicht nach Hilfe, hatte auch keine Angst. Ich nahm wahr und reagierte ganz selbstverständlich. Dabei war schon eine andere Instanz in mir hellwach - vielleicht durch die Bedrohung. Ich spürte aber keinerlei Veränderung, nichts. Ich wurde mir nur des Ernstes der Lage bewusst und schon kam in mir der Krieger hoch und strahlte aus. Mehr war nicht nötig um einen Konflikt zu vermeiden.
Zu keiner Zeit fühlte ich Hass, Angst, Enge oder Furcht in mir. Auch als ich sie besiegt hatte mit meinem Willen, verspürte ich keine Genugtuung.

 

Nachher habe ich mir überlegt: was, wenn man keine Kraft besitzt, kein Vertrauen in sich, keine Verbindung zu seinem wahren Wesen hat? Dann muss man nach einem Helfer rufen, oder jemandem Starken, damit man gerettet wird. 

 

Ich frage mich, was bei Gauri wohl geschehen wäre, wenn sie lieb gelächelt und versucht hätte lichtvoll zu sein, wie es von den esoterischen Pietisten empfohlen wird?

Wenn Unrecht sich anbahnt, so bedarf es der Gegenkraft. Zu beten, um alle Lasten Gott oder seinen Engeln aufzubürden, ist die Einstellung von Kindern, welche jegliche Verantwortung und Schutz den Eltern zu schieben. Das ist nicht die Denkungsart von reifen, eigenständigen Persönlichkeiten.

 

Jene Menschen, die vermeinen durch bloße Licht-Vorstellungskräfte die Welt heilen zu können und den Parolen nacheifern, die ihnen einzureden versuchen, dass dies allein genüge, um die Welt zu retten, sei ein Satz von Albert Einstein in Erinnerung gebracht:

Einstein: Die Welt wird nicht bedroht von Menschen, die böse sind, sondern von jenen die das Böse zulassen.

 

 

 

Über die Shakti und die Vitalenergien

 

 

Diese Mudra symbolisiert die Vereinigung von Shiva und Shakti

Shakti = Kreis aus Daumen und Zeigefinger,

Shiva = die drei letzten Finger (Trisula = Dreizack)

 

Die obige Mudra mit dem symbolischen Hinweis auf Shiva (Bewusstsein) und Shakti (Schöpfung) ist die tantrische Grundformel des Kosmos. Unter Shakti, der Schöpfung (genauer Maha Shakti = große Shakti) versteht man weniger das Äußere, die Materie, sondern vielmehr das, was hinter der Schöpfung als gestaltende Urkraft steht. Ein materiell orientierter Europäer würde darunter das Zusammenspiel der physikalischen Kräfte sehen, für die Inder steht hinter der Schöpfung eine lebendige magische Kraft.

Da der Mensch strukturell genauso aufgebaut ist wie die Schöpfung im Großen, existiert auch in ihm eine kleinere und individuelle Version der Maha Shakti, nämlich seine persönliche Shakti. Die Shakti des Yogis wirkt in ihm als intelligente Kontrollinstanz für Körper, Vitalenergien (hier wird die Shakti "Kundalini-Shakti" genannt) und jegliche Art von magisch-spiritueller Kraft.

Da die inneren Kräfte eines Menschen von einer eigenständigen Intelligenz geleitet werden, ermöglicht dies dem Yogi mit seiner Shakti zu kommunizieren. Je nach Verfeinerung des Yogis erfolgt die Kommunikation mit verschiedenen Schichten der Shakti. So wie der Mensch verschiedene feinstoffliche Körper hat (Zwiebelmodell) so gilt es auch für die Shakti.

 

       

 

Erscheinungsformen der Shakti von der Vitalenergie (Kundalini) bis zur spirituellen Beschützerin

 

Keine eigenständige Intelligenz liebt es unterjocht und versklavt zu werden. Das gilt wie für alles Leben genau so gut für die Shakti. Die Menschen im Westen wollen alles unter Kontrolle haben. Sie wollen bestimmen wann und wie die inneren Energien erweckt werden und wie der Entwicklungsweg aussehen muss. Das ist ein falscher Zugang - ein Befehlen ohne Mitspracherecht der Shakti. Das läuft nicht gut. Die Shakti wehrt sich dagegen. Die Entwicklung wird nicht harmonisch verlaufen und viele Störungen aufweisen.

 

Ein wesentlicher Aspekt im Tantra und auch im Taoismus (der mit dem Tantra verwandt ist) ist die Annahme, dass eine Frau mehr Shakti Energie enthält (chin.: bei einer Frau herrscht Yin vor - Yin ist erdhaft, dunkel) während bei einem Mann der Shiva-Aspekt vorherrschend ist (chin.: bei einem Mann herrscht Yang vor - Yang ist hell, dem Himmel zugeordnet).

Die Lehre von den gegenpolaren Qualitäten bei Mann und Frau führt bei manchen tantrischen und taoistischen Lehren dazu, dass man versucht die eigenen Kräfte durch sexuellen Kontakt mit dem anderen Geschlecht zu verstärken und zu harmonisieren (Tantra der linken Hand). Andere Richtungen schrecken aus sozial geprägten moralischen Bedenken davor zurück. Als Folge hiervon sind verschiedene Richtungen entstanden, die im nachfolgenden Kapitel aufgelistet werden.

 

 

Mann und Frau haben jeweils eine Polarität im Überschuss - dies bewirkt eine energetische Anziehungskraft zwischen beiden.

 

Während die Chinesen ihre Symbolik gerne topgraphisch ausrichten - Mann = Himmel, Frau = Erde. Diese bildhafte Ausdrucksweise ist für Europäer bisweilen verwirrend. Aus diesem Grund werden die Polaritäten im Maha Yoga nach den hierbei dominanten Chakren farbig dargestellt.

Um Irtümer zu vermeiden sei noch darauf hingewiesen, dass, obwohl so dargestellt, Mann und Frau beide Polaritäten enthalten und von einer Polarität jeweils nur ein kleiner Überschuss herrscht.

Die chinesische topographische Symbolik ist von daher zu verstehen, als die jeweiligen Polaritäten (Ladungen) beim Menschen in erster Linie eine oben- unten Anreicherung haben - siehe folgendes Abbild:

 

 

Die Polaritäten wie sie sowohl bei Mann und Frau topographisch orientiert sind

Erde = Yin, Himmel = Yang

 

Shaktipad - die Übertragung spirituell förderlicher Kräfte durch den Guru

 

Tiefer Yoga, der auch mit inneren Erlebnissen und Erfahrung bereichert werden soll, den kann man schwer oder kaum auf intellektuelle Weise erlernen. Auch nicht dadurch, dass man sich an Übungsanleitungen und sonstige Vorschriften hält. Man würde solcherart nur den Kopf und den Körper trainieren, also den äußeren Menschen. Es soll jedoch die Seele entwickelt werden. Diese jedoch benötigt mehr als intellektuelles Wissen und gute Geschmeidigkeit des Körpers. Sie benötigt Lichtkräfte.

Um Lichtkräfte zu erwerben benötigt es einen Funken. Dieser Funken, dieser Lichtkeim soll sich dann zu einer Flamme entfalten. Nicht zu einem kurzen Strohfeuer, sondern zu einer beständigen, bleibenden Flamme.

Dieser nötige Funke ist das Shaktipad des Gurus. Wir alle wissen, dass zum Entzünden von Holzspänen ein Funke allein nicht genügt und man es mehrmals versuchen muss, bis ein Funke greift.

Und dann muss man fleißig nachlegen, größere Scheite und nach dem Weihholz Scheite aus Hartholz. Das ist die Arbeit des Yogapraktikanten, sein Fleiß in Übungen, Nachdenken und was immer noch zum Yoga dazu gehört.

 

Dieses Shaktipad, die Übertragung von Kraft vom Guru oder Gurini auf den Schüler trägt in sich zwei überraschende Momente:

·       Shaktipad ist nicht an den Raum gebunden und kann über tausende Kilometer Entfernung weiter gegeben werden - ist bei uns auch der Fall, denn die Yogapraktizierenden leben in den verschiedensten Nationen.

·       Shaktipad erfolgt von einem männlichen Guru zu einem weiblichen Schüler kraftvoller und besser als eine Übertragung bei gleichem Geschlecht.

 

 

Hier die Gurulinie unserer Maha Yoga Gemeinschaft: Gur Vayuananda - Gurini Ananda - Guru Vayu - Gurini Gauri - eine Demonstration optimaler Energieübertragungen

 

Unterschiedliche Zugänge zur Shakti im Tantra

 

Die Quelle unserer Vitalenergie ist die Sexualität. Da die jeweiligen Kulturen von sehr starken Moralismen gekennzeichnet waren und zum Teil noch immer sind, kamen die spirituellen Praktizierenden in einen inneren Gewissenskonflikt zwischen den biologischen Fakten und den sozialen Richtlinien. Nur selten entstanden (eher kleine) Schulen, die mit einem Kompromiss leben konnten. Die meisten Lehrmeinungen polarisierten in Extreme.

Hierzu ein Überblick über die wichtigsten tantrischen Lehrmeinungen zum Aspekt Liebe und Sexualität:

 

v    Neotantra

Der Neotantra ist eine Mischung aus dem indischen Tantra der linken Hand und modernem Wellness-Denken. Er ist auf ein sexuelles Ausleben ausgerichtet.

v    Tantra der linken Hand

Nach dieser Auffassung ist ein kosmisches Einheitserleben ein ekstatischer Zustand, wie er im Orgasmus erlebt werden kann. Nach dieser Lehre ist der Orgasmus jener Zustand, den auch der Schöpfergott Shiva hatte, als er die Welt erschuf. Im Orgasmus wird der Mensch dieser Lehre zufolge eins mit dem Göttlichen, das sich in einem permanenten ekstatischen Zustand befindet, wodurch die Schöpfung erhalten und erneuert wird.

v    Tantra der rechten Hand

Dies ist eine konträre Geisteshaltung gegenüber dem Tantra der linken Hand. Da die hauptsächlichsten Repräsentanten des allgemeinen Yoga Mönche und Nonnen sind, werden von ihnen Lehren vertreten, denen gemäß der sexuelle Akt ein Vorgang ist, bei dem schöpferische Energie verbraucht wird. Schöpferische Energie wird mit der eigenen Lichtenergie (Shakti) gleich gesetzt. Diese Energie will man zur Stärkung der Kundalini erhalten und speichern.

v    Maha Yoga

Erhöhung der Schwingung durch die spirituelle Verbindung mit einem jenseitigen Wesen.

Nach Überlieferungen wie man sie von Siddhas und Mahasiddhas her kennt, lebten die asketischen Einsiedler des Himalaya mit Dakinis zusammen. Es waren Asketen, die zurückgezogen von der Welt lebten. Sie hatten eine Liebesverbindung zu transzendenten Wesenheiten, die zugleich ihre Lehrer auf magischem Gebiet waren. Eine solche Verbindung nennt man im modernen Sprachgebrauch "Geisterehe". Die Idee einer Geisterehe ist den Menschen unserer Zeit völlig fremd und nicht vorstellbar. Vorschnell wird behauptet, dass eine Geisterehe ein psychisch verdrehter Ersatz für regulären Geschlechtsverkehr ist. In den "Primitivreligionen" und im Schamanismus war eine Geisterehe jedoch sehr häufig, und in einigen Religionen etwa dem Candomble oder Voodoo die Regel. In diesen alten Systemen lag der Schwerpunkt nicht im sexuellem Erleben, sondern in der Vermittlung von magischen Fähigkeiten.

 

Vielleicht haben alle oben angeführten Richtungen teilweise recht - etwa jede Richtung für ein spezifisches Gebiet. Auf jeden Fall sollte man bedenken, dass Yoga Praktizierende körperlich, psychisch und spirituell unterschiedlich veranlagt sind und deshalb unterschiedliche Systeme benötigen. Aus diesem Grund sollte man mit Bewertungen und Verurteilungen vorsichtig sein.

 

Im Tantra wird die Sexualität als die Basis der Vitalkraft gesehen. Aus der Vitalkraft entwickeln sich dann in einem inneren alchemistischen Prozess die feineren Qualitäten der Energie. Die Umwandlung der Vitalenergie in höhere Energieformen erfolgt durch Vermischung mit Lichtkräften. Sowohl was man unter Lichtkräften zu verstehen hat als auch wie die Vermischung erfolgt, ist zwar in der Anwendung aus empirischer Erfahrung her bekannt, theoretisch jedoch bislang nicht erklärbar.

 

Die erdhaft sinnliche Liebe ist in den unteren Chakren lokalisiert. Dann gibt es die feurige leidenschaftliche Liebe im Manipura Chakra (Nabelchakra) und die beschützende, umsorgende Liebe im Anahata Chakra (Brustchakra).

 

Es ist allerdings zu beachten, dass ein Chakra nicht für sich allein schwingt, sondern dass noch andere Chakren ihre Qualitäten beimischen. Wir haben demnach beim Menschen nie reine Zustände, sondern immer Mischungen. Diese Sichtweise mag für ein emotionelles Thema zunächst etwas abstrakt erscheinen, es ist aber ein guter Ausgangspunkt für eine differenziertere Sichtweise.

 

Die hohe spirituelle Liebe wird dem Anahata Chakra in der Brustmitte zugeordnet. Aber nicht bei jedem, bei dem das Anahata Chakra voll schwingt, manifestiert sich eine ganz hohe Liebe. Eine ganz hohe Liebe ist dann gegeben, wenn sich nicht das Muladhara oder Manipura Chakra dominant beimischt, sondern untergeordnet und ergänzend bleibt. Dagegen ist es bedeutungsvoll, dass das zwölfblättrige Stirnchakra und das ebenfalls zwölfblättrige Soma-Chakra mit seinen zwei Polen im Scheitel und Gaumen die aurischen Qualitäten bestimmt.

 

 

 

Einige Kopfchakren mit ihrem Gegenchakra (zweiten Pol)

9) und 10) betreffen das Soma Chakra

7) und 8) sind das zwölfblättrige Stirnchakra mit Gegenpol

 

 

Die Reformbedürftigkeit des indischen Tantra in Bezug auf Reinkarnation und Karma

 

Solange für die europäische Naturwissenschaft im Mittelalter die "heiligen" Schriften des Aristoteles verpflichtend waren, gab es keinen wissenschaftlichen Fortschritt. Wissen kann sich nur dann entfalten, wenn es Meinungsfreiheit gibt. Was für die Naturwissenschaft im Mittelalter galt, das gilt für die Religionswissenschaft noch immer in heutiger Zeit. Die ersten Ansätze einer Religionswissenschaft entstanden um 1900, erstarben jedoch bereits kurz danach in einer absoluten Autoritätshörigkeit gegenüber den Gründern, so dass aus der Theosophie wiederum eine erstarrte Religion wurde.

Auch der Tantra, auf den hier Bezug genommen wird, ist ein erstarrtes Religionssystem. Der größere Rahmen, in den ein spiritueller Weg eingebettet ist, nämlich die Zielsetzung und die Frage "wer sind wir, woher kommen wir und wohin gehen wir", sind im Tantra dogmatisch festgelegt. Damit ist auch der Tantra ein erstarrtes System und da er ein altes System ist, ist er nicht mehr dem Wissensstand der heutigen Zeit angepasst.

 

All unser Bemühen, unsere Weiterbildung und unsere seelische Umgestaltung hängen von dem Ziel ab, das wir anpeilen. Ein gesunder, stichhaltiger Überbau des spirituellen Systems, dem wir uns anschließen, ist also ungemein wichtig.

Was sagt hierzu der orthodoxe Tantra Yoga? Er sagt, dass wir einem Reinkarnationszyklus unterliegen, der auf Belohnung und Bestrafung aufgebaut ist. Wenn wir uns demnach von unseren karmischen Altlasten befreien wollen, so ist es angeraten genau nach Vorschrift zu leben, damit wir keine weiteren Fehler begehen und karmisch sauber werden. Was ist das Resultat? Ein unselbstständiger Mensch, der es nicht wagt eigenständig zu denken und dessen einzige Ethik darin besteht, sich positiv nach Vorschrift durch das Leben zu wursteln, um solcherart von dem Leid, mit welchem jedes Leben identifiziert wird, frei zu werden.

 

Unsere moderne Reinkarnations- und Karma-Forschung liefert uns ein völlig anderes Bild. Als erstes erkennen wir darin den Grundgedanken einer Evolution - ein völlig anderes Konzept als das eines Systems, das auf Belohnung und Bestrafung aufbaut. Hier in der modernen Denkweise ist es angesagt eigenständig und eigenverantwortlich zu werden, zu erkennen, uns in die Gegebenheiten einzufühlen, weise, ethisch und liebevoll zu werden.

 

Wie sind die Auffassungen bezüglich des Jenseitsaufenthaltes nach dem physischen Tod?

Im Tantra, kommen wir in eine Belohnungs- oder Bestrafungswelt. Sobald die Belohnung konsumiert oder die Bestrafung aufgebraucht ist, beginnt der Kreislauf wieder von vorne.

Was besagt die moderne Jenseitsforschung? Wir lernen auch dort weiter, entfalten uns auch dort. Dann, irgend wann inkarnieren wir uns wieder, um durch einen Härtetest zu prüfen, ob das Erlernte auch richtig sitzt. Wir entwickeln uns weiter. Ein jedes Leben ist ein gewaltiger Schritt nach vorne. Das verifiziert sich nicht nur in einer Forschung, sondern ist auch ein positives Weltbild, das uns Mut gibt.

 

Der Energieschwerpunkt bei den tantrischen Siddhas und im Taoismus

 

Siddha-Yoga ist die Bezeichnung für eine tantrische Yogadisziplin, in welcher auf Basis von Kundalini-Arbeit besondere Fähigkeiten angestrebt werden - als Beweis des inneren Fortschrittes.

 

Was aus der gegenwärtigen Sicht einer spirituellen Entwicklung übersehen wird, ist, dass es sich bei den vitalen Kundalini Kräften um die niederste feinstoffliche Materie/Energie handelt, nämlich um die Ätherenergie. Weshalb man dieser Energieform so viel Bedeutung beigemessen hat und traditioneller Weise noch immer bei misst, geht klar aus der Frühgeschichte hervor: wer über viel magische Macht verfügte, ob Schamane wie ganz früher oder Yogi oder Taoist wie später, stand den Göttern näher. Es war die Macht, welche einen Menschen Göttern gleich machte und nicht seine seelische Qualität, welche man nunmehr bei einer spirituellen Entwicklung in den Vordergrund stellt.

 

 

Glücksbuddha

 

Zum Bild: Da es auf die Menge und damit auf die Kraft ankam und nicht auf die Qualität, deshalb befand/befindet sich der Schwerpunkt in den chinesischen Disziplinen im Bauch - deshalb ist bei chinesischen Göttern oder beim Glücksbuddha der Bauch sehr stark entwickelt.

 

Die gleiche Ausrichtung wie in China gab und gibt es auch in Indien. Eine besonders starke Anreicherung mit Ätherenergie - im Yoga durch Pranayama, sollte einem Yogi zu möglichst eindrucksvollen Siddhis verhelfen, also zu jenen Wunderkräften, welche einem Yogi Ansehen und Status verliehen - bis in die heutige Zeit.

Im Taoismus bemühte man sich um eine Anreicherung von Chi Kräften im Kung Fu und verwandten Disziplinen als Teil einer Kampfdisziplin, um das Leben zu verlängern und Gesundheit zu gewähren.

 

Die Shakti bzw. Shiva im gehobenen Tantra Yoga

 

Eine Form des Tantra, über die wir gleich genauer sprechen werden, wurde von den buddhistischen Gründervätern, den Maha Siddhas vertreten und von vielen weiteren Tantrikern aus der Region um Kashmir. Eine typische Vertreterin hierfür ist die Yogamystikerin Lal Ded. (siehe meine diversen ebooks über Lal Ded)

 

 

In diesem Tantra geht es nicht mehr um magische Kräfte (siddhis), sondern um die innige Verbindung mit einer Gottheit (Shiva oder Shakti). Hierbei versuchen diese tantrischen Yogis und Yoginis diese Gottheit in sich selbst zu entdecken und zu entfalten. Etwa lernt der Yogi durch Meditation auf das Ajna Chakra sich mit Shiva zu identifizieren, indem er in das Shivabewusstsein eintaucht = frei sein von Gedanken, in sich ruhen.

Wenn der Yogi zu sich selbst gefunden hat (das Shivabewusstssein verwirklicht hat), dann sollte er die Göttin suchen und finden. Er findet die Göttin in seinem Herzen. Hier vereint er sich mit ihr. Dies wird symbolisch als erotische Vereinigung dargestellt. Jedoch ist damit kein sexueller Akt gemeint, wie im Neotantrismus ausgelegt, sondern eine Vereinigung des Shiva-Bewusstseins mit den Shakti-Qualitäten (Liebe, Hingabe, Selbstaufopferung).

 

Shiva ist der ergänzende Pol für eine Yogini so wie die Shakti für den männlichen Yogi es ist. Das Kennzeichen von Shiva ist Stille und Licht.

 

In dem nachfolgenden Gedicht zitiert die Mystikerin Lal Ded, wie sie Shiva in sich verwirklicht hatte:

 

98. JK und 33 & p. 204 2nd Vakh in BNP

Sanft, sehr sanft trainierte ich mein Gemüt,

um die Gedankenflut zu mildern.

Dann in der Windstille

brannte die Flamme der Lampe -

ruhig und hell schien sie

und ließ mir meine wahre Natur erkennen.

In den dunklen Winkeln meiner Seele

bekam ich Ihn (Shiva) in den Griff und hielt Ihn fest.

Dann weitete ich das innere Licht

(und innen und außen strahlte es).

 

Abstrakt und vereinfacht wird die Verschmelzung des Shiva-Bewusstseins mit der All-Liebe der großen Göttin (Maha-Devi) durch ein Hexagramm dargestellt.

 

 

Hexagramm als Symbol für die Liebe der Shakti (rotes Dreieck) und dem Shiva-Bewusstsein  (blaues Dreieck). Durch diese Vereinigung erstrahlt die Sonne des Herzens.

(Bild aus "Tochter der Sachmet", ebook v. A. Ballabene)

 

Bei einer Yogini ist der Prozess umgekehrt. Ihre Liebe wird immer subtiler bis sie identisch wird mit der All-Liebe von Mahashakti. Sie findet zu sich selbst als große Göttin. Hat sie sich selbst als große Göttin erfahren, begegnet sie voll erlebbar ihrer ersehnten Gottheit im Herzen. Dann wird die "männliche" Gottheit ihr Shivabewusstsein auf sie übertragen. Die Yogini erhält dadurch die männlichen Aspekte Stärke, Selbstbewusstsein, innere Stille und magische Gedankenkraft.

Im Alltag zeigt sich dies in den Eigenschaften "mitfühlende und hingebende All-Liebe" (Mahashakti) und "Kriegerin" (beschützende Kraft).

 

Die goldene Perle - Taoismus und Maha Yoga

 

"Die goldene Perle", "Perle der Unsterblichkeit", "himmlischer Pfirsich" - alle diese Bezeichnungen betreffen ein und dasselbe Phänomen, welches wir im Maha Yoga "goldene Kugel" nennen.

 

Die Energieübungen im Taoismus sind etwas anders als sie im Kundalini Yoga praktiziert werden. Die Hauptübung ist der himmlische Kreislauf eine spezielle Form des Energiekreisens.

 

der alchemistische komplexe Prozess beim himmlischen Kreislauf

 

Im Laufe dieses Prozesses entsteht etwas unterhalb des Nabels die goldene Perle. Diese wird auch "Perle der Unsterblichkeit" genannt, "goldenes Ei" oder in der Poesie "himmlischer Pfirsich".

 

 

Die goldene Perle oder "Perle der Unsterblichkeit"

 

 

"Der himmlische Pfirsich" - poetische Ausdrucksweise für die Perle

 

Wir dürfen nicht vergessen, dass der Energieschwerpunkt der Chinesen im Bauch liegt. Deshalb sind auch die Wahrnehmungen der Energieverdichtung als Kugel im Bauchraum angesiedelt.

 

Im Maha Yoga ist der Meditationsschwerpunkt im Brustraum. Deshalb wird die Energieverdichtung in dieser Disziplin auch im Brustraum wahrgenommen. Dort bildet sich in der Regel eine goldene Kugel, seltener auch in blau, nämlich dann, wenn die Kopfregion noch sehr dominant ist und der Schwerpunkt des Eigenbefindens noch nicht in der Liebe verankert ist.

 

 

Die goldene Kugel im Maha Yoga

 

Lichtkreisen im Integralen Yoga (Vorläufer des Maha Yoga).

Bericht von Kumarila

Wir übten im Yogikreis bei Swami Vayuananda Bhaktiübungen. Ich visualisierte (hier sind keine Vorstellungsübungen gemeint, sondern reales Sehen auf dem Augenhintergrund) hierbei Sonnenaufgänge, weil hier die Farben am intensivsten und eindruckvollsten sind.

Mit einem Male spürte ich eine starke Belebung des Anahata und die Sonne, die auf stieg, war besonders hell und schön. Ich betrachtete dies ganz fasziniert, als die Sonne immer größer wurde und schließlich den Augenhintergrund voll ausfüllte. Sie drehte sich rechtsläufig, war im Inneren goldgelb, nach außen hin mehr orange und leuchtete und schillerte in mehreren Farben.

Dann klang die stärkere Belebung des Anahata ab und das Bild verschwand.

 

Die Liebesbeziehung indischer TantrikerInnen zu ihren Gottheiten

 

Eine jede Liebesbeziehung ist etwas Einmaliges auf der Welt. Es gibt sehr viele Abstufungen hiervon von rein körperlich bis zu den Höhen eines kosmischen Bewusstseins.

 

Meinen Gedanken über die mystische Liebe von Tantrikern möchte ich einen Vers einer von mir besonders geschätzten und verehrten Wanderasketin voran stellen. Sie ist eine Sadhvi aus Kashmir namens Lal Ded oder Lalla. Sie lebte von 1320 (oder 1326) bis 1390.

 

Lal Ded, 110. JK und 75. BNP

Ununterbrochen rief ich den Namen Shivas,

die Hamsa (Schwan) Meditation durchführend,

frei von den Anhaftungen und Gegensätzen.

Solcherart, selbst wenn man emsig zu tun hat,

mit weltlichen Belangen Tag und Nacht beschäftigt ist,

gewinnt man die Gunst des Gottes der Götter.

 

Lalla wanderte einsam, hungernd und frierend, den Atem kontrollierend und mit dem Atem den Namen ihres Gottes Shiva rufend. Es gab nur ihn, Shiva, in ihrer Einsamkeit. Er war ihr Schutz, durch ihr Vertrauen zu ihm, und er war ihr Gefährte. Was zu Beginn Vorstellung war, gekoppelt mit der immerwährenden Anrufung, wurde im Laufe der Zeit Wirklichkeit.

 

Lal Ded, 97. JK

Wegen der Liebe, die mich nicht ruhen ließ,

Ließ ich, Lalla, in meiner Suche nach Ihn nicht nach.

Ich quälte und quälte mich danach ab, Tag und Nacht.

Und dann, hola, im glücklichsten Augenblick meines Lebens,

sah ich den Herrn in meinem eigenen Heim.

 

Anmerkung: mit "eigenem Heim" ist das Herzzentrum gemeint.

 

Lalla war bis in die kleinste Fiber ihrer Seele eine Tantrikerin. Für sie gab es weder Kaste, noch Ehre, nichts von all den sozialen moralischen Prägungen, welche sonst die Menschen zeit Lebens gefangen halten. Für sie scheint Shiva wirklich ein Gefährte gewesen zu sein, wie wir das aus dem Maha Yoga kennen. Und Shiva war für Lalla nicht nur ein Gefährte, sondern eins mit ihm geworden, war Shiva für sie auch ein Zustand.

 

Die nächste Sadhvi, ist Akka Mahadevi (1150 - 1175?). Sie ist auch eine Yogini oder wandernde Shaiva (ist eine Bezeichnung für Asketen, die Shiva verehren), die in ihrer Gottheit einen Gefährten sah, der mit ihr das Leben teilte. Allerdings erreichte Akka Mahadevi nicht das hohe Alter von Lalla, sondern verstarb schon mit einem Alter von vermutlich 25 oder 28 Jahren. Das war eine zu kurze Lebenszeit um tiefe Yogazustände erreichen zu können. Eindeutig schwingt bei Akka Mahadevi eine erotische Verbundenheit zu ihrer Gottheit Shiva mit, ekstatisch und ohne Abgeklärtheit. Die jugendliche erotische Verbundenheit zu Shiva war sicher auch die Quelle ihrer Inspirationen und das, was sie als Dichterin und Mystikerin groß gemacht hat.

 

Hier ein Lied von Akka Mahadevi:

 

Er stahl mein Herz, 
raubte mein Fleisch, 
nahm meine Freuden als Opfer, 
alles von mir wurde sein. 
Ich bin eine Frau voll der Liebe 
zu meinem Herrn, weiß wie Jasmin.

 

 

Die indische Asketin (Saddhvi) Akka Mahadevi (1150 - 1175 (?))
Ihre einzige Kleidung war die Asche. Sie lebte in absoluter Besitzlosigkeit.

 

Ein weiterer Liedertext von Akka Mahadevi:

 

Höre, oh Mutter! Ich liebe ihn,

Es gibt nur ihn, nur ihn allein.

Er kennt weder Geburt noch Tod.

Weder Kaste noch Land beengen ihn.

Grenzenlos ist er, unveränderlich, formlos;

Er ist unvergleichlich schön;

alle anderen verblassen und sterben zuletzt.

Ich will keinen von ihnen!

Mein Herr soll für immer

der Eine, Channamakkukarhuna sein.

 

Diese partnerschaftliche Beziehung zu ihrer Gottheit dürfte selten gewesen sein. Was sich sonst an berühmten indischen Mystikerinnen bietet, soweit ich Einblick habe, steckt voll in den sozialen Konventionen. Die dritte herausragende Mystikerin in Indien ist Mira Bai. Sie allerdings ist zunächst keine Yogini, keine Asketin. Als Tochter eines Rajputen Herrschers wäre ihr das auch nicht so leicht möglich gewesen. Man wollte sie zu einem Eheleben zwingen indem man sie mit dem Sohn des Herrschers von Mewar verheiratete. Doch sie verweigerte ihre Ehepflichten, indem sie darauf bestand Krishna alleine als ihren Gemahl zu betrachten. Eingekerkert schrieb sie zahlreiche Liebeslieder an Krishna. Diese Liebeslieder unterscheiden sich jedoch sehr von jenen Lallas oder Akka Mahadevis. Aus den Liebesliedern Mira Bais ist eine höfische Distanz und Verehrung ihrer Gottheit Krishna heraus zu hören. Es ist dies Mystik, jedoch keine Mystik mehr, in welcher die Mystikerin mit ihrer Gottheit verschmilzt und mit ihr eins wird.

 

 

Die Rajputen Tochter Mira Bai (nachempfunden) (1498 - 1546)

 

Ein Lied von Mira Bai (frei aus dem Englischen übersetzt):

 

Unzerstörbar, oh Herr,

ist die Liebe,

die mich mit Dir verbindet.

Sie ist gleich einem Diamant,

der den Hammer zerbricht,

der auf ihn schlägt.

 

Mein Herz verschmilzt mit Dir,

wie der Glanz mit dem Gold.

So wie der Lotus im Wasser lebt,

so lebe ich in Dir.

 

So wie der Vogel,

durch die ganze Nacht hindurch

auf den wandernden Mond blickt,

in gleicher Weise verliere ich mich in Dir.

 

Oh mein Geliebter - kehre zu mir.

 

ein anderes Lied

 

Ich will die Glocken der Liebe an meine Füße binden

und vor Dir Girdhar tanzen.

in einem fort tanzend will ich Deine Augen erfreuen;

Meine Liebe zu Dir ist alt,

meine Liebe zu Dir ist die einzige Wahrheit.

Soziale Regeln kümmern mich nicht,

auch nicht die Ehre der Familie.

Niemals, auch nicht für einen Augenblick,

kann ich die Schönheit meines Geliebten vergessen.

Ich habe Krishnas Farbe angenommen.

 

Ansonsten, für die große Anzahl der Tantriker geltend, entspricht die Liebe zur Gottheit einer Verehrung. Es herrscht eine Distanz, zwischen dem Tantriker, der seine Gottheit um Hilfe auf dem Weg zur Vervollkommnung anruft und der weit über ihn stehenden Gottheit.

 

Die Partnergottheit im Maha Yoga als Begleiter-in auf dem letzten Stück Weg

 

Während der konventionelle Tantra die Befreiung (moksha) von der Bindung an die Schöpfung anstrebt, ist das Ziel des Maha Yoga die All-Liebe. Also das Einswerden mit der Schöpfung. Dieses andersartige Ziel des Maha Yoga ist kein philosophisches Konstrukt, sondern ergibt sich von selbst aus der Erfahrung. Selbst indische Asketen, welche die in ihrer Lehre angestrebten Ziele verfolgten, machten die Erfahrung der All-Liebe. So schrieb Lal Ded folgenden Vers:

 

Lalla, 70. JK und 57 BNP

Als ich um mich blickte erkannte ich mich in allem,

ich sah Gott aus allem herausleuchten.

 

Am Anfang des Yoga ist es das Ego, das etwas erreichen möchte. ICH möchte die Erleuchtung, ICH übe täglich usw.

Was als Gegengewicht hierfür im Laufe des Lebens entwickelt werden soll, ist:

·       Liebe

·       Vertrauen

·       Hingabe

·       Aufopferung

Das sind Aspekte des sozialen Verhaltens. Diese lassen sich sehr schlecht in Klausur erwerben. Die größte Hilfe hierzu ist ein Partner oder Partnerin - die allerdings hohe Qualitäten mitbringen müssen, sonst ziehen sie uns eher hinab.

 

Man mag ja in einen menschlichen Partner sehr viel hinein projizieren, speziell wenn man verliebt ist. Aber Eigenschaften in ihrer Vollendung findet man nur bei einem jenseitigen göttlichen Partner-in.

Der ideale Partner/in im Maha Yoga ist eine Gottheit. Der Begriff "Gottheit" hat allerdings nichts mit den Definitionen zu tun, die sich in Lexika oder in Wikipedia finden. Es ist ein interner Begriff, ein Sammelbegriff, der alle Intelligenzen umfasst, welche in einem Zustand der All-Liebe und All-Einheit leben und aus diesem Zustand heraus steigen, um dem Yogi/Yogini zu helfen.

 

Eine Partnergottheit beschenkt einen/e Yogi/ini des gehobenen Tantra oder des Maha Yoga wie es kein verkörperter PartnerIn kann. Ich versuche dies mal aufzulisten - Voraussetzung ist jedoch, dass ein lebendiger Kontakt hergestellt werden kann.

·       Zeigt durch eine tiefste, zeitlose Liebe was hohe Liebe ist

·       Beweist eine unverbrüchliche Treue

·       Sieht über Fehler des Yogis/inis hinweg

·       Harmonisiert die Energien mittels Übertragung (Shakitpad)

·       Schafft neue Fähigkeiten mittels Shaktipad

·       Hebt im Yogi/ini die Energien auf das höchste Niveau (Amrita)

·       Steht bei jenseitigen Gefahren bei

·       Überträgt Wissen über jenseitige und spirituelle Gegebenheiten

·       Vermittelt höchste Bewusstseinszustände

 

Eine Gottheit besitzt alle diese Qualitäten. Wer einmal eine Gottheit kontaktiert hat vergisst dies nie wieder in seinem Leben.

 

Lalla, 14. JK., 15. BNP.

Weshalb, oh meine Seele, schwärmst Du von jemandem,

der nicht Deine wahre Liebe ist?

(die Liebe eines Menschen)

Warum hast Du statt der wahren Liebe die falsche gewählt?

Warum verstehst Du das nicht, weshalb weißt Du es nicht?

Es ist Ignoranz, welche Dich an das Falsche bindet,

an das ewige Kommen und Gehen, an das Rad der Wiedergeburt.

(Nur er, Gott (Shiva) allein ist Deine wahre Liebe.)

 

Weitere Texte über die Liebe zwischen Gottheit und Yogi/Yogini finden sich in diversen ebooks von A. Ballabene:

 

Rechtshinweise

 

Illustrationen und Texte stammen von Alfred Ballabene, Wien. Erstausgabe 2012. Überarbeitet 2016

Urheber- und Publikationsrechte aller Bilder und Texte ebenfalls von Alfred Ballabene.

Titelbild: Foto einer eigenen Statue.

 

Ich  bedanke mich für Ihren Besuch

 

 

Alfred Ballabene